Charlotte Führer

Charlotte Führer (* 30. September 1833 in Hannover; † 5. November 1907 in Montreal) war eine deutsche Hebamme und Autorin, die nach ihrer Emigration nach Nordamerika mehrere Jahrzehnte in Montreal tätig war. Bekannt wurde sie durch den 1881 im Selbstverlag erschienenen englischsprachigen Band The Mysteries of Montreal, in dem sie in anekdotischer Form Erfahrungen aus ihrem Berufsleben schildert und der heute als Quelle zur Sozial- und Medizingeschichte des viktorianischen Montreal herangezogen wird.[1][2][3]

Leben

Johanne Louise Charlotte Heise wurde 1833 im Königreich Hannover als Tochter eines Offiziers der königlich-hannoverschen Armee geboren.[1] Am 29. Mai 1853 heiratete sie Ferdinand Adolph Führer, den sie in ihrem späteren Buch unter dem Pseudonym „Gustav Schroeder“ auftreten lässt.[2] Das Paar zog kurz nach der Hochzeit nach New York City, wo zwei Töchter geboren wurden. Das Geschäft ihres Mannes mit importierten deutschen Waren scheiterte jedoch, so dass die Familie Mitte der 1850er Jahre nach Deutschland zurückkehrte.[1]

Führer absolvierte in Hamburg eine mehrjährige Ausbildung in Geburtshilfe an einer Entbindungseinrichtung und erhielt ein Hebammendiplom.[3] 1859 wanderte sie mit ihrem Ehemann und den inzwischen drei Kindern nach Montreal aus. Während der etwa 54-tägigen Überfahrt assistierte sie erstmals als ausgebildete Geburtshelferin bei einer Entbindung.[3]

In Montreal ist sie in Adressbüchern der 1860er Jahre zunächst als „midwife“ an der St.-Elizabeth-Street, später als „Doctress“ an der Lagauchetière-Street nachweisbar.[3] Nach eigenen Angaben praktizierte sie dort rund dreißig Jahre als Hebamme und betreute in dieser Zeit zahlreiche Geburten.[3] Mehrere ihrer Kinder starben in Montreal an Typhus; Führer selbst starb 1907 in Montreal an einer Krebserkrankung.[1]

Werk und Rezeption

1881 veröffentlichte Führer in Montreal im Selbstverlag ihre Autobiografie The Mysteries of Montreal. Die 14 Kapitel sind in der Ich-Form geschrieben und mischen autobiografische Elemente mit moralisch gerahmten, häufig melodramatischen Episoden über Armut, Gewalt, uneheliche Schwangerschaften und die Arbeitsbedingungen junger Frauen.[3]

Charles G. Roland betonte 1967, das Buch enthalte nur wenige Details zur konkreten geburtshilflichen Praxis und sei als Quelle zur Medizingeschichte im engeren Sinn daher begrenzt. Zugleich wertete er es als seltenes, aus der Perspektive einer praktizierenden Hebamme verfasstes Zeugnis für die Sozialgeschichte Montreals und für zeitgenössische Vorstellungen von Mutterschaft und weiblicher Erwerbsarbeit im 19. Jahrhundert.[3] Neuere Nachschlagewerke zur Frauengeschichte und zu kanadischer Literatur greifen Führers Buch als Beispiel für frühe autobiografische und berufliche Selbstzeugnisse von Migrantinnen auf.[2][4]

Selbstzeugnis

  • Charlotte Führer: The Mysteries of Montreal. Being Recollections of a Female Physician. John Lovell & Son, Montreal 1881 (Digitalisat).

Literatur

  • Charles G. Roland: Mysterious Montrealer: Charlotte Fuhrer. In: Canadian Medical Association Journal 96 (1967), S. 1589–1591. (online)

Einzelnachweise

  1. a b c d Heise, Charlotte (Führer). In: Dictionary of Canadian Biography. Online-Ausgabe, abgerufen am 16. November 2025.
  2. a b c Daryn Wright: Charlotte Führer. In: Canada's Early Women Writers (CEWW). Online-Ausgabe, abgerufen am 16. November 2025.
  3. a b c d e f g Charles G. Roland: Mysterious Montrealer: Charlotte Fuhrer. In: Canadian Medical Association Journal 96 (1967), S. 1589–1591.
  4. Führer, Charlotte (1834–1907). In: Dictionary of Women Worldwide: 25,000 Women Through the Ages. Gale, Online-Ausgabe bei Encyclopedia.com, abgerufen am 16. November 2025.