Charles Émile Altorffer
Charles Émile Altorffer (* 30. Januar 1881 in Wörth an der Sauer, Reichsland Elsaß-Lothringen, Deutsches Reich; † 6. August 1960 in Straßburg, Frankreich) war ein elsässischer evangelischer Pfarrer, Beamter und Politiker, der während der Wiedereingliederung Elsass-Lothringens nach Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg und während der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg aktiv war.
Leben
Altorffer wurde als Sohn eines Gerbers aus Weißenburg geboren. Ab 1900 studierte er evangelische Theologie in Straßburg, Paris und Berlin. 1906 wurde er zum Pfarrer ordiniert und arbeitete als Vikar in Masmünster, Bebelnheim und Westhofen von 1906 bis 1907.[1] 1907 heiratete er Lucie Allenbach aus Straßburg.[2] Von 1907 bis 1919 war er Pfarrer in Lembach, danach bis 1929 in Wissembourg.
Neben seinen geistlichen Aufgaben kümmerte er sich um den Ausbau des dörflichen Kreditwesens (Raiffeisenkassen), Kindertagesstätten, Pflegezentren, öffentliche Bibliotheken und Weiterbildung für Erwachsene (Abendschulen). Am 16. November 1919 wurde er als Abgeordneter des Départements Bas-Rhin in die Nationalversammlung gewählt. Er gehörte zum Bloc national, einem Zusammenschluss konservativer Parteien. 1924 wurde er wiedergewählt, verlor aber sein Mandat 1928. In dieser Zeit hatte er zahlreiche Positionen in Kommissionen, die die Wiedereingliederung des Elsass und von Teilen Lothringens (Département Moselle) in den französischen Staat organisieren sollten. Diese Aufgabe war schwierig, da die Bevölkerung der beiden Provinzen im Deutschen Reich Privilegien gehabt hatte, die es in Frankreich so nicht gab. Dies betraf insbesondere die Kranken- und Rentenversicherung. Frankreich behielt die meisten Privilegien für das Elsass und das Moseldépartement als sogenanntes Droit local („Lokalrecht“) bei, z. T. bis ins 21. Jahrhundert. Unter Raymond Poincaré wurde er zum Kultusdirektor der elsass-lothringischen Verwaltung ernannt.[1]
1939 wurden große Teile der Bevölkerung von Elsass und Lothringen nach Westfrankreich in die Dordogne evakuiert, er wurde zum Direktor für Flüchtlingsangelegenheiten ernannt. Dort war er für das Vichy-Regime tätig; nachdem dieses die Judenverfolgung der deutschen Besatzungsmacht unterstützt hatte, nutzte er seine Stellung, um Juden zu retten. Er beschaffte und transportierte finanzielle Mittel, damit Juden im Verborgenen leben konnten. Auch nachdem am 4. April 1944 die Gestapo das Büro der Union générale des israélites de France in Périgueux geschlossen und alle Mitglieder verhaftet hatte, gelang es ihm, weiter Mittel einzuschleusen.[1]
Nach der Befreiung 1944 kam er ins Elsass zurück, übernahm zuerst wieder seinen Posten als Direktor für kirchliche Angelegenheiten bis 1949. 1947 wurde er in den Gemeinderat von Straßburg gewählt. Nach dem Tod von Charles Frey 1955 übernahm er die Bürgermeisterstelle und wurde 1955 und 1959 bei den Wahlen bestätigt.[1][3]
Ehrungen
- 1959 wurde er zum Kommandanten der Ehrenlegion ernannt
- 2001 wurde er zum Gerechten unter den Völkern vom Yad Vashem Institut in Jerusalem ernannt[3]
- In Straßburg ist seit 1970 die Straße Quai Charles Altorffer nach ihm benannt[4]
Publikationen
Altorffer ist der Autor des Buches L’Appel de la Vallée.[5] Es erzählt die Geschichte eines jungen demokratischen Pfarrers, der während der Revolution nach Lembach zurückkehrte, um den Baum der Freiheit zu pflanzen.[2]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Georges Foessel: ALTORFFER Charles Émile. Fédération des Sociétés d’Histoire et d’Archéologie d’Alsace, 1982, abgerufen am 4. August 2025 (französisch).
- ↑ a b Jean-Claude Streicher: Charles Altorffer Juste parmi les Nations. Judaïsme d'Alsace et de Lorraine, 14. Mai 2021, abgerufen am 4. August 2025 (französisch).
- ↑ a b Michel Rothé: Charles ALTORFFER, ancien maire de Strasbourg, est nommé Juste parmi les Nations. Judaïsme d'Alsace et de Lorraine, 2025, abgerufen am 4. August 2025 (französisch).
- ↑ Charles Altorffer (quai), jusqu’en 1970 quai de l’Abattoir : Johannisgass. In: Maisons de Strasbourg. Jean-Michel Wendling, 2025, abgerufen am 4. August 2025 (französisch).
- ↑ Charles-Émile Altorffer: L’Appel de la Vallée. Oberlin, Strasbourg 1956, ISBN 978-2-307-04244-0.