Chéri Cherin

Chéri Cherin, eigentlich Kinkonda Joseph Kubutuba[1], (* 16. Februar 1955 im damaligen Léopoldville in der Kolonie Belgisch-Kongo; † 19. Oktober 2025 in der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, Kinshasa) war ein kongolesischer Maler. Sein Künstlername Cherin ist ein Akronym: Es setzt sich nach Aussage des Künstlers zusammen aus den Anfangsbuchstaben von „Créateur“, „Hors série“, „Expressioniste“, „Remarquable“, Inégalable oder incomparable und „naturaliste“[2], was sinngemäß „außergewöhnlicher, bemerkenswerter, unvergleichlicher und naturalistischer Schöpfer“ bedeutet. Cherins Gemälde, die einen naiv-symbolischen Stil mit technisch herausragenden fotorealistischen Darstellungen kombinieren, gelten dank ihrer gut lesbaren satirischen Dimension als schonungsloser Spiegel des urbanen Lebens im Kongo[3]. In ihnen findet die rasante Entwicklung Kinshasas ihren Niederschlag, dessen Einwohnerzahl sich zu Lebzeiten Cherins verfünfzigfacht hatte[4]. Cherin zählte zu den Protagonisten der in den 1970er-Jahren entstandenen transmodernen künstlerisch-sozialen Bewegung der „Sapeurs“[5].

Werdegang

Über sich selbst sagte Chéri Cherin: „Ich bin mit einem Zeichenstift in der Hand geboren, in meinen Adern fließt die Kunst“[1]. Vom Vater für eine geistliche Laufbahn in der katholischen Kirche bestimmt, besuchte er nach der Grundschule in Kinshasa ein von Jesuiten geführtes Seminar fast 300 Kilometer von zu Hause entfernt in der Nähe von Kenge, der Hauptstadt der Provinz Kwango. Dort wurde sein künstlerisches Talent bemerkt: Die Patres hätten verstanden, dass „die Kunst und nicht das Priestertum meine Berufung war“, sagte er 2024. Sie sorgten für seinen Wechsel an die Académie des Beaux-Arts in Kinshasa. Dort studierte er in der Klasse von Peter Weihs (* 1940) Keramik[6]. Nach seinem Abschluss im Alter von 24 Jahren widmete er sich wieder der Malerei – verließ jedoch umgehend die akademischen Laufbahn und nutzte zumal die Wände seiner Nachbarschaft im Viertel M’Ndjili, um seinen eigenen künstlerischen Weg durch Gestaltung von Geschäftsschildern, Werbetafeln ebenso wie von rein dekorativen Wandgemälden zu erproben: Ein letztes, bereits stark beeinträchtigtes Zeugnis dieses Frühwerks hatte Anne Loussouarn 2021 für ihre TV-Reportage „Le Congo pop et coloré de Chéri Cherin / Chéri Cherins satirische Farbgewalt“ für den deutsch-französischen Sender Arte ausfindig gemacht[7]. Eine Schwarzweißfotografie eines Freskos, das Chéri Cherin 1983 in einer Bar in der Stadt Kisangani realisiert hatte, dokumentiert Karin Barber in „A History of African Popular Culture“[8].

Zugehörigkeit

Cherin verstand sich seit jener Zeit Anhänger und Akteur der politisch-sozialen Sape-Bewegung. in deren Zentrum der seit 1974 zum Weltstar aufgestiegene Sänger Papa Wembe mit seiner Band „Viva la Musica“ stand. Der Ausdruck Sape, französisch Klamotten, steht für „Société des ambianceurs et des personnes élégantes“ (Gesellschaft der Stimmungskanonen und der Eleganten). Erkennungszeichen der Sapeurs ist ein extravagant-dandyhafter Kleidungsstil. Sie galt im westlich orientierten Teil des Kongo, der damals Zaire hieß, als Möglichkeit, sich sichtbar gegen die Diktatur Mobutus zu positionieren – ohne Anlass zur Repression zu bieten. In diesem Rahmen entstand das entschieden anti-akademische ästhetische Programm der „peinture populaire“. Zu deren Protagonisten zählten neben Cherin Pierre Bodo (1953–2015), Moké (1950–2001) und Chéri Samba (* 1956). Als ihr wichtigstes Merkmal bezeichnete Cherin die direkte Zugänglichkeit der Gemälde, unabhängig vom Bildungsgrad: „Quand on est devant un tableau de peinture populaire, on comprend directement ce que l’artiste voudrait dire“ (Wenn man vor einem Gemälde der peinture populaire steht, versteht man unmittelbar, was der Künstler hätte ausdrücken wollen), erklärte er 2015 im TV-Interview[9].

Internationale Beachtung

Erst im Laufe der 1990er Jahre wandte sich Chéri Cherin mehr und mehr der Leinwandmalerei zu. Während er zuvor nur lokale Anerkennung erfahren hatte[10], setzte in der Folge eine rege Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland ein mit Einzelausstellungen unter anderem in Kinshasa, Brüssel und Lissabon sowie zahllose Gruppenausstellungen zwischen Moskau, Wien, Tokio, Düsseldorf, Paris und Port-au-Prince. Gleichzeitig öffnete er sein Werk für Themen der internationalen Politik, auf die in den Gemälden meist durch integrierte Porträts ihrer Schlüsselfiguren (Barack Obama, Nelson Mandela, Patrice Lumumba) hingewiesen wird. Neben der wiederkehrenden Figur des „Sapeurs“ zählt der traditionelle Heiler zu den prominentesten Motiven von Cherin: Das Setting, in dem der „Guérisseur Pandakufi“ vor seiner gelben Hütte hockend zeremoniell ein soeben geköpftes Huhn ausbluten lässt sämtliche erdenkliche Krankheiten zu kurieren verspricht, kehrt als Allegorie des kollabierenden staatlichen Gesundheitswesens seit 1998 häufig in seinem Schaffen wieder[11]. So prägt es auch die Komposition von „Mystique Congolaise“ (1999) in der Sammlung des Weltmuseums Wien und von „La lutte pour la survie“ (2002), das für die Sammlung des Königlich belgischen Museums für Zentral-Afrika in Tervuren entstanden war.

Einzelnachweise

  1. a b Skander Kacem: Chéri Chérin – L'Entretien: un voyage à travers l'art, l'activisme et la peinture populaire. In: Kitokongo.art. Verena und Skander Kacem, 14. März 2024, abgerufen am 18. November 2025 (englisch, französisch).
  2. André Magnin: Beauté Congo - Entretien avec Chéri Chérin - 2015. In: youtube.com. Fondation Cartier pour l'art contemporain, 11. Juli 2015, abgerufen am 18. November 2025 (französisch).
  3. Kuzamba Mbuangu: Décès de l’artiste peintre Chéri Chérin, un maître de la peinture populaire s’en est allé. In: Actualité.cd. Groupe Next Corp., 19. Oktober 2025, abgerufen am 18. November 2025 (französisch).
  4. Benno Schirrmeister: Tod eines Unsterblichen. In: taz.de. die tageszeitung, 23. Oktober 2025, abgerufen am 18. November 2025.
  5. André Magnin, Philippe Bouté: Chéri Cherin, biographie. In: MagninA. Galérie Magnin-A, Paris, abgerufen am 18. November 2025 (französisch, englisch).
  6. Chéri Cherin. In: Parisafrica.com. Abgerufen am 18. November 2025 (französisch, englisch).
  7. Anne Loussouarn: Le Congo pop et coloré de Chéri Cherin / Chéri Cherins satirische Farbgewalt. In: youtube.com. Arte.tv, 2021, abgerufen am 18. November 2025 (französisch, deutsch).
  8. Karin Barber: A History of African Popular Culture (= New Approaches to African History). Cambridge University Press, Cambridge 2018, ISBN 978-1-108-34059-5, S. 136 (englisch).
  9. Ika de Jong: Exclusivité! L’artiste Chéri Cherin. In: youtube.com. Good Life TV (GLTV), 29. September 2015, abgerufen am 18. November 2025 (französisch).
  10. Jean-Hubert Martin: The Reception of African Art. In: Simon Njami (Hrsg.): Africa Remix – contemporary Art of a continent. Hatje Cantz, Osterfildern 2005, S. 34.
  11. Auktionsarchiv: Los-Nr. 243 Chéri Cherin Auction 4. Juni 2018. In: LotSearch.de. RFL Online Services GmbH, 4. Juni 2018, abgerufen am 18. November 2025.