César Vallejo

César Abraham Vallejo Mendoza (* 16. März 1892 in Santiago de Chuco, Peru; † 15. April 1938 in Paris, Frankreich) war ein peruanischer Dichter, Schriftsteller und Journalist und ein wichtiger Vertreter der spanischsprachigen Avantgarde.

Leben

César Vallejo wurde als jüngstes von elf Geschwistern (4 Schwestern und 6 Brüder)[1] einer Mestizenfamilie, sogenannten cholos, in Santiago de Chuco, einer Kleinstadt in den peruanischen Anden geboren. Beide Eltern, Francisco de Paula Vallejo und dessen Ehefrau María de los Santos Gurrionero, waren Kinder von spanischstämmigen katholischen Priestern und indigenen Frauen.[2] Er besuchte die Sekundarschule in Huamachuco,[1] und begann 1908 erste Gedichte zu schreiben.

Ab 1910 studierte Vallejo Literatur (filosofía y letras) an der Universidad de la Libertad in Trujillo.[3] Aus Geldmangel brach er das Studium in Trujillo und einen weiteren Studienversuch 1911 in Lima ab und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer und Hilfskassierer auf der Zuckerrohrpflanzung und Zuckerfabrik Roma.[4] Dort erlebte er die Ausbeutung der Landarbeiter und der Bergleute. Diese Eindrücke wirkten nach und gingen in seiner späteren literarischen und politischen Arbeit ein. 1913 schrieb er sich erneut an der Universität ein. 1915 erlangte er einen Lizenziats-Abschluss in spanischer Literatur mit der Arbeit El Romanticismo en la poesía castellana über die spanische Romantik.[1] Von 1915 bis 1917 belegte er Vorlesungen in Recht. 1916 erschienen seine Gedichte in den Zeitungen Balnearios (Lima), El Liberal (Bogotá) und El Guante de Guayaquil.[1] In dieser Zeit unterhielt er Liebesbeziehungen mit zahlreichen Frauen.

Nach dem Studium lebte Vallejo ab 1918 in Lima,[3] wo er mehrere Vertreter der intellektuellen Linken kennenlernte. Sein dichterisches Schaffen erhielt wachsende Aufmerksamkeit. Abraham Valdelomar schrieb über ihn für die Zeitschrift Sudamérica den Artikel La génesis de un gran poeta. César Vallejo, el poeta de la ternura (deutsch: Die Genese eines großen Dichters. César Vallejo, der Dichter der Zärtlichkeit).[1] Mit José Carlos Mariátegui arbeitete Vallejo an der Zeitschrift Nuestra Época.[1] Er gab Nachhilfestunden und erhielt schließlich eine Anstellung als Lehrer an Colegio particular Barrós. Mit dem Tod des Direktors folgte er diesem im Amt nach.[1] Er verlor die Anstellung, nachdem er sich geweigert hatte, seine schwangere Geliebte María Rosa Sandoval zu heiraten. María Rosa Sandoval starb nach einer von Vallejo initiierten Abtreibung, damit endete auch seine Beziehung mit einer gewissen Otilia.[1] Auch der frühe Tod seines Freundes und Förderers Valdelomar traf ihn schwer. In dieser Zeit schrieb er sein 1918 veröffentlichtes Erstlingswerk, den 72 Gedichte enthaltenden Band Los heraldos negros, „ein Buch (und vielleicht das erste), das wahrhaft Stoff vom Stoff und Geist vom Geist dieses Landes ist“.[5] 1920 beendete er eine Anstellung als Lehrer am Colegio Guadalupe in Lima.[1]

Am 1. August 1920 geriet Vallejo bei einem Besuch seines Heimatortes in einen bewaffneten Aufstand. Die Staatsanwaltschaft klagte ihn als den geistigen Urheber an. Er floh, verbarg sich bei Freunden und wurde ergriffen. Im Gefängnis in Trujillo war er 130 Tage inhaftiert.[6] Zahlreiche Journalisten, Anwälte und Studenten hatten sich für seine Freilassung eingesetzt, die ihm am 26. Februar 1921 unter Auflagen gewährt wurde.[1] In Lima nahm Vallejo seine Unterrichtstätigkeit am Colegio Guadalupe wieder auf.

1922 erschien, in einer Auflage von 200 Exemplaren,[3] Trilce, Vallejos zweites Buch, „ein Buch des Bruchs, der Revolte; ein Buch, von dessen Explosion sich die traditionelle Ästhetik in Peru nie wieder erholen sollte“.[7] Trilce „ist ein zutiefst erfinderisches Buch. Seine technischen Mittel, bewußter Solözismus, Entstellung gebräuchlicher Wendungen, Doppelsinn, semantischer Sprung und syntaktische Verschiebung sind überraschend reich und neu.“[8]

Danach verlor er eine weitere Lehrerstelle. Er emigrierte am 17. Juni 1923 an Bord des Dampfers Oraya nach Europa und ließ sich in Paris nieder.[1] Er litt an Heimweh. „Er war kein Kosmopolit; sein Perú nahm er mit in jedes Exil.“[9] Dass das Strafverfahren wegen seiner angeblichen Mitwirkung am Aufstand in Santiago de Chuco 1920 weiterlief, hinderte ihn an einer Heimkehr. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Journalist. Er schrieb insgesamt etwas mehr als 300 Artikel für die peruanischen Zeitungen El Norte, Mundial, Variedades und El Comercio.[10] Die Aufträge erhielt er vom neu gegründeten Bureau des Grands Journaux Latino-Américains.[9] Um die ausstehende Bezahlung seiner Arbeit musste er sich häufig lange bemühen.[10]

Von 1925 bis zu seinem Verzicht auf das Geld aus Abneigung gegen die Diktatur von Miguel Primo de Rivera im Jahr 1927 erhielt er ein bescheidenes Stipendium Spaniens für sein in Peru begonnenes Rechtsstudium, das er jedoch nie beendete. Zu diesem Zweck hielt er sich 1925 kurz in Madrid auf. Einen weiteren Nebenverdienst bildeten Übersetzungen, etwa von Henri Barbusse und Marcel Aymé.[10] Zu seinen persönlichen Bekanntschaften in Paris zählten ab 1924 Vicente Huidobro, Juan Gris und Juan Larrea.[1] Im Juli und Oktober 1926 veröffentlichte er mit Larrea zwei Nummern der kurzlebigen Zeitschrift Favorables París Poema.[1] In dieser Zeit lebte er mit Henriette Maisse,[1] die ihm nach einer Erkrankung 1928 zusammen mit einigen Freunden einen Kuraufenthalt auf dem Land nahe Paris ermöglichte. Befreundet war er in dieser Zeit mit Federico García Lorca, José Bergamín, Rafael Alberti, Antonio Machado, Pedro Salinas und Luis Cernuda verband ihn eine Freundschaft, er begegnete zudem Miguel de Unamuno.[11]

In der Folgezeit nahmen kommunistische Einflüsse auf sein Werk zu. Im Herbst 1928 folgte Vallejo einer Einladung in die Sowjetunion, eine Reise, die er allein unternahm, zunächst in der Hoffnung sich dort sogleich niederzulassen. Er kehrte aber nach spätestens drei Wochen nach Frankreich zurück. Im Herbst 1929 reiste er mit Georgette Philippart, die er seit 1926 kannte, erneut in die Sowjetunion, diesmal auf eigene Kosten, und ein drittes Mal im Oktober 1931, ein Aufenthalt, den er vorzeitig beendete.[1] Kurz nach der Rückkehr von seiner zweiten Reise in die Sowjetunion verwies ihn die Regierung von Ministerpräsident André Tardieu aus Frankreich. Am 29. Dezember 1930 verließ er Paris.[11] Danach lebte er zumeist in Madrid. Nach der Ausrufung der Zweiten Spanischen Republik wurde er Mitglied des Partido Comunista de España.

Nachdem Vallejo erklärt hatte, sich künftig jeglicher politischer Tätigkeit zu enthalten, konnte er im Februar 1932 nach Paris zurückkehren.[1] Dort heiratete er am 11. Oktober 1934 Georgette Philippart.[3] Seine finanzielle Situation hatte sich erneut deutlich verschlechtert. Das Ehepaar war gezwungen, Georgettes Wohnung in der Rue Molière zu verkaufen. Ihre Bleibe waren fortan billige Hotels und Pensionen, ab 1936 das Hotel du Maine.[1] Er schrieb für die Zeitschriften Germinal, Beaux-Arts und L’Amérique Latine. Zudem begann Vallejo 1936, auch Sprachunterricht zu geben.[1]

Nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs verschrieb sich Vallejo zunehmend der politischen Arbeit. Mitte Dezember 1936 reiste er für zwei Wochen nach Barcelona und Madrid. Eine erneute Reise ins Bürgerkriegsland machte er in Begleitung seiner Frau 1937 nach Valencia, wo er am zweiten Congreso Internacional de Escritores para la Defensa de la Cultura[1] (deutsch: Internationaler Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur) der Allianz der antifaschistischen Intellektuellen teilnahm. Im selben Jahr wurde er zum Sekretär der peruanischen Sektion der Allianz gewählt.[1] Auf der Reise gelangte er auch nach Jaén und ins umkämpfte Madrid.[1] 1937 gründete er zusammen mit Pablo Neruda, mit dem er sich später jedoch zerstritt, in Paris das Comité Iberoamericano para la Defensa de la República Española (deutsch: Lateinamerika-Komitee zur Unterstützung der spanischen Republik),[1] was ihn weiterhin der Gefahr einer Landesverweisung aussetzte. Der sich immer deutlicher abzeichnende Niedergang der Zweiten Spanischen Republik traf ihn schwer. Seinen Schmerz ließ er in das Gedicht España, aparta de mí este cáliz (Spanien, nimm diesen Kelch von mir) einfließen. 1937 unternahm er deshalb erneut Anstrengungen, Zusicherungen für eine straffreie Rückkehr nach Peru zu erhalten.[1]

Am 24. März 1938 wurde er wegen einer nicht diagnostizierbaren Krankheit in die Klinik am Boulevard Arago eingeliefert. „Blutproben, Analysen, Röntgenuntersuchungen ergaben keinen Befund. Die Krankheiten, an denen Vallejo litt, waren der Medizin unbekannt. Die eine hieß Spanien, die andere, eine sehr alte, sehr ehrwürdige Krankheit, gegen die kein Medikament zu Gebot stand, war der Hunger.“[12]

César Vallejo starb in der Klinik am Karfreitag 1938. Er wurde auf dem Friedhof von Montrouge bei Paris beerdigt.[1] Am 3. April 1970 wurden seine sterblichen Überreste exhumiert und auf den Friedhof Montparnasse in Paris verlegt.[1]

Danach war sein Werk nur in kleinen Kreisen von Liebhabern bekannt. Erst 1949 erschien die erste Neuauflage von Los heraldos negros.[3]

Ehrungen

Die private Universidad César Vallejo (UCV) mit dem Hauptcampus in Trujillo und Nebenstellen in Chiclayo, in Chimbote, in Lima, in Piura und in Tarapoto trägt seinen Namen.

Werk

Gedichte

Obwohl während seiner Lebenszeit nur drei seiner Bücher veröffentlicht wurden, gilt César Vallejo dennoch als einer der großen poetischen Neuerer der spanischen Sprache des 20. Jahrhunderts. Immer einen Schritt den literarischen Strömungen der Zeit voraus, war jedes seiner Bücher stilistisch vom anderen verschieden und in eigenem Sinne revolutionär.

  • Los heraldos negros (Lima 1918, im Handel ab Juli 1919[3]), Die schwarzen Boten. Übersetzt von Curt Meyer-Clason. Rimbaud, Aachen 2000, ISBN 3-89086-794-4.
  • Trilce (1922), Originalausgabe mit Vorwort von Antenor Orrego. Übersetzt von Curt Meyer-Clason. Rimbaud, Aachen 1998, ISBN 3-89086-865-7.
  • España, aparta de mí este cáliz (1937), Spanien, nimm diesen Kelch von mir. Übersetzt von Curt Meyer-Clason. Rimbaud, Aachen 1998, ISBN 3-89086-863-0.
  • Poemas humanos (Éditions des Presses Modernes, Paris 1939), Menschliche Gedichte. Übersetzt von Curt Meyer-Clason. Rimbaud, Aachen 1998, ISBN 3-89086-864-9.
  • Complete Poetry: A Bilingual Edition, University of California Press, 2009, ISBN 0-520-26173-9.

Theaterstücke

Vallejo schrieb fünf Theaterstücke, von denen zu seinen Lebzeiten keines aufgeführt oder veröffentlicht wurde.

  • Mampar (1930, Manuskript wahrscheinlich vom Autor zerstört)
  • Moscú contra Moscú (1930), in französischer Sprache
  • Lock-Out (1930), in französischer Sprache
  • Entre las dos orillas corre el río (1930er Jahre)
  • Colacho hermanos o Presidentes de América (1934), Satire
  • La piedra cansada (1937)

Gesamtausgabe: Teatro completo. Fondo Editorial de la Pontificia Universidad Católica del Perú, Lima 1979.

Prosa

  • El Tungsteno. Editorial Cénit, Madrid 1931.
  • Novelas y cuentos completos. Francisco Moncloa Editores, Lima 1967.

Drehbücher

  • Charlot contra Chaplin (1935)
  • Colacho Hermanos (1935, Drehbuchversion)

Essays und Reportagen

  • Rusia en 1931, reflexiones al pie del Kremlin. Madrid 1931.
  • Rusia ante el Segundo Plan Quinquenal (1932, veröffentlicht 1965)
  • Autopsy on surrealism. Curbstone Press, Willimantic 1982.
  • Ensayos y reportajes completos. Pontificia Universidad Católica del Perú, Lima 2002.

Literatur

  • Hans Magnus Enzensberger: Die Furien des Cesar Vallejo. In: ders.: Einzelheiten II. Poesie und Politik. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 5. Aufl. 1980, ISBN 3-518-10087-4, S. 81–91.
  • René de Costa: La diferencia de Vallejo. In: Revista Chilena de Literatura, Jg. 38 (1991), S. 8–27; Nachdruck als Vorwort zu: César Vallejo: Los heraldos negros (= Letras Hispánicas, Band 457). Ediciones Cátedra, Madrid 1998, ISBN 84-376-1669-7.
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Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y Víctor de Lama: César Vallejo y su tiempo. In: Trilce (= Castalia didáctica, Band 28). Herausgegeben von Pedro Álvarez de Miranda. Editorial Castalia, Madrid 1991, ISBN 84-7039-618-8, S. 10–21.
  2. Hans Magnus Enzensberger: Die Furien des César Vallejo. In: ders.: Einzelheiten II. Poesie und Politik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 81–91, hier S. 82.
  3. a b c d e f René de Costa: La diferencia de Vallejo. In: Revista Chilena de Literatura, Jg. 38 (1991), S. 8–27.
  4. Hans Magnus Enzensberger: Die Furien des César Vallejo. In: ders.: Einzelheiten II. Poesie und Politik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 81–91, hier S. 83.
  5. Hans Magnus Enzensberger: Die Furien des César Vallejo. In: ders.: Einzelheiten II. Poesie und Politik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 81–91, hier S. 84.
  6. Hans Magnus Enzensberger: Die Furien des César Vallejo. In: ders.: Einzelheiten II. Poesie und Politik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 81–91, hier S. 85.
  7. Hans Magnus Enzensberger: Die Furien des César Vallejo. In: ders.: Einzelheiten II. Poesie und Politik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 81–91, hier S. 85–86.
  8. Hans Magnus Enzensberger: Die Furien des César Vallejo. In: ders.: Einzelheiten II. Poesie und Politik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 81–91, hier S. 86.
  9. a b Hans Magnus Enzensberger: Die Furien des César Vallejo. In: ders.: Einzelheiten II. Poesie und Politik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 81–91, hier S. 87.
  10. a b c Peter Kultzen (Hrsg.): César Vallejo – Reden wir Spanisch, man hört uns zu. Berichte aus Europa 1923–1930. Berenberg Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-946334-43-9, S. 7–10.
  11. a b Hans Magnus Enzensberger: Die Furien des César Vallejo. In: ders.: Einzelheiten II. Poesie und Politik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 81–91, hier S. 89.
  12. Hans Magnus Enzensberger: Die Furien des César Vallejo. In: ders.: Einzelheiten II. Poesie und Politik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 81–91, hier S. 91.