Cecilia Fire Thunder
Cecilia Fire Thunder (* 24. Oktober 1946 in der Pine-Ridge-Reservation, South Dakota) ist eine US-amerikanische Krankenschwester, Gesundheitsmanagerin, Politikerin, Hochschullehrerin und Aktivistin der Oglala-Lakota. Von 2004 bis 2006 war sie die erste Frau, die zum Präsidenten des Oglala Sioux Tribe gewählt wurde.[1] Nationale Bekanntheit erlangte sie durch ihr Engagement für die Rechte indigener Frauen und durch ihren Widerstand gegen das Abtreibungsverbot des Bundesstaates South Dakota im Jahr 2006.[2]
Leben
Fire Thunder wurde als Cecilia Apple in eine Lakota-sprachige Familie geboren und ist das dritte von sieben Mädchen. Sie besuchte die katholische Holy Rosary Mission School (später Teil der Red Cloud Indian School) bis zur 10. Klasse, an der die Lakota-Sprache verboten war. 1963 zog ihre Familie im Rahmen eines Umsiedlungsprogramms des Bureau of Indian Affairs nach Los Angeles. Dort absolvierte sie die High School und wurde zur Krankenschwester ausgebildet.
Während ihrer Zeit in Kalifornien arbeitete Fire Thunder in verschiedenen medizinischen Einrichtungen und war an der Gründung gemeindebasierter Gesundheitskliniken für Native Americans beteiligt (American Indian Free Clinic).[2] Nach ihrer Rückkehr nach Pine Ridge im Jahr 1986 arbeitete sie im Bennett County Hospital und wurde Mitbegründerin der Oglala Lakota Women’s Society, die sich gegen häusliche Gewalt einsetzt.[3]
Präsidentschaft des Oglala Sioux Tribe
Am 2. November 2004 wurde Fire Thunder zur ersten weiblichen Präsidentin des Oglala Sioux Tribe gewählt. Zu ihren politischen Zielen gehörten der Ausbau der Gesundheitsversorgung, die Förderung der Lakota-Sprache sowie Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen.
Konflikt um das Abtreibungsverbot 2006
Nachdem South Dakota 2006 ein nahezu vollständiges Abtreibungsverbot erlassen hatte, kündigte Fire Thunder an, auf dem Gebiet der Reservation eine Frauenklinik errichten zu lassen, da dieses nicht der Gerichtsbarkeit des Bundesstaates unterliegt.[4] Sie erklärte, dass Frauen, die vergewaltigt wurden oder Opfer von Inzest geworden sind, das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch haben sollten. Das neue Gesetz in South Dakota hätte auch solche Schwangerschaftsabbrüche verboten.[5] Der Stammesrat warf ihr eigenmächtiges Handeln vor, suspendierte sie und enthob sie im Juni 2006 ihres Amtes. Ihr Vorgehen löste eine landesweite Debatte über reproduktive Rechte und indigene Souveränität aus.
Soziale Lage der Pine Ridge Reservation
Ihre politische Zuständigkeit war die Pine Ridge Reservation, in der die soziale Situation besonders schlecht ist.
Historischer Kontext
Die heutigen sozialen Probleme stehen im Zusammenhang mit Landenteignung, Zwangsumsiedlungen, Internatsschulsystemen und kultureller Unterdrückung im 19. und 20. Jahrhundert. Diese historischen Faktoren haben zu langanhaltenden sozialen Ungleichheiten und einem Historischen Trauma geführt. Maria Yellow Horse Brave Heart entwickelte das Konzept des Historischen Traumas und seiner Behandlung, das inzwischen auch bei anderen kollektiven Traumen angewendet wird.
Heutige Situation
Die Pine-Ridge-Reservation gilt als eine der ärmsten Regionen der Vereinigten Staaten. Die strukturellen Probleme umfassen hohe Armutsraten, fehlende Arbeitsplätze, mangelnde medizinische Versorgung, Wohnraummangel, infrastrukturelle Defizite sowie eine hohe Prävalenz chronischer Krankheiten. Diese Faktoren sind umfassend dokumentiert, beispielsweise in offiziellen Berichten des U.S. Census Bureaus und des Indian Health Service. Die Lage der Frauen und Kinder ist besonders schlecht, die Kindersterblichkeit ist hoch, es herrscht Lebensmittelunsicherheit, eine hohe Suizidrate, eine hohe Zahl an Alkoholkranken und besonders viel Gewalt gegen Kinder und Frauen.[6][7][8][9][10]
Weiteres Engagement
Fire Thunder ist Mitglied im nationalen Beirat der National Organization on Fetal Alcohol Syndrome (NOFAS) und engagiert sich in Initiativen zur Gesundheitsförderung, Selbstbestimmung und kulturellen Revitalisierung der Lakota. Sie unterstützt zudem Programme zur Stärkung indigener Frauenorganisationen. Zwischen 2016 und 2022 hat sie Bundesmittel in Höhe von über 30 Millionen US-Dollar eingeworben, um die Lakota-Sprachförderung, alternative Bildungsangebote sowie psychologische und verhaltensbezogene Beratung für mehr als 2.700 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen K–12 an sechs Stammesschulen im Pine Ridge Indianerreservat zu unterstützen. Diese Bundesmittel stammen unter anderem vom US-Bildungsministerium, dem US-Gesundheitsministerium und von privaten Förderern.[11] Sie engagierte sich auch für Projekte zur Aufarbeitung der Folgen der Residential Schools in Nordamerika.[2]
Sie ist Präsidentin der Oglala Lakota Nation Education Coalition, Vorstandsmitglied der Little Wound School (K-12) und Älteste/Matriarchin der Tasunke Wakan Okolakiciye, der Medizinpferde-Gesellschaft, die sich mit Lakota-Heilpraktiken der Traumabehandlung von Kindern widmet. Nach einer langen Karriere im Gesundheitswesen kehrte sie an die Universität zurück und ist zertifizierte Lehrerin für die Lakota-Sprache.
Sie ist Dozentin am Oglala Lakota College und unterrichtet dort Lakota-Kultur, traditionelle Lakota-Kunst, indigene Frauen, indigene/Lakota-Psychologie sowie einen Masterkurs zur Lakota-Gemeinschaftsorganisation.[2]
Direktorin von Truth and Healing
Fire Thunder übernahm am 1. Juli 2023 die Leitung des Programms Truth and Healing (Wahrheit und Heilung) von Maka Black Elk. Sie hat diesbezüglich eigene Erfahrungen als ehemalige Bewohnerin der Holy Rosary Mission. Von September 2022 bis Februar 2023 wirkte sie im Rahmen eines Oral-History-Projekts an der Sammlung von Zeugenaussagen ehemaliger Bewohner der Holy Rosary Mission mit.[12] Fire Thunder sagt selbstkritisch, dass ihre Erfahrungen an der Boarding School gravierende Auswirkungen auf ihre Fähigkeit hatten, später im Leben ihre Kinder zu erziehen, dass sie teilweise negative Erziehungsmethoden unreflektiert übernommen hat. Auch in diesem Internat kam es zu schweren Misshandlungen und sexuellem Missbrauch.[13] Truth and Healing arbeitet nach dem Konzept des Historischen Traumas von Maria Yellow Horse Brave Heart.
Weblinks
- Interview mit Fire Thunder aus dem Jahr 2022
- Interview aus dem Jahr 2024
- Aussage als Präsidentin der Oglala Lakota Nation Education Coalition vor dem U.S. House Committee on Natural Resources
Siehe auch
- Oglala Sioux Tribe
- Pine Ridge Reservation
- American Indian boarding school
- Maria Yellow Horse Brave Heart
Einzelnachweise
- ↑ Fire Thunder credits women for Pine Ridge victory. In: indianz.com. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ a b c d Maȟpíya Lúta Leadership Executive Cabinet. Maȟpíya Lúta, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Bio - Cecilia Fire Thunder. In: docs.house.gov. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Fire Thunder plans women's clinic on reservation. In: indianz.com. 2006, abgerufen am 29. November 2025.
- ↑ Fire Thunder vows fight for women's health rights. In: indianz.com. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Disparities in Rural Healthcare as seen on the Pine Ridge Native American Reservation. University of Notre Dame, 20. Februar 2023, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Douglas Clement: Tribal trends. Federal Reserve Bank of Minneapolis, abgerufen am 29. November 2025.
- ↑ GOALS AND PRIORITIES OF SOUTH DAKOTA TRIBES. U.S. Government Publishing Office, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Katherine W. Bauer, Rachel Widome, John H Himes, Mary Smyth, Bonnie Holy Rock, Peter J. Hannan, Mary Story: High food insecurity and its correlates among families living on a rural American Indian Reservation. pubmed, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Gudrun Kaspareit: Pine Ridge Reservation. In: naturwelt.org. Abgerufen am 29. November 2025.
- ↑ Firethunder Educator of the Year. Lakota Times, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Ma.píya Lúta names Cecelia Fire Thunder next Director of Truth and Healing. Lakota Times, 24. Mai 2023, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
- ↑ Die Suche nach der Wahrheit an der Red Cloud Indian School. In: weltkirche.de. Konferenz Weltkirche, abgerufen am 29. November 2025.