Carmen Renard

Carmen Renard Moyano (* 6. Dezember 1915 in Buenos Aires; † 3. Januar 2002 ebenda) war eine argentinische Architektin und Schauspielerin. Sie war eine Pionierin als Frau in der Architektur Argentiniens und entwarf das Juan-Victoria-Auditorium in San Juan.

Biografie

Herkunft und Ausbildung

Carmen Renard war das fünfte von zehn Kindern.[1] Carmen war eine von zwei Schwestern, die weder heirateten noch Kinder hatten. Ihre jüngere Schwester Laura wurde Nonne.[2] Ihr Vater Abel Jules Adolfo Renard Bureau war Admiral der argentinischen Marine, ein Konservativer und Sympathisant der Nationalsozialisten. Er diente sechs Monate lang unter José Félix Uriburu als Marineminister.[3] Ihre Mutter, Josefina Ethel Moyano Loudet, war Pädagogin und Pionierin beim Aufbau von Kindergärten in Buenos Aires.[4] Sie war Gründerin des Renard-Instituts, einer Grundschule mit besonderen Lehrmethoden.[2] Carmen Renard war eine begeisterte Leserin. Außerdem war sie eine Liebhaberin von Sportwagen.[3]

Renard absolvierte nach dem Mädchenlyzeum[5] ein Lehramtsstudium am Instituto Nacional del Profesorado de Lenguas Vivas (Nationalen Institut für die Ausbildung von Fremdsprachenlehrern). Sie lernte fließend Englisch und Französisch sowie etwas Deutsch und Italienisch. Später entschied sie sich für den männerdominierten Beruf der Architektin. Als sie sich bewarb, hielt man sie zunächst für einen Mann (der Name „José del Carmen“ war ein gängiger Männername). Als man sie als Frau erkannte, wurde sie zuerst kategorisch abgelehnt.[2] Renard studierte dann doch ab 1934 an der Universidad de Buenos Aires Architektur. Ihre studentischen Entwürfe waren bereits so gut, dass sie in der Architekturzeitschrift Revista de Arquitectura veröffentlicht wurden. Ihr letztes studentisches Projekt, eine Wallfahrtskirche, wurde 1938 veröffentlicht. Der Entwurf wurde auf dem Fünften Panamerikanischen Architektenkongress, der im März 1940 in Montevideo stattfand, mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Bei dieser Veranstaltung engagierte sie sich in der Kommission für den Wohnungsbau der Mittelschicht. Sie war die einzige Frau in einer der sechs Kongresskommissionen. Dort präsentierte sie auch ihre Dissertation mit dem Titel „El problema de la orientación“ („Das Problem der Ausrichtung“, in Zusammenarbeit mit Adolfo Chamorro und Adolfo Estrada), in der sie die Zusammenhänge zwischen Außenklima und Gebäudegestaltung beleuchtete und Maßnahmen für klimagerechtere Architekturen vorschlug.[1]

Im selben Jahr ging sie mit einem Stipendium des Instituto Cultural Argentino Norteamericano an die Columbia University. Sie absolvierte ein Aufbaustudium bei Carl Feiss, einem Pionier der Stadtsanierung[1] und machte 1941 ihren Master.[2] Aus den Vereinigten Staaten veröffentlichte sie Artikel in der Revista de Arquitectura, darunter „La enseñanza del urbanismo en las universidades de los Estados Unidos“ (Die Lehre der Stadtplanung an den Universitäten in den Vereinigten Staaten, November 1940), „Los pueblos del Greenbelt en los Estados Unidos“ (Die Greenbelt-Städte in den Vereinigten Staaten, Dezember 1940) und „La administración federal de los alojamientos en los Estados“ (Die Bundesverwaltung für Wohnungsbau in den Bundesstaaten, Januar 1941).[1]

Architektin

Nach ihrer Rückkehr 1942 gewann sie den Wettbewerb für den Entwurf eines Mausoleums auf dem Friedhof Chacarita in Buenos Aires, dem Mausoleo del Círculo de la Prensa. Die Wettbewerbsjury hob die Funktionalität des Projekts hervor. Zu ihren Mitbewerbern zählten Jorge Sabaté und Mario Roberto Álvarez. Dies ist wohl der erste Wettbewerb, den eine Architektin in Argentinien gewann. Das Mausoleum wurde realisiert.[1]

1944 arbeitete sie mit Fermín Bereterbide und Ernesto Vautier am Wiederaufbauprojekt für San Juan, das kurz zuvor durch das verheerende Erdbeben von 1944 zerstört worden war. Die Gruppe schlug vor, die Stadt zu verlegen und nach modernen Städtebaukonzepten mit breiteren Straßen, weiter auseinanderliegenden Häusern und deutlich mehr Bäumen und Parks neu zu errichten. Die Ideen des Greenbelt-Konzepts, das Renard in den USA kennen gelernt hatte, flossen in die Planung ein. Der Vorschlag scheiterte, da er die Enteignung großer Landflächen erfordert hätte.[1]

Gemeinsam mit Néstor Jorge Espinosa (1909–1975) und Juan Carlos José Lafosse (1911–1968) entwarf sie im Jahr 1945 Wohnungen für die Textilarbeiter von La Emilia in San Nicolás de los Arroyos. Weitere Projektpartnerschaften gab es mit Angelina Camicia für das Mietshaus in der Rua Juncal 1765.[1]

Renard kehrte nach San Juan zurück, nachdem sie den Wettbewerb für eine Schule gewonnen hatte. Entsprechend der Juli-Ausgabe 1949 der Revista de Arquitectura wurde die José-Ignacio-de-la-Rosa-Schule, ein Projekt der Architektin Carmen Renard, umgesetzt. Neun von ihr und Daniel Ramos Correa entworfene Grundschulen in San Juan befanden sich ebenfalls im Bau. Renard gehörte zu einer Arbeitsgruppe aus Architekten, Ingenieuren und Bauunternehmern für den Wiederaufbau. Zur Gruppe gehörten auch Enévaro Rossi und Félix Pineda, Pioniere der modernen Architektur in San Juan.[1] Von 1958 bis 1962 arbeitete Renard als Stadtplanungsberaterin des Wiederaufbaurats von San Juan und in den 1970er Jahren als Bauinspektorin für die Nationale Hypothekenbank.[5]

In San Juan entstand das bedeutendste Werk von Carmen Renard, das Auditorium Ingeniero Juan Victoria.[1] Das Gebäude wurde von ihr, Mario Pra Baldi, Eduardo Mario Caputo Videla und dem für die Akustik zuständigen Ingenieur Federico Malvarez entworfen. Es wurde 1970 eingeweiht und beherbergt eine Musikschule. Der Konzertsaal bietet Platz für 1.000 Zuschauer. Er gilt als einer der besten Konzertsäle der Welt und wurde am 10. November 2004 zum Monumento Histórico Nacional (Historischen Nationaldenkmal). Es gehört zu den argentinischen Meisterwerken der Moderne, wie beispielsweise Le Corbusiers Curutchet-Haus, Delfina Gálvez’ und Amancio Williams’ Casa del Puente (Brückenhaus) sowie die Nationalbibliothek von Francisco Bullrich, Alicia Cazzaniga und Clorindo Testa.[1][4]

Ihre nationale Registrierungsnummer als Architektin war die 346. Ihre Registrierung beim Berufsverband der Ingenieure, Vermesser und Architekten von San Juan (Consejo Profesional de ingenieros, agrimensores y arquitectos de San Juan) war die Nummer 59.[5]

Engagement für das Theater

Carmen Renard war eine begeisterte Theater- und Schauspielliebhaberin und ein aktives Mitglied der Freunde des Instituto Superior de Arte de San Juan (ISA, Kunsthochschule San Juan). In ihrem Haus in der Ramón-y-Cajal-Straße befand sich ein kleines Amateur-Theater, in dem sie Stücke inszenierte und Schauspieler ausbildete. Zusammen mit dem bildenden Künstler Polo Suárez Jofré schuf sie 1963 das Kammertheater El Globito als Teil der Schule für Darstellende Künste im Parque de Mayo. Es wurde mit Spenden von Lehrern und Schülern errichtet. Es hatte die Form einer Halbkugel, war aus Holz gebaut und wurde 1965 abgerissen.[1]

Schauspielerin

Als berufstätige Frau mit Sportwagen und bedeutenden Projekten verkörperte Renard bereits ein glamouröses und charismatisches Image. Nach ihrer Pensionierung als Architektin ließ sie sich wieder in Buenos Aires nieder, wo sie ab 1981 professionell als Film- und Fernsehschauspielerin arbeitete. Sie spielte unter anderem in Eliseo Subielas „El Lado Oscuro del Corazón“ (Die dunkle Seite des Herzens) und bei Sergio Renán in „El Sueño de los Héroes“ (Der Traum der Helden). International war sie in „De Amor y de Sombra“ (Von Liebe und Schatten) an der Seite von Antonio Banderas und Jennifer Connelly zu sehen.[4]

2021 ging eine Szene von Carmen Renard in den sozialen Medien in Argentinien viral. Hintergrund war die Neuauflage der 2001er Serie „Okupas“ und deren Veröffentlichung auf Netflix im Juli 2021. Renard hat darin nur eine kleine Rolle. Mit ihrem unheimlichen Lachen beeindruckte sie dennoch viele Zuschauer. Screenshots und Videos ihrer Szene, die zu den spannendsten Momenten der Serie gehört, wurden im Monat nach der Ausstrahlung zu einem der meistgenutzten Memes.[2]

Lebensende

Carmen Renard war starke Raucherin und erkrankte in den 1980er Jahren an COPD.[3] Sie starb 2002 im Alter von 86 Jahren in Buenos Aires[4] und wurde auf dem Friedhof Jardín de Paz in Pilar begraben.[5] Sie vermachte ihre Theaterstücke der Academia Argentina de Letras (Argentinischen Akademie der Literatur).[1]

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k l ~ Inés Moisset: CARMEN RENARD 1915-2002. In: UN DIA | UNA ARQUITECTA 4. 28. März 2019, abgerufen am 29. Dezember 2025 (spanisch).
  2. a b c d e “La Vieja del Docke”, de Okupas, y su legado a la arquitectura sanjuanina. 27. August 2021, abgerufen am 29. Dezember 2025 (spanisch).
  3. a b c El alma inquieta de Carmen Renard | San Juan al Mundo. Abgerufen am 29. Dezember 2025.
  4. a b c d Diario La Ventana: Carmen Renard, arquitecta y actriz. In: Diario la Ventana. 6. Dezember 2024, abgerufen am 29. Dezember 2025 (spanisch).
  5. a b c d Mil sueños más viví a mi modo. 12. Dezember 2020, abgerufen am 29. Dezember 2025 (spanisch).