Carl von Boetticher

Heinrich Carl Johann von Boetticher (* 6. Märzjul. / 17. März 1782greg.in Goldingen; † 25. Augustjul. / 6. September 1859greg. in Riga) war ein deutschbaltischer Kaufmann, Gutsbesitzer, Ratsherr und Dockmann der Großen Gilde in Riga.

Herkunft und Familie

Carl von Boetticher war der Sohn des Goldinger Kaufmanns und Bürgermeisters Johann Friedrich von Boetticher (1749–1819) und dessen Frau Maria Anna Reiss (1756–1820). Von deren 11 zwischen 1777 und 1801 geborenen Kindern erreichten lediglich drei Söhne und eine Tochter des Erwachsenenalter, wovon Carl der Älteste gewesen ist. Seine Geschwister waren Johann Christoph Ernst (1793–1855), Gustav Dietrich (1794–1828) und Friederike Amalie Sophie Elisabeth (1801–1822).[1]

Ausbildung und Werdegang als Kaufmann und Ratsherr (1797–1829)

Er besuchte bis 1797 die Stadtschule in Goldingen, bevor er in Libau beim Kaufmann und Ratsherren Ulrich Wilhelm Beckmann als Lehrling in dessen Seidenhandelsgeschäft eintrat und anschließend auch seine Gesellenzeit dort absolvierte. 1805 fand er auf Vermittlung seines kinderlosen Onkels Karl Friedrich von Boetticher (1747–1815), der in Mitau als königlich-polnischer Kommerzienrat, von Kaiser Franz II. 1795 in den erblichen Reichsadelsstand erhoben, ebenfalls Seidenhandel betrieb, eine Anstellung beim Handelshaus Hülsen & Rüben in Riga.

Zusammen mit Eduard Wilhelm Lösewitz (1786–1845) eröffnete er 1812 seine eigene Seidenhandlung in Riga, die nach dem erfolglosen Russlandfeldzug Napoleons 1812 und dem erfolgreichen Sechsten Koalitionskrieg gegen Frankreich einen raschen Aufschwung erfuhr. 1813 wurde er Bürger von Riga. 1815 verstarb sein vermögender Onkel Karl Friedrich und obwohl Carls Vater der Universalerbe war, kümmerte er sich um die umfangreichen Erb- und Nachlassabwicklungen. Mit dem ihm direkt vermachten Geld kaufte er im September desselben Jahres das Geschäfts- und Wohnhaus in der Scheunenstraße 6, nahe des Rigaer Doms, welches mit Pumpe und Ausguss in der Küche und mit Wärmeversorgung durch die englische Küche als eines der mordernsten in der Stadt galt. Im Winter 1816 zogen seiner Eltern aus Goldingen in den ersten Stock des erworbenen Hauses ein und nach deren Tod 1819 und 1820 wurden Carl und seine Geschwister Erben des Vermögens. 1820 zahlte Carl seinen Partner Lösewitz aus, der seine jüngere Schwester Amalie geheiratet hatte, und wurde Alleininhaber des nun unter ''Handelshaus Boetticher'' firmierenden Unternehmens. Am 21. September 1827 wurde er zunächst als Dockmann der Großen Gilde gewählt, am 23. September 1827 dann auch zum Ratsherr der Stadt Riga. Als solcher wirkte er als ''kaufmännischer Assessor'' (Schöffe) im Voigteigericht, als Mitglied der ''Handlungs-Cassa'' (Finanzverwaltung), des ''Rats-Departments für Bauersachen'' (zuständig für Fragen der Landbevölkerung) und in der ''Getränkesteuer-Kommission''.[2] Durch den frühen Tod seines jüngeren Bruders Gustav kamen die verbliebenen Brüder Carl und Johann 1828 ins gemeinschaftliche Eigentum des Rittergutes Plahnen (heute nur noch als Ruine Plāņu Muiža erhalten), 42 km südwestlich von Tuckum gelegen, welches ebenfalls aus dem Erbe Karl Friedrichs stammte, wobei die Geschäftsführung Carl oblag. Diese zusätzliche Belastung, aber auch die von ihm als unbefriedigend empfundenen dreimal wöchentlich stattfindenden, mehrstündigen Gerichtssitzungen, in denen er glaubte, in der Sache nicht viel nützen zu können, führten zu dem Entschluss, von seinem Recht auf Dimission nach 2 Jahren Gebrauch zu machen. Am 15. Septemberjul. / 27. September 1829greg. entließ ihn der Rat in größter Anerkennung seines ruhmreichen Eifers bei Erfüllung der ihm übertragen gewesenen Ämter aus seinen Reihen, so dass er fortan den Titel Ratsherr als Ehrentitel führte.[3]

Gutsbesitzer von Plahnen, Ebelshof, Pommusch und Ardsen (1730–1759)

1830 erwarb Carl das Gut Ebelshof (heute Ēbeļmuiža)[4], 5 km südlich von Riga und ließ es zu seinem Sommersitz umbauen. 1833 übernahm er den Eigentumsanteil seines Bruder am Rittergut Plahnen und verkaufte es 1840. Mit den Beschluss des Heroldiedepartements des dirigierenden Senats des russischen Kaiserreiches vom 29. September 1842 wurden Carl und seine Verwandten in den 6. Teil des Adelsgeschlechtsbuches des Russischen Reiches (Adel vor 1685) eingetragen. Dies war durch die Einverleibung Kurlands 1795 in das Zarenreich zur Angleichung der Rechtsverhältnisse nötig geworden.

1844 entschied sich Carl, seine Seidenhandlung zu verkaufen und sich auf die Geschäftsführung der Güterbewirtschaftung, Immobilien- und Finanzverwaltung und Nachlassangelegenheiten für sich, Verwandte und enge Freunde zu konzentrieren. 1848 erwarb er in Erbpfandbesitz die Rittergüter Pommusch (heute Pamūšas muiža)[5] und Ardsen (heute Ārces muiža, nicht mehr erhalten), die 5 km südöstlich von Bauske direkt links und rechts des Flusses Mūša lagen. 1849 trat er die Geschäftsführung von Pommusch an seinen Sohn Karl ab, der es 1853 auch als Eigentümer übernahm, während er Ardsen an seinen Sohn Theodor übergab, der ab 1858 auch den Ebelshof bewirtschaftete.

Er starb nach kurzer Krankheit 1859 in Riga und wurde auf dem von ihm angelegten Erbbegräbnis auf dem Domfriedhof in Riga neben seiner Frau bestattet.

Familie

Carl heiratete 1814 Emilie Constantina Wippert (1794–1855), Tochter des Kaufmanns in Riga, Michael Heinrich Wippert und seiner Frau Constantina Christine Hencke, verw. Fock. Sie gebar ihm zwischen 1815 und 1836 insgesamt siebzehn Kindern, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten. Carl wurde so Begründer des 1. Astes (Ebelshof) der Goldinger Linie des kurländischen Teils der Familie von Boetticher. Seine fünf Söhne begründeten verschiedene Zweige.[6]

  • 1.) Marie Emilie (1815–1836)
⚭ 1836 Friedrich Nathanael Sommer (1799–1837), Stadtphysikus von Riga
  • 2.) Karoline Amalie (1822–1896)
⚭ 1842 Eberhard Ernst Kühn (1814–1856), Pastor zu Eckau.
  • 3.) Karl Gustav Joseph (1824–1884), Gutsherr auf Pommusch
⚭ 1850 Adelheit Henriette Elisabeth Baumgarten (1829–1890).
Er begründete den Zweig Pommusch.
  • 4.) Friedrich Heinrich (1826–1902), Kunsthistoriker, Kunst- und Verlagsbuchhändler in Dresden
⚭ I. 1850 mit Eugenie Mitschke (1825–1858), Tochter des Bautzener Pastors Friedrich Wilhelm Mitschke,
⚭ II. 1860 mit Alexandra von Friede (1822–1908).
Er begründete den sächsischen Zweig.
  • 5.) Theodor Philipp (1830–1904), Gutsherr auf Ardsen und Groß-Spirgen,
⚭ 1856 mit Alexandra Juliane von Sengbusch (1835–1912), einer Tochter des Kaufmanns Wilhelm von Sengbusch (1802–1880) und der Katharina Juliane Lamprecht (1812–1856), Stieftochter und Erbin von Friedrich Wilhelm Brederlo.
Er begründete den Zweig Spirgen.
  • 6.) Elise Helene (1831–1881),
⚭ 1851 mit Karl Johann Theodor von Boetticher (1819–1901), einem Cousin 2. Grades ihres Vaters, livländischer Staatsrat und Verleger.
  • 7.) Karl Oskar (1835–1901), Gutsherr auf Ebelshof und Lievenhof
⚭ 1864 mit Eliza Katharina Thoms (1859–1919).
Er begründete den Zweig Ebelshof.
⚭ I. 1864 mit Christine Albertine von Hollander (1841–1871), einer Tochter von Albert Woldemar von Hollander.
⚭ II. 1874 Johanna Maria Elisabeth von Hollander (1844–1917), Schwester der I.
Der Zweig ist im Mannesstamm erloschen. Seiner Tochter Polly Marie (Mia) Emelie (1867–1946) heiratete jedoch ihren Cousin Theodor Ernst (1850–1915) aus dem Zweig Spirgen.

Literatur

  • Stiftung Deutsches Adelsarchiv (Hrsg.), Genealogisches Handbuch des Adels, Bd. 83 der Gesamtreihe. Adelige Häuser B Bd. XV, C.A. Starke Verlag, Limburg an der Lahn 1984, S. 7–58 (8, 13, 15)
  • Walter von Boetticher, Nachrichten über die Familie von Boetticher, Kurländische Linie, I. + II. Jahrgang 1891 und 1892, Bautzen, Monse 1892, Neuauflage Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2012, S. 115–256, ISBN 978-3-7752-6167-8

Einzelnachweise

  1. Walter von Hueck: Genealogisches Handbuch der adeligen Häuser, Adelige Häuser B Band XV. Hrsg.: Stiftung Deutsches Adelsarchiv. C.A. Starke Verlag, Limburg an der Lahn 1984, ISBN 978-3-7752-6167-8, S. 8, 13, 15.
  2. Heinrich Julius Böthführ: Die Rigische Rathslinie von 1226 bis 1876: Nebst e. Anh.: Verzeichnis d. Aeltermänner, Aeltesten u. Dockmänner d. großen Gilde in Riga von 1844 bis 1876, Deubner, Riga 1877, S. 246, Eintrag 785. In: MDZ - Münchener Digitalisierungszentrum. Bayerische Staatsbibliothek, abgerufen am 11. Januar 2026.
  3. Walter von Boetticher: Nachrichten über die Familie von Boetticher, Kurländische Linie, II. Jahrgang 1892, Bautzen, Monse 1892. Hrsg.: Boetticher'scher Familienrath. Neu- Auflage. Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2012, ISBN 978-3-7752-6167-8, S. 142 f.
  4. Agnese & Mareks Mamaji­: Ēbelmuiža, Muižas vēsture. Agnese & Mareks Mamaji, abgerufen am 12. Januar 2026.
  5. Das Aufbühen des Herrenhauses Pommusch. Verein "Pamūšas muiža, abgerufen am 12. Januar 2026.
  6. Walter von Hueck: Genealogisches Handbuch der adeligen Häuser, Adelige Häuser B Band XV. Hrsg.: Stiftung Deutsches Adelsarchiv. C.A. Starke Verlag, Limburg an der Lahn 1984, ISBN 978-3-7752-6167-8, S. 8–41.