Caligula delirante
| Operndaten | |
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| Titel: | Caligula delirante |
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Titelblatt des Librettos, Venedig 1672 | |
| Form: | Oper in drei Akten |
| Originalsprache: | Italienisch |
| Musik: | Giovanni Maria Pagliardi |
| Libretto: | Domenico Gisberti oder Nicolò Beregan (?) |
| Uraufführung: | 26. Dezember 1671 |
| Ort der Uraufführung: | Teatro Santi Giovanni e Paolo, Venedig |
| Ort und Zeit der Handlung: | Rom um 40 n. Chr. |
| Personen | |
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Caligula delirante oder Caligola delirante ist eine Oper (Originalbezeichnung: „melodramma in musica“) in drei Akten von Giovanni Maria Pagliardi (Musik). Der Autor des Librettos ist nicht bekannt. Es könnte sich um Domenico Gisberti oder Nicolò Beregan gehandelt haben. Die Oper wurde am 26. Dezember 1671 im Teatro Santi Giovanni e Paolo in Venedig uraufgeführt.
Handlung
„Argomento“ – ‚Inhalt‘
“CAIO CALIGULA figliuolo di Germanico asceso doppo la morte di Tiberio all’ Impero del mondo, datosi in preda alle lasciuie volle ripudiare la Consorte Cesonia dalla quale datagli in un Convito certa bevanda amatoria divenze furioso, amoreggiando la LUNA, e facendosi far sagrificij, & fingendo di parlar con Giove, & altre follie narrate dà Suetonio, e decantate con riso da Giuvenale porgendo questa Bizara Historia il motivo al presente Melodrama Intitolato IL CALIGULA DELIRANTE, nel quale si fingono per episodio gl’ Amori di Tigrane Rè di Mauritania fatto schiavo d’ Artabano Rè de Parti, che celando la sua conditione in habito, & aspetto di Moro Capita in Roma fingendosi pittore con gl’altri avenimenti ch’intrecciano il Melodrama.”
„Caius Caligula, Sohn des Germanico, der nach dem Tod des Tiberio zum Kaiser der Welt aufgestiegen war, gab sich der Wollust hin und wollte seine Frau Cesonia verstoßen; sie gab ihm jedoch bei einem Bankett einen Liebestrank, der ihn wahnsinnig machte. Er verliebte sich in den Mond, dem er Opfer darbrachte, gab vor, mit Jupiter zu sprechen, und beging weitere Narrheiten, von denen Sueton berichtete und über die sich Juvenal lustig machte. Diese skurrile Geschichte ist das Thema des vorliegenden Melodramas, genannt Il Caligula delirante, in dem wir episodenhaft die Liebesgeschichte Tigranes, des Königs von Mauretanien, finden, der ein Sklave Artabanos, des Königs der Parther, wurde und, seine Identität in Aussehen und Kleidung eines Mohren verbergend, nach Rom gelangte, wo er sich als Maler ausgab, sowie weitere Ereignisse, die das Melodrama zusammensetzen.“
Inhalt der modernen Neufassung
Der römische Kaiser Caligula verliebt sich in Teosena, die Witwe des vermeintlich auf See umgekommenen mauretanischen Königs Tigrane. Er beauftragt einen Sklaven damit, ein Bildnis von ihr anzufertigen. Das weckt die Eifersucht seiner Frau Cesonia. Zudem handelt es sich bei dem Maler um niemand anderen als um Tigrane selbst, der zwar den Schiffbruch überlebt hat, aber zum Sklaven des parthischen Königs Artabano wurde. Er nennt sich nun Adraspo und ist als Mohr verkleidet an den römischen Hof gekommen, um seine Frau zu suchen. Caligula macht keinen Hehl aus seiner Leidenschaft für Teosena. Er will ihretwegen Cesonia verstoßen. Diese beauftragt ihren Diener Nesbo, Calibula beim nächsten Bankett einen Zaubertrank zu verabreichen, der ihm Teosena abstoßend erscheinen lassen soll. Tigrane bemüht sich unterdessen, seiner Frau seine wahre Identität zu offenbaren. Dabei gerät er in Konflikt mit seinem Besitzer Artabano, der Teosena ebenfalls begehrt und sie zu entführen versucht. Der Zaubertrank wirkt stärker als erwartet: Caligula verliert den Verstand. In einer großen Wahnsinnsszene verbannt Caligula seine Frau, weist seinen Gästen die Tür und umwirbt Teosenas lüsterne alte Amme Gelsa. Er glaubt, er sei Herakles und stelle der Göttin Diana nach. Schließlich wird er zu einem Schäfer, der den Mond anhimmelt. Da er in dieser Verfassung nicht mehr tragbar ist, ernennt der römische Senat an seiner Stelle Claudio zum Kaiser und widerruft Cesonias Verbannung. Tigrane ist sich der Treue seiner Frau nun sicher. Er versucht, seine Rechte Artabano gegenüber durchzusetzen. Dieser kann kaum glauben, dass Teosena ihm seinen Sklaven vorzieht. Caligula wird nach einer selbst zugefügten Wunde für tot gehalten. Er erwacht jedoch plötzlich wieder, ist auch bei klarem Verstand und liebt nun wieder seine Frau Teosena. Er schließt Freundschaft mit Tigrane, vereint ihn mit seiner Frau und bittet Claudio, ihm dabei zu helfen, seinen mauretanischen Thron zurückzuerlangen.[1][2]
Gestaltung
Wie für die venezianischen Opern dieser Zeit typisch, ist die Handlung komplex. Sie besteht aus einer Mischung von komischen und ernsten Elementen und beinhaltet standardkonforme Szenentypen. Die Musik besteht aus einer freien Folge von Rezitativen, Ariosi und verschiedenen Arientypen. Letztere sind meist kurz gehalten und haben manchmal einen liedhaften Charakter. Einige von ihnen weisen bereits die später typische dreiteilige Form der da-capo-Arie auf, andere sind strophisch aufgebaut. An dramaturgisch bedeutenden Stellen gibt es offene Formen.[3] Die Musik zeichnet sich durch „leidenschaftliche, sogar bizarre Chromatik“ aus.[4] Die Arie in Caligulas scheinbarer Sterbeszene („Cruda Cintia“, III:10) besteht aus zwei kontrastierenden Teilen über einer gemeinsamen chromatischen Basslinie.[3]
Werkgeschichte
Caligula delirante ist die erste Oper des italienischen Komponisten Giovanni Maria Pagliardi (1637–1702), der im Libretto als Kapellmeister des Großherzogs der Toskana (Cosimo III. de’ Medici) bezeichnet ist.[4] Der Name des Librettisten fehlt in der Druckausgabe. Der Text wird meist dem venezianischen Priester und Schriftsteller Domenico Gisberti zugeschrieben.[5] Er geht möglicherweise auf dessen Schauspiel bzw. „opera in stile recitativo“ La pazzia in trono, overo Caligola delirante zurück, das 1660 am Teatro Sant’Apollinare gezeigt worden war. Anscheinend waren damals nur der Prolog und einige wenige andere Nummern vertont worden – möglicherweise von Francesco Cavalli.[6][7] Der Musikwissenschaftler Andrea Garavaglia hingegen stellte in seinem Pagliardi gewidmeten Artikel im Dizionario Biografico degli Italiani die Vermutung auf, dass Nicolò Beregan der Autor des Librettos sei, da dieser als einziger venezianischer Schriftsteller dieser Zeit den Begriff „melodrama“ verwendet habe. Auch habe sich Gisberti selbst von dem neueren Stück distanziert.[8]
Die Uraufführung fand am 26. Dezember 1671 im Teatro Santi Giovanni e Paolo in Venedig als erste Oper[9] der Karnevalssaison 1671/1672 statt.[10] Das in der Widmung des gedruckten Librettos angegebene Datum vom 18. Dezember 1672 ist offenbar falsch. Es wäre mit der Aufführung von Giovanni Antonio Borettis Oper Domiziano zusammengefallen. Auch auf dem Titelblatt ist das Jahr 1672 angegeben. Die Oper ist Herzog Johann Friedrich zu Braunschweig und Lüneburg und dessen Bruder, dem Prinzen Ernst August, gewidmet.[6] Die Partitur ist in der Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig erhalten.[8]
Die Oper erfreute sich großer Beliebtheit und wurde in den beiden nächsten Jahrzehnten in verschiedenen Bearbeitungen in vielen italienischen Städten gespielt. Königin Christina von Schweden sah sie 1674 im römischen Teatro Tordinona. Die letzte nachweisbare zeitgenössische Aufführung war 1696 in Lucca.[6]
Das Libretto wurde anschließend auch von Antonio Orefice vertont. Seine gleichnamige Oper kam 1713 im Teatro San Bartolomeo zur Aufführung.[11] Auch das 1727 in Prag gezeigte Pasticcio Il confronto dell’amor coniugale (Titel der deutschen Übersetzung: Begenstellung der Ehelichen Lieb) basiert auf diesem Text.[12]
Eine Wiederentdeckung gab es ab 2011 als Marionettenoper von Alexandra Rübner und Mimmo Cuticchio mit dem Ensemble Le Poème Harmonique unter Vincent Dumestre. Dafür kürzte Dumestre die Oper deutlich und reduzierte die Instrumentalbesetzung auf zwei Violinen mit Basso continuo.[13] Nach ersten Vorstellungen beim World Puppet Theatre Festival in Charleville-Mézières im September 2011[14] wurde die Produktion von der Operngesellschaft Arcal (Atelier de recherche et de création pour l’art lyrique) u. a. im Théâtre de l’Athénée in Paris gezeigt.[13] Bis 2024 gab es 45 Aufführungen in vielen französischen Städten sowie ein Gastspiel in Vilnius (Litauen).[15]
Aufnahmen
- April 2017 – Vincent Dumestre (Dirigent), Le Poème Harmonique.
Jan van Elsacker (Caligula), Caroline Meng (Cesonia), Florian Götz (Artabano und Domizio), Jean-François Lombard (Tigrane und Claudio), Sophie Junker (Teosena), Serge Goubioud (Gelsa und Nesbo).
Video; Produktion von Tandem, Scène Nationale d’Arras.
Alpha Classics 716 (Blu-ray).[16]
Weblinks
- Caligola delirante (Giovanni Maria Pagliardi) im Corago-Informationssystem der Universität Bologna
- Libretto (italienisch), Venedig 1672. Digitalisat der Library of Congress
- Caligula, opéra baroque et marionnettes. Trailer auf YouTube
Einzelnachweise
- ↑ Beilage zur Blu-ray Alpha Classics 716, S. 22.
- ↑ Werkinformationen (französisch) auf operabaroque.fr, abgerufen am 25. Oktober 2025.
- ↑ a b Joachim Steinheuer: Pagliardi, Giovanni Maria. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Zweite Ausgabe, Personenteil, Band 12 (Mercadante – Paix). Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 2004, ISBN 3-7618-1122-5, Sp. 1556–1557 (Online-Ausgabe, für Vollzugriff Abonnement erforderlich).
- ↑ a b John Walter Hill: Pagliardi, Giovanni Maria. In: Grove Music Online (englisch; Abonnement erforderlich).
- ↑ Caligola delirante (Giovanni Maria Pagliardi) im Corago-Informationssystem der Universität Bologna, abgerufen am 25. Oktober 2025.
- ↑ a b c Eleanor Selfridge-Field: A New Chronology of Venetian Opera and Related Genres, 1660–1760. Stanford University Press, Stanford 2007, ISBN 978-0-8047-4437-9, S. 105–106.
- ↑ La pazzia in trono, overo Caligola delirante (Francesco Cavalli) im Corago-Informationssystem der Universität Bologna, abgerufen am 26. Oktober 2025.
- ↑ a b Andrea Garavaglia: Pagliardi, Giovanni Maria. In: Raffaele Romanelli (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 80: Ottone I–Pansa. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2014.
- ↑ Alfred Loewenberg (Hrsg.): Annals of Opera 1597–1940. John Calder, London 1978, ISBN 0-7145-3657-1, Sp. 49–50 (online im Internet Archive).
- ↑ Datensatz der Uraufführung am 26. Dezember 1671 im Corago-Informationssystem der Universität Bologna.
- ↑ Caligola delirante (Antonio Orefice) im Corago-Informationssystem der Universität Bologna, abgerufen am 26. Oktober 2025.
- ↑ Il confronto dell’amor coniugale (Anonym) im Corago-Informationssystem der Universität Bologna, abgerufen am 25. Oktober 2025.
- ↑ a b Frank Langlois: Caligula, opéra de marionnettes. Rezension der Produktion in Paris 2012 (französisch). In: Res Musica. 16. März 2012, abgerufen am 25. Oktober 2025.
- ↑ Alexis Campion L’opéra marionnette, merveille de Venise. Rezension der Produktion in Charleville-Mézières 2011 (französisch). In: Le Journal du Dimanche. 13. September 2011, abgerufen am 25. Oktober 2025.
- ↑ Fiche Diffusion. Programmheft der Operngesellschaft Arcal (italienisch; PDF; 1,3 MB).
- ↑ Dave Billinge: Rezension der Blu-ray Alpha Classics 716 (englisch). In: MusicWeb International, abgerufen am 25. Oktober 2025.