Burton C. Andrus

Burton Curtis Andrus (* 15. April 1892 in Spokane, Washington; † 1. Februar 1977 in Tacoma, Washington) war ein US-amerikanischer Offizier der United States Army. Er wurde vor allem bekannt als Kommandant des Gefängnisses in Nürnberg, in welchem 1945/1946 die Angeklagten des Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher inhaftiert waren.

Leben

Werdegang

Burton C. Andrus Sr. wurde in Spokane geboren, während sein Vater, Captain Frank B. Andrus, dort als Offizier stationiert war. Die Familie lebte bis 1895 in Spokane, als Captain Andrus nach Fort Sheridan in Illinois versetzt wurde. Frank Andrus ging 1908 im Rang eines Majors in den Ruhestand und ließ sich mit seiner Familie in Buffalo, New York, nieder. Burton besuchte dort eine High School und erlangte 1910 seinen Abschluss. Anschließend studierte er zwei Jahre an der University of Buffalo und trat währenddessen dem Offiziersreservekorps bei.

Nachdem er das College verlassen hatte, begann Andrus als Werksleiter bei Standard Oil zu arbeiten. Im April 1916 heiratete er Katherine E. Stebbins, mit der er vier Kinder hatte. Als die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg eintraten, war Andrus Leutnant im Offiziersreservekorps. Am 25. Oktober 1917 wurde er als Kavallerieoffizier in die reguläre Armee aufgenommen, leitete aber schon bald ein Gefängnis.

1917 wurde Andrus zum Kommandanten des Militärgefängnisses in Fort Oglethorpe, Georgia, ernannt. Bei seiner Ankunft zählte das Gefängnis zu den schlimmsten der gesamten Armee. Die Gefangenen wurden in illegalen Fußfesseln gehalten. Es kam häufig zu Ausbrüchen und allgemeiner Unordnung. Unmittelbar nach seinem Dienstantritt im Gefängnis erließ Andrus strenge Regeln. Er sperrte jeden, der Probleme verursachte, in Einzelhaft. Er erließ den Befehl, dass die Wachen jeden erschießen durften, der einen Fluchtversuch unternahm. Schon bald hatte er die Ordnung wiederhergestellt.

Im Juli 1919 wurde er zum Hauptmann befördert und ins Presidio von Monterey nach Kalifornien versetzt, wo er die Sicherheitsleitung übernahm. Anschließend diente Andrus in Kavallerieeinheiten, unter anderem in Fort Riley, Kansas, und Fort Kent, Kentucky. 1933 wurde er zum Kommandanten eines Lagers des Civilian Conservation Corps (CCC) in Oregon ernannt. Während seiner Zeit als Kommandant der CCC-Einrichtung nahm Andrus an einer Ausbildung in Fort Lewis, Washington teil.

Nach Andrus’ Einsatz im pazifischen Nordwesten folgten weitere Verwendungen bei der Kavallerie. Am 1. August 1935 wurde er zum Major befördert und 1940 zum Oberstleutnant, woraufhin er die Kavallerie verließ. Oberstleutnant Andrus wurde Sicherheitsoffizier im New Yorker Einschiffungshafen. Anschließend absolvierte er eine Ausbildung in Luft-Boden-Kommunikation und erlernte die Techniken, mit denen Bodentruppen effektiv mit Piloten kommunizieren konnten, die nahegelegene feindliche Stellungen angriffen.

Am 6. Juni 1942, sechs Monate nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg, wurde Andrus zum Oberst befördert und der Dritten Armee von General George S. Patton als Luft-Boden-Beobachter zugeteilt. Dabei konnte er die in der Luft-Boden-Kommunikationsschule erworbenen Kenntnisse anwenden. Er wurde ein Bewunderer Pattons und ahmte den Stil des Generals nach, indem er einen hochglanzpolierten Helm und gebügelte Uniformen trug und eine Reitgerte bei sich führte.

Nürnberger Prozesse

Mit dem Ende des Krieges in Europa wählte der Oberbefehlshaber der Alliierten, General Dwight D. Eisenhower, Andrus zum Kommandanten eines Gefängnisses für deutsche Funktionäre, die sich wegen Kriegsverbrechen vor Gericht verantworten mussten. Andrus’ Auswahl basierte auf seiner Erfahrung im Sicherheitsbereich. Am 6. Mai 1945 eröffnete Andrus in Mondorf-les-Bains bei Luxemburg ein Verhörzentrum für hochrangige NS-Führer. Das Zentrum trug den Codenamen „Ashcan“. Ashcan befand sich in einem ehemaligen Hotel, das umgebaut worden war, um jeglichen Luxus zu entfernen. Am 12. August 1945 wurden die Ashcan-Gefangenen per Flugzeug nach Nürnberg verlegt, wo sie während der Prozesse vor dem Internationalen Militärgerichtshof, die am 20. November 1945 begannen, inhaftiert waren.

Oberst Andrus war Kommandant des Gefängnisses, das sich hinter dem Nürnberger Justizpalast befand. Die hochrangigen NS-Funktionäre, die vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagt waren, wurden dort während ihrer Prozesse im Justizpalast festgehalten. Das erste Sicherheitsproblem im Gefängnis war der Selbstmord von Leonardo Conti. Conti war der deutsche Amtsarzt, der für das Euthanasieprogramm der Nazis verantwortlich war. Er erhängte sich am 6. Oktober 1945 in seiner Zelle. Später im selben Monat, am 24. Oktober 1945, erhängte sich Robert Ley, ein nationalsozialistischer Gewerkschaftsführer, als zweiter Gefangener in seiner Zelle. Nach Leys Tod versprach Andrus, dass es keine weiteren Selbstmorde geben würde: Die Verurteilten könnten dem Henker nicht mehr entkommen.

Amerikanische Wärter wurden verpflichtet, ständige Überwachung zu gewährleisten und jede Zelle alle 30 Sekunden zu kontrollieren, um Selbstmorde zu verhindern. Andrus ordnete außerdem an, dass die Häftlinge mit den Händen außerhalb der Decke schlafen mussten. In den Zellen wurden Tische aufgestellt, die unter dem Gewicht eines Mannes zusammenbrachen, damit sich die Gefangenen nicht daran erhängen konnten. Rasierklingen, Krawatten und Schnürsenkel wurden entfernt. Während des täglichen Freigangs durchsuchten die Wärter jede Zelle. Die Bemühungen zur Verhinderung von Selbstmorden konnten Hermann Göring jedoch nicht daran hindern, sich am 15. Oktober 1946, wenige Stunden vor seiner Hinrichtung, mit einer Zyankalikapsel das Leben zu nehmen. Göring, der Chef der deutschen Luftwaffe, war der ranghöchste Nazi, der gehängt werden sollte. Zehn weitere NS-Führer wurden in den frühen Morgenstunden des 16. Oktober gehängt.

Das Versagen, Görings Selbstmord zu verhindern, führte im Dezember 1946 zur Abberufung von Andrus, kurz als eine neue Gruppe von Gefangenen zum so genannten Nürnberger Ärzteprozess eintraf. Andrus übernahm die Verantwortung für Görings Selbstmord. Das Rätsel, wie Göring an die Zyankalikapsel gelangte, ist bis heute nicht endgültig gelöst. Wie auch immer er es tat, der Selbstmord schadete Andrus’ Ruf schwer. Andrus war bei der Presse unbeliebt, und mit dem dritten Selbstmord eines NS-Führers nahmen die Angriffe auf ihn zu. Das Time Magazine bezeichnete Oberst Andrus in seiner Ausgabe vom 28. Oktober 1946 als „eingebildeten, korpulenten, einfallslosen, aber durchaus sympathischen Offizier, der seiner Aufgabe nicht gewachsen war“ und fügte hinzu, der Oberst sehe aus wie „eine aufgeblasene Schmollentaube“ („Down Without Tears“). Der Time-Artikel bezeichnete Andrus’ Sicherheitsmaßnahmen als ineffektiv und machte ihn für Görings Selbstmord verantwortlich.

In einem über 20 Jahre später erschienenen Buch behauptete Andrus, er sei nicht korpulent, sondern mit 72,5 kg und 1,78 m in bester körperlicher Verfassung. Er widersprach der Einschätzung des Time Magazine hinsichtlich seiner Verantwortung für Görings Selbstmord nicht. Nach seiner Abberufung vom Kommando in Nürnberg kehrte Andrus in die Vereinigten Staaten zurück und wurde dem Hauptquartier des Militärbezirks Washington, D.C., zugeteilt.

Späteres Leben

1948 schloss Andrus die Schule für Strategischen Nachrichtendienst ab. Sein nächster Einsatz führte ihn als Militärattaché nach Israel. Nach einem Jahr in Israel wurde er mit denselben Aufgaben nach Brasilien versetzt. Im April 1952 kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück und unternahm eine kurze Tournee durch das Land.

Andrus schied am 30. April 1953 aus der Armee aus und erfüllte sich seinen Wunsch, in der Puget-Sound-Region zu leben. Er zog nach Tacoma und besuchte das College of Puget Sound (später die University of Puget Sound). Andrus studierte bei Professor Charles T. Battin und unterstützte ihn bei der Leitung des Debattierclubs. 1955 erwarb Andrus einen Bachelor of Arts in Betriebswirtschaftslehre und im darauffolgenden Jahr einen Master-Abschluss.

Das College bat ihn, an der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre zu lehren. Er lehrte dort, als das College zur Universität wurde. Andrus setzte sich an der Universität stark für Veteranen ein. Er war außerdem bei den Pfadfindern aktiv. Als Professor setzte er sich für die Freilassung von Rudolf Heß aus dem Gefängnis Spandau ein. Burton C. Andrus starb 1977 im Madigan Army Hospital in Fort Lewis. Er und seine Frau Katherine Andrus sind auf dem Friedhof von Fort Worden in Port Townsend auf der Olympic-Halbinsel begraben.

Filmische Darstellung

Burton C. Andrus wurde in folgenden Filmen dargestellt: