Bruno Schüppenhauer

Bruno Heinz Arnold Schüppenhauer (* 4. Januar 1911 in Berlin-Marienfelde; † 22. September 1972 in Mainz) war ein deutscher SS-Hauptsturmführer sowie Beamter der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Als Kriminalkommissar war er 1942 Abwehrbeauftragter einer Arbeitsgemeinschaft zur Weiterentwicklung von U-Boot-Torpedos in Berlin. Von März bis August 1943 leitete er die Niederlassung der Danziger Gestapo in Gotenhafen, danach von September 1943 bis Frühsommer 1944 die Außenstelle des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) beim KZ Mittelbau-Dora in Niedersachswerfen. Nachfolgend war er bis Kriegsende mit Aufklärungs- und Abwehraufgaben bei einer Einheit der Division z.V. (zur Vergeltung). betraut.

Leben

Schule und Ausbildung

Bruno Schüppenhauer wurde 1911 als Sohn des preußischen Landjägermeisters Arnold Schüppenhauer (* 9. April 1879) und seiner Ehefrau Elsa, geb. Köhn (* 25. September 1890) geboren. Er besuchte das Realgymnasium in Berlin-Lichtenrade und bestand sein Abitur im Alter von 20 Jahren.

1931 begann er ein Jura- und Volkswirtschaftsstudium an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, wobei er eine spätere Promotion sowie die Aufnahme einer Tätigkeit in der Wirtschaft plante. Während des Studiums trat er einer schlagenden Verbindung bei und wurde am 28. Februar 1933 Mitglied der SS (SS-Nummer 130.937), zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.300.432).[1] 1936 hatte er den Rang eines SS-Unterscharführers erreicht.

Den auf drei Jahre angelegten universitären Teil des Studiums absolvierte er zeitlich verzögert in knapp fünf Jahren, wobei er Anfang 1934 zwar das zu diesem Zeitpunkt noch existierende juristische Zwischenexamen bestand, 1936 und 1937 dann aber zweimal an der ersten juristischen Staatsprüfung, dem sogenannten „Refrendarexamen“ scheiterte.

Im Rahmen der notwendigen beruflichen Neuorientierung beabsichtigte er dann zunächst die Aufnahme einer Tätigkeit bei der Kriminalpolizei. Auf Grund der Stellensituation mit Personalbedarf bei der Gestapo trat er in der zweiten Hälfte des Jahres 1937 aber letztlich in das, dem preußischen Ministerpräsidenten direkt unterstehende Geheime Staatspolizeiamt (Gestapa) ein[2]. Dieses wurde im September 1939 als Amt IV in das RSHA überführt.

Bei der Gestapo

Nach bestandener Aufnahmeprüfung und dreijähriger Vorbereitungszeit mit initialer polizeilicher Ausbildung im ostpreußischen Allenstein und Berlin sowie vormilitärischer Grundausbildung bei einem SS-Totenkopfverband vom 28. September bis 5. November 1938 nahm er ab dem Sommersemester 1941 am neunmonatigen, zweisemestrigen 16. Lehrgang für Kriminalkommissar-Anwärter an der militärisch geführten Führerschule der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienst es (SD) in Berlin-Charlottenburg teil.

Es ist davon auszugehen, dass er während der Lehrgangszeit zwischenzeitlich einer Einsatzgruppe der Sicherheitspolizei und des SD (EGr) angehört hat, da sowohl der seinerzeitige Kommandeur der Führerschule, der Jurist und SS-Sturmbannführer Günther Herrmann als auch die Lehrgangsteilnehmer von Ende Mai bis September 1941 zu den EGr abkommandiert waren.

Diese EGr gingen auf dem Gebiet der UdSSR ab Juli 1941 zur unterschiedslosen Ermordung von politischen Gegnern sowie der jüdischen Bevölkerung über. So war z. B. das von Herrmann befehligte Sonderkommando (Sk) 4b der EGr C zwischen Juli und Ende September 1941 für Massenerschießungen in Tarnopol, Winniza, Uman, Kirowograd und Krementschug verantwortlich. Bei den meisten der in den diesbezüglichen „Ereignismeldungen UdSSR“ genannten mindestens 1.798 Opfer handelte es sich um jüdische Bürger[3].

Nach Fortsetzung des Lehrgangs für Kriminalkommissar-Anwärter im Wintersemester 1941/1942 schloss Schüppenhauer diesen mit Facharbeit und Prüfung nach eigenen Angaben als „Jahrgangsbester“ ab. Die Ernennung zum SS-Untersturmführer am 30. Januar 1942[4] dürfte danach erfolgt sein.

Mit bestandener Prüfung war für Schüppenhauer eine Beförderung zum Hilfskriminalkommissar verbunden, die Zuweisung eines Dienstpostens mit Weiterbeförderung zum Kriminalkommissar auf Probe erfolgte danach üblicherweise binnen Tagen.

1942 war er dann zunächst politisch-polizeilicher Abwehrbeauftragter der mit der Weiterentwicklung von U-Boot-Torpedos beauftragten Arbeitsgemeinschaft Cornelius (AGC). Anschließend wurde er nach München und Graz versetzt und war an der Verfolgung kommunistischer Oppositioneller sowie Versuchen zur Zerschlagung ihrer Strukturen beteiligt.

Nachfolgend leitete Schüppenhauer von März bis August 1943 das, der Niederlassung des RSHA in Danzig unterstehende Grenzpolizei-Kommissariat in Gotenhafen. Im Vordergrund standen dabei wohl Überwachung und Verfolgung der unter deutscher Besatzung lebenden polnischen Bevölkerung[5], vielleicht aber auch Schutz des Stützpunktes der Kriegsmarine in Gotenhafen sowie des Torpedowaffenplatzes Gotenhafen-Hexengrund der von der Luftwaffe betrieben, von der Kriegsmarine aber auch zur Testung ihrer U-Boot-Torpedos genutzt wurde.

Im September 1943 wurde Schüppenhauer Mitglied des Divisionsstabes des Sonderbeauftragten für das V2-Programm, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Hans Kammler[6] und am 9. November 1943 zum SS-Obersturmführer ernannt. Zu dieser Personalie gab er später an, formal nie versetzt worden und bis Kriegsende Angehöriger der Grenzpolizei geblieben zu sein.

Er übernahm die Leitung einer dem RSHA direkt unterstehenden Dienststelle mit dem Tarnnamen „Außenstelle WIFO“ im thüringischen Niedersachswerfen. Der Name leitete sich von der Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft mbH (WIFO) ab, einer 1934 ursprünglich zur Entwicklung unterirdischer Öl- und Schmierstofflager gegründeten Tarnfirma die nun auch an der Untertageverlagerung der V2-Produktion im Kohnsteinmassiv beteiligt war.

Aufgabe dieser Dienststelle war anfänglich, die Produktion der V2 im sogenannten Mittelwerk zu sichern, die Arbeitskräfte zu überwachen sowie Spionage, Sabotage und Widerstandsgruppen zu bekämpfen. Im Frühjahr 1944 wurde der Aufgabenkreis um die Überwachung aller Kammlerschen Bauvorhaben bei der lokalen Untertageverlagerung der Rüstungsproduktion sowie den Schutz der gesamten V-Waffen-Fertigung mit Einbeziehung einer weiteren Produktionsstätte, dem sogenannten Nordwerk erweitert.

Die Außenstelle hatte weite Befugnisse und konnte auch selbständig Strafen gegen die KZ-Häftlinge. das Personal von Mittel- und Nordwerk sowie dort involvierte externe Firmen verhängen. Langjährige Haftstrafen und Todesurteile, die in den Mittelbau-Lagern vollstreckt werden sollten, sogenannte Sonderbehandlungen waren allerdings durch das RSHA zu bestätigen.

Das zu Beginn nur aus Schüppenhauer und wenige Mitarbeitern bestehende Personal wurde im Lauf der Zeit vergrößert und umfasste Anfang 1945 in etwa fünfzehn Gestapobeamte sowie zusätzliche Verwaltungsangestellte und Schreibkräfte. Unter diesen befand sich auch der Schüppenhauer bereits in Gotenhafen untergebene Kriminalobersekretär SS-Oberscharführer Ernst Sander.

Schüppenhauer selbst wurde zwischen April und Juni 1944 dann nach Blizna in Polen versetzt[7]. Sein Nachfolger als Dienststellenleiter wurde der Kriminalkommissar SS-Hauptsturmführer Adolf Häser.

Schüppenhauers weitere Verwendung führte ihn zu der auf dem SS-Truppenübungsplatz Heidelager nahe Blizna stationierten Lehr- und Versuchsbatterie 444, einer Einheit der Division z.V. In dieser Division dienten Soldaten von Wehrmacht und Waffen-SS gemeinsam mit zivilen Technikern für den Einsatz von Fernwaffen wie der V2, später auch der V1. Kommandeur war der V2-Sonderbeauftragte Kammler.

Aufgaben der Lehr- und Versuchsbatterie waren Ausbildung des V2-Bedienungspersonals sowie die Einsatzerprobung der Rakete selbst. Schüppenhauer übernahm dabei nach eigenen Angaben Stabsaufgaben der Feind-, Sabotage- und Spionageabwehr. Seine Befehle habe er von Generalmajor Walter Dornberger erhalten, einem Wehrmachtsoffizier und Ingenieur, der bis 1943 im Heereswaffenamt für das gesamte deutsche Raketenprogramm zuständig und nun für Training und Logistik der V2-Einheiten verantwortlich war.

Die Lehr- und Versuchsbatterie zog sich im Kriegsverlauf von 1944 bis Kriegsende 1945 schrittweise von Blizna bis auf ihre letzte Stellung bei Welmbüttel in Schleswig-Holstein zurück, wo Schüppenhauer nach Verschuss der letzten drei V2-Raketen in das Wattenmeer vermutlich in britische Kriegsgefangenschaft geriet.

Nach eigenen Angaben wurde er Anfang 1945 noch zum Kriminalrat befördert, was auf Grund der sogenannten Dienstgradangleichung mit der Ernennung zum SS-Hauptsturmführer verbunden gewesen sein dürfte.

Nach dem Krieg

Schüppenhauers polizeiliche Verwendung endete mutmaßlich 1945, da eine Wiederaufnahme seiner Tätigkeit in der Bundesrepublik wegen der Gestapoangehörigkeit durch §3 Absatz 4 des Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen vom 5. Januar 1951 rechtlich ausgeschlossen war. Anfang der 60er Jahre arbeitete er jedenfalls als kaufmännischer Abteilungsleiter eines Spirituosenherstellers in Oppenheim am Mittelrhein.

1959 begannen mehrjährige Ermittlungen zu Gewaltverbrechen im KZ Mittelbau-Dora durch Staatsanwaltschaften in Essen und Köln. Schüppenhauer selbst stritt in polizeilichen Vernehmungen ab, an der Folter von Häftlingen bei Verhören, sogenannten verschärften Vernehmungen oder Häftlingshinrichtungen, sogenannten Sonderbehandlungen beteiligt gewesen zu sein, wobei ein gerichtsfester Gegenbeweis nicht geführt werden konnte. Das gegen ihn wegen Anträgen auf Sonderbehandlung beim RSHA eingeleitete Ermittlungsverfahren wurde am 29. April 1964 aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Weitere Versuche einer rechtlichen Belangung in dieser Sache sind nicht bekannt; heute ist aber belegbar, dass er in die KZ-Einweisung zahlreicher, überwiegend aus Polen stammender, ziviler Arbeiter der WIFO involviert war[8]. Am 12. Oktober 1943 wurden zunächst 90 Männer inhaftiert; wie viele von diesen im KZ dann zu Tode kamen, ist nicht zu ermitteln. Eine Statistik vom 11. November 1944 weist noch 76 sogenannte WIFO-Häftlinge aus[9].

Im zivilen Leben

Schüppenhauer lebte bis 1945 in Osdorf, Großbeeren und Berlin, zuletzt Berlin-Tempelhof sowie zwischenzeitlich, beruflich bedingt, vorübergehend auch in Graz, Gotenhafen/Danzig und Niedersachswerfen/Ilfeld. Nach 1945 verblieb er bis Ende der 40er oder Anfang der 50er Jahre vermutlich in Schleswig-Holstein und übersiedelte dann nach Rheinland-Pfalz. 1955 wohnte er in Hoppstädten-Weiersbach, spätestens ab 1960 in Mainz.

Bruno Schüppenhauer war seit dem 19. April 1938 mit der drei Jahre jüngeren Johanna Müller verheiratet. Dieser Ehe entstammten insgesamt fünf zwischen 1938 und 1954 geborene Kinder von denen eines im ersten Lebensjahr verstarb. Er hatte zudem mindestens zwei außereheliche Kinder und wurde vom Schöffengericht Kaiserslautern am 29. Juli 1960 wegen fortgesetzter Verletzung der Unterhaltspflicht zu einer einmonatigen Haftstrafe mit dreijähriger Bewährungsfrist verurteilt.

Schüppenhauer verstarb am 22. September 1972 in Mainz und ist auf dem Waldfriedhof Mainz-Mombach bestattet.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/39920392
  2. J.C. Wagner (2015), Seite 649
  3. K.M. Mallmann u. a. (Hrsg.) (2011), Meldungen Nr. 14 vom 6. Juli, Nr. 19 vom 11. Juli, Nr. 47 vom 9. August, Nr. 88 vom 19. September, Nr. 94 vom 25. September und Nr. 111 vom 12. Oktober 1941
  4. J.C. Wagner (2015), Seite 649
  5. M. Tomkiewicz (Polska Hekatomba)
  6. J.C. Wagner (2015), Seite 480
  7. J.C. Wagner (2015), Seite 649
  8. M. Bornemann (1994), Seiten 23 und 102
  9. J.C. Wagner (2015), Seite 391