British Pet Massacre

Als British Pet Massacre werden Heimtier-Masseneuthanasien im Vereinigten Königreich im September 1939 und 1940 bezeichnet. Ein wahrscheinlicher Auslöser der ersten Tötungswelle war eine kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte behördliche Anleitung. Darin wurde der Bevölkerung im Falle eines Luftkriegs geraten, Haustiere, die nicht aus den Städten gebracht werden konnten, einschläfern zu lassen. Allerdings kam es erst ein Jahr später tatsächlich zu Luftangriffen, was die Tötung zahlreicher weiterer Tiere zur Folge hatte.

Laut amtlichen Daten wurden beim British Pet Massacre ungefähr 750.000 Haustiere eingeschläfert. Nach dem Krieg geriet es in Großbritannien in Vergessenheit. Erst in den 2010er Jahren wurde das Ereignis durch Bücher und Medienberichte in der britischen Öffentlichkeit wieder bekannt.

Hintergrund

Während des Ersten Weltkriegs griffen die deutschen Luftstreitkräfte das Vereinigte Königreich an.[1] Etliche Heimtierbesitzer, vor allem in London, kamen dabei um oder flüchteten ohne ihre Tiere. Der Großteil der streunenden Tiere verhungerte aufgrund der kriegsbedingten Lebensmittelknappheit. Als sich im Sommer 1939 ein weiterer Krieg anbahnte, beschloss die britische Regierung, einer vergleichbaren Situation vorzubeugen.[2]

Das National Air Raid Precautions Animals Committee (kurz NARPAC), eine Unterabteilung der Luftschutzbehörde, wurde damit beauftragt. Sie erstellte einen an städtische Tierhalter gerichteten Leitfaden. Er erhielt die Empfehlung, ihre Tiere im Fall von Luftangriffen auf Großbritannien in fremde Obhut zu geben, vorzugsweise auf dem Land. Ansonsten sei eine Euthanasie die humanste Alternative. Dem Handbuch lag eine Annonce für eine Schlachtschusspistole bei. Die Ausführungen des NARPAC erschienen zusätzlich in sämtlichen Zeitungen sowie im Radio.[3]

Einschläferungswellen

September 1939

Am 3. September 1939 erklärte das Vereinigte Königreich gemäß des Beistandspaktes dem Dritten Reich zwei Tage nach dem Überfall auf Polen den Krieg.[4] Innerhalb der nächsten Woche entschieden sich Tausende Haustierbesitzer trotz des Sitzkriegs, also ausbleibender militärischer Aktionen beider Seiten, für die Einschläferung. Forscher sehen dafür unterschiedliche Ursachen. Der Psychologe Stanley Coren betrachtet regelmäßige Propaganda mit dem Thema „Tierquälerei der Nationalsozialisten“ als Faktor,[5] etwa einen Daily-Mirror-Artikel über Joachim von Ribbentrops in der deutschen Botschaft in London zurückgelassenen Chow-Chow.[6] Die Historikerin Clare Campbell geht von einer direkten Wirkung der NARPAC-Broschüre aus, ihre Kollegin Hilda Kean hingegen von „kollektivem Pflichtgefühl“. Während des Sitzkriegs hätten viele Briten eine Art „lähmende Langeweile“ verspürt und daher in der Tiereuthanasie eine Möglichkeit gesehen, ihr Land zu unterstützen.[7] Kean vermutet weiterhin, dass einige Betroffene ihre letztlich nicht umgesetzte Erwägung, die eigenen Verwandten zu töten, um ihnen mögliches Kriegsleid zu ersparen, auf die Heimtiere übertrugen („However, people did not kill human members of the family either at the outbreak of war or when aerial bombing commenced as they had threatened. [...] But no doubt in some instances such sentiments were displaced onto the family pet“).[8] Diese seien zwar vermehrt als Familienmitglieder und Gefährten, aber gleichzeitig als entbehrlich betrachtet worden.[9]

Die hohe Anzahl an Einschläferungen stellte eine logistische Herausforderung dar. Tierärzte legten die Kadaver auf den Straßen ab, da die Einrichtung People’s Dispensary for Sick Animals (PDSA) mit den Einäscherungen nicht nachkam. Sie errichtete deshalb einen Tierfriedhof in Ilford. Der National Canine Defence League (NCDL), einer anderen Tierschutzorganisation, ging das Chloroform aus. Sie verwendete für die Tötungen den Begriff September holocaust (holocaust bezog sich im damaligen englischen Sprachraum allgemein auf Katastrophen verschiedener Art und wurde erst ab 1942 in Bezug auf die Schoa verwendet).[10]

Außer der NCDL kritisierten weitere Stellen die Haustiertötungen. Die PDSA sowie die Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals (RSPCA) bezeichneten sie als „brutal und unmoralisch“[5] und bestritten ebenso wie Journalisten der BBC und The Times ihre Notwendigkeit.[2] Die British Army beklagte indes den Verlust potentieller Diensthunde.[5] Jedoch wurden einige Heimtiere vor der Einschläferung bewahrt. So konnten die Angestellten des Battersea Dogs and Cats, des ältesten Tierheims des Landes, durch Gespräche mit Haltern über 140.000 Haustiere aufnehmen.[10] Die Duchess Nina Douglas-Hamilton trug ebenfalls zur Reduzierung der Tötungen bei, indem sie auf ihrem Landsitz in Wiltshire eine Tierunterkunft eröffnete.[11]

September 1940

Obwohl es im September 1940 erstmals zu Bombenangriffen auf Großbritannien und dadurch einem erneuten massenhaften Anstieg an Einschläferungen kam,[12] fiel die Zahl getöteter Haustiere im Vergleich zum ersten Mal geringer aus. Das hatte mehrere Gründe. Zum einen blieben viele Tiere entgegen der Erwartungen während der Luftalarme ruhig, statt auszureißen.[13] Tiere beeinflussten daneben die Moral der Zivilbevölkerung positiv. Sie spendeten nach Angaben von Zeitzeugen sowohl ihren Besitzern als auch Fremden in den Luftschutzbunkern Trost.[14] Einige, die bei Luftangriffen an der Seite ihrer Halter starben, entwickelten sich in der Presse zu Symbolen für nationale Anteilnahme und Resilienz.[2] Zudem kamen Hunde und Katzen in zerstörten Städten zum Einsatz. Erstere suchten nach Überlebenden in Gebäudetrümmern, während zweite die unkontrollierte Vermehrung von Mäusen und Ratten verhinderten. Selbst die Lebensmittelknappheit war für Halter erträglicher als zunächst befürchtet. Sie aßen als Tierfutter gedachtes Pferdefleisch und teilten ihre Rationen, darunter Fisch sowie Milch, mit ihren Tieren, was die Regierung trotz eines offiziellen Verbots tolerierte, auch da Kontrollen kaum durchsetzbar waren.[9]

Nachwirkungen

Für September 1939 sind in den Archiven der RSPCA um die 400.000 getötete Heimtiere verzeichnet. Diese Zahl vergrößerte sich bis zum selben Monat des darauffolgenden Jahres auf circa 750.000.[15] Das British Pet Massacre blieb nicht lange in der öffentlichen Wahrnehmung.[9] Nach Keans Einschätzung bevorzugte die britische Bevölkerung eine Verdrängung des Ereignisses, das nicht ins Selbstbild der „tierlieben“[3] und im Krieg resoluten Nation passe.[2]

Stephen Poliakoff behandelte die Massentötungen in seinem Weltkriegsdrama Glorious 39 von 2009.[16] Darin werden in zwei Szenen Heimtiere zur Einschläferung gebracht und ihre Kadaver auf Lagerfeuern verbrannt.[17] In den 2010er Jahren erschienen mehrere Bücher über das British Pet Massacre, dessen öffentliche Bekanntheit dadurch zunahm. Das erste war der 2012 veröffentlichte Roman The Great Escape von Megan Rix über drei Haustiere, die der Einschläferung entkommen und sich auf den Weg zu ihren nach Devon evakuierten Besitzern machen.[15] Campbell widmete dem British Pet Massacre ein Kapitel ihres ein Jahr darauf erschienenen Sachbuchs Bonzo’s War: Animals Under Fire 1939–1945 über die Situation von Tieren im Zweiten Weltkrieg,[18] während Keans monothematisches The Great Cat and Dog Massacre: The Real Story of World War Two’s Unknown Tragedy 2017 herauskam.[19] Ever Dundas’ Roman Goblin aus demselben Jahr handelt von einem Mädchen, das die Massentötungen mit einer Boxkamera festhält.[20]

Literatur

  • Clare Campbell: Bonzo’s War: Animals Under Fire 1939–1945. Little, Brown and Company, New York 2013, ISBN 978-1-4721-0687-2 (englisch).
  • Hilda Kean: The Great Cat and Dog Massacre: The Real Story of World War Two’s Unknown Tragedy. University of Chicago Press, Chicago 2017, ISBN 978-0-226-31832-5 (englisch).

Einzelnachweise

  1. Rodney Madison: Air Warfare, Strategic Bombing. In: Spencer C. Tucker (Hrsg.): World War I: The Definitive Encyclopedia and Document Collection. Bloomsbury Publishing, London 2014, ISBN 979-8-216-16870-6.
  2. a b c d Colin Dickey: The Pets’ War: On Hilda Kean’s „The Great Cat and Dog Massacre“. In: Los Angeles Review of Books. 30. April 2017, abgerufen am 20. Juni 2025 (englisch).
  3. a b Alison Feeney-Hart: The little-told story of the massive WWII pet cull. In: BBC. 12. Oktober 2013, abgerufen am 11. Juli 2025 (englisch).
  4. Frank McDonough: Neville Chamberlain, appeasement, and the British road to war. Manchester University Press, Manchester 1998, ISBN 0-719-04832-X, S. 86–89.
  5. a b c Stanley Coren: The Forgotten History of the British Pet Holocaust. In: Psychology Today. 28. September 2022, abgerufen am 3. September 2025 (englisch).
  6. Simon Garfield: Des Hundes bester Freund: Die Geschichte der untrennbaren Verbindung von Mensch und Hund. Gräfe und Unzer, München 2021, ISBN 978-3-8338-8215-9, S. 245.
  7. Carla T. Main: London’s Dogs Go to Heaven. In: The Wall Street Journal. 30. März 2017, abgerufen am 3. September 2025 (englisch).
  8. Kean: The Great Cat and Dog Massacre: The Real Story of World War Two’s Unknown Tragedy. S. 52.
  9. a b c Manfred Dworschak: Keep calm – and kill your dog. In: Der Spiegel. 12. Juli 2017, abgerufen am 3. September 2025.
  10. a b Marie Carter Robb: Remembering the British ‘pet holocaust’: WW2’s slaughtered cats and dogs. In: The Independent. 12. November 2017, abgerufen am 3. September 2025 (englisch).
  11. Christopher Mace & Cheryl Dennis: Sanctuary ‘proud’ 85 years on from animal deaths. In: BBC News. 6. September 2024, abgerufen am 3. September 2025 (englisch).
  12. Richard Girling: The Longest Story: How Humans Have Loved, Hated and Misunderstood Other Species. Oneworld Publications, London 2021, ISBN 978-0-86154-057-0, Kapitel The Wolf’s Lair.
  13. Rebecca Onion: The Government Advice That Scared 750,000 Britons Into Euthanizing Their Pets. In: Slate. 7. Januar 2014, abgerufen am 3. September 2025 (englisch).
  14. Elena Passarello: Keep Calm and Kiss the Cat Goodbye: Mass Pet Euthanization Before the Blitz. In: The New York Times. 21. April 2017, abgerufen am 3. September 2025 (englisch).
  15. a b Daisy Greenwell: Pets were the first victims of war. In: The Times. 2. Mai 2012, abgerufen am 3. September 2025 (englisch).
  16. Interview with Stephen Poliakoff. In: Writers & Artists. 27. Juli 2009, abgerufen am 6. September 2025 (englisch).
  17. Geoffrey Macnab: Glorious 39, London Film Festival. In: The Independent. 27. Oktober 2009, abgerufen am 6. September 2025 (englisch).
  18. Robin Wichard: Re-living Britain in the 1940s. Pen & Sword Books, Barnsley 2023, ISBN 978-1-399-01815-9, S. 222.
  19. Claus Kirchelle: Bearing Witness: Ruth Harrison and British Farm Animal Welfare (1920–2000). Springer International Publishing, London Barnsley 2021, ISBN 978-3-03062-792-8, S. 66.
  20. Magnus Linklater: When pets became the first victims of war. In: The Times. 20. Mai 2017, abgerufen am 3. September 2025 (englisch).