Brahmi-Zahlschrift

Die Brahmi-Ziffern sind indische Zahlzeichen aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Von ihnen stammen die indischen Ziffern ab, die sich später als arabische Ziffern weltweit verbreiteten. Das Brahmi-Zahlensystem unterschied sich jedoch konzeptionell von diesen späteren Systemen, da es sich um ein nicht-positionelles Dezimalsystem handelte und keine Null enthielt. Spätere Ergänzungen des Systems umfassten separate Symbole für jedes Vielfache von 10 (z. B. 20, 30 und 40). Es gab auch Symbole für 100 und 1000, die in Ligaturen mit den Einheiten kombiniert wurden, um 200, 300, 2000, 3000 usw. zu bezeichnen. In Textverarbeitungssystemen werden diese Ligaturen mit dem Brahmi-Zahlenverbinder als Unicode U+1107F geschrieben.

Ursprung und Entwicklung

Zusammen mit der aus der aramäischen Schrift entstandenen Brahmi-Schrift wurden die Brahmi-Ziffern spätestens um 250 v. Chr. unter der Herrschaft Ashokas verwendet.

Der Ursprung der ersten drei Ziffern scheint klar zu sein: Es handelt sich um Kombinationen aus 1, 2 und 3 Strichen, die zu Ashokas Zeiten vertikal wie römische Ziffern I, II und III geschrieben, aber bald horizontal wie die chinesischen Han-Ziffern notiert wurden. In den ältesten Inschriften sieht die 4 wie ein + aus, was an das X der aus dem aramäischen Alphabet abstammenden Kharoṣṭhī-Schrift erinnert und vielleicht eine Darstellung von 4 Linien oder 4 Richtungen ist. Die anderen Einheitsziffern scheinen jedoch selbst in den ältesten Inschriften willkürliche Symbole zu sein.

Nach einer Hypothese entstanden die Symbole aus der vom aramäischen Alphabet abstammenden Kharoshthi-Schrift, nach einer anderen aus den hieratischen Ziffern. Zwar gibt es einige plausible Gründe für beide Vermutungen, dennoch sind sie eher als spekulativ anzusehen. Vermutlich sind die Brahmi-Ziffern, ähnlich wie die Zahlensymbole der hieratischen Schrift, aber unabhängig von ihnen, aus schreibökonomischen Vereinfachungen ursprünglich primitiver Strichgruppen entstanden.[2]

Eine andere Möglichkeit ist, dass die Ziffern akrophonisch wie die griechischen Zahlzeichen waren und auf dem Kharoṣṭhī-Alphabet basierten. Zum Beispiel hatte die 4 „chatur“ früh eine Form, die dem Kharosthi-Buchstaben 𐨖 „ch“ sehr ähnlich war, während die 5 „pancha“ dem Kharosthī 𐨤 „p“ auffallend ähnlich sieht; und so weiter bis hin zu 6 „ssat“ und 𐨮, dann 7 „sapta“ und 𐨯 und schließlich 9 „nava“ und 𐨣. Allerdings gibt es Probleme hinsichtlich des Zeitrahmens und fehlender Aufzeichnungen. Der vollständige Satz von Ziffern ist erst im 1. bis 2. Jahrhundert n. Chr., also 400 Jahre nach Ashoka, belegt. Behauptungen, dass die Ziffern entweder von Strichlisten abgeleitet oder alphabetisch sind, sind bestenfalls fundierte Vermutungen.

Ebenso stehen die Einheiten für die Zehner nicht offensichtlich miteinander oder mit den Einheiten in Beziehung, obwohl 10, 20, 80, 90 möglicherweise auf einem Kreis basieren.

Altes System ohne Null
Hindu–arabische Ziffern 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 1000
Brahmi-Ziffern 𑁒 𑁓 𑁔 𑁕 𑁖 𑁗 𑁘 𑁙 𑁚 𑁛 𑁜 𑁝 𑁞 𑁟 𑁠 𑁡 𑁢 𑁣 𑁤 𑁥

Um 500 n. Chr. entwickelte sich in Indien das dezimale Stellenwertsystem, allerdings zunächst nicht mit den Brahmi-Ziffern, sondern mit allegorischen Zahlwörtern, erst Bhaskara I. verwendet die ersten neun Brahmi-Ziffern zusammen mit einem kleinen Kreis für die Null in einem Dezimalsystem.

Stellenwertsysteme mit Null
Hindu–arabische Ziffern 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 1000
Sanskrit-Ziffern (देवनागरी) १० २० ३० ४० ५० ६० ७० ८० ९० १०० १०००

Eigenschaften

Auch wenn die ersten neun Zahlzeichen die direkten Vorfahren unserer heutigen Ziffern sind, so handelt es sich bei den Brahmi-Ziffern nicht um ein Stellenwertsystem. Es gab keine Null und eigene Zahlzeichen für die Zehner (10, 20, 30,…) sowie für die 100 und 1000. Die entsprechenden Zahlen 200, 300,… wurden durch Ligaturen ihrer Ziffern dargestellt.

Wesentliches Merkmal der Brahmi-Ziffern ist, dass sie ausschließlich zur Darstellung von Zahlen verwendet wurden, in dieser Hinsicht ähnlich den babylonischen, ägyptischen und chinesischen Zahlzeichen, und nicht wie in allen anderen vom phönizischen Alphabet abstammenden Schriften der Antike eine Doppelbedeutung als Buchstabe und als Ziffer besaßen.

Literatur

(in der Reihenfolge der Veröffentlichung)

  • David Eugene Smith, Louis Charles Karpinski: The Hindu-Arabic Numerals. Ginn and Company, Boston / London 1911 (englisch, archive.org [PDF; 9,5 MB; abgerufen am 10. Januar 2026]).
  • Karl Menninger: Zahlwort und Ziffer – eine Kulturgeschichte der Zahl. Hirt, Breslau 1934.
  • Georges Ifrah: Universalgeschichte der Zahlen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 1986, ISBN 3-593-33666-9.
  • Robert Kaplan: Die Geschichte der Null. Piper, München 2003, ISBN 978-3-492-23918-9 (englisch: The Nothing That Is: A Natural History of Zero. 1999. Übersetzt von Andreas Simon).

Einzelnachweise

  1. Smith / Karpinski, The Hindu-Arabic Numerals, S. 25
  2. Georges Ifrah: Universalgeschichte der Zahlen. Campus, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-593-33666-9, S. 391.