Brünings Saalbau
| Saalbau, Damm Nr. 16. (Grundstück Ass.-Nr. 218/219) | |
|
| |
| Lage im Plan Braunschweig um 1798, Friedrich Wilhelm Culemann |
Brünings Saalbau war ein ehemaliges Theater, Veranstaltungshaus und Kino mit Restaurantbetrieb in Braunschweig.
Gebäudegeschichte
Das Gebäude wurde in den Jahren 1787 bis 1792 nach Plänen von Christian Gottlob Langwagen als Palais für den Oberkammerrat und Schatzrat von Veltheim am Damm 16 errichtet. Das dreigeschossige Haus war an der Straßenfront elf Fensterachsen breit. In der Mitte wurde es durch einen Risalit betont, der über kräftige Pfeiler einen Balkon abstützte. Pilaster ionischer Ordnung trugen einen Dreiecksgiebel. Das Erdgeschoss war durch Putzstreifen gegliedert und besaß seitliche Eingänge.
Von 1809 bis 1820 ist der Kammerherr Philip Leberecht von Cramm, Oelber und Sambleben (1762 – 4. Februar 1820), der am 2. April 1816 Philippine von Griesheim (1790–1886) heiratete, an der Adresse (Grundstück Ass.-Nr. 218/219) verzeichnet. Der Kaufmann Johann Degener betrieb auf dem Grundstück seit 1821 eine Wollhandlung (zeitweise auch eine Stärke-, Zichorien- und Zuckerfabrikation). Seit 1854 besaß Moritz Bruhn, der den Verlag C. A. Schwetschke & Sohn erworben und eine Filiale in Braunschweig eröffnet hatte, dort eine Druckerei und Verlagsbuchhandlung, die sein Sohn Harald Bruhn verkaufte 1884 das Grundstück.
1885 eröffnete Julius Behnecke dort einen Konzert- und Theatersaal.[1] Es gab dort zudem drei weitere Gesellschaftssäle, ein Restaurant und einen Wintergarten. 1892 übernahm Louis Brüning den Betrieb und das Anwesen, das fortan Brünings Saalbau genannt wurde, kam 1894 in den Besitz der Familie Brüning. Brüning war mit Conradine (geborene Ding, verwitwete Saue) verheiratet. Er war zuvor Schlachtermeister, Restaurateur und Hotelier in Wernigerode. Neben dem Saalbau betrieb er in Braunschweig das Zentralhotel und das Hotel auf dem Brocken.[2] Nach Brünings Tod führte seine Witwe das Unternehmen zunächst fort. 1899 wurde die „Brünings Saalbau, Aktiengesellschaft“ gegründet, die den Betrieb der Gaststätten und Theater übernahm. Wilhelm Kruse, der den Wilhelmsgarten betrieb, war einer der Mitbegründer dieser Aktiengesellschaft.[3]
Es gab zahlreiche, teilweise überregionale, Veranstaltungen in Brünings Saalbau (Auswahl):
- Die Mitglieder der Ortsgruppe Braunschweig der Deutschsozialen Partei (DSP) trafen sich regelmäßig jeden Freitag um 9 Uhr im sogenannten Roten Saal.[4]
- 69. Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, die vom 20. bis 25. September 1897 in Braunschweig im Großen Saal stattfand. Dort hielt Richard Meyer eine Eröffnungsrede über „Chemische Forschung und chemische Technik in ihrer Wechselwirlung“ und der Berliner Medizinalrat Wilhelm Waldeyer einen Vortrag über „Befruchtung und Vererbung“.[5][6]
- Im September 1898 wurde hier das Stück Luther. Historisches Charakterbild in sieben Abtheilungen. von Otto Devrient aufgeführt.[7]
- Am 12. März 1899 gab es eine öffentliche Versammlung der Landesrechtspartei bei der die Bewohner Braunschweigs aufgefordert wurden aus ihrer Mitte Männer zu wählen, um ein Komitee zu bilden und die Klagen über die schlechten Eisenbahnverhältnisse in einer Denkschrift festzuhalten, die im ganzen Land jedermann zur Unterschrift vorgelegt werden sollte.[8]
- Vom 13. bis 15. April 1908 fand der 3. Verbandstag des Vereinsverbandes akademisch gebildeter Lehrer Deutschlands statt.[9]
- Vom 1. bis 15. Mai 1909 fand hier eine Ringkampfkonkurrenz statt, an der unter anderem die Ringer Karl Grunewald, Emile Dériaz (Schweiz), Emile Peyrouse (Spanien) und Heinrich Winzer (Hamburg) teilnahmen.[10]
- Am 1. Dezember 1918 gab es hier eine Bürgerliche Kundgebung gegen die Revolutionsregierung Tausende Bürger versammelten sich im Lokal „Brünings Saalbau“ und bezog Position gegen die Revolution.[11]
- 1924 hielt die Deutschnationale Partei (DNP) dort Wahlveranstaltungen ab.
Am 10. Februar 1944 wurde das ehemalige Palais von Veltheim beziehungsweise Brünings Saalbau mitsamt des Kinos durch Bombenabwürfe schwer beschädigt. Obwohl das Gebäude über einen Luftschutzkeller verfügte, in den sich zahlreiche Personen geflüchtet hatten, überlebte niemand den verheerenden Brand. Das stark zerstörte Gebäude wurde später abgetragen.[12]
Behneckes Saalbau
Der Gasthofbesitzer Julius Behnecke erwarb im November 1884 für 260 000 Mark das Bruhnsche Grundstück (Ass.-Nr. 217/218) am Damm, um dort einen Saalbau einzurichten. Unterstützt wurde er bei der Finanzierung durch Hermann Wolff. Er beauftragte den Architekten Erdmann Hartig mit der Anfertigung eines Entwurfes für den Um- und Anbau. Am 2. März 1885 wurde mit dem Abriss der dort befindlichen Gebäude und am 15. März mit dem Ausschachten des Baugrundes begonnen. Am 2. Mai wurde der Grundstein gelegt und bereits nach fünfeinhalb Monaten am 15. Oktober 1885 mit einem großen Konzert eingeweiht werden, an dem 70 Musiker und 400 Sänger mitwirkten. Das für den Staatsbeamten von Veltheim erbaute Vordergebäude wurde dabei nur geringfügig verändert. Der eigentliche Neubau mit seinen rund 1400 m² beginnt mit der Vorhalle (Korridor).[14]
Baubeschreibung
- Im Erdgeschoss lagen die Restaurationsräume, Garderoben, eine Vorhalle (230 m²), der großen Konzertsaal (560 m²) mit Bühne (260 m²), Wintergarten mit Nebenzimmern (210 m²), sowie eine Anzahl von Abtritten.
- Im Kellergeschoss befand sich unterhalb der Restauration ein Billardsaal, die Küchenräume mit Wein-, Gemüse- und Wirthschaftskellern, unterhalb des großen Saales gab es 4 Kegelbahnen, Räume für die beiden Luftheizungen der Gebrüder Körting aus Hannover, die Maschinen zur elektrischen Beleuchtung von der Elektrotechnischen Fabrik Schorch, Scharrenweher & Co. aus Rheydt, die Dampfmaschinen und Kessel sowie die Versenkungseinrichtungen für die Bühne.
- Im 1. Obergeschoss gab es 2 Übungssäle mit etwa 110 bis 120 m² Fläche mit zugehörigen Nebenzimmern, die für Vereinszwecke vorgesehen waren, 3 Klubzimmer, weitere Garderoben und die Logen für den Großen Saal.
- Im 2. Obergeschoss befanden sich die Wohnräume des Wirts und die Personalunterkünfte.
Der großen Saal wurde durch 14 Bogenlichter und zahlreiche Glühlichter beleuchtet und hatte zudem zwei große Kronleuchter mit je 84 Lichtern. Die Bühne wurde ebenfalls elektrisch beleuchtet. Als Notlichter gab es zusätzliche Gaslampen.[14]
Bauausführung
Das Unternehmern Heise und Wilkens erledigte die Mauerarbeiten, der Ingenieur Germer entwarf die Kochkonstruktion, die von dem Fabrikanten August Wilke ausgeführt wurde. Die Theaterdekorationen wurden von den Hoftheatermalern Klüppel und Rüger angefertigt. Mit der Ausstattung der Fürstenloge, der Restaurationen und der Übungssäle wurde der Tapezierer Theodor Wehrsen beauftragt.
Die Herstellungskosten beliefen sich auf 250 000 Mark für den Bau und 60 000 Mark für die Anschaffung des Inventars auf. Zuzüglich der Kosten für den Grunderwerb hatte die komplette Anlage, einschließlich des Zinsverlustes, einen Wert von etwa 600 000 Mark.
Der neue Saalbau wurde von der Bevölkerung Braunschweigs seit seiner Eröffnung gut angenommen.[14]
Neues Operettentheater
Im den Jahren 1903 bis 1904 wurde das Theater Brünings Saalbau vollständig umgebaut und erhielt Logen und Ränge, ein Foyer und neue Garderoben. Die Eröffnung des Neuen Operetten-Theaters fand am 1. Juli 1904 statt. Es wurde als hochelegantes Sommertheater mit prachtvollem großen Garten bezeichnet und bot fast 2000 Personen Platz. Die erste Spielzeit dauerte bis zum 1. September 1905. Eigentümer war die Brünings Saalbau, Aktiengesellschaft,[15] später Brünings Saalbau und Kruses Wilhelmsgarten A.G.
Um 1908 gab es hier eine Weinstube mit dem Namen „Zum Rebstock“ und eine Restauration mit Logen, großem Saal und Wintergarten. Im Garten gab es häufig Konzerte und im Saal wurden oft Vorstellungen gegeben (Neues Operettentheater). 1914 pachtete der Hamburger Kaufmann Dentler Brünings Saalbau und ließ das Gebäude zu einem modernen Kinotheater umbauen. Die Zeitschrift Der Kinematograph berichtete im August 1913:
„Braunschweig: Das bekannte Theater- und Restaurationslokal ‚Brünings Saalbau‘ ist an Herrn Martin Dentler, der es in ein Kinematographentheater umwandeln will, auf 18 Jahre verpachtet worden. Die Uebernahme erfolgt am 1. Juli nächsten Jahres.“[16]
Im Folgejahr wurde die Eröffnung für den 27. August angekündigt.[17]
Saalbau-Lichtspiele
Die Saalbau-Lichtspiele wurden am 27. August 1914 um 17:00 Uhr am Damm 16 feierlich eröffnet und waren eines der ersten Kinos in Braunschweig. Sie galten als das bis dahin größte und vornehmste Kinotheater der Stadt. Das geräumige Haus war nahezu komplett mit geladenen Gästen gefüllt. Zunächst hatte es einen Festmarsch zu dem als Brünings Saalbau bekannten Gebäude gegeben. Anschließend folgte die Eröffnungsrede Rudolf Schwanneckes, des Leiters des Stadttheaters Innsbruck, der einen von Walter Turszinsky gedichteten Prolog vortrug. In diesem wurde auf die Aufgaben der neuen Lichtspielbühne hingewiesen und zu regem Besuch derselben eingeladen.
In der ersten Vorführung wurden Filmaufnahmen vom Rhein gezeigt, die von der Sängerin Marie Schoepffer mit dem Lied Am Rhein (1902 von Engelbert Humperdinck komponiert, Text von Johann von Wildenradt) begleitet wurden. Es folgten Filmberichte, wie die Kriegsberichterstattung, die eindrucksvolle Bilder von den Schauplätzen des Krieges an den Fronten im Osten und Westen zeigten. Es folgte eine Vorführung der Kriegs-Allegorie Michels eiserne Faust von Heinrich Bolten-Baeckers und der propagandistische Film Die Grenzwacht im Osten von Emil Albes (auch bekannt als Nun aber wollen wir sie dreschen). Den krönenden Abschluss bildete der Film Bismarck von Richard Schott, Gustav Trautschold und William Wauer, eine filmische Biographie mit den markantesten Ereignisse aus dem Leben des Kanzlers Otto von Bismarcks.
Musikalisch untermalt wurden die Vorführungen wurden durch das Lichtspiel-Orchester, das vom Kapellmeister Gehring geleitet wurde. Weise musikalisch begleitet. Die Besucher der Eröffnungsvorstellung zeigten durch häufiges, beifälliges Klatschen an, dass ihnen die Vorführungen gefallen hatten. Die erste für das breite Publikum bestimmte Vorstellung war ebenfalls gut besucht. Insgesamt bot das Lichtspielhaus Platz für rund 1500 Personen.[18]
In einer Werbung der Luna-Filmgesellschaft wurde damit geworben, dass die Saalbau-Lichtspiele von Martin Dentler trotz erhöhter Eintrittspreise täglich ausverkauft waren, was an der Vorführung des Film-Sketches Ein brauner Lappen mit persönlichen Auftritten von Anna Müller-Lincke und Franz Schmelter liege, der von dieser Filmgesellschaft vertrieben werde. Es folgt der Abdruck einer Schreibens von Martin Dentler, Direktor der Saalbaulichtspiele und der Vereinigten Lichtspieltheater in Braunschweig, vom 23. Oktober 1915, in dem er sich für die Uraufführung des Filmes bedankte.[19] Das Lichtspielhaus wurde bis zur Zerstörung im Februar 1944 betrieben.
Literatur
- Peter Albrecht: Cafés in Braunschweig. Eine Zeitreise vom 18. bis ins beginnende 21. Jahrhundert. Von Kaffeehäusern, Cafés, Cafés Chantants, Bars, Conditoren, Canditoren, Gartencafés, Restaurants und Hotels. Wallstein, Göttingen 2024, ISBN 978-3-8353-5453-1,. doi:10.5771/9783835385252
- Andreas Döring: Wirth! Nochmal zwo Viertel Stübchen! Braunschweiger Gaststätten & Braunschweiger Bier damals. Kuhle, Braunschweig 1997, ISBN 3-923696-84-1.
- Saalbau-Lichtspiele in Braunschweig. In: Lichtbild-Bühne. 7. Jahrgang, Nr. 76. Lichtbild-Bühne, Berlin 7. November 1914, S. 27 (Textarchiv – Internet Archive).
- Brünings Saalbau. In: Luitgard Camerer, Manfred Garzmann, Wolf-Dieter Schuegraf (Hrsg.): Braunschweiger Stadtlexikon. Joh. Heinr. Meyer Verlag, Braunschweig 1992, ISBN 3-926701-14-5, S. 47.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Postkarte Braunschweig, Brüning’s Saalbau, Theatersaal andreas-praefcke.de.
- ↑ Vom Brockenhotel. In: Der Gesellige : Graudenzer Zeitung. 70. Jahrgang, Nr. 211. Gustaw Röthe, 8. September 1895, linke Spalte Mitte (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Pfälzer Gastlichkeit an der Oker Brünings Saalbau und Familie Ding. In: Helmut Nebes (1915–1994) und Marianne Nebes geb. Ding (1919–2015) – Zwei Leben in Episoden. S. 13 ff. (sbk-bs.de PDF).
- ↑ Deutsch-Soziale Blätter. Selbstverlag, Leipzig 1892, S. 489 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Literarisches Centralblatt für Deutschland. Nr. 35. E. Avenarius, Leipzig 1850, Sp. 1150 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ 69. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte in Braunschweig. In: Stahl und Eisen. Verlag Stahleisen, Düsseldorf 15. September 1897, S. 790–791 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Otto Devrient: Luther-Festspiel in Brüning’s Saalbau zu Braunschweig, September 1898 : Luther. Historisches Charakterbild in sieben Abtheilungen. J. H. Meyer, Braunschweig 1898.
- ↑ Allgemeine Zeitung. Jahrgang 102, Nr. 75. München 16. März 1899, S. 3 (digitale-sammlungen.de).
- ↑ Blätter für das bayerische Gymnasialschulwesen. Band 44. Lindauersche Buchhandlung, München 1908, S. 313–314 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Ringkämpfe in Braunschweig. In: Illustrierte Sportzeitung. 18. Jahrgang, Nr. 19, 8. Mai 1909, S. 428 (digitale-sammlungen.de).
- ↑ Historiker: „Die Monarchie hatte 1918 schlicht versagt“. In: Braunschweiger Zeitung. 2018 (braunschweiger-zeitung.de).
- ↑ Frieder Schöbel, Heinz Friedrich (Hrsg.): Braunschweig im Bombenkrieg. Band 1: Dokumente zur Ausstellung : 28.9. – 31.10.2003. Wiss. Verlag, Berlin 2004, S. 97.
- ↑ Paul Mebes: Um 1800; Architektur und Handwerk im Letzten Jahrhundert ihrer traditionellen Entwicklung. Band 2. F. Bruckmann, München 1908, S. 31 (Textarchiv – Internet Archive – Fotografie).
- ↑ a b c Behneckes Saalbau in Braunschweig – Architekt Erdmann Hartig. In: Karl Emil Otto Fritsch, Friedrich Wilhelm Büsing, Albert Hofmann (Hrsg.): Deutsche Bauzeitung. Kommissionsverlag von Carl Beelitz, Berlin 20. Februar 1886, S. 85–86 (Textarchiv – Internet Archive – Grundriss S. 85).
- ↑ F. A. Gunther: Neues Operettentheater. In: Neuer Theater-Almanach für das Jahr 1906. Band 17. F. A. Günther & Sohn., Berlin 1906, S. 308 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Der Kinematograph. E. Lintz, Düsseldorf August 1913 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Lichtbild-Bühne. 7. Jahrgang, Nr. 52. Verlag Lichtbild-Bühne, Berlin August 1914, S. 14 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Saalbau-Lichtspiele in Braunschweig. In: Lichtbild-Bühne. 7. Jahrgang, Nr. 76. Lichtbild-Bühne, Berlin 7. November 1914, S. 27 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Der Kinematograph. Nr. 461. E. Lintz, Düsseldorf Oktober 1915 (Textarchiv – Internet Archive – Keine Seitenzahlen Blatt 465–466).
Koordinaten: 52° 15′ 44,9″ N, 10° 31′ 28″ O