Brühwarm
Brühwarm war ein schwules Theaterkollektiv in der Bundesrepublik Deutschland, das Mitte der 1970er Jahre in Hamburg entstand. Es gilt als die erste überregional aktive und bekannteste schwule Theatergruppe jener Zeit und wird als zentraler Impulsgeber des schwulen Theaters in der Bundesrepublik Deutschland betrachtet.
Geschichte
Das Kollektiv wurde Ende 1974 zunächst unter dem Namen Ödipus-Kollektiv (Bund Schwuler Theaterschaffender) von Corny Littmann und Hans-Georg Berger gegründet. 1976 benannte sich die Gruppe nach ihrem ersten Stück Brühwarm – ein schwuler Jahrmarkt um. Die Premiere fand in der Hamburger Fabrik statt.
Brühwarm verstand sich als Kollektiv mit wechselnder Besetzung. Neben Littmann wirkten u. a. Ralph Mohnhaupt, Lutz Ulbrich, Ernst Meibeck, Danny Lewis, Claus Plänkers und Götz Barner mit.[1] Frauen waren an Regie- und Produktionsaufgaben beteiligt, etwa Graciela Stanis. Auf Tournee bestand die Gruppe jedoch ausschließlich aus schwulen Männern.
Bis Ende der 1970er Jahre brachte Brühwarm drei Produktionen heraus – Brühwarm – ein schwuler Jahrmarkt (1976), Männercharme (1977) und Nymphomannia – eine Operette aus dem schwulen Alltag (1978). Die Aufführungen kombinierten Sketche, Parodien, Lieder und Publikumseinbeziehung und thematisierten u. a. psychiatrische Diskurse über Homosexualität, polizeiliche Überwachung, Verfolgung im Nationalsozialismus, schwule Kunst- und Kulturgeschichte sowie Sexualität und Geschlechterrollen.
Eine enge Zusammenarbeit bestand mit der Band Ton Steine Scherben und Rio Reiser, die Musik für die Produktionen schrieben. Aus dieser Kooperation entstanden die Alben Mannstoll (1977) und Entartet (1979), die Lieder des schwulen Theaters einem größeren Publikum bekannt machten.
Rezeption und Wirkung
Brühwarm trat rund 200 Mal in Jugendzentren, Universitäten, linken Kulturzentren und Theatern in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf und erreichte ein Publikum von etwa 160.000 Personen.[2] Die Stücke verstanden sich als Mischung aus politischem Agitprop, volkstheatralen Elementen, Travestie und Alltagszeugnis schwuler Lebenswelten.
Das Kollektiv gilt als wichtiger Bestandteil der westdeutschen Schwulenbewegung und zugleich als Teil der sich etablierenden freien Theaterszene. Mit seiner Mischung aus künstlerischer Praxis und politischer Agitation trug Brühwarm entscheidend zur Sichtbarkeit schwuler Kultur in den 1970er Jahren bei.[3]
Nachwirkung
Aus dem Umfeld von Brühwarm und Corny Littmann gingen in den 1980er Jahren zahlreiche weitere Gruppen hervor, etwa der Tuntenchor mit Untergruppen wie den Budaschwestern oder den Spalding Sisters, und Familie Schmidt – aufrecht, deutsch, homosexuell. Auch Kunstschaffende wie Georgette Dee, Dirk Bach, Hella von Sinnen und Thomas Hermanns knüpften an die schwullesbische Theaterszene an.
Einzelnachweise
- ↑ Frank Hermann: Was macht eigentlich … das Musikkabarett Brühwarm? In: Siegessäule. 13. Januar 2016, abgerufen am 31. Oktober 2025.
- ↑ Bernhard Rosenkranz, Gottfried Lorenz: Hamburg auf anderen Wegen. Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt. Lambda, Hamburg 2006, S. 184–190.
- ↑ Eike Wittrock: Das Coming-out des Theaters. Brühwarm und das schwule Theater der 1970er Jahre. In: Jenny Schrödl, Eike Wittrock (Hrsg.): Theater* in queerem Alltag und Aktivismus der 1970er und 1980er Jahre. 2. Auflage. Neofelis, Berlin 2023, ISBN 978-3-95808-340-0.