Brückenkopfgebäude (Linz)
Die Brückenkopfgebäude oder Finanzgebäude West und Finanzgebäude Ost sind zwei neoklassizistische Gebäude der NS-Zeit am südlichen Brückenkopf der Nibelungenbrücke. Sie befinden sich im statistischen Bezirk Innere Stadt in der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz.
Die Bauten wurden ab 1940 von Roderich Fick nach Entwürfen von Anton Estermann errichtet.[1] Sie waren für das Oberfinanzpräsidium Oberdonau und das Wasserbauamt bestimmt und Teil des von Adolf Hitler geplanten Ausbaus zur „Patenstadt des Führers“.[2] Die Bauarbeiten wurden ab 1942 aufgrund der „sich ständig verschlechternden Lage der Bauwirtschaft“ eingestellt und kamen 1943 zum Erliegen: „Im Mai 1942 gab Hitler die Anweisung, die Fassade fertigzustellen, den Innenausbau dagegen bis nach dem Krieg ruhen zu lassen“.[3][4]
Die Fertigstellung erfolgte erst nach dem Zweiten Weltkrieg als „Wiederaufbaumaßnahme“ in den späten 1940er Jahren.
Geschichte
In der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 marschierten Truppen des nationalsozialistischen Deutschen Reichs im Rahmen des Unternehmen Otto in Oberösterreich ein. Am 13. März wurde im Hotel Weinzinger in Linz der „Anschluss Österreichs“ an den NS-Staat durch Hitler und Bundeskanzler Seyß-Inquart vollzogen.[5] Am selben Tag versprach Hitler den Bau einer neuen Donaubrücke sowie die Übernahme einer Patenschaft über die Stadt Linz.[1] Linz sollte Hitlers Alterssitz werden, daher wurde es in die Liste der „Führerstädte“ Berlin, Hamburg, München und Nürnberg eingereiht, deren Aus- und Umbauten für Hitler besonders wichtig waren.[6]
Von den geplanten Prachtbauten entlang des nördlichen und südlichen Donauufers sowie entlang einer Achse vom Hauptplatz Richtung Süden über den heutigen Hauptbahnhof hinaus wurden bis Kriegsende jedoch nur die Nibelungenbrücke und die Brückenkopfgebäude samt Wasserstraßenamt realisiert. Auch die geplante Prachtstraße „In den Lauben“, die vom Volksgarten in Richtung Süden zu einem neuen Hauptbahnhof verlaufen wäre, kam nie zur Ausführung.
1939 bewilligte Albert Speer von Berlin aus den Bau der neuen Linzer Brückenkopfgebäude.[7] Sie wurden ab 1940 nach Plänen von Anton Estermann durch den NS-Architekten Roderich Fick erbaut. Fick wurde von Adolf Hitler persönlich mit der Planung beauftragt, jedoch ab 1941 zunehmend von dem Architekten Hermann Giesler abgelöst, der mit der Donauuferbebauung auf der Urfahraner Seite beauftragt wurde.[8] Für die beiden Brückenkopfgebäude und das Wasserstraßenamt mussten acht Häuser mit insgesamt 274 Wohnungen abgerissen werden. Dies umfasste Teile der Bad- und der Adlergasse und führte teilweise zu Zwangsumsiedlungen.[9] Das Richtfest wurde am 4. Dezember 1941 gefeiert.[4] Die Bauarbeiten wurden ab 1942 aufgrund der „sich ständig verschlechternden Lage der Bauwirtschaft“ jedoch eingestellt und kamen 1943 zum Erliegen: „Im Mai 1942 gab Hitler die Anweisung, die Fassade fertigzustellen, den Innenausbau dagegen bis nach dem Krieg ruhen zu lassen“.[3][4] Als Fertigstellungsdatum wird meist 1947 genannt,[7] jedoch wurden „[noch] 1948 […] Installationen aus dem ehemaligen KZ Mauthausen ausgebaut, um sie in den Brückenkopfbauten zu verwenden“.[4]
Für die Bauarbeiten konnten Zwangsarbeiter bei den beteiligten Firmen und Zulieferbetrieben nachgewiesen werden. Hermann Rafetseder geht von etwa 500 Arbeitern aus, die am Bau der Brückenkopfgebäude beteiligt waren, von denen eine Vielzahl diese Arbeit nicht freiwillig tat und nicht bzw. nicht angemessen entlohnt wurde.[10] Für den Sockel des zum Gebäudekomplex gehörenden Heinrich-Gleißner-Hauses wurde zudem Granit verwendet, der von KZ-Häftlingen abgebaut worden war. Ob auch für die Nibelungenbrücke und die Brückenkopfgebäude Steinmaterial aus Mauthausen zum Einsatz kam, ist nicht gesichert.[11]
Gebäude
Das Brückenkopfgebäude Ost befindet sich östlich der Nibelungenbrücke, das Brückenkopfgebäude West westlich derselben. Die Bauten wurden von Roderich Fick im neoklassizistischen Stil mit barockisierenden Elementen entworfen, um sich in die bestehende Architektur des Hauptplatzes einzufügen. Sie sind annähernd symmetrisch und besitzen jeweils Arkadengänge zur Adlergasse (Ost), bzw. zur Badgasse (West). Das Innere der Bauten, ursprünglich für das Oberfinanzpräsidium bestimmt, wurde erst nach 1945 fertiggestellt. Zum Komplex der Brückenkopfgebäude gehört außerdem das westlich anschließende Heinrich-Gleißner-Haus (ehemaliges Wasserstraßenamt). Nicht zur Ausführung gelangte ein östlich anschließendes Donauhotel. Zur Donauseite hin sollten die Mittelachsen der Brückenkopfgebäude gemäß der ursprünglichen Pläne von NS-Hoheitsadlern bekrönt werden.
Am Brückenkopfgebäude West befindet sich ein Relikt der 1938 abgerissenen Vorgängerbauten. Ein Relief wurde aus ungeklärten Gründen erhalten und auf das heutige Gebäude übernommen. Darauf zu sehen ist eine Windrose mit der Darstellung der Verkehrsmittel Flugzeug, Automobil, Eisenbahn und Schiff, sowie die Jahreszahl 1936.[12] Im zweiten Hof des Brückenkopfgebäudes West befindet sich der Sirenenbrunnen von Erich Ruprecht aus dem Jahre 1956, im Hof des Gebäudes Ost ebenfalls ein Brunnen. Beide Gebäude waren ursprünglich mit je einem Paternosteraufzug ausgestattet. Dabei handelte es sich um die einzigen derartigen Anlagen in Oberösterreich. Mit Einzug der Kunstuniversität um 1980 wurde derjenige im Gebäude West außer Betrieb genommen und durch einen herkömmlichen Lift ersetzt; später wurde auch derjenige im Gebäude Ost ersetzt.
Die Brückenkopfgebäude wurden 2008 unter Denkmalschutz gestellt, 2013 wurde der Denkmalschutz auf Antrag der Stadt Linz teilweise wieder aufgehoben.[13] Zwischen 2015 und 2018 wurden die Gebäude nach Plänen des Architekten Krischanitz renoviert und das Dachgeschoß wurde umgestaltet. 2023 wurde an der Fassaden der beiden Brückenkopfgebäude die senkrechten Schriftzüge Kunstuniversität Linz bzw. University of Arts Linz in der Schriftart Linz Sans aufgebracht.[14]
Nutzung
Nach den Plänen von 1940 sollten die Brückenkopfgebäude das Oberfinanzpräsidium des Reichsgaus Oberdonau beherbergen. In den 1950er Jahren zog das Finanzamt in das östliche Gebäude und verblieb dort bis 2008. Bis in die 1970er Jahre befand sich dort auch das Gasthaus Stadtkeller. Nach dem Umzug des Finanzamts zum Bahnhofsplatz wurde das leere Gebäude im Kulturhauptstadtjahr 2009 vom Lin09-Infocenter zwischengenutzt. 2015 bis 2017 wurde das östliche Gebäude umgebaut und beherbergt seither die Kunstuniversität.
Das westliche Gebäude wurde von städtischen Behörden und privaten Gewerben genutzt. Bis 1955 war darin der Sender Rot-Weiß-Rot (später: ORF) untergebracht. Ab 1947 zog die Kunstschule ein (später: Kunstuniversität). Außerdem waren dort der Würstelstand Warmer Hans (bis 2016), das Standesamt, das Stadtarchiv und die städtischen Kunstsammlungen untergebracht. Die Wasser-Apotheke hat hier nach wie vor ihren Sitz. Nach den Umbauten zwischen 2017 und 2019 zog die Kunstuniversität erneut in das westliche Gebäude ein. Somit werden beide Brückenkopfgebäude nun von der Kunstuniversität genutzt.[15]
Erinnerungskultur
1997 wurde die Wehrmachtsausstellung nach Linz geholt und im Brückenkopfgebäude West gezeigt. Dadurch wurde erstmals ein deutlicher Zusammenhang der Brückenkopfgebäude mit dem KZ-System, mit Zwangsarbeit sowie der Rüstungsindustrie hergestellt.[16] Im Rahmen von Linz 2009 (Kulturhauptstadt Europas) fand eine intensive Auseinandersetzung mit baulichen Relikten aus der NS-Zeit und ihren Kontinuitäten statt. Das Projekt „Unter uns“, das die Künstlerin Hito Steyerl gemeinsam mit der Architektin Gabu Heindl und dem Historiker Sebastian Markt im Rahmen von Linz09 durchführte, zeichnete temporär die Wege ehemaliger jüdischer Bewohner der Hauptplatzgebäude durch Abschlagen des Verputzes infolge der Umsiedlungen nach und zeigte durch Recherchen, dass die ehemaligen Bewohner zum Teil in Konzentrationslager deportiert wurden oder deren Wege in Flucht und Exil mündeten.[17]
Die jüngste Diskussion um die Brückenkopfgebäude fand im Zuge ihres Umbaus 2015 bis 2019 statt.[18] Der Audiospaziergang „Steingeschichten“ ist seit 2017 Teil der Interventionen rund um die Brückenkopfgebäude und die Nibelungenbrücke. Leo Dressel wirft in dieser Arbeit eine plurale und heterogene Perspektive auf die NS-Bauten und verknüpft sie mit heutigen Debatten um Migration, Arbeitsverhältnisse und Kunst.[19] Seit 2021 besteht innerhalb der Kunstuniversität Linz eine Arbeitsgruppe zur Gebäudegeschichte[20], die sich mit der Geschichte der Gebäude auseinandersetzt, eine historische Kontextualisierung der Gebäude konzipiert und im Zuge der Straßennamendiskussion temporäre Umbenennungen der Innenhöfe der Brückenkopfgebäude durchführt. So wurde 2023 der Innenhof des Gebäudes am Hauptplatz 8 nach der jüdischen Comickünstlerin Lily Renée benannt, die 1939 mit Kindertransporten vor den Nationalsozialisten aus Wien über England nach New York City flüchten konnte.[21]
Literatur
- Angela Koch: Die Brückenkopfgebäude in Linz. Ein Spiegel zeitgenössischer Erinnerungspolitiken. In: Ingrid Böhler, Karin Harrasser, Dirk Rupnow, Monika Sommer, Hilde Strobl (Hrsg.): Ver/störende Orte. Zum Umgang mit NS-kontaminierten Gebäuden. mandelbaum verlag, Wien 2024, ISBN 978-3-99136-019-3, S. 86–99.
- Hanns Christian Löhr: Hitlers Linz. Der „Heimatgau des Führers“. Ch. Links Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-86153-736-6.
- Lioba Schmitt-Imkamp: Roderich Fick (1886-1955). In: Hitlers Architekten (Bd. 3). Böhlau Verlag, Wien 2014, ISBN 978-3-205-79594-0.
- Georg Schöllhammer (Hrsg.): Strategie der Überwindung: Umbau und Erweiterung der Kunstuniversität Linz durch Architekt Krischanitz. Park Books, Zürich 2020, ISBN 978-3-03860-187-6.[22]
- Hermann Rafetseder: Zwangsarbeit für den Linzer Brückenkopf. Gutachten im Auftrag des Archivs der Stadt Linz. Linz 2009, 61 S. (ooegeschichte.at [PDF]).
Weblinks
- Brückenkopfgebäude. In: stadtgeschichte.linz.at, Denkmäler in Linz.
- Bibliografie zur oberösterreichischen Geschichte. Suche nach 'Brückenkopfgebäude'. In: ooegeschichte.at. Virtuelles Museum Oberösterreich
Einzelnachweise
- ↑ a b Roman Sandgruber: Hitlers „Kulturhauptstadt“. In: Forum OÖ Geschichte. Verbund Oberösterreichischer Museen, 13. September 2008, abgerufen am 31. Oktober 2025.
- ↑ Linz im Nationalsozialismus – Ideologie und Realität. Archiv der Stadt Linz, abgerufen am 31. Oktober 2025.
- ↑ a b Hermann Rafetseder: Zur Geschichte von Gelände und Umfeld der Johannes Kepler Universität Linz, unter besonderer Berücksichtigung der NS-Zeit im Raum Auhof – Dornach. Hrsg.: Johannes Kepler Universität Linz. Linz 2016, S. 80 (jku.at [PDF]).
- ↑ a b c d Hermann Rafetseder: Zwangsarbeit für den Linzer Brückenkopf. Hrsg.: Archiv der Stadt Linz. Linz November 2009, S. 52 (ooegeschichte.at [PDF]).
- ↑ Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich vom 13. März 1938. Im Reichsgesetzblatt, Teil I Nr. 21 vom 14. März 1938, S. 237.(Digitalisat der ÖNB)
- ↑ Fritz Mayrhofer: Die „Patenstadt des Führers“. Träume und Realität. In: Fritz Mayrhofer, Walter Schuster (Hrsg.): Nationalsozialismus in Linz. 1. Auflage. Archiv der Stadt Linz, Linz 2001, S. 343–345.
- ↑ a b Andrea Bina, Lorenz Potocnik (Hrsg.): Architecture in Linz. 1900–2011. Springer-Verlag, Wien 2012, S. 112.
- ↑ Hanns Christian Löhr: Hitlers Linz. Der „Heimatgau des Führers“. Ch. Links Verlag, Berlin 2013, S. 24–50.
- ↑ Hanns Christian Löhr: Hitlers Linz. Der „Heimatgau des Führers“. Ch. Links Verlag, Berlin 2013, S. 57.
- ↑ Hermann Rafetseder: Zwangsarbeit für den Linzer Brückenkopf. Gutachten im Auftrag des Archivs der Stadt Linz. Archiv der Stadt Linz, Linz 2014, S. 40 ff.
- ↑ Bertrand Perz, Gabriele Hackl, Alexandra Wachter: Wasserstraßen. Die Verwaltung von Donau und March 1918-1955. Hrsg.: Bertrand Perz, Gabriele Hackl, Alexandra Wachter. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2020, S. 77,177.
- ↑ Eduard Straßmayr: Jahrbuch der Stadt Linz 1936. Preßverein, Linz 1936.
- ↑ Erhard Gstörrner, Lukas Luger: Was tun mit den NS-Bauten am Brückenkopf? In: OÖNachrichten. 28. Dezember 2013, abgerufen am 1. Februar 2024.
- ↑ Nora Heindl: Kunstuni Linz verpasst sich zwölf Meter lange Schriftzüge an den Fassaden. In: tips.at. 20. Juli 2023, abgerufen am 20. Juli 2023.
- ↑ Kunstuniversität Linz: Geschichte. Abgerufen am 2. Februar 2024.
- ↑ Reinhard Kannonier, Brigitte Kepplinger: Irritationen. Die Wehrmachtsausstellung in Linz. Hrsg.: Reinhard Kannonier, Brigitte Kepplinger. Buchverlag Franz Seinmaßl, Grünbach 1997.
- ↑ Die Installation UNTER UNS arbeitete die NS-Geschichte des Brückenkopfgebäudes auf. 2009, abgerufen am 1. Februar 2024.
- ↑ Adolf Krischanitz, Georg Schöllhammer: Der Brückenkopfbau. Über Schwierigkeiten die Nulllinie zu finden. Ein Gespräch. In: Georg Schöllhammer (Hrsg.): Strategie der Überwindung. Umbau und Erweiterung der Kunstuniversität Linz durch Architekt Krischanitz. Park Books, Zürich 2020, S. 29.
- ↑ Leo Dressel: Steingeschichten. Abgerufen am 1. Februar 2024.
- ↑ Kunstuniversität Linz: Gebäudegeschichte. Abgerufen am 1. Februar 2024.
- ↑ Kunstuniversität Linz: Kunstuniversität Linz benennt Hof nach Comiczeichnerin Lily Renée. Abgerufen am 1. Februar 2024.
- ↑ Häuser mit bewegter Geschichte: Neues Buch zu Linzer Brückenkopfgebäuden. In: tips.at. 25. Oktober 2020, abgerufen am 16. Juli 2023 (Buchvorstellung).
Koordinaten: 48° 18′ 24,6″ N, 14° 17′ 10,5″ O