Bosko (Zeichentrickfigur)

Bosko ist eine fiktive Figur im Besitz des Time-Warner-Konzerns. Er war die Hauptfigur einer von 1930 bis 1933 produzierten Reihe von insgesamt 39 Zeichentrickfilmen, die die Warner-Bros.-Studios als Teil Looney-Tunes-Reihe veröffentlichten, und später Hauptfigur einer kleinen Zahl von Cartoons die von MGM produziert wurden.

Bosko war der erste Cartoon-Star der Warner Brothers-Studios, der in einer fortlaufenden Serie von Zeichentrickfilmen auftrat. In der ersten Hälfte der 1930er Jahre war die Figur recht beliebt, wurde in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts dann aber zugunsten von neu entwickelten Figuren der Studios wie Porky Pig (Schweinchen Dick), die sich als deutlich flexibler, vielseitiger und vor allem populärer erwiesen, ersetzt, die schließlich seinen Platz als Hauptfigur der Cartoon-Produktionen der Studios übernahmen. Ab 1935 wurden noch einige Bosko-Cartoons für MGM als Teil der Reihe Happy Harmonies produziert, die Rechte an welchen 1986 von Turner Productions erworben wurden, wodurch sie später in den Besitz von Warner Brothers gelangten.

Aufgrund von aus der Perspektive moderner Sensibilitäten bedenklichen Aspekten der Figur ist Bosko seit seiner Hochzeit in den 1930er Jahren nur noch in sehr geringem Umfang in späteren Zeichentrick-Produktionen von Warner Brothers verwendet worden.

Die Bosko-Figur und die Geschichte der Kurzfilmveröffentlichungen zu ihr

Bosko ist eine putziger, aber kräftig und robust wirkender, kleiner Kerl mit dunkler (tintenfarbener) Körperfarbe, der einen Derby auf dem Kopf trägt.

In den Bosko-Cartoons selbst und in der Öffentlichkeitsarbeit der Warner Brothers Studios wurde seinerzeit in den 1930er Jahren niemals genauer erklärt, was er eigentlich sein sollte: Da die meisten Cartoon-Stars der 1920er und 1930er Jahre, wie Mickey Mouse oder Oswald the Lucky Rabbit, antropomorphe Tiere waren, wurde weithin angenommen, dass auch Bosko eine irgendwie von einem Tier – etwa einer Katze oder einem Affen – inspirierte Figur sei. Viele Animatoren, die an den Bosko-Cartoons mitarbeiteten, äußerten aber bereits in den 1930er Jahren Unbehagen, dass die Figur, da sie einen sehr dunklen Körper hatte, von damals gängigen negativen Stereotypen von Afroamerikanern inspiriert sein könnte. Boskos Mitschöpfer Rudolf Ising erklärte später, dass die Figur als ein "tintenklecksartiges etwas" (inkspot sort of thing), weder Mensch noch Tier, aber mit dem Benehmen eines kleinen Jungen, von ihm und seinem Partner Hugh Harman entwickelt worden sei.

Die Jahrzehnte später zugänglich gewordenen, die Figur beschreibenden, Unterlagen für die Copyright-Anmeldung für Bosko bestätigten dann, dass Bosko tatsächlich ursprünglich als ein kleiner afroamerikanischer Junge ("Negro boy") konzipiert worden war. Der Animationshistoriker Leonard Maltin hat die Figur daher in ihrer Urfassung als eine cartoonisierte Version eines schwarzen Jungen mit einem Südstaatenafroamerikanerdialekt beschrieben.

Die Schöpfer von Bosko waren die Animatoren Hugh Harman und Rudolf Ising. Die beiden hatten in den 1920er Jahren bei den Walt Disney Studio an den Alice Comedies, Animationskurzfilmen, die Zeichentrickanimationen mit Filmaufnahmen realer Darsteller kombinierten, mitgearbeitet. 1927/1928 entwickelten die beiden die Figur von Bosko in ihrem Grundkonzept. Anlass hierzu war der Erfolg der im selben Jahr aufkommenden Tonfilme, der es ihnen als vielversprechend erscheinen ließ, eine Cartoon-Figur zu entwickeln, die die üblichen erheiternden visuellen Gags mit einer interessanten und unterhaltsamen Stimme (oder sonstigen akustischen Äußerungen) kombinieren würde. Am 3. Januar 1928 reichte Harman Zeichnungen der neuen Figur beim U.S. Copyright Office ein, wo diese entsprechend registriert wurde.

Nachdem Ising und Harman 1928 die Disney-Studios verließen, heuerten sie kurzzeitig bei den Universal Studios an, wo sie unter CHarles Mintz an den Oswald the Lucky Rabbit-Cartoons, die Universal von Disney übernommen hatte, mitarbeiteten.

1929 schieden Harman und Ising bei Universal aus, um als freischaffende Künstler ihre neue Figurenschöpfung, Bosko, bei einem Studio unterzubringen zu versuchen. Im Mai 1929 produzierten sie einen Kurzfilm mit Bosko als Hauptfigur, dem sie den Titel Bosko, the Talk-Ink Kid (ein Wortspiel aus dem phonetischen Ähnlichklang der Wörter talking [redend] und talk [Rede] ink [Tine], so dass der Titel zugleich als Bosko, das sprechende Kind [talking kid] [wobei das Reden von Filmfiguren 1929, als noch der Stummfilm dominierte, noch eine Novität war] und als Bosko, das redende Tinten-Kind [talk-ink kid] verstanden werden kann): Die bemerkenswerte technische Neuerung, die sie mit diesem Film zur Schau stellen wollten, bestand darin, ihre Fähigkeit Cartoons zu animierten die mit einer Tonspur aus aufgenommenen Dialogen und Melodien synchronisiert war, um so die Illusion zu erzeugen, dass die in einem Film zu sehenden animierten Figuren zu Musik, die ein Bestandteil des abgespielten Films ist (und nicht von einem live während der Vorführung spielenden Pianisten, wie es in den 1920er Jahren üblich war), tanzen und dass die animierten Figuren reden und singen. Der Kurzfilm, der keine Plot hat, beginnt mit einer Filmaufnahme von Ising an seinem Zeichentrick: Nachdem der Animator eine Zeichnung von Bosko auf ein etwa DINA-3 großes Blatt Papier aufträgt, erwacht die Figur plötzlich zum Leben und beginnt zu reden, singen, tanzen und Klavier zu spielen. Am Ende taucht Ising Bosko in ein Tintenfass und der Cartoon endet. Der Cartoon gilt als Meilenstein in der Geschichte des Animationsfilms, da er der erste hauptsächlich animierte Film ist, der synchronisierte Klangelemente, zumal Sprache enthält. Im Gegensatz zu den frühen Disney-Klangcartoons der Zeit, die im Wesentlichen Musik mit bewegten Bildern verknüpften und so gut wie keine Sprachelemente enthielten, stellte Isings und Harmans Werk erstmals filmisch wiedergegebene Dialoge in einem Cartoon in den Vordergrund.

Nachdem Ising und Harman den Cartoon mehreren Studios angeboten hatten, bot Leon Schlesinger den beiden einen Vertrag an, eine Serie von Cartoons für Warner Brothers mit der Bosko-Figur zu produzieren. Bosko wurde daraufhin der erste Star der von Warner Brothers veröffentlichten als Looney Tunes, einer Reihe von kurzen Cartoons mit ausgefallener Klangunterlegung (Dialog, Geräusche und Musik). Die Budgets der Bosko-Cartoons lagen bei bis zu 6.000 Dollar pro Cartoon.

Kennzeichnend für die meisten Bosko-Cartoons war, dass diese an die Struktur von Vaudeville-Shows angelehnt waren, so dass in ihnen reichlich Musik, Gesang und Tanz geboren wurde, während kaum ein Plot dem Geschehen auf der Leinwand zugrunde lag bzw. dieses leitete. Das zeitgenössische Publikum der Jahre 1930 bis 1933 störte sich hieran indessen nicht, da aus seiner Sicht (nachdem es bisher nur Stummfilme gekannt hat) das Erscheinen von Figuren auf der Kinoleinwand, die redeten, sangen und Musik produzierten (noch dazu in einer synchronisierten Weise mit ihren animierten Mundbewegungen sangen und reden bzw. in einer mit ihren Körperbewegungen synchronisierten Weise tanzten), eine staunenerregende und beeindruckende technische Neuerung war, so dass die meisten Zuschauer das Geschehen auf der Leinwand gefesselt als ein kleines Wunder oder zumindest als etwas ausgesprochen originelles Neues betrachteten. Dementsprechend waren die Bosko-Cartoons von 1930 bis 1932 überaus populär, zeitweise in ihrem Anklang beim Publikum sogar mit den 1928 begonnenen Cartoons der Mickey Mouse-Reihe annähernd auf einer Stufe stehend.

Als erste Stimme von Bosko fungierte der Schauspieler Carman Maxwell, der die Figur in einigen Cartoons von 1929 und 1930 sprach. Dieser gab Bosko einen typischen Südstaatendialekt, speziell unter Nachahmung des Stimmklangs und Redeweise vieler schwarzhäutiger Südstaatler. In späteren Cartoons wurde dieser Aspekt hingegen zurückgeschraubt: Die Figur sprach nun mit einer generischen, akzentfreien, Falsettstimme. Eine Art Stammspruch der Figur wurde der formularische Ausruf "Mmmm! Dat sho' is fine!", den Bosko in vielen seiner Cartoons ausstieß, wenn er etwas sah, was ihm gefiehl, wie einen schmackhaften Sandwich oder ein hübsches neues Kleid seiner Freundin.

Außer Bosko selbst traten in vielen der Bosko-Cartoons noch Boskos Freundin Honey und sein Hundo Bruno sowie eine namenlose Ziege, die ihm das Leben schwer machte, auf.

Die Beziehung von Bosko und Honey war eng an die Beziehung von Mickey Mouse und Minnie Mouse in den frühen Mickey Mouse-Cartoons der Disney Studios angelehnt, indem beide während der kleinen Geschichten, die die Bosko-Cartoons erzählen, in zaghaft-verschämt-zärtlicher Weise miteinander romantisch anbandeln.

Späterer Cartoon-Historiker haben den Bosko-Cartoons zugestanden, gemessen an den hochgradig rassistischen Darstellungen schwarzhäutiger Personen während der 1930er Jahre, mit ihrer Darstellung des Pärchens die „ausgewogensten Porträtierung von Schwarzhäutigen in Cartoons bis zu dieser Zeit“ (the most balanced portrayals of blacks in cartoons to that point). Tom Bertino hat die Macher der Bosko-Cartoons rückblickend dafür gelobt, einfach gängige Geschichten mit zwei schwarzhäutigen Figuren erzählt zu haben, ohne auf der rassischen Zugehörigkeit derselben herumzureiten und nicht auf negative Stereotypen über Afroamerikaner, die damals verbreitet waren, zurückzugreifen, wie dass Schwarzhäutige eine übersteigerte Vorliebe dafür hätten, ständig Wassermelonen zu verspeisen. Statt als erniedrigende Karikatur wurde Bosko meist als ein mutiger und findiger Junge, der zufällig schwarz war, dargestellt. Eine Ausnahme hiervon war der Cartoon Congo Jazz von 1930, in dem Bosko in einen Dschungel reist und in einer Tableau-Aufnahme zwischen einen kleinen Affen und einen Gorilla gestellt wird, wobei die Gesichtszüge aller drei identisch sind und Bosko nur durch seine Kleidung als menschlich identifizierbar ist.

1933 verließen Harman und Ising die Warner-Bros.-Studios aufgrund von Differenzen mit Leon Schlesinger über die Höhe des Budgets für die von ihnen angefertigten Cartoons. Da sie sich alle Rechte an Bosko vorbehalten hatten, schied ihre Figur zusammen mit ihnen bei Warner Brothers aus, so dass Warner Bros. seit 1933 keine Bosko-Cartoons mehr anfertigen konnten. Harman und Ising fanden eine neue Anstellung bei den MGM-Studios, wo sie eine neue Cartoon-Reihe mit dem Namen Happy Harmonies initiierten. Als Teil dieser Reihe wurden in den folgenden Jahren noch eine Reihe weiterer Bosko-Cartoons bei MGM angefertigt. Die Bosko-Figur wurde zu dieser Zeit einer Generalüberarbeitung ihres Erscheinungsbildes unterzogen. Diese neu-desginte Version der Figur trat nur noch in sieben Technicolor-Cartoons auf, die weitgehend negative Resonanz erfuhren, bevor Harman und Ising sich entschieden, die Figur nicht weiter zu verwenden, sondern nur noch neu entwickelte Figuren in den Mittelpunkt ihrer Cartoons zu stellen.

Seit den 1950er Jahren wurden die alten Bosko-Cartoons im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt. Sie wurden zu diesem Zweck zusammen mit anderen alten Looney Tunes und Merrie Melodies-Cartoons zu Kompilationen zusammengeschnitten und als längere Cartoon-Blocks in Kindersendungen verschiedener Sender ausgestrahlt. So z. B. der einstündigen Sendungen Cartoon Carousel beim Sender KTLA in Los Angeles, die sich an Kinder, die aus der Schule heimkamen, richtete. Von 1988 bis 1992 wurden die Bosko-Cartoons zuletzt von dem Sender Nickelodeon ausgestrahlt. Zu dieser Zeit wurden alle alten Schwarz-Weiß-Cartoons von dem Sender zugunsten von colorierten Cartoons aus dem Programm genommen.

In der Gegenwart der 2020er Jahre befinden sich die meisten Bosko-Cartoons in der Public Domain, so dass niemand mehr ein Copyright an ihnen besitzt. Dementsprechend können sie auf vielen Internetplattformen gratis aufgerufen und konsumiert werden.

Cartoons der Bosko-Reihe

Bosko-Cartoons von Warner Brothers (Looney-Tunes-Reihe):

  • Bosko, the Talk-Ink Kid, 1929.
  • Sinkin' in the Bathtub, 1930.
  • Congo Jazz, 1930.
  • Hold Anything, 1930.
  • The Booze Hangs High, 1930.
  • Box Car Blues, 1930.
  • Big Man from the North, 1931.
  • Ain't Nature Grand!, 1931.
  • Ups 'n Downs, 1931.
  • Dumb Patrol, 1931.
  • Yodeling Yokels, 1931.
  • Bosko's Holiday, 1931.
  • The Tree's Knees, 1931.
  • Bosko Shipwrecked!, 1931.
  • Bosko the Doughboy, 1931.
  • Bosko's Soda Fountain, 1931.
  • Bosko's Fox Hunt, 1931.
  • Bosko at the Zoo, 1932.
  • Battling Bosko, 1932.
  • Big-Hearted Bosko, 1932.
  • Bosko's Party, 1932.
  • Bosko and Bruno, 1932.
  • Bosko's Dog Race, 1932.
  • Bosko at the Beach, 1932.
  • Bosko's Store, 1932.
  • Bosko the Lumberjack, 1932.
  • Ride Him, Bosko!, 1932.
  • Bosko the Drawback , 1932.
  • Bosko's Dizzy Date, 1932. (auch als Bosko and Honey bekannt)
  • Bosko's Woodland Daze, 1932.
  • Bosko in Dutch, 1933.
  • Bosko in Person, 1933.
  • Bosko the Speed King, 1933.
  • Bosko's Knight-Mare, 1933.
  • Bosko the Sheep-Herder, 1933.
  • Beau Bosko, 1933.
  • Bosko's Mechanical Man, 1933.
  • Bosko the Musketeer, 1933.
  • Bosko's Picture Show, 1933.


Bosko-Cartoons von MGM (Happy Harmonies-Reihe):

  • Bosko's Parlor Pranks, 1934.
  • Hey-Hey Fever, 1935.
  • Run, Sheep, Run, 1936.
  • The Old House, 1936.
  • Circus Daze, 1937.
  • Little Ol' Bosko and the Pirates, 1937.
  • Little Ol' Bosko and the Cannibals, 1937.
  • Little Ol' Bosko in Bagdad, 1938.

Veröffentlichung von Bosko-Cartoons auf Heimmedien

Die meisten Bosko-Cartoons wurden seit den 1980er Jahren auf Trägermedien für den Privatkonsum zu Hause, wie VHS und DVD, veröffentlicht.

Warner Home Video hat 2003 den erste Bosko-Cartoon (Bosko, the Talk-Ink Kid) als Bonus-Cartoon auf der Looney Tunes Golden Collection, Volume 1-DVD-Box veröffentlicht. Die 2005 veröffentlichte dritte Box der Reihe beinhaltet den Bosko-Cartoon Sinkin' in the Bathtub als Bonusmaterial. Die sechste Box der Reihe (Looney Tunes Golden Collection: Volume 6) von 2008 enthält mehrere Bosko-Cartoons, von denen die meisten auf einer eigenen DVD, die offizielle Bosko und anderen Warner Brothers-Figuren der frühen 1930er Jahre zugeeignet ist.

Die The Looney Tunes Platinum Collection: Volume 2-Bluray von 2012 enthält eine Diskette mit Bonusmaterial auf der sich auch die beiden ersten Bosko-Cartoons finden.

Literatur

  • Karl. F Cohen: "Racism and Resistance: Stereotypes in Animation", Forbidden Animation: Censored Cartoons and Blacklisted Animators in America, McFarland & Company, 2004.
  • Terry Lindvall/Ben Fraser: "Darker Shades of Animation: African-American Images in the Warner Bros. Cartoon", in: Kevin Sandler (Hrsg.): Reading the Rabbit: Explorations in Warner Bros. Animation, Rutgers University Press, 2008.