Blaue Hortensie (Rilke)

Blaue Hortensie ist der Titel eines Sonetts von Rainer Maria Rilke. Es findet sich im ersten Teil der Neuen Gedichte und gehört zu seinen bekanntesten Dinggedichten. Wie für seine mittlere Schaffensperiode typisch, lässt sich in den Versen die Schwebe zwischen präsentem Objekt und dessen Aufhebung im Subjekt feststellen.[1]

Inhalt

Die fünfhebigen jambischen Verse haben das Reimschema abba bccb ded fef

und lauten: [2]

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Hintergrund und Deutung

Das Blau gewinnt in diesen Versen eine eigene Qualität und tritt als gleichsam spielende Figur auf die Bühne, um dem Gegenspieler Grün nur eine Nebenrolle zuzugestehen.[3]

Die deiktischen Pronomen in dem Gegenstück Rosa Hortensie („in diesen Dolden“, „das Rosa“)[4] zeigen, wie deutlich Rilke sich auf etwas Bestimmbares vor ihm bezieht. Der Dingbezug wird im zweiten Teil (Der Neuen Gedichte anderer Teil) nicht aufgegeben, wenn er auch vielfach schwächer ist als im ersten.[5]

Wolfgang Müller widerspricht der Interpretation Käte Hamburgers, die in der Blauen Hortensie Edmund Husserls „Verfahren phänomenologischer Reduktion“ zu erkennen glaubte und für die das Blau vollständig von der Blume getrennt werde, um als Eidos im Bewusstsein zurückzubleiben. Das plötzliche Aufleuchten am Ende existiere nur als Kontrast zu den verblassenden Farben, die am Anfang dargestellt würden und sei noch immer an die Dolden gebunden.[6]

Einzelnachweise

  1. Wolfgang G. Müller: Modellanalyse In: Rilke-Handbuch, Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Hrsg. Manfred Engel, Stuttgart 2013, S. 299
  2. Rainer Maria Rilke, Blaue Hortensie, in: Sämtliche Werke, Erster Band, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1955, S. 519
  3. So Rainer Gruenter, in Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Arno Holz bis Rainer Maria Rilke. Insel-Verlag, Frankfurt am Main / Leipzig 1994, S. 288.
  4. Rainer Maria Rilke, Rosa Hortensie, in: Sämtliche Werke, Erster Band, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1955, S. 633.
  5. Wolfgang G. Müller: Modellanalyse In: Rilke-Handbuch, Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Hrsg. Manfred Engel, Stuttgart 2013, S. 300.
  6. Wolfgang G. Müller, Modellanalyse, in: Rilke-Handbuch, Leben - Werk - Wirkung, Metzler, Hrsg. Manfred Engel, Stuttgart 2013, S. 301.