Blasiuskirche (Holzelfingen)

Die Blasiuskirche ist ein Kirchengebäude in Lichtenstein im Landkreis Reutlingen in Baden-Württemberg. Sie liegt im Ortsteil Holzelfingen und gehört zur Evangelischen Kirchengemeinde Holzelfingen im Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.[1]

Geschichte

Eine Kirche und Pfarrei St. Blasius wurde 1275 erstmals erwähnt, ist aber wohl älter. Die Kirche wurde vermutlich vom Bistum Chur im 10. Jahrhundert gegründet und dem Patrozinium des frühchristlichen Bischofs und Märtyrers Blasius von Sebaste unterstellt. Das Patronat der Kirche kam 1404 von den Grafen von Landau an den Reutlinger Bürger Spiegel. Die Kirche war die Grablege der Herren von Greifenstein. Durch Württemberg wurde die Reformation eingeführt. Die heutige Kirche ist eine ehemalige Wehrkirche mit Chor aus dem Jahr 1494. Das Schiff wurde 1889 erneuert und die ganze Kirche 1909 durch Erweiterung im Jugendstil umgebaut.

Mit dem Umbau nach der Jahrhundertwende war ursprünglich Theophil Frey beauftragt, der aber 1904 verstarb, ebenso sein Nachfolger Johannes Müller kurz danach. Somit übernahm Martin Elsaesser 1909 den Auftrag für den Neubau des Schiffs und der Sakristei. Renovierungen erfolgten 1933 durch Rudolf Behr, 1967 durch Architekt Manfred Wizgall und 1991 durch Architekt Jetter aus Reutlingen.

Architektur

Der spätgotische Chor der heutigen Saalkirche stammt aus dem 15. Jahrhundert. Der Turm aus dem 17. Jahrhundert erhielt im 18. Jahrhundert ein neues Obergeschoss. Am 14. November 1909 wurde die (neue) Holzelfinger St. Blasius-Kirche eingeweiht. Vom Vorgängerbau blieben Turm und Chor erhalten. Neu und größer gebaut wurde das Schiff nach den Plänen des damals erst 24-jährigen Stuttgarter Architekten Martin Elsaesser. Die künstlerische Ausgestaltung wurde auf Elsaessers Betreiben Käte Härlin übertragen. Im Zweiten Weltkrieg wurden 1945 bei einer Sprengung der Holzelfinger Steige alle Chorfenster mit Glasgemälden zerstört; ab 1951 wurden nach und nach neue Farbglasfenster eingebaut.

Ausstattung

(Quelle: [2][3][4])

Kruzifixus: Von dem im Chorbogen hängenden hölzernen Kruzifixus wird angenommen, dass er aus der Werkstatt Albrecht Dürers vom Anfang des 16. Jahrhunderts stammt. Zuletzt wurde der Korpus 2008 von Barbara Springmann (Stuttgart) restauriert.

Greifensteiner Grabplatte: Im Kircheninneren ist auf der Nordseite die Greifensteiner Grabplatte angebracht. Der aufmerksame Betrachter kann zwei Inschriften erkennen. Die eine, die Umschrift, in gotischer Schrift, also deutsch: die Grabinschrift von 1496 für die letzte Greifensteinerin. Die Innenfläche wurde 1717 von Pfarrer Sehner auf Lateinisch mit der Grabinschrift für seine Töchter versehen.

Künstlerische Gesamtkonzeption von 1909: Die Künstlerin Käte Schaller-Härlin hat in ihre Raumkonzeption eigene Werke eingebracht: Drei Wandbilder und zwölf Porträts an der Emporenbrüstung, möglicherweise auch das in dieser Art bisher nirgends sonst nachweisbare Altarkreuz. Für Steinmetz- und Bildhauerarbeiten wurde der Stuttgarter Bildhauer Jakob Brüllmann beteiligt.

  • Wandbilder: Links und rechts auf der Chorbogen-Stirnwand sowie über der Sakristeitür hat Käte Härlin Fresken geschaffen. Das Taufbild ist keine klassische Darstellung von Jesu Taufe am Jordan, sondern zeigt eine zeitgenössische Kleinkind-Taufe samt anwesenden Eltern. Auch die Abendmahl-Darstellung stellt nicht klassisch die Mahlgemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern dar, sondern den ersten Abendmahlsempfang eines jungen Menschen bei der Konfirmation. Mit der Szene im Garten Gethsemane erweiterte die Künstlerin eigenständig den ihr erteilten Gestaltungsauftrag.
  • Bilder an der Emporenbrüstung: Die markanten Köpfe der Jünger-Darstellungen auf der Emporenbrüstung werden von Käte Härlin einigen existierenden und ihr vertrauten Personen zugeordnet. Sie holt hiermit das biblische Thema „Jünger und Nachfolge“ bewusst in den Kirchenraum der Gegenwart hinein. 1951 hat sie auf Nachfrage diese Personen genannt, darunter als „Philippus“ den hier tätigen Architekten Martin Elsaesser, ihren Freund und Förderer.
  • Taufstein und Kanzel: Beide Kalksteinkörper sind schlicht und zurückhaltend ausgeführt.
  • Altar: Die Flachrelief-Vignetten von Jakob Brüllmann links und rechts auf den Altarseiten könnten „Alter“ und „Jugend“ symbolisieren
  • Altarkreuz: Es ist nicht ausgeschlossen, dass das schmiedeeiserne Altarkreuz, gestaltet als Lebensbaum mit Rankenornament und Vögeln, von Käte Härlin stammt.[Anm. 1] Hinweise oder Zeugnisse dafür gibt es nicht, obwohl Fensterornamente in der ebenfalls von ihr gestalteten Gaisburger Kirche dies nahelegen könnten. Martin Elsaesser hatte 1911 in eine Stuttgarter „Ausstellung kirchlicher Kunst Schwabens“ ein schmiedeeisernes Kreuz aus Holzelfingen gegeben.[5]

Glasgemälde:

  • Ob die Farbverglasung der 1945 zerstörten Chorfenster noch aus dem 19. Jahrhundert oder doch aus der Umbauzeit bis 1909 (und damit möglicherweise von Käte Härlin selbst entworfen) stammte, ist nicht bekannt. Nachweisbar damals ist lediglich ein Kunstglaser aus Münsingen.[6]
  • Die vier aktuellen Chorfenster wurden von Wolf-Dieter Kohler 1951 und in den Folgejahren entworfen und bei der (damals noch) Stuttgarter Glasmalereiwerkstatt Gaiser gefertigt: zunächst das Chorachsenfenster (Auferstehung Christi), dann einige Jahre später das linke Fenster (Altes Testament), das rechte Fenster (Leben Jesu) und das Nordfenster (Offenbarung).

Altartextilien Die Altar-Antependien und der Altarteppich wurden im Jahr 2015, dank einer Stiftung, von Maria Elisabeth Haist (Malerin) und Susanna Taras (Knüpfkünstlerin) gestaltet - farblich abgestimmt auf die Kirchenfenster.

Orgel: Die Orgel der Kirche wurde 2002 von der Werkstatt Orgelbau Rensch gebaut. Sie verfügt über 15 Register auf zwei Manualen und Pedal und ersetzt ein Instrument aus dem Jahr 1909, das von der Giengener Orgelmanufaktur Gebr. Link gefertigt worden war.[7]

Glocken: Im Kirchturm hängen drei Glocken:

  • Die Dank- und Anbetungsglocke trägt diese Inschrift:
    Ehre sei Gott in der Höhe • und Friede auf Erden • und den Menschen ein Wohlgefallen | Für das Kriegsopfer 1917 Neugegossen 1923.
  • Die Evangeliumsglocke trägt neben der Glockenzier von Helmuth Uhrig folgende Inschrift:
    Christ ist erstanden.
  • Auf der Bittglocke findet sich folgende Inschrift:
    Aus Kriegs- und Friedensnot errett uns, lieber Gott.

Literatur

  • Dokumente des Pfarrarchivs der Kirchengemeinde Holzelfingen aus dem Landeskirchlichen Archiv in Stuttgart
  • Ev. Kirchengemeinde Holzelfingen (Hg.): 100 Jahre Neubau der St. Blasius-Kirche in Holzelfingen; Sonnenbühl 2009
  • Elisabeth Spitzbart, Jörg Schilling: Martin Elsaesser. Kirchenbauten, Pfarr- und Gemeindehäuser; Tübingen/Berlin 2014

Einzelnachweise

  1. Ansprechpartner. In: kirche-holzelfingen-ohnastetten.de. Abgerufen am 2. April 2024.
  2. Sankt Blasius Kirche. In: kultur-machen.de. Abgerufen am 31. Oktober 2021.
  3. Sankt Blasius Kirche Holzelfingen. In: kirche-holzelfingen-ohnastetten.de. Abgerufen am 31. Oktober 2021.
  4. Blasiuskirche (St.-Blasius-Straße 8, Lichtenstein). In: LEO-BW. Abgerufen am 31. Oktober 2021.
  5. Christliches Kunstblatt für Kirche, Schule und Haus - Jg 1911, Heft 11/12
  6. „Ferdinand Eppinger, Münsingen, Uracher Straße“ - in: Deutschlands Glasindustrie - Adreßbuch der deutschen Glashütten (mit Bezugsquellenliste); herausgegeben von der Redaktion: „Die Glashütte“; Jubiläumsausgabe 25. Jg. 1930/31, Dresden 1931, Seite 248, Nr. 1703 [1]
  7. Orgel Databank: Holzelfingen, Evangelische Kirche Sankt Blasius

Anmerkungen

  1. Sie hatte ihre zunächst kunsthandwerkliche und später künstlerische Ausbildung 1893 auf der Stuttgarter Kunstgewerbeschule begonnen (siehe hier).

Koordinaten: 48° 25′ 36,7″ N, 9° 16′ 25,2″ O