Biosphärenreservat Žuvintas
Das Biosphärenreservat Žuvintas ist ein Biosphärenreservat um die Seen Žuvintas und Amalva und deren Feuchtland im südlichen Litauen, in der Gemeinde Marijampolė, Rajongemeinde Alytus und Rajongemeinde Lazdijai. Es ist das erste Reservat Litauens in der Liste der UNESCO-Biosphärenreservate. Das Reservat befindet sich am mittleren Flusslauf des Nemunas (Memel) und dem oberen Flusslauf der Neris. Mehr als 220 verschiedene Vogelarten, von denen ca. 150 Arten hier brüten, wurden im Reservat beobachtet.
Zonen
Das Biosphärenreservat hat eine zusammenhängende Fläche und besteht, wie jedes UNESCO-Biosphärenreservat, aus drei Zonen.
Die streng geschützte Zone wird als Kernzone bezeichnet. Eine Kernzone trägt zum Erhalt von Landschaften, Ökosystemen, Arten und genetischer Vielfalt bei. Daher sind Siedlungen in diesem Gebiet nicht zulässig. Die Kernzone des Biosphärenreservats besteht aus strengen Naturschutzgebieten (IUCN-Kategorie I – Žuvintas, Buktbale und Liuliškyne) und Naturschutzgebieten (IUCN-Kategorie IV – Amalvas, Kiaulycia, Žaltytis, Želsva, Paželsviai und Liepakojai).
Die Kernzone ist von der Pufferzone umgeben. In dieser Zone leben etwa 1.100 Einwohner. Forst- und Landwirtschaft sind erlaubt, sofern sie mit nachhaltig ökologisch sind. Darüber hinaus wird diese Zone insbesondere für die Wiederherstellung von Ökosystemen, wissenschaftliche Forschung, Monitoring und Bildung genutzt.
Die größte Zone ist die Übergangszone, in der nachhaltige soziokulturelle und ökologische Aktivitäten besonders stark unterstützt werden.[1][2]
Nutzung und Schutz
Im Biosphärenreservat ist der Naturschutz das Leitprinzip. Menschliche Aktivitäten sind nur unter strengen Auflagen zulässig, wobei dem Schutz der Biodiversität, sensibler Lebensräume und Arten von europäischer und globaler Bedeutung stets höchste Priorität eingeräumt wird. Die zuständige Direktion führt ein systematisches Monitoring von Lebensräumen und Arten durch und trägt Daten zum nationalen Informationssystem für geschützte Arten bei. Diese kontinuierliche wissenschaftliche Begutachtung bildet die Grundlage für die folgenden Entscheidungen zum Naturschutz im Biosphärenreservat.
- Das Sammeln von Beeren ist ausschließlich Anwohnern vorbehalten und unterliegt strengen, jährlich von der Direktion bekanntgegebenen Bedingungen und Zeiträumen. In bestimmten Gebieten, wie dem Naturschutzgebiet Kiaulycia, ist das Sammeln erst ab September erlaubt, in anderen Gebieten, wie dem Naturschutzgebiet Amalvas, gelten weniger strenge Bestimmungen. Diese Regeln dienen der Sicherstellung einer traditionellen Nutzung ohne gravierende Umweltzerstörung.
- Der Zugang zu den streng geschützten Naturschutzgebieten ist streng reglementiert und wird in erster Linie für Forschungs- oder Bildungszwecke gewährt. Eine vorherige Absprache mit der Direktion ist erforderlich. Unabhängige Besuche sind auf die Lehrpfade, tagsüber und außerhalb der sensiblen Brutzeiten der Vögel beschränkt. Auch Überflüge in geringer Höhe (unter 1 km) bedürfen einer vorherigen Genehmigung.
- Die Jagd ist streng geregelt: Füttern, Anlocken und Jagen von Wasser- und Sumpfvögeln ist strengstens verboten. Das Füttern von Huftieren ist auch in der Pufferzone nicht gestattet, das Aufspüren verletzter Tiere ist nur unter Auflagen und nach Abstimmung mit der zuständigen Behörde erlaubt.
- Angeln ist im Žuvintas-See gänzlich verboten. Bei anderen Seen, wie dem Žaltytis-See, ist das Angeln nur vom Ufer oder auf dem Eis in bestimmten Zonen erlaubt. Für den Amalvas-See gelten zusätzliche Einschränkungen, darunter ein Verbot von Lebendködern, die Pflicht zum Zurücksetzen von Hechten und stark eingeschränkte Möglichkeiten zum Eisfischen.
- Wassernutzung und Boote unterliegen strengen Beschränkungen, um Störungen der Natur zu vermeiden. Der Zugang zum Žuvintas-See ist auf wissenschaftliche und Bildungszwecke beschränkt. Auf anderen Seen kann das Befahren mit Booten gänzlich verboten oder nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt sein, beispielsweise die Nutzung unmotorisierter Boote auf dem Amalvas-See zwischen Juli und März.
- Innerhalb der Natura-2000-Gebiete werden alle Aktivitäten einer strengen Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen. Gemäß den zugehörigen EU-Richtlinien benötigen Aufforstungsmaßnahmen und wirtschaftliche Aktivitäten Genehmigungen. Landbesitzer erhalten genaue Auflagen oder haben die Möglichkeit, Unterstützung beim Management zu erhalten.[3]
Zum Schutz des Natur- und Kulturerbes wurden im Biosphärenreservat Žuvintas drei strenge Naturschutzgebiete (IUCN-Kategorie I) und sechs Schutzgebiete (ein botanisches und fünf botanisch-zoologische Schutzgebiete; IUCN-Kategorie IV) ausgewiesen.
Strenge Naturschutzgebiete:
Das strenge Naturschutzgebiet Buktbalė schützt typische Lebensgemeinschaften von Laub- und Hainbuchenwäldern, sumpfigen Laubwäldern und Auwäldern. Es schützt außerdem Lebensräume geschützter Arten wie des Lanzettblättrigen Froschlöffels (Alisma lanceolatum), des Wald-Hornkrauts (Cerastium sylvaticum), des Sumpfquendels (Lythrum portula), der Grünlichen Waldhyazinthe (Platanthera chlorantha) und des Weißrückenspechts.
Das Naturschutzgebiet Liūliškynė wurde zum Schutz feuchter Laubwälder, insbesondere Hainbuchenwälder, sumpfiger Laubwälder und Auwälder, geschaffen. Das Reservat bietet Lebensraum für geschützte Arten wie die Hain-Klette (Arctium nemorosum).
Das Naturschutzgebiet Žuvintas ist der größte Feuchtgebietskomplex mit einem See in Litauen. Es ist ein wichtiger Brut- und Rastplatz für zahlreiche Wasservogelarten während des Vogelzugs.
Botanische und botanisch-zoologische Reservate:
- Das Botanische Reservat Liepakojai schützt alkalische Moorlebensräume und Brutgebiete geschützter Arten wie des Sumpf-Glanzkrauts (Liparis loeselii), des Fleischfarbenen Knabenkrauts (Dactylorhiza incarnata) und des Seggenrohrsängers (Acrocephalus paludicola).
- Das Botanische und Zoologische Reservat Zelsva schützt für Südwestlitauen typische Laubwälder mit Hainbuchen. Es bietet Lebensraum für Arten wie den Gemeinen Efeu (Hedera helix), die Hecken-Wicke (Vicia dumetorum) und den Kleinen Maivogel (Euphydryas maturna).
- Das Botanische und Zoologische Reservat Kiaulycia bewahrt Feuchtgebiete, Seggenbestände, Wiesen und Übergangsmoore. Zu den Lebensräumen gehören außerdem Auenwiesen, Tieflandwiesen, mineralreiche Quellen und sumpfige Laubwälder. Zu den in diesem Gebiet geschützten Arten gehören der Lungen-Enzian (Gentiana pneumonanthe), die Schmale Windelschnecke (Vertigo angustior), die Rotbauchunke (Bombina bombina) und die Wiesenweihe (Circus pygargus).
- Das botanisch-zoologische Reservat Amalvas umfasst einen Teil des Amalvas-Moors und -Sees und schützt die Artenvielfalt sowie die Nistplätze von Arten wie dem Tüpfelsumpfhuhn (Porzana porzana), dem Birkhuhn (Lyrurus tetrix) und dem Blaukehlchen (Luscinia svecica). Es dient außerdem als Rastplatz für Zugvögel. Beschädigte Feuchtgebiete wurden und werden in diesem Gebiet wiederhergestellt.
- Das Naturschutzgebiet Žaltytis repräsentiert einen typischen eutrophen See. Es ist ein Sammelplatz für Schnepfenvögel und verschiedene andere Zugvögel.
- Das botanisch-zoologische Reservat Paželsviai schützt feuchte Laubwälder, Auwälder und krautreiche Fichtenhabitate.[4][5]
Verwaltung
Die Direktion der Schutzgebiete Dzūkija-Suvalkija wurde vom Staatlichen Dienst für Schutzgebiete des Umweltministeriums der Republik Litauen gegründet. Sie ist eine staatliche Einrichtung, die Maßnahmen im Biosphärenreservat Žuvintas und anderen Schutzgebieten der Region organisiert.
Hauptaufgaben der Direktion:
- Organisation von Maßnahmen zum Erhalt der Stabilität des natürlichen Ökosystems und zum Schutz der Lebewesen darin
- Koordinierung der Naturforschung und -beobachtung im Biosphärenreservat
- Erhebung von Informationen über den Zustand und die Veränderungen verschiedener Aspekte der natürlichen Umwelt
- Förderung angewandter Forschung im Bereich Naturschutz
- Organisation der Wiederherstellung zerstörter und beschädigter Naturkomplexe und -objekte
- Durchführung von Umweltbildung und -schulungen
- Überwachung des Biosphärenreservats und Kontrolle der wirtschaftlichen Aktivitäten von Privatpersonen und Unternehmen im Zuständigkeitsbereich der Direktion
- Koordinierung von Grundstückbildungs- und Landreformprojekten
- Beteiligung an der Raumplanung und Koordinierung von Bauprojekten mit Festlegung besonderer Anforderungen für die Schutzgebiete
- Stellungnahmen zu staatlichen und privaten Forstwirtschaftsprojekten
- Verwaltung des Natura-2000-Gebiets: Bewertung der Auswirkungen von Aktivitäten, Ausstellung von Bescheinigungen für Nutzungsbeschränkungen, Unterstützung von Waldbesitzern, Aufforstungsgenehmigungen, Übermittlung von Daten zu Lebensräumen und Standorten geschützter Arten an das Informationssystem für geschützte Arten, Abschluss von Schutzvereinbarungen mit privaten Grundstückseigentümern über Nutzungsbeschränkungen für Land, Wald und Wasser[6]
Kultur
Das Biosphärenreservat liegt in einer Region mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung. Traditionelle Heuernte- und Weidepraktiken werden in dieser Region insbesondere in Moorwiesen seit Langem angewandt.[2]
Das Gebiet beherbergt Kulturdenkmäler von lokaler und nationaler Bedeutung. Das größte archäologische Denkmal ist der Hügel Varnupiai, inklusive einer alten Siedlung, der in dem Dorf Varnupiai liegt (Ältestenrat Igliauka, Gemeinde Marijampolė). Dieser Hügel wurde von Menschen erschaffen, wobei Holz ein wichtiges Baumaterial war. In dem Bereich des Varnupiai-Hügels zwischen den Žuvintas und Amalva Hügeln lebten Menschen bereits während der Steinzeit. Darüber hinaus wurden in diesem Gebiet archäologische Funde der jotvingischen Kultur, die auf das Jahrtausend vor Christus bis ins 13. Jahrhundert n. Chr. zurückgeht, gemacht.[7] Südlich des Hügels befindet sich der mythologische Padkavinis-Stein, in den ein Hufeisensymbol eingraviert ist.
Es gibt noch weitere Kulturerbe in dem Gebiet, wie beispielsweise die alten Friedhöfe der Dörfer und die Gräber wichtiger historischer Persönllichkeiten (9 in dem Gebiet des Biosphärenreservats) oder auch die zwei Kirchen St. Georg Kirche in Daukšiai und Dreifaltigkeitskirche in Riečiai.[8]
Repräsentation
- 2013 wurde das Biosphärenreservat Žuvintas auf litauischen Briefmarken abgebildet.[9]
- 2021 gab die litauische Zentralbank eine 2-Euro-Gedenkmünze heraus, die dem Biosphärenreservat Žuvintas gewidmet ist. Es wurden eine halbe Million dieser Münzen geprägt.[10][11]
Weblinks
- Website von Žuvintas
- Biosphärenreservat Žuvintas (Information der Forschungsgemeinschaft Litauen e.V.)
- Amalvo ir Žuvinto pelkėms – antrasis kvėpavimas; GRYNAS.lt, 2012
Einzelnachweise
- ↑ What are biosphere reserves? UNESCO, abgerufen am 20. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ a b Man and the biosphere Programme (MAB) – Zuvintas. UNESCO, abgerufen am 28. September 2025 (englisch).
- ↑ Regelung der Aktivitäten im Biosphärenreservat Žuvintas. Biosphärenreservat Žuvintas, abgerufen am 24. Oktober 2025 (litauisch).
- ↑ Reserves. Dzūkijos-Suvalkijos Protected Areas Directorate, 18. Februar 2025 (englisch).
- ↑ Žuvintas Biosphere Reserve. saugoma.lt, abgerufen am 16. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Reservatsgruppe. Biosphärenreservat Žuvintas, abgerufen am 10. November 2025 (litauisch).
- ↑ Places to visit. Dzūkijos-Suvalkijos saugomų teritorijų direkcija, 18. Februar 2025, abgerufen am 7. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Kulturelle Werte. Biosphärenreservat Žuvintas, abgerufen am 28. September 2025 (litauisch).
- ↑ Briefmarke › Žuvinto Biosphere Reserve. colnect, abgerufen am 15. Januar 2026.
- ↑ Die natürliche Schönheit des Žuvintas-Reservats wird auf einer neuen Münze verewigt. Lietuvos Rytas, 19. Mai 2021, abgerufen am 6. April 2024 (litauisch).
- ↑ UNESCO’s Man and the Biosphere Programme - Žuvintas Biosphere Reserve. European Commission: Economy and Finance, 1. April 2021, abgerufen am 25. November 2025 (englisch).
Koordinaten: 54° 29′ 0″ N, 23° 33′ 0″ O