Big Five (Hawaii)
Die „Big Five“ (Nā Hui Nui ʻElima) war der Name einer Gruppe von Unternehmen, die ursprünglich im Bereich der Zuckerrohrverarbeitung tätig waren und zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Hawaii-Territorium über beträchtlichen politischen Einfluss verfügten, wobei sie stark zur Republikanischen Partei Hawaiʻis neigten. Die Big Five waren Castle & Cooke, Alexander & Baldwin, C. Brewer & Co., Theo H. Davies & Co. und H. Hackfeld & Co. (später Amfac).[1] Der Begriff „Big Five“ wird oft sowohl in Verbindung mit den fünf größten Unternehmen als auch mit den fünf Missionarsfamilien verwendet, aus denen einige dieser Unternehmen hervorgegangen sind. Diese Missionarsfamilien waren die erste Generation von Missionaren, die sich in Hawaiʻi niederließen. Zwar wurden nicht alle fünf großen Unternehmen von Missionarsfamilien gegründet, doch bis 1920 kontrollierte die zweite Generation der Nachkommen von Missionaren alle fünf Unternehmen.[2] Das Ausmaß der Macht der Big Five wurde von einigen als gleichbedeutend mit einer Oligarchie angesehen. Der Generalstaatsanwalt von Hawaiʻi Edmund Pearson Dole sagte 1903 über die Big Five: „In diesem Territorium gibt es eine Regierung, die in einem in den Vereinigten Staaten unbekannten Ausmaß zentralisiert ist und wahrscheinlich fast so zentralisiert ist wie die Frankreichs unter Ludwig XIV.“[3]
Geschichte
19. Jahrhundert
Obwohl die kommerzielle Zuckerproduktion bereits in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts begann, blieb der Wirtschaftszweig bis zum „Vertrag über Gegenseitigkeit zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und dem Königreich Hawaiʻi“ (hawaiisch: Kuʻikahi Pānaʻi Like) von 1875 relativ unbedeutend. Dieser Vertrag sah den zollfreien Handel mit Zucker zwischen dem Königreich Hawaiʻi und den Vereinigten Staaten vor und führte zu massiven Umwälzungen in der Zuckerindustrie. Es folgte eine Phase des Wachstums und der Konsolidierung der Plantagen, wobei die Zahl der Plantagen von 79 im Jahr 1875 auf nur noch 20 im Jahr 1883 sank.[4] Vor dieser Umwälzung spielten die Agenturen eine viel geringere Rolle in der hawaiischen Industrie. Sie dienten in erster Linie dazu, einer Agrarindustrie mit langen Wachstumsperioden (18–24 Monate) Liquidität zu verschaffen, indem sie sowohl Kredite für zukünftige Verkäufe gewährten, als auch den Transport zu ausländischen Märkten und die Beschaffung von Ausrüstungen übernahmen. Angesichts des durch den Gegenseitigkeitsvertrag verursachten Wachstumsdrucks benötigten die Plantagen jedoch Kapitalzuführungen, um ihren Anbau auf weniger ertragreiche Flächen auszuweiten, was zu einer erhöhten Abhängigkeit von den Agenturen für Kredite führte.[4]
Im Jahr 1889 kontrollierten C. Brewer & Co., H. Hackfeld & Co. (später Amfac), Castle & Cooke und Theo H. Davies & Co., die ursprünglichen vier Vorgänger der Big Five, 56 % der Zuckerrohrernte in Hawaiʻi.[2] Die politische Haltung der fünf Firmen reichte von pro-monarchistisch bis zu Anhängern einer Abschaffung der Monarchie. Einige Kinder der Partner der Big Five waren jedoch im „Bürgerkomitee für öffentliche Sicherheit“ engagiert, das den Sturz des Königreichs Hawaiʻi organisierte und sich für die Annexion durch die Vereinigten Staaten einsetzte.[5]
Mit der Annexion Hawaiʻis durch die Vereinigten Staaten wurde diese Veränderung weiter vorangetrieben, da die Zuckerrohrplantagen neue Investitionen erhielten. Durch die endgültige Abschaffung der Zölle, die den Zuckerrohrproduzenten von den Vereinigten Staaten auferlegt worden waren, hatten die Plantagenbesitzer dauerhaft mehr Geld für Ausrüstung, Land und Arbeitskräfte zur Verfügung. Das erhöhte Kapital führte zu einer Steigerung der Produktion. Fünf Unternehmen aus der Zeit des Königreichs profitierten von der Annexion und wurden zu millionenschweren Konglomeraten, die 90 % des Zuckergeschäfts kontrollierten.[6]
20. Jahrhundert
Die Big Five waren durch direkten Besitz oder über gleichzeitige Tätigkeit von Geschäftsführern auch in anderen Bereichen außerhalb der Plantagen tätig, insbesondere in Schifffahrtsunternehmen, Versorgungsunternehmen, Eisenbahnen und Banken. Jedes dieser Unternehmen unterhielt Netzwerke von Aktienbeteiligungen, Landbesitz und Kooperationsvereinbarungen zwischen den Managern und Eigentümern von Plantagen und anderen Industriezweigen. Diese Unternehmen hatten durch ihre Kontrolle und Investitionen in Land-, Wasser- und Waldressourcen erheblichen Einfluss auf die Inseln. Der Umfang ihrer Macht führte dazu, dass viele Einwohner sie als kapitalistische Oligarchie betrachteten.
In den 1910er Jahren übernahm die dritte Generation von Missionarssöhnen und Schwiegersöhnen, die die Nachfolge der „Big Five“ antraten, die Leitung der Unternehmen. In den 1920er Jahren jedoch wurden aufgrund des Ersten Weltkriegs die meisten zuckerproduzierenden Unternehmen von Castle & Cooke, C. Brewer & Co. und Alexander & Baldwin kontrolliert.[2] Die Unternehmen vereinbarten untereinander, die Preise für ihre Waren und Dienstleistungen hoch zu halten. Ihre Gewinne stiegen dadurch noch weiter an. Bald saßen die Führungskräfte der „Big Five“ in den Vorständen der anderen Unternehmen. Mit der wirtschaftlichen Macht kam auch die politische Macht, und die Familien bevorzugten in der Regel die Republikanische Partei von Hawaiʻi.[7]
Die politische Macht über die Inseln wurde durch die Kontrolle der meisten Zucker- und Ananasplantagen, Versorgungsunternehmen, Transport- und Bauunternehmen, Versicherungsgesellschaften und Banken ausgeübt.[2] Darüber hinaus hatten die ernannten Territorialgouverneure und Minister ebenfalls Verbindungen zu den Big Five als Führungskräfte innerhalb der Unternehmen oder als Investoren.[5][8]
Die Einwohner Hawaiʻis waren sich des enormen Einflusses der Big Five bewusst. Während der Zeit der Bildung von Gewerkschaften wurde der Begriff „Big Five“ zunehmend von Menschen verwendet, die die sozialen Verhältnisse auf Hawaiʻi kritisierten. Diese Unternehmen wurden schließlich auch zum Ziel von Protestaktionen. Im September 1949 war bei einer Parade zum Labor Day in Maui ein Schild mit der Aufschrift „CONGRESS—INVESTIGATE THE BIG FIVE“ (Kongress – untersucht die Big Five) zu sehen.[2] Während der „Demokratischen Revolution von 1954“, als bei den Wahlen die Demokratische Partei die langjährige Dominanz der Republikaner beendete, versetzten die Gewerkschaften den Giganten einen entscheidenden Schlag, und als die Zuckerindustrie nach der Eingliederung Hawaiʻis als Bundesstaat im Jahr 1959 einen Niedergang erlebte, ging es auch den Big Five-Unternehmen zunehmend schlechter. Die größte Herausforderung nach Bildung des Bundesstaates bestand darin, dass das US-Justizministerium die Eigentumsverhältnisse der Matson Navigation Company durch vier der fünf Unternehmen (alle außer Theo H. Davies) in Frage stellte. Der Rechtsstreit wurde erst beigelegt, als die vier Unternehmen sich bereiterklärten, keine gemeinsamen Führungskräfte, leitenden Angestellten und Direktoren mehr zu beschäftigen. Alexander und Baldwin kauften schließlich 1964 die anderen drei Anteile an Matson auf.[1]
In den 1970er Jahren, als die Zuckerplantagen schließen mussten, wurden einige der „Big Five“-Unternehmen selbst von anderen Firmen aufgekauft. Die Veränderungen der Unternehmen sind im folgenden:
- Theo H. Davies & Co. wurde 1973 von dem schottisch kontrollierten Hongkonger Unternehmen Jardine Matheson aufgekauft. Bis Dezember 2004 besaß es die Franchise-Rechte für Pizza Hut und Taco Bell in Hawaiʻi. Der einzige verbleibende Geschäftsbereich ist das Reisebüro, das ausgegliedert und an das Management verkauft wurde.
- C. Brewer wurde 1978 von dem in Philadelphia ansässigen Unternehmen IU International Corporation übernommen und später 1986 von dessen Management aufgekauft. Das Unternehmen war von 1974 bis 2000 Eigentümer der Mauna Loa Macadamia Nut Corporation, der weltweit größten Firma zur Verarbeitung von Macadamianüssen.[9] Im Jahr 2001 beschlossen die Aktionäre der Firma, das Unternehmen über mehrere Jahre hinweg zu liquidieren.
- Castle & Cooke fusionierte 1985 mit der Flexi-Van Corporation, die David H. Murdock gehörte. Murdock wurde nach der Fusion Vorsitzender des Unternehmens und übernahm im Jahr 2000 die vollständige Kontrolle. Das Unternehmen besitzt nach wie vor große Teile der zentralen Region von Oʻahu und des Stadtteils Iwilei in Honolulu rund um die ehemalige Ananasfabrik der Dole Food Company. Castle & Cooke besaß fast die gesamte Insel Lānaʻi, bis Larry Ellison, der CEO des Softwarekonzerns Oracle, im Juni 2012 ihre Anteile für rund 500 Millionen Dollar kaufte.[10]
- Amfac wurde 1988 von der in Chicago ansässigen Firma JMB Realty aufgekauft. Im Jahr 2002 meldete Amfac Insolvenz nach Kapitel 11 des Insolvenzgesetzes an und firmierte danach unter dem Namen Kaanapali Land, LLC. Das Unternehmen besitzt 5.000 Acres (20 km²) in West Maui. Sein Kaufhaus Liberty House wurde an Federated Department Stores verkauft und gehört nun zur Macy's-Kette.
- Alexander & Baldwin diversifizierte sich und ist weiterhin im Geschäftsbetrieb. Heute besitzt das Unternehmen rund 91.000 Acres (370 km²) Land und ist damit der fünftgrößte Grundbesitzer des Bundesstaates.
Einzelnachweise
- ↑ a b Lyn Danninger: Isle institutions' economic impact endures ( des vom 28. Juni 2008 im Internet Archive), Honolulu Star-Bulletin, 29. September 2002. Abgerufen am 1. Mai 2010 (englisch).
- ↑ a b c d e Carol A. Maclennan: Sovereign Sugar: Industry and Environment in Hawaii. University of Hawaii Press, 2014, ISBN 978-0-8248-4024-2, S. 52–102 (englisch).
- ↑ Maenette Kapeʻahiokalani Padeken Ah Nee-Benham, Ronald H. Heck: Culture and educational policy in Hawaiʻi: the silencing of native voices. Psychology Press, 1998, ISBN 0-8058-2704-8, S. 137 (englisch).
- ↑ a b Moon-Kie Jung: Reworking race: the making of Hawaii's interracial labor movement. Columbia University Press, New York 2006, ISBN 0-231-50948-0 (englisch).
- ↑ a b John S. Whitehead: Western Progressives, Old South Planters, or Colonial Oppressors: The Enigma of Hawai'i's 'Big Five,' 1898-1940. In: The Western Historical Quarterly. 30. Jahrgang, Nr. 3, 1999, S. 295–326, doi:10.2307/971375, JSTOR:971375 (englisch).
- ↑ Frederick Bernays Wiener: German Sugar's Sticky Fingers. In: Hawaiian Journal of History. 16. Jahrgang. Hawaiian Historical Society, 1982, S. 15–47 (englisch).
- ↑ Charlotte Curtis, Carl T. Gossett Jr.: Where Aristocrats Do the Hula and Vote Republican; Land and Commerce Screens From Japan New England Heritage Attended Punahou Cousins Society Plumeria and Orchids In: The New York Times, 27. November 1966 (englisch).
- ↑ Lance Tominaga: 50 Hawaii Icons: Big Five. In: Hawaii Business. 50. Jahrgang, Nr. 12, 1. Juni 2005, 212643303, S. 43 (englisch).
- ↑ Mauna Loa Macadamia stock sold by C. Brewer. In: www.bizjournals.com. Pacific Business News, 29. September 2000, abgerufen am 12. Dezember 2024 (englisch).
- ↑ Maria Lagos: Oracle's Ellison is buying a Hawaiian island In: San Francisco Chronicle, 20. Juni 2012 (englisch).