Big-Wing-Kontroverse

Als Big-Wing-Kontroverse wird eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei rivalisierenden britischen Kommandeuren während der Luftschlacht um England bezeichnet. Hintergrund war die zentrale Frage, ob die deutschen Verbände mit einzelnen Staffeln oder größeren Verbänden (Big Wings) von Abfangjägern anzugreifen seien.

Auslöser

Am 30. August 1940 griffen Flugzeuge der Staffel unter der Führung von Douglas Bader einen deutschen Verband aus Bombern und Jagdflugzeugen an. Bei der Nachbesprechung bemerkte Bader, dass der Erfolg noch weit größer gewesen wäre, hätten sie mit einer größeren Anzahl an Flugzeugen angreifen können. In dieser Phase der Luftschlacht um England wurde aber eine Strategie verfolgt, die Verbände von der Stärke einer Squadron, also von 12 Flugzeugen, als größte gemeinsam geführte Angriffseinheit bei den Jagdflugzeugen vorgab.[1]

Dies war in der Sorge begründet, dass ein größerer Verband zu unflexibel sei und das Risiko in sich barg, zu viele Reserven auf einmal zu opfern. Wichtiger Vertreter dieser Auffassung war der Kommandeur der 11. Fighter Group Air Vice Marshal Keith Park, welche die Hauptlast der Verteidigung Südenglands in der kritischen Phase trug. Dessen Methodik bedeutete zwar oft die zahlenmäßige Unterlegenheit in der Luft, ermöglichte aber kurze Reaktionszeiten und stetige Angriffe auf die Bomberformationen (Hit-and-Run).[2]

Bader war jedoch mit seiner Staffel der 12. Fighter Group unterstellt, die von Air Vice Marshal Trafford Leigh-Mallory geführt wurde. Leigh-Mallory unterstützte Baders Vorschlag und führte erst drei, dann fünf Squadrons zu einem „Fighter Wing“ zusammen, was zahlenmäßig in etwa der Gruppe eines Jagdgeschwaders der Luftwaffe entsprach. Der Verband wurde als „Duxford Wing“ bekannt und von Douglas Bader in den Kampf geführt. Gegen Ende des Jahres 1940 meldete der Duxford Wing über 150 Abschüsse bei eigenem Verlust von 30 Piloten. Diese Zahlen wurden als Argument für die Überlegenheit der Taktik genutzt, stellten sich jedoch in der Nachkriegsanalyse als drastisch überhöht heraus.[3]

Hugh Dowding als Vermittler

Hugh Dowding als zuständiger Vorgesetzter überließ es weitgehend seinen Kommandeuren, die gestellte Aufgabe nach ihrer Einschätzung zu meistern. Er geriet dadurch unter Kritik seitens des Luftfahrtministeriums, das eine aggressivere Kriegsführung forderte, und auch seitens der ungeduldig auf den Einsatz wartenden Piloten der 12. Gruppe um Bader und Leigh-Mallory.

Außerdem verfügte Dowding über Informationen aus Geheimdienstquellen, die aus entschlüsselten Funksprüchen gewonnen wurden, den ultra intercepts. Darin wurde deutlich, dass die Luftwaffe hoffte, die RAF zu einem Großeinsatz herausfordern zu können, bei dem auch die Reserven in den Kampf geworfen und dezimiert werden würden. Dowding hatte nicht vor, dem nachzukommen, und teilte somit Parks Strategie der Ressourcenschonung.[4]

Die Art und Weise, wie diese Meinungsverschiedenheit auch politisch ausgetragen wurde, führte dazu, dass das Luftfahrtministerium das Vertrauen in Dowding verlor. Im November 1940 wurde er nach einem Gespräch mit dem Minister für Luftfahrt, Sir Archibald Sinclair, von seinem Kommando abberufen. Historiker werten dies heute oft als Ergebnis einer Intrige, bei der die Big-Wing-Kontroverse als Vorwand diente.[5]

Zu diesem Zeitpunkt wurden Keith Park und Hugh Dowding abgelöst. Trafford Leigh-Mallory übernahm zunächst die 11. Gruppe von Keith Park. 1942 folgte er Sholto Douglas als Oberbefehlshaber des Fighter Command nach.

Historische Bewertung

Die moderne militärhistorische Forschung bewertet die Big-Wing-Strategie heute weitgehend kritisch und bestätigt die damalige Skepsis von Keith Park.

Zeitfaktor und Flexibilität

Das Hauptproblem des „Big Wing“ war die Zeit, die benötigt wurde, um drei bis fünf Staffeln in der Luft zu sammeln (Formierung) und gemeinsam auf Angriffshöhe zu bringen. Dies dauerte oft zu lang, um schnell einfliegende deutsche Bomberverbände noch vor dem Bombenabwurf abzufangen. Während Parks Einheiten der 11. Gruppe den Feind früh attackierten, traf der Big Wing der 12. Gruppe häufig erst ein, als die deutschen Verbände bereits auf dem Rückflug waren oder ihre Ziele bereits bombardiert hatten.[6]

Overclaiming (Übertreibung der Abschusszahlen)

Die von Leigh-Mallory und Bader ins Feld geführte Abschussbilanz gilt heute als statistisch unhaltbar. Analysen der Nachkriegszeit, die britische Meldungen mit den tatsächlichen deutschen Verlustlisten verglichen, zeigten, dass der „Big Wing“ seine Abschüsse massiv überbewertete.

  • Während die Einheiten der 11. Gruppe (Park) ihre Abschüsse oft um den Faktor 1,5 bis 2 übertrieben (was im Luftkrieg als normal gilt), lag der Faktor beim Big Wing oft bei 5 bis 7.[7]
  • Als Beispiel gilt der 15. September 1940: Dem Big Wing wurden 52 Abschüsse gutgeschrieben, die tatsächlichen deutschen Verluste durch diesen Verband lagen jedoch weit niedriger (vermutlich unter 10).[8]

Damit entfiel das Hauptargument für den Big Wing – die angeblich höhere Effizienz – bei genauerer Betrachtung. Spätere Analysen des Luftfahrtministeriums (oft als „Sandkastenspiele“ bezeichnet) bestätigten 1941 zwar theoretische Vorteile großer Verbände, ließen jedoch die operativen Schwierigkeiten des Jahres 1940 außer Acht.

Literatur

  • Stephen Bungay: The Most Dangerous Enemy: A History of the Battle of Britain. Aurum Press, London 2000, ISBN 1-85410-721-6.
  • Len Deighton: Fighter: The True Story of the Battle of Britain. Pimlico, London 2008, ISBN 978-1845951061.
  • Richard Hough, Denis Richards: The Battle of Britain: The Greatest Air Battle of World War II. W.W. Norton, New York 1989, ISBN 978-0-393-02766-2.
  • John Ray: The Battle of Britain: Dowding and the First Victory 1940. Cassell, London 2001, ISBN 978-0-304-35677-5.
  • Dilip Sarkar: Bader's Big Wing Controversy: Duxford 1940. Air World (Pen & Sword Books), Yorkshire 2022, ISBN 978-1-3990-1715-2.

Einzelnachweise

  1. Len Deighton: Fighter: The True Story of the Battle of Britain. Pimlico, London 2008, S. 262.
  2. Richard Hough, Denis Richards: The Battle of Britain: The Greatest Air Battle of World War II. W.W. Norton, New York 1989, S. 280 ff.
  3. Stephen Bungay: The Most Dangerous Enemy: A History of the Battle of Britain. Aurum Press, London 2000, S. 358–359.
  4. Stephen Bungay: The Most Dangerous Enemy. S. 370.
  5. John Ray: The Battle of Britain: Dowding and the First Victory 1940. Cassell, London 2001, S. 160–165.
  6. Richard Hough, Denis Richards: The Battle of Britain. S. 282.
  7. Stephen Bungay: The Most Dangerous Enemy. S. 359.
  8. Alfred Price: The Battle of Britain Day. Sidgwick and Jackson, London 1990, S. 140 ff. (Detaillierte Analyse der Verlustlisten des 15. September).