Bewegung für die Selbstbestimmung der Kabylei

Die Bewegung für die Selbstbestimmung der Kabylei (kabylisch ⴰⵎⵓⵙⵙⵓ ⵏ ⵓⵙⴷⵔⴼⵉ ⵉ ⵜⵎⵓⵔⵜ ⵏ ⵍⵇⴱⴰⵢⵍ Timanit i Tmurt n Iqbayliyen, französisch Mouvement pour l'autodétermination de la Kabylie, kurz MAK) ist eine algerische Organisation, die 2001 von Ferhat Mehenni gegründet wurde. Sie sieht sich als gewaltlose Bewegung zur Selbstbestimmung und Unabhängigkeit der Kabylei in Algerien.

Ziele

Die 2001 gegründete Organisation setzt sich für die Rechte der Minderheit der Kabylen ein, die ein Teil der indigenen nordafrikanischen Berberbevölkerung sind. Die Bewegung zeigte sich frustriert von den Maßnahmen der Regierung, diese Minderheit, die als Muttersprache kabylisch spricht und sich auch kulturell unterscheidet, in die arabischsprachige Mehrheitsgesellschaft zu assimilieren.

Das Ziel der Bewegung ist die Unabhängigkeit der Kabylei, was nach Mehenni der erste Schritt hin zur Errichtung eines föderalistischen algerischen Staates sein könne. Mehenni gründete 2010 eine "vorläufige Exilregierung" in Frankreich mit neun Ministern, zwei von ihnen Frauen.[1]

Am 14. Dezember 2025 erklärte Mehenni dann während einer privaten Zeremonie in Paris die Unabhängigkeit von Algerien, rief eine „föderale, säkulare und demokratische Republik Kabylei“ aus und wurde als Präsident der neuen Republik präsentiert.[2][3]

Die Unabhängigkeitserklärung wird weder von Algerien noch von einem anderen Staat anerkannt und wird weithin als rein symbolischer Akt betrachtet.[4] In der Kabylei selbst fanden einige Gegendemonstrationen statt die Unabhängigkeitsbestrebungen zurückwiesen und die Einheit Algeriens befürworteten.[5] Nach Ansicht der Historikerin Karima Dirèche repräsentiere die MAK nur "eine winzige Minderheit" der Kabylen sowohl in Algerien wie in der Diaspora und werde auch von Oppositionsparteien wie die Front Sozialistischer Kräfte (FFS), die in der Kabylei stark vertreten ist, als "sektiererisch und separatistisch" abgelehnt.[6]

Geschichte

Hintergrund

Während der französischen Kolonialherrschaft war die Kabylei ein Zentrum des antikolonialen Widerstands; nach der algerischen Unabhängigkeit 1962 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen kabylischen Aktivisten und der Zentralregierung jedoch rasch. 1963 führten kabylische Guerillas unter Hocine Aït Ahmed einen Aufstand für regionale Autonomie an, der vom algerischen Militär niedergeschlagen wurde.[7] Der neue algerische Staat verfolgte eine Politik der Arabisierung, die die Berbersprachen marginalisierte. Kabylischer kultureller und politischer Protest setzte sich bis ins späte 20. Jahrhundert fort und mündete wiederholt in Unruhen. Die Unruhen des Jahres 2001 („Schwarzer Frühling“) – ausgelöst durch den Tod eines jungen Kabylen in Gendarmerie-Gewahrsam – führten zu Massenprotesten und Zusammenstößen, bei denen Sicherheitskräfte über hundert Menschen töteten.[8]

Gründung des MAK und der Exilregierung

Im Juni 2001, inmitten der Unruhen des Schwarzen Frühlings, gründeten Ferhat Mehenni und andere Aktivisten die Bewegung für die Autonomie der Kabylei (Mouvement pour l’Autonomie de la Kabylie, MAK),[9], die zunächst für regionale Autonomie innerhalb Algeriens eintrat, aber ab 2013 die Unabhängigkeit der Kabylei forderte und sich in Bewegung für die Selbstbestimmung der Kabylei (Mouvement pour l’Autodétermination de la Kabylie) umbenannte.[10]

Am 1. Juni 2010 kündigte Ferhat Mehenni die Gründung einer kabylischen Exilregierung (Anavad) mit Sitz in Paris an und ernannte sich zum Präsidenten.[11] Die Exilregierung versuchte, die kabylische Sache zu internationalisieren und Grundlagen für eine mögliche Unabhängigkeit zu schaffen. 2017 erlangte Kabylei (vertreten durch MAK–Anavad) die Mitgliedschaft in der Unrepresented Nations and Peoples Organization (UNPO).[12]

Algerische Behörden lehnen kabylische Selbstbestimmungsbestrebungen ab und verfolgten Aktivisten wiederholt strafrechtlich. Im Mai 2021 wurden MAK und die Exilregierung von Algerien als terroristische Organisationen eingestuft.[13] Ferhat Mehenni, der in Frankreich im Exil lebt, wird in Algerien wegen terrorismusbezogener Vorwürfe gesucht.[14]

In den 2010er- und frühen 2020er-Jahren warb MAK–Anavad international um Unterstützung und bekräftigte das Recht der Kabylei auf Selbstbestimmung. 2020 begann die Exilregierung, symbolische kabylische Reisepässe und Ausweise an Mitglieder der Diaspora auszugeben.[15] Am 14. Juni 2020 wurde zudem die Kabylische Nationalversammlung (Imni Aqvayli) als Legislativorgan im Exil eingerichtet; es wurde eine vorläufige Verfassungscharta mit säkularem und demokratischem Zuschnitt ausgearbeitet.[16]

Unabhängigkeitserklärung

Im September 2024 veröffentlichte eine Gruppe britischer Juristen ein Rechtsgutachten, das den Kabylen ein Selbstbestimmungsrecht nach internationalem Recht zusprach.[17][18] Vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen kündigte das MAK eine einseitige Unabhängigkeitserklärung an. Eine erste symbolische Proklamation fand am 20. April 2024 in New York statt.[19]

Am 14. Dezember 2025 versammelten sich die MAK-Führung sowie mehrere hundert Unterstützer und internationale Gäste in einem privaten Saal nahe dem Triumphbogen in Paris, um die Unabhängigkeit der Kabylei auszurufen. Die ursprünglich geplante öffentliche Veranstaltung war von französischen Behörden untersagt worden, weshalb die Organisatoren auf einen geschlossenen Veranstaltungsort auswichen.[20] Ferhat Mehenni erklärte Kabylei zu einem souveränen Staat.[21] Das Gemeinwesen wurde als „Föderale Republik Kabylei“ beschrieben; Mehenni wurde als Übergangspräsident bezeichnet.[22] Nach Berichten nahmen Vertreter verschiedener Unabhängigkeitsbewegungen und einzelne ausländische Gäste teil.[23] Die Erklärung blieb symbolisch und hatte keine unmittelbare praktische Wirkung in der Kabylei. Lediglich die private israelische Denkfabrik Jerusalem Institute for Strategy and Security (JISS) empfahl Israel, aus strategischen Gründen die Unabhängigkeit der Kabylei anzuerkennen.[24] Die deutsche Bundesregierung hatte schon 2011 geäußert, die Bewegung zeige „separatistische Tendenzen“, werde von Algerien nicht anerkannt und spiele „in der algerischen politischen Landschaft aktuell keine signifikante Rolle“.[25]

Einzelnachweise

  1. FRANCE – ALGERIA: Kabyle separatists set up their own government in France (Memento vom 7. Oktober 2011 im Internet Archive), Herald de Paris vom 3. Juni 2010
  2. Kabyle Movement unilaterally proclaims independence in Paris. In: APA (African Press Agency). 15. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  3. Kabyle leaders in exile declare independence from Algeria. In: North Africa Post. 15. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  4. Algerian self-determination movement announces independence of Kabylie in Paris. In: Le Monde. 15. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  5. Algeria’s Kabylie Unites against MAK Separatist Project. In: Asharq Al-Awsat. 14. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  6. « La revendication politique portée par le MAK reste ultra-minoritaire en Kabylie » Le Monde. 19 Dezember 2025>
  7. Kabylia: MEP Questions Treatment of the Kabyle People. In: UNPO. 5. Juli 2020, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  8. Algeria’s Kabylie Unites against MAK Separatist Project. In: Asharq Al-Awsat. 14. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  9. Algerian self-determination movement announces independence of Kabylie in Paris. In: Le Monde. 15. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  10. Direction des recherches, Commission de l'immigration et du statut de réfugié du Canada, Ottawa: Réponses aux demandes d'information
  11. Algerian self-determination movement announces independence of Kabylie in Paris. In: Le Monde. 15. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  12. Kabylia – UNPO Member Profile. In: UNPO. Abgerufen am 30. Dezember 2025.
  13. Algeria’s Kabylie Unites against MAK Separatist Project. In: Asharq Al-Awsat. 14. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  14. Algeria’s Kabylie Unites against MAK Separatist Project. In: Asharq Al-Awsat. 14. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  15. Kabylia: MEP Questions Treatment of the Kabyle People. In: UNPO. 5. Juli 2020, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  16. Kabylia: MEP Questions Treatment of the Kabyle People. In: UNPO. 5. Juli 2020, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  17. UK barristers recognize right of Kabylia people to independence from Algeria. In: The North Africa Post. 7. September 2024, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  18. Legal Opinion on the Right to Self-Determination of the Kabyle People (summary). Brick Court Chambers / Twenty Essex (via FARA), 5. September 2024, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  19. Kabylia declares independence from Algeria. In: The North Africa Post. 21. April 2024, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  20. Kabyle Movement unilaterally proclaims independence in Paris. In: APA (African Press Agency). 15. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  21. Algerian self-determination movement announces independence of Kabylie in Paris. In: Le Monde. 15. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  22. Kabyle leaders in exile declare independence from Algeria. In: North Africa Post. 15. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  23. Algerian self-determination movement announces independence of Kabylie in Paris. In: Le Monde. 15. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  24. Emmanuel Navon: Israel’s Stakes in Kabylia’s Declaration of Independence. In: Jerusalem Institute for Strategy and Security (JISS). 12. Dezember 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025 (englisch).
  25. Drucksache 17/7242 (PDF; 95 kB), Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage von Abgeordneten und Fraktion DIE LINKE zur Menschenrechtssituation in der Kabylei