Bessie Drysdale

Bessie Drysdale, geborene Ingram Edwards (* 13. Februar 1871 in Hereford, Herefordshire; † 6. September 1950 in England),[1] war eine englisch-britische Lehrerin, Suffragette, Verfechterin der Geburtenkontrolle, Eugenikerin und Autorin. Sie war Mitglied des National Executive Committee der Women’s Social and Political Union und Sekretärin der Malthusian League.

Leben

Drysdale wurde 1871 in Hereford geboren.[2] Sie arbeitete als Lehrerin am Stockwell College im Süden Londons.[3]

Drysdale heiratete 1898 Charles Vickery Drysdale (1874–1961), den Sohn von Alice Vickery. Er war Elektroingenieur, Eugeniker, Sozialreformer und Gründungsmitglied der Men's League for Women's Suffrage. Das Paar hatte eine Tochter namens Eva Drysdale, die 1914 im Alter von 13 Jahren starb, und einen Adoptivsohn.[3]

Drysdale wurde Mitglied der Women’s Social and Political Union (WSPU).[4] Sie war eine von 52 Frauen, die während eines Suffragettenmarsches zum Unterhaus am 14. Februar 1907 verhaftet wurden, und verbrachte 21 Tage im Holloway Prison.[5] Später im Jahr 1907 verließ Drysdale die WSPU, um sich denen anzuschließen, die mit dem Führungsstil der Pankhursts nicht einverstanden waren und die als Abspaltung die Women’s Freedom League (WFL) gründeten. 1908 nahm sie als Delegierte der WFL am Kongress der International Woman Suffrage Alliance in Stockholm teil. Ihr Ehemann nahm ebenfalls teil, um die Men's League for Women’s Suffrage (MLWS) zu vertreten.[6]

Als 1911 die Volkszählung durchgeführt wurde, beteiligte sich Drysdale am Boykott der Suffragetten und schrieb auf ihrem Formular: „Da mir die Regierung das Wahlrecht verweigert und ich daher nicht als Bürgerin anerkannt bin, weigere ich mich, die Pflichten einer Bürgerin zu erfüllen und die von der Regierung geforderten Angaben zu machen.“[6] Sie unterschrieb als Mitglied der WFL.[2]

Drysdale verließ die WFL im April 1912, um sich unabhängig für das Frauenwahlrecht einzusetzen.[6] Während dieser Zeit schrieb sie auch für das kurzlebige radikalfeministische Magazin The Freewoman (1911–1913), das sich mit Themen wie Sexualität, Frauenrechte, Mutterschaft und Ehe befasste.[7][8]

Drysdale war der Ansicht, dass die Begrenzung der Familiengröße „der Hebel für individuelle und soziale Verbesserung“, „ein Heilmittel für soziale Missstände“ und der Schlüssel zur Emanzipation der Frauen sei.[9] Sie wurde zu einer führenden Persönlichkeit der britischen Geburtenkontrollbewegung[10] und setzte sich für den Zugang von Frauen zu Schwangerschaftsabbrüchen ein.[11] Von 1911 bis 1923 war Drysdale Sekretärin der britischen Eugenik- und Familienplanungsorganisation Malthusian League.[7] Sie war auch Mitglied der Eugenics Society.[12] Drysdale war eines der prominentesten weiblichen Mitglieder dieser Organisationen und hob in ihren Schriften und Vorträgen oft die Ausblendung der Körper und Meinungen von Frauen in der Diskussion über Fortpflanzung hervor.[12]

Während des Ersten Weltkriegs veröffentlichte Drysdale Flugblätter über die Notwendigkeit, die Geburtenrate während der Kriegsnot zu senken.[6] In einem Artikel für den Daily Mirror skizzierte sie, dass Frauen sich en masse weigern sollten, ihre Söhne für den Krieg herzugeben, und dass sie einen „Geburtsstreik“ beginnen sollten, wenn „die Männer nicht auf sie hören würden“.[12] Drysdale freute sich jedoch über das Ende des Krieges und schrieb, dass, wenn Deutschland gewonnen hätte, „die Demokratie vor den falschen Zielen und der schrecklichen Militärmacht Deutschlands in den Staub gefallen wäre“.[13]

Drysdale schrieb auch nach dem Krieg weiter und griff in ihrer Broschüre Labour Troubles and Birth Control („Arbeitsprobleme und Geburtenkontrolle“) aus dem Jahr 1920 den Kollektivismus und Sozialismus an.[14] 1923 beendete sie einen Artikel mit den Worten: „Arbeitende Männer und Frauen, schaut auf euch selbst und befreit euch von der Armut, indem ihr euch weigert, sie zu vermehren.“[15] In einer früheren Broschüre, die 1915 veröffentlicht wurde, hatte sie appelliert: „An alle arbeitenden Männer und Frauen! Befreit euch von der Armut, indem ihr eure Familie so klein haltet, dass ihr sie gut ernähren könnt.“[15][16] Sie wurde als „vehement antisozialistisch“ beschrieben,[17] und Historiker vermuten, dass sie für ihre Artikel Geschichten aus der Perspektive der Arbeiterklasse auch erfunden hat.[11]

Als das Gesundheitsministerium nach dem Krieg 1,1 Mio. Pfund für Mutterschafts- und Kinderfürsorgeprogramme bereitstellte, lehnte Drysdale diese Maßnahme ab. Sie argumentierte, dass die Mittelschicht bereits mit Steuern überlastet sei, um die unteren Schichten zu unterstützen, die ihre eigene Situation selbst verschuldet hätten, indem sie zu viele Kinder bekämen, anstatt Methoden der Familienplanung anzuwenden. Sie fragte sich, wie lange Eltern kleiner Familien noch zulassen sollten, dass die Armen „ihre endlosen Krisen auf Kosten der Öffentlichkeit lösen“.[13] Sie äußerte sich auch negativ über Gebiete mit schlechten Wohnverhältnissen und erklärte, dass „Slums zu einem großen Teil von natürlichen Slumtypen geschaffen und ständig bewohnt werden“.[18]

Drysdale setzte sich persönlich auf einer Autotour für Familienplanung ein[19] und organisierte Treffen in ganz Großbritannien, die von der amerikanischen Geburtenkontrollaktivistin Margaret Sanger abgehalten wurden.[6][20] Drysdale gab Sanger Ratschläge zur Kleidung: man solle sich umso konservativer kleiden sollte, je radikaler die Ideen seien.[21] 1921 nahmen sie gemeinsam an einer internationalen Konferenz der Malthusian League in den Niederlanden teil.[22] Sie arbeitete auch mit anderen Aktivistinnen zusammen, darunter Marie Stopes, die allerdings Drysdale als „mächtig und unangenehm mit einer gehässigen Art, enorme Publicity zu machen“ beschrieb.[23]

1922 gründeten Drysdale, ihr Ehemann und Norman Haire das Walworth Women's Welfare Centre.[2][23] Dies war eine der ersten Kliniken für Geburtenkontrolle im Land.[24] Dort wurden medizinische Behandlungen und Vorträge zu Themen wie Geburtenkontrolle, Anatomie, Physiologie und Hygiene für arme Frauen angeboten. Drysdale und Haire waren sich uneinig über die Werbung für das Zentrum, und er kündigte, nachdem sie sich über Drysdales Vorschlag für einen „großen Eröffnungstag“ gestritten hatten, aber später versöhnten sie sich wieder, und er kehrte zurück, um mit den Drysdales im Zentrum zu arbeiten.[23]

Drysdale setzte ihre persönliche Kampagne bis zu ihrem Tod im Jahr 1950 fort.[3] Sie ist auf dem Brookwood Cemetery in Woking, Surrey, begraben.[1]

Einzelnachweise

  1. a b Bessie Ingman Drysdale in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 4. Januar 2026.
  2. a b c Bessie Drysdale. In: Virtual Museum. Hampstead Garden Suburb Heritage, 2015, abgerufen am 4. Januar 2026.
  3. a b c A. B. Mitchell: Drysdale, Charles Vickery (1874–1961). In: H. C. G. Matthew und Brian Harrison (Hrsg.): Oxford Dictionary of National Biography. Oxford 8. Oktober 2009, doi:10.1093/ref:odnb/32908.
  4. Lucy Bland: Banishing the Beast: English Feminism and Sexual Morality, 1885–1914. Penguin, London 1995, ISBN 0-14-017449-4, S. 213.
  5. Tania Shew: Women’s Suffrage, Political Economy, and the Transatlantic Birth Strike Movement, 1911–1920. In: The Historical Journal. Band 66, Nr. 2, März 2023, S. 370–391, doi:10.1017/S0018246X22000334.
  6. a b c d e Bessie Drysdale. Mapping Women’s Suffrage, abgerufen am 4. Januar 2026.
  7. a b Laura Schwarz: Infidel feminism: Secularism, religion and women's emancipation, England 1830–1914. Manchester University Press, Manchester 2017, ISBN 978-1-5261-3066-2, S. 63–64.
  8. Leslie A. Hall: The Next Generation: Stella Browne, the New Woman as Freewoman. In: Angelique Richardson und Chris Willis (Hrsg.): The New Woman in Fiction and Fact: Fin-de-Siècle Feminisms. Palgrave Macmillan, London 2019, ISBN 978-1-349-65603-5, S. 231, (224–238) (google.com).
  9. Bessie Ingham Edwards Drysdale: Specially for Women (1908). In: Claudia Nelson, Julie-Marie Strange und Susan B. Egenolf (Hrsg.): British Family Life, 1780–1914. Band 3. Routledge, London 2013, ISBN 978-1-00-311269-3, doi:10.4324/9781003112693 (taylorfrancis.com).
  10. Aline H. Kalbian: Sex, Violence, and Justice: Contraception and the Catholic Church. Georgetown University Press, Washington, D.C. 2014, ISBN 978-1-62616-048-4, S. 136 (google.com).
  11. a b Ann Farmer: By Their Fruits: Eugenics, Population Control, and the Abortion Campaign. The Catholic University of America Press, Washington, D.C. 2008, ISBN 978-0-8132-1530-3, S. 59 (google.com).
  12. a b c Faith Binckes: Women, Periodicals and Print Culture in Britain, 1890s–1920s: The Modernist Period. Edinburgh University Press, Edinburgh 2019, ISBN 978-1-4744-5065-2, S. 399 f. (google.com).
  13. a b Richard A. Soloway: Birth Control and the Population Question in England, 1877–1930. UNiverstay of North Carolina Press, Chapel Hill, NC 2017, ISBN 978-1-4696-4000-6, S. 115 f. (google.com).
  14. William Petersen: Malthus: Founder of Modern Demography. Routledge, London 2018, ISBN 978-1-351-30946-2 (google.com).
  15. a b Lesley Hoggart: Feminist Campaigns for Birth Control and Abortion Rights in Britain. Edwin Mellen Press, Lewiston, NY 2003, ISBN 0-7734-6868-4, S. 70.
  16. Peter Fryer (Hrsg.): British Birth Control Ephemera, 1870–1947: A Catalogue [of the Collection of David Collis]. The Barracuda Press, 1969, ISBN 0-901846-00-7, S. 14 f.
  17. Clare Debenham: Birth Control and the Rights of Women: Post-suffrage Feminism in the Early Twentieth Century. Bloomsbury Academic, London 2013, ISBN 978-1-78076-435-1, S. 110 f.
  18. Andrzej Olechnowicz: Working-class Housing in England Between the Wars: The Becontree Estate. Clarendon Press, London 1997, ISBN 0-19-820650-X, S. 112 (google.com).
  19. David Victor Glass: Population Policies and Movements in Europe. Augustus M. Kelley, Publishing, New York City 1967, ISBN 0-678-05049-X, S. 45.
  20. Margaret Sanger: The Autobiography of Margaret Sanger. Courier Corporation, North Chelmsford, MA 2012, ISBN 978-0-486-12083-6, S. 129 (google.com).
  21. Colin Francome: Abortion Freedom: A Worldwide Movement. Taylor & Francis, London 2024, ISBN 978-1-04-002640-3, S. 50 (google.com).
  22. The Eugenics Review. Eugenics Education Society, London 1931, S. 190.
  23. a b c Diana Wyndham: Norman Haire and the Study of Sex. Sydney University Press, Sydney 2012, ISBN 978-1-74332-006-8, S. 71, 78–81 (google.com).
  24. June Purvis und Sandra Stanley Holton: Votes for Women. Routledge, London 2002, ISBN 1-134-61065-3, S. 197.