Berliner Durchreise
Berliner Durchreise nannten die Modefacheinkäufer aus der Provinz die Summe aller Verkaufsangebote zur jeweiligen Saisoneröffnung in der deutschen Hauptstadt. Die Durchreise fand an je zwei Wochen im Februar und August für die Sommer- bzw. Wintersaison statt.[1]
Entstehung
Ab 1840 entstand in Berlin eine Bekleidungsherstellung, anfangs beginnend mit Damenmänteln,[2] die nach Körpergröße gestaffelte Waren erzeugte und am Lager vorrätig hielt (Konfektion).[3] Für die Damenmode wurde eine Sommer- und eine Winterkollektion kreiert. Nach Fertigstellung der Kollektionen erfolgte deren Präsentation. Facheinkäufer kamen nach Berlin und die ersten Lagerverkäufe begannen. Der Geschäftsablauf zwischen den Modehäusern der Hauptstadt und den Konsumenten in der Provinz wurde ab 1850 bestimmt durch „Reisende“. Angestellte der Berliner Häuser betreuten potenzielle Großkunden in der Provinz.[4] Reisende als Facheinkäufer kamen zur Begutachtung der neuen Kollektionen. Zu den Kollektionsvorlagen der einzelnen Häuser (Mitte Februar und Mitte August) kamen alle Beteiligte regelmäßig in der Hauptstadt zusammen. Es wurde geordert, aber auch ab Lager gekauft. Diese gesamten Aktivitäten in den Tagen der Saisoneröffnung bezeichneten die Berliner Konfektionäre als „Durchreise“.[5]
Entwicklung im frühen 20. Jahrhundert
Unter dem Einfluss des Ersten Weltkriegs und des erstarkenden Nationalismus wollten deutsche Firmenverbände das Ansehen ihrer nationalen Produkte aufwerten. Als Summe dieser Bemühungen entstand 1918 der Verband der deutschen Mode-Industrie.
Vorbild war einmal mehr Paris. Wie dort, wollte man Kunst, Mode, Handwerk und Kulturprogramm ins nationale Bewusstsein rücken.
Entsprechend gab es zur Zeit der Modewoche verstärkt Veranstaltungen aus den Bereichen Theater, Oper und Sport. Zur Präsentation der Kollektionen hatten sich seit 1910 (Paul Poiret) die Modenschauen durch Mannequins etabliert. Ein exakter Zeitplan des Veranstalters, der dem Fachbesucher erst einen gezielten Besuch dieser Aktivitäten ermöglichte, war jetzt besonders wichtig.[6]
Da sich die Mitglieder (Modehäuser, Stoffhersteller, Handwerker, Museen und Modeverlage) aus ganz Deutschland rekrutierten, nannte der Verband als Veranstalter und Organisator[7] die erste gemeinsame Leistungsschau und erste Fachmesse für Mode[8] schlicht 1. Modewoche. Die Berliner Durchreise hingegen war die Summe aller unkoordinierten Aktivitäten der Modehäuser zum Saisonwechsel.[9]
Im Jahr 1923 endete mit der 11. Modewoche diese Messeserie. 1925 wurde die Modewoche in die Fachmesse der Bekleidungsindustrie auf dem Berliner Messegelände integriert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg
Das Konfektionszentrum in der Mitte Berlins war zerstört, aber was blieb, war der Begriff „Berliner Durchreise“.[10][11] Dieser erinnert an eine Zeit, in der die „Konfektion“ erfunden wurde und Modeherstellung in Berlin Weltgeltung erlangte.[12]
An diese Tradition anknüpfend erhielt die erste Modemesse nach dem Krieg die Bezeichnung „Berliner Durchreise“. Bis 1968 war die „Berliner Durchreise“ die offizielle Messe zur Präsentation der Damen- und Herrenmode,[13] obwohl sie noch wie früher in den Modellhäusern und in Hotels durchgeführt wurde.[14][15]
Ab 1969 traten andere Messeformate in den Vordergrund.[16] Die Interchic etablierte sich in den Messehallen am Funkturm, andere Formate wie die Berliner Modewoche und die Bread & Butter folgten später.
Hausmesse
Ab 1988 nutzte das Modecenter Berlin (MBC) den Namen Berliner Durchreise zur Aufwertung der Fashion Gallery Berlin im Ullsteinhaus. Ihr Konzept war, dass sich Mode- und Textilhersteller hier einmieten konnten, um eine ständige Repräsentanz in Berlin zu erhalten.[17] In diesem Umfeld wurden unter Beteiligung der Mieter sogenannte Hausmessen mit der Namensgebung Berliner Durchreise abgehalten. 2015 wechselte das Ullsteinhaus den Eigentümer und die Fashion Gallery Berlin wurde 2017 aufgelöst.[18]
Literatur
- Gesa Kessemeier: Ein Feentempel der Mode oder Eine vergessene Familie, ein ausgelöschter Ort. 2. Auflage. Hrsg.: Gesa Kessemeier. Hentrich & Hentrich, Berlin 2013, ISBN 978-3-95565-018-6.
- Kristin Hahn, Sigrid Jacobeit: Brennender Stoff, Deutsche Mode jüdischer Konfektionäre vom Hausvogteiplatz. 1. Auflage. Hrsg.: Kristin Hahn, Sigrid Jacobeit. Hentrich & Hentrich, Berlin 2018, ISBN 978-3-95565-275-3.
- Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode 1836–1939, Die Zerstörung einer Tradition. 2. Auflage. Hentrich, Berlin 1992, ISBN 3-89468-044-X.
- Nadine Barth: Berlin Fashion – Metropole der Mode. Dumont, Köln 2008, ISBN 978-3-8321-9061-3, S. 16.
Weblinks
- 13 Ergebnisse für ‚Moritz Loeb‘. deutsche-digitale-bibliothek.de
- Ingram-Sark, Berliner Chic A Locational History of Berlin Fashion. Bristol, UK / Chicago, USA
- Berliner Tageblatt und Handelszeitung, 1925-08, Seite 17. Wie die Mode gemacht wird
Filme
- Durchreise – Die Geschichte einer Firma (dort: Wissenswertes). Große Geschichten. ZDF, Studio Hamburg (3 DVDs, Booklet)
- Peter Leonhard Braun (dort: Fernseh-Feature). Berliner Durchreise – Rendezvous mit einer „anziehenden“ Industrie Regie: Tom Toelle, SFB, Ursendung: 13. April 1961, ARD
- Ein Bericht von der Durchreise 1964. im SFB
- rbb Retro – Berliner Abendschau: Beginn der 56. Durchreise. In: ardmediathek.de. 13. April 1964, abgerufen am 1. September 2025.
Einzelnachweise
- ↑ Aus der Damenstoffkleiderbranche. In: Leipziger Monatsschrift für Textil-Industrie. 19. August 1903 (deutsche-digitale-bibliothek.de).
- ↑ Moritz Loeb: Berliner Konfektion. S. 8.
- ↑ Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode. S. 16–17
- ↑ Moritz Loeb: Berliner Konfektion. Kapitel VII: Konfektionsreisende.
- ↑ Moritz Loeb: Berliner Konfektion. Kapitel IV: Vor und während der Durchreise.
- ↑ Gesa Kessemeier: Ein Feentempel der Mode. S. 26.
- ↑ Adelheid Rasche: Peter Jessen, der Berliner Verein Moden-Museum und der Verband der deutschen Mode-Industrie, 1916–1925. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Historische Waffen- und Kostümkunde. 1995 (uni-heidelberg.de [PDF; abgerufen am 23. August 2025]).
- ↑ Kristin Hahn, Sigrid Jacobeit: Brennender Stoff. S. 90, dort: Berliner Modewoche
- ↑ Kristin Hahn, Sigrid Jacobeit: Brennender Stoff. S. 89, dort: Die Berliner Durchreise.
- ↑ 1952 Berliner Durchreise-Oestergaard. Landesarchiv Berlin, 1952, abgerufen am 5. August 2025.
- ↑ 1967 67. internationale Berliner Durchreise. Landesarchiv Berlin, 1967, abgerufen am 11. August 2025.
- ↑ Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode, S.72
- ↑ textil-report, 10/1962: …50. Berliner Durchreise Hauptmusterung; Modeblatt der Musterungen der Berliner Bekleidungsindustrie, 1962
- ↑ Berliner Stadtadressbuch 1954: Berliner Veranstaltungen. In: digital.zlb.de. Berliner Senat, 1954, abgerufen im September 2025.
- ↑ Berliner Abgeordnetenhaus, Stenographische Berichte 1968, Nr.28: Entwicklung des Fremdenverkehrs, "Berliner Durchreise", Seite 862. In: digital.zlb.de. Berliner Abgeordnetenhaus, 25. April 1968, abgerufen im September 2025.
- ↑ Nadine Barth: Berlin Fashion – Metropole der Mode. S. 16.
- ↑ Peter Schubert: Von der Durchreise zur Offline-Wirtschaftsgeschichte Berlins. In: deutsche-wirtschafts-nachrichten.de. Februar 2024, abgerufen im Juli 2025.
- ↑ Kirsten Reinhold: Fashion Gallery Berlin: Mieter müssen raus. In: TextilWirtschaft, August 2016.