Benoît Frachon

Benoît Frachon (geboren am 13. Mai 1893 in Le Chambon-Feugerolles; gestorben am 4. August 1975 in Ouzouer-sur-Loire)[1] war ein französischer Politiker der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF), und Résistant. Er war von 1945 bis 1967 Generalsekretär der Gewerkschaft Confédération générale du travail (CGT).

Leben

Jugend

Benoît Frachon wurde als drittes von fünf Kindern einer Bergarbeiterfamilie im Kohlebecken des Département Loire unweit von Saint-Etienne geboren.[2] Sein Vater, Jean Benoît Frachon, war Bergmann und später Aufseher im Untertagebau.[3] Seine Mutter, Claudine Drevet, war vor ihrer Heirat Seidenwicklerin in Saint-Étienne. Benoît, der die öffentliche Schule besuchte, aber auch eine religiöse Erziehung genoss, erlangte 1904 das Grundschulzeugnis. Nach zwei Jahren weiterführender Grundschulausbildung in Le Chambon-Feugerolles begann er eine Lehre bei einem kleinen Bolzenhersteller und erlernte er das Handwerk des Dreher-Metallarbeiters. 1909, im Alter von sechzehn Jahren, trat er der Gewerkschaft CGT bei.

Seit 1909 engagierte er sich in einer kleinen libertären Gruppe[4] und nahm an einigen Demonstrationen mit direkter Aktion teil. Seinen ersten Streik erlebte er 1910 in Le Chambon. Dieser sehr harte Streik (über einen Monat) führte zu Zusammenstößen mit der Armee (die Kavallerie griff die Streikenden mit gezückten Säbeln an) und entwickelte sich zu einem Volksstreik (die Frauen der Streikenden beteiligten sich daran, aber in gewissem Maße auch die Bevölkerung von Saint-Étienne). Er besuchte regelmäßig das Volkshaus in Le Chambon, wo er die Arbeiterkultur kennenlernte und verinnerlichte.[2]

Im Ersten Weltkrieg wurde er aufgrund seiner Kurzsichtigkeit vom Waffendienst befreit und war zunächst im Bekleidungslager des 30. Artillerieregiments in Orléans stationiert; später in anderen Einheiten der Etappe.[5]

Engagement

Nach dem Kongress von Tours trat Frachon der neugegründeten Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) bei.[2] Als Anführer des großen Metallarbeiterstreiks von Saint-Étienne im Jahr 1924 machte er sich einen Namen und wurde ständiger Sekretär der Départementsgewerkschaft der Confédération générale du travail unitaire (CGTU).[A 1]

Ab 1928 übernahm Frachon höhere Positionen. Im Einklang mit den Leitlinien der Führung der Kommunistischen Internationale nahm er an Treffen in Moskau teil und trat in das Politbüro der KPF ein: Er war der Inbegriff dieser Generation kommunistischer Führer, die einen sehr schnellen Aufstieg erlebten (in seinem Fall innerhalb von drei Jahren).[2] Bei den Parlamentswahlen von 1928 scheiterte er jedoch.[5] Als sich in Frankreich die ersten Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 bemerkbar machten, verloren der Kommunismus und der revolutionär gesinnte Syndikalismus an Einfluss. Frachon litt wie viele andere Aktivisten unter den Folgen der staatlichen Repression und wurde im Gefängnis La Santé inhaftiert.[2] Er war ein Verfechter der Einheitsgewerkschaft, allerdings unter kommunistischer Führung.[2] Ab 1933 war er Sekretär der CGTU und gleichzeitig Mitglied des Politbüros der KPF und sorgte damit für eine einheitliche Linie der Organisationen.

Nach der gewerkschaftlichen Wiedervereinigung 1935 stieg er in die Führung der CGT auf und nahm in dieser Funktion an einem Treffen mit dem Arbeitgeberverband Confédération générale du patronat français und Regierungsvertretern teil. Dieses Treffen führte zum Abschluss der Matignon-Verträge, die auch die Unterschrift Frachons trugen.

Zweiter Weltkrieg

Der Hitler-Stalin-Pakt, der kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs am 23. August 1939 unterzeichnet worden war, beendete die Gewerkschaftseinheit. Dem deutschen Überfall auf Polen folgte am 26. September 1939 ein Verbot der KPF wegen ihrer Weigerung, den Krieg Frankreichs gegen Hitlerdeutschland zu unterstützen. Frachon wurde seines Amtes als Sekretär der CGT enthoben,[6] weil er die Linie der Komintern verteidigte.[7] Am 26. Oktober 1939 erschien unter Frachons Leitung die erste Untergrundausgabe der Parteizeitung L’Humanité.[8]

Während der Monate des Sitzkriegs (französisch Drôle de guerre), der Phase zwischen der Kriegserklärung im September 1939 und dem Westfeldzug, der mit der Niederlage Frankreichs im Mai/Juni 1940 endete, war er der Hauptverantwortliche der Untergrundorganisation in Frankreich. Es gelang ihm, die regelmäßige Herausgabe von L’Humanité und anderen Untergrundpublikationen (wie La Vie Ouvrière) sicherzustellen. Er stand in Verbindung mit Maurice Thorez und André Marty in Moskau sowie mit Jacques Duclos und Eugen Fried in Brüssel.[7] Er bemühte sich daraufhin, die Linie der KPF auf der Grundlage der Vorgaben der Komintern „zu korrigieren“ und übte während des Prozesses gegen die kommunistischen Abgeordneten im März/April 1940 Druck aus, damit diese eine gemeinsame Erklärung unterzeichneten, die den Erwartungen Stalins entsprach.[7]

Am 12. Juni 1940 verließ Benoît Frachon in Begleitung von Marguerite[9] und Mathilde Dardant[10] Paris, um sich auf den Bauernhof der Dardants im Limousin zu begeben, von wo aus er eine erste Umstrukturierung der Kommunistischen Partei Frankreichs in der Südzone leitete.[2][9]

Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 hatte eine grundlegende Kursänderung der KPF zur Folge. Sie schloss sich mit großem Engagement dem Widerstandskampf gegen Hitlerdeutschland an. In der Résistance war Frachon neben Jacques Duclos und Charles Tillon einer der wichtigsten Führer der im Untergrund agierenden Kommunistischen Partei Frankreichs und insbesondere für gewerkschaftliche Aktivitäten zuständig.[11] Er bemühte sich um die gewerkschaftliche Wiedervereinigung, die am 17. April 1943 vollzogen wurde. Bis zur Befreiung wurden die wesentlichen gewerkschaftlichen Aktivitäten und die großen Aktionsrichtlinien von den Kommunisten unter der Leitung von Frachon bestimmt: Im Untergrund eroberten sie die Mehrheit der CGT und Frachon wurde zu einem ihrer Generalsekretäre.[12]

Dem Historiker Jean-Pierre Azéma zufolge verdankt die Kommunistische Partei ihr Überleben während der Kriegsjahre Benoît Frachon, dank des Willens des kommunistischen Führers, sich im sozialen Umfeld zu verwurzeln, „sich an Forderungen aller Art zu halten“ und eine Union mit den Gaullisten gegen die Invasoren zu erreichen.[13] Am 22. August 1944 unterzeichnete er in L’Humanité einen Aufruf zu den Waffen, der sich an die Pariser Metallarbeiter richtete.[14] Von November 1944 bis August 1945 war er Mitglied der Assemblée consultative provisoire (Provisorische Beratende Versammlung). Nominiert wurde er vom Conseil national de la Résistance (Nationaler Widerstandsrat).[15]

Nachkriegszeit

Am 5. September 1945 wurde er zusammen mit Léon Jouhaux zum Generalsekretär der CGT gewählt. Er wurde zum unangefochtenen Führer der CGT, die zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt ihrer Macht stand, bevor es unter dem Einfluss von Jouhaux zur Spaltung und Gründung der Force ouvrière kam. Anfang Januar 1946 gehörte er zu den zehn Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften, die berufen wurden, im neu gegründeten Commissariat général du Plan (Rat für Planung) unter der Leitung von Jean Monnet mitzuwirken.[16]

Nach dem Ausscheiden Jouhaux’ aus der CGT bemühte sich Frachon, auch Nichtkommunisten in die Gewerkschaftsführung zu holen; allerdings standen diese Personen der KPF nahe. Dennoch weichten Personen wie Alain Le Léap[17] die ansonsten strenge Orthodoxie der Führung auf.

Benoît Frachon zog sich ab 1967, als er Präsident der Gewerkschaft CGT wurde, nach und nach zurück. Er war damals 74 Jahre alt und förderte einen deutlich jüngeren Nachfolger, Georges Séguy[18]. Er war der einzige Überlebende der Front populaire, der an den Verhandlungen von Grenelle[A 2] teilnahm: Auch wenn er nicht mehr Generalsekretär der CGT war, blieb er bis 1975 in deren nationaler Leitung. Von 1956 bis zu seinem Tod 1975 war er Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei Frankreichs und gehörte auch den Führungsgremien des Mouvement de la paix (Friedensbewegung) an.

Privatleben

Am 25. April 1925 heiratete Benoît Frachon in Le Chambon-Feugerolles Marie-Louise Péalat, eine Schneiderin, die 1899 dort geboren wurde. Sie war die Tochter eines Dreherarbeiters, der seit 1919 Schatzmeister der Gewerkschaft und Stadtrat der Gemeinde war. Das Paar bekam im Januar 1929 ein Kind. Marie-Louise Frachon starb 1981.[19]

Benoît Frachon starb 1975 und wurde von einer großen Arbeitereskorte[A 3] zur letzten Ruhe begleitet. Er ist auf dem Friedhof Père-Lachaise in der Grabstätte des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Frankreichs bestattet.[20]

Ehrungen

Benoît Frachon war Träger der Médaille de la Résistance.[21] Zahlreiche Straßen und Plätze sind nach ihm benannt; darunter auch die Avenue Benoît-Frachon in Paris, die an seinem langjährigen Wohnort Montreuil vorbeiführt und an der Zentrale der CGT endet. Die CGT hat das Gewerkschaftsausbildungszentrum in Gif-sur-Yvette nach ihm benannt.[22]

Funktionen

Die französische Sprachversion enthält eine sehr ausführliche Liste der politischen und gewerkschaftliche Funktionen, die Frachon im Laufe seines Lebens innehatte.

Werke

  • La Bataille de la production. Éditions sociales, 1946.
  • Au rythme des jours: 1944–1954. Éditions sociales, 1967.
  • Pour la CGT mémoires de lutte, 1902–1939. Éditions sociales, 1981, ISBN 978-2-209-05452-7.

Literatur

  • Philippe Buton: Les communistes et la CGT. L’Age d’Homme, 1994, ISBN 978-2-8251-0505-4 (google.de).
  • Jacques Girault: Benoît Frachon, communiste et syndicaliste. Presses de la Fondation nationale des sciences politiques, 1989, ISBN 978-2-7246-0563-1 (google.de).
Commons: Benoît Frachon – Sammlung von Bildern

Anmerkungen

  1. Die CGTU war als kommunistische Abspaltung von der CGT in der Folge des Kongresses von Tours entstanden; siehe weiterführend dazu Confédération générale du travail unitaire in der französischsprachigen Wikipédia.
  2. Die Vereinbarungen von Grenelle waren das Ergebnis von Tarifverhandlungen, die auf Initiative der Regierung im Mai 1968 mit Vertretern der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände geführt wurden. siehe dazu weiterführend den Artikel Accords de Grenelle in der frankophonen Wikipédia.
  3. Die französische Sprachversion merkt an, „gemäß dem üblichen Protokoll für große Führer der Arbeiterbewegung“.

Einzelnachweise

  1. Chambon-Feugerolles (Le). Naissances. 1891 – 1893. In: Archives départementales de la Loire. Abgerufen am 24. Dezember 2025 (französisch).
  2. a b c d e f g Siehe Biographie im Weblink Le Maitron
  3. Siehe Werke, Pour la CGT mémoires de lutte, 1902–1939, S. 19
  4. Siehe Werke, Pour la CGT mémoires de lutte, 1902–1939, S. 18–35
  5. a b Nicolas Maury: Benoit Frachon l’incontournable. In: Le Grand soir. 30. August 2013, abgerufen am 25. Dezember 2025 (französisch).
  6. Georges Lefranc: Le mouvement syndical sous la Troisième République. Payot, 1967, S. 386 f.
  7. a b c Vladislav Smirnov, übersetzt von Marie Tournié: Le Komintern et le Parti communiste français pendant la « drôle de guerre », 1939–1940. (D'après les archives du Komintern). In: Revue des Études Slaves. 1993, S. 671–690 (persee.fr).
  8. L’Humanité vom 26. Oktober 1939 auf Gallica
  9. a b Jean-Pierre Ravery: DARDANT Marguerite, épouse MONTRÉ. In: Le Maitron. Abgerufen am 25. Dezember 2025 (französisch).
  10. Jean-Pierre Ravery: DARDANT Mathilde. In: Le Maitron. Abgerufen am 25. Dezember 2025 (französisch).
  11. Emmanuel de Chambost: La direction du KPF dans la clandestinité, 1941–1944. Harmattan, 2008, ISBN 978-2-7384-5515-4 (google.de).
  12. Siehe Literaturliste Giraul 1989, S. 212
  13. Jean-Pierre Azéma: Le parti communiste français à l’épreuve des années noires. In: Vingtième Siècle. Revue d’histoire. 1984, S. 77–82 (persee.fr).
  14. L’Humanité vom 22. August 1944; Métallos parisien Aux armes ! auf Gallica
  15. Anne-Marie Gouriou: Répertoire de l’Assemblée consultative provisoire. Archives nationales, 2008.
  16. Jacques Sapir: Le grand retour de la planification ? Jean-Cyrille Godefroy, 2022, ISBN 978-2-86553-321-3, S. 175.
  17. Jean Maitron: LE LÉAP Alain, Henry, Hervé, Joseph. In: Le Maitron. Abgerufen am 25. Dezember 2025 (französisch).
  18. Paul Boulland: SÉGUY Georges, Gervais. In: Le Maitron. Abgerufen am 25. Dezember 2025 (französisch).
  19. Siehe Literaturliste Girault 1989, S. 124
  20. L’Humanité vom 8. August 1975
  21. FRACHON Benoît. In: Memoire des hommes. Abgerufen am 25. Dezember 2025 (französisch).
  22. Le centre Benoit Frachon va fêter ses 70 ans ! In: CGT. 11. Juni 2018, abgerufen am 25. Dezember 2025 (französisch).