Benno Thorsch
Benno Bernhard Thorsch (* 6. Januar 1898 in Meran (Tirol); † 2. September 2003 in Laguna Woods, Kalifornien[1]) war ein deutscher Unternehmer, in dessen Dresdner Kamera-Werkstätten in den 1920er und 1930er Jahren wichtige Neuentwicklungen im Bereich der Fotokameras entstanden. Thorsch war ursprünglich Schweizer Staatsbürger mit einem jüdischen Elternteil, sodass er 1938 zur Zeit des Nationalsozialismus gezwungen war, sein Geschäft zu veräußern und in die Vereinigten Staaten zu emigrieren.
Am 11. Dezember 1919 heiratete Benno Thorsch in Weggis (Schweiz, Kanton Luzern) seine Frau Gertrud, geb. Hartmann (geboren am 9. März 1900 in Nordhausen (am Harz)). Die Scheidung erfolgte zu Jahresende 1937.[2] In den USA heiratete er ein zweites Mal. Seine Frau Edith, geb. Müller (in den USA genannt Miller), stammte aus Wien.
Der gelernte Kaufmann[2] Benno Thorsch gründete zusammen mit Paul Guthe, der bereits seit 1915 im Bereich der Kamerafabrikation tätig war, im Jahre 1919 die Kamera-Werkstätten Guthe & Thorsch GmbH („KW“) in Niedersedlitz bei Dresden. Wie ein Nachtrag zum Gesellschaftsvertrag vom 1. Juni 1919 in §3 wissen lässt, war Thorsch anfänglich ausschließlich für den kaufmännischen Teil zuständig, während Guthe sich um die Technik und die Fabrikation kümmerte.[2] So setzte die kleine Firma zunächst völlig auf die „Patent-Etui-Kamera“, eine sehr kompakt zusammenfaltbare Plattenkamera für die Bildformate 6,5 × 9 cm und 9 × 12 cm, die Paul Guthe bereits vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt und patentiert hatte.[3] Das kaufmännische Geschick Thorschs, sein Gespür für zugkräftige Reklame sowie der Abschluss erfolgreicher Exportverträge sorgten dafür, dass die kleine Firma vergleichsweise gut durch Inflationszeit und Weltwirtschaftskrise kommen konnte. In der Folgezeit entwickelte Benno Thorsch aber zunehmend eigenes technisches Verständnis, was ihm half, die mittlerweile etablierte Kamerabaufirma allein weiterzuführen, nachdem sein Compagnon Paul Guthe aus gesundheitlichen Gründen zum 2. April 1930 ausgeschieden war. Guthe verstarb zum Ende des Jahres.
Auf sich allein gestellt, gelang es Thorsch noch im Laufe desselben Jahres mit der „Pilot“ eine eigene zweiäugige Spiegelreflexkamera für 3x4-cm-Negative zu entwickeln und zum 8. November 1930 ein erstes Patent auf seine Erfindung anzumelden.[4] Weitere Schutzrecht-Anmeldungen auf diese Kamera folgten in kurzen Abständen. Mit Patenten vom Mai 1933 ließ er sich als Nächstes seine auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1933 vorgestellte einäugige Reflexkamera Pilot Box 6 × 9 cm schützen.[5] Es folgte die Pilot 6 für 6x6-cm-Negative. Die ab 1938 angebotene Pilot Super hatte austauschbare Objektive.[6]
Benno Thorsch und Alois Hoheisel entwickelten ab 1937 die Praktiflex, die weltweit dritte in Serie produzierte einäugige Kleinbildspiegelreflexkamera.[7] Die Kamera wurde auf der Leipziger Messe 1939 präsentiert. Praktiflex-Kameras gelten als Vorläufer der ab 1948 mit M42-Objektivgewinde produzierten Praktica-Kameras.
Trotz einer wirtschaftlich sehr erfolgreichen Zeit hatte der als Jude diffamierte Benno Thorsch aber offenbar kaum Illusionen über die politische Entwicklung in Hitlerdeutschland. Geschützt durch seinen Status als Schweizer Bürger ging er bereits im Frühjahr 1937 auf eine Erkundungsreise in die USA, um seine Zukunft auszuloten.[2] Möglicherweise trug das Ende seiner bereits seit längerer Zeit kriselnden Ehe dazu bei, noch im selben Jahr sowohl seine Verbindung zu seiner Frau als auch zu Deutschland zu lösen und zusammen mit seinen beiden Kindern Irmgard und Bernward ins Exil zu gehen – viel früher als beispielsweise sein Dresdner Mitbewerber Franz Kochmann. Zum 22. November 1937 stellte Thorsch bei den Dresdner Behörden den Antrag auf Auswanderung in die USA mit einem gleichzeitigen Firmentausch gegen die „Stutz Photo Service“ in Detroit.[8] Zum 5. Februar 1938 erlosch die Existenz der Kamera-Werkstätten Guthe & Thorsch GmbH per amtlicher Verfügung.[9] Benno Thorsch verließ noch im selben Monat Dresden[8] und erreichte zusammen mit seinen Kindern New York am 4. März 1938[2], versehen mit einer Einreisebürgschaft von der mit ihm verwandten Publizistin und Verlegerin Zelma Corning Brandt.[2]
Nachdem er in Detroit angekommen war, musste Benno Thorsch feststellen, dass er mit dem Firmentausch betrogen worden war.[2] Bei der auch in spätere Zeit immer wieder von Charles A. Noble (eigentlich Karl Adolf Spanknöbel) und seinem Sohn John als „Großkopieranstalt“ bezeichneten Firma handelte es sich in Wahrheit um ein kleines Fotolabor, das weit vom Gegenwert der mittlerweile weltbekannten Kamera-Werkstätten Niedersedlitz entfernt war. Für die erheblichen finanziellen Verluste[10] wurde Benno Thorsch erst 1994 entschädigt.[2] Dieser „Firmentausch“ Thorsch–Noble ist aus heutiger Sicht in die Kategorie der sogenannten „freiwilligen Arisierungen“ einzuordnen, bei der die zum Verkauf ihrer Firmen genötigten deutschen Juden wenigstens noch entscheiden konnten, an wen sie verkauften und zu welchen Konditionen.
Immerhin konnten Benno Thorsch und seine beiden Kinder auf diese Weise der in Europa drohenden Ermordung entgehen. Als Kamerafabrikant konnte Benno Thorsch in den USA allerdings nicht mehr Fuß fassen. Er entwickelte aber im Jahre 1939 ein kombiniertes Bleichtungsmess- und Steuergerät für Laborarbeiten (Laborautomat), dessen Warenzeichen „Timit“ er am 28. Februar 1940 unter der Nummer 429.014 anmeldete.[11] 1944 eröffnete er in Los Angeles den „Studio City Camera Exchange“, den er lange Jahre zusammen mit seinem Sohn, dem Photographen und Unternehmer Bernward Thorsch (1920–2015) betrieb.[12] Er starb im Alter von 105 Jahren am 2. September 2003 in Laguna Woods, Kalifornien.
Der Bildhauer Fritz Maskos fertigte 1934 eine Bronzebüste des erfolgreichen Industriellen Benno Thorsch. In den Technischen Sammlungen Dresden heißt der Konferenzsaal ihm zu Ehren Benno-Thorsch-Saal.
Einzelnachweise
- ↑ Family Tree: Thorsch, Benno Bernhard. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 4. Januar 2015; abgerufen am 20. Dezember 2023 (englisch).
- ↑ a b c d e f g h Sonderausstellung zu Benno Thorsch in den Technischen Sammlungen Dresden 2024.
- ↑ Deutsches Reichspatent Nr. 323.119 vom 15. April 1913
- ↑ Deutsches Reichspatent Nr. 596.224 vom 8. November 1930.
- ↑ Deutsches Reichspatent Nr. 617.774 vom 9. Mai 1933 und 614.694 vom 11. Mai 1933, beide mit Priorität auf den 5. März 1933
- ↑ KW. In: Camerapedia. Abgerufen am 4. Januar 2015 (englisch).
- ↑ KW, Seite auf camerapedia.org, abgerufen am 15. August 2015.
- ↑ a b Vgl. Schreiben an den Oberfinanzpräsidenten Dresden vom 16. Februar 1938
- ↑ Vgl. Registereintrag Nr. 21726 des Amtsgerichts Dresden vom 5. Februar 1938
- ↑ Vgl. dazu die Zahlenangaben in Blumtritt, Dresdner Fotoindustrie, 2000, S. 74.
- ↑ Official Gazette of the United States Patent Office vom 23. Juli 1940, S. 828.
- ↑ Annette Binninger: Der Junge mit der Kamera. In: Sächsische Zeitung. 21. September 2011, abgerufen am 4. Januar 2015.