Beşiktaş Çarşı
Die Beşiktaş Çarşı Grubu (kurz Çarşı) ist die bekannteste Fangruppe des türkischen Sportvereins Beşiktaş Istanbul. Im heimischen Beşiktaş-Park befindet sich die Çarşı in der überdachten Tribüne und ist bekannt für ihre sozialen und politischen Aktivitäten, Choreografien und ihre lautstarken Gesänge. Ihr Name bedeutet „Markt“ (türk. çarşı) und bezieht sich auf den traditionsreichen Basar um das alte İnönü-Stadion. Die Gruppe wurde 1982 von jugendlichen Fans im Arbeiterviertel Beşiktaş von Istanbul gegründet. Nach einer kurzen Auflösung 2008 schloss sich Çarşı rasch wieder zusammen und beteiligte sich zusammen mit anderen türkischen Fangruppen an den Gezi-Park-Protesten 2013.
Geschichte
Çarşı entstand 1982 aus einer Clique linker, meist studentischer und arbeiternaher Besiktaş-Fans, die in den 1980er Jahren dem politischen Klima nach dem Militärputsch von 1980 trotzen wollten. Bereits in den Anfangsjahren dominierten linke und anarchistische Ideen (das rote „A“ im Logo erinnert an das anarchistische Symbol) das Selbstverständnis der Gruppe. 2007 starb einer der prägenden Gründer und Anführer der Gruppe, Mehmet „Optik Başkan“ Işıklar und es wurde ruhiger um die Gruppe Çarşı.[1] 2008 gab der Fanvorsitzender Alen Markaryan vorübergehend die Auflösung der Çarşı bekannt, eine andere Gruppe rief aber wenige Wochen später im Maçka Park bereits wieder eine Fortführung von Çarşı aus (Transparent: „Çarşı hört nie auf“).[2] Die Beşiktaş-Fans sind bekannt dafür, für eine stimmungsvolle Affäre zu sorgen. 2013 wurde bei einem Heimspiel gegen Gençlerbirliği Ankara in der Süper Lig ein Lautstärke-Weltrekord bei einem Fußballspiel aufgestellt (141 Dezibel).[3]
Die wichtigste Rolle spielte Çarşı in den Gezi-Park-Protesten 2013. Damals schlossen sich Beşiktaş-Fans unter Çarşı-Fahnen mit Anhängern von Galatasaray und Fenerbahçe zusammen. Sie demonstrierten in führender Rolle gegen die Istanbuler Regierung und skandierten Slogans. Berühmt wurden sie auch dadurch, dass ein Mitglied Berichten zufolge während der Ausschreitungen einen Bagger übernahm und damit auf die Polizei vorrückte.[4] In der Folge wurden zahlreiche Çarşı-Anhänger unter Terrorvorwürfen – etwa „Staatsstreich“- und „Mitgliedschaft in Terrororganisation“ – vor Gericht gestellt. Nach jahrelangem Verfahren wurden im Dezember 2024 alle 35 Angeklagten freigesprochen.[5]
Struktur
Çarşı versteht sich als basisnahe, hierarchiefreie Bewegung und betont, keinen offiziellen Vorsitz oder Chef zu haben. Die Mitglieder agieren weitgehend autonom in autonomen Untergruppen. Traditionell treffen sich die Fans vor Spielen am Beşiktaş-Basar, von dem der Name stammt, und organisieren sich über Internetforen und soziale Medien. Viele Çarşı-Mitglieder stammen aus städtischen Arbeiter- und Studentenmilieus.[1] Der Çarşı-Account auf Twitter mit dem Namen Forza Beşiktaş hatte z. B. 2018 bereits drei Millionen Follower.[6]
Politische Orientierung
Politisch ist Çarşı offen links, anarchistisch und antifaschistisch ausgerichtet. Der Titel ihres Mottos („Çarşı ist gegen alles“)[7] unterstreicht die grundsätzliche Ablehnung autoritärer Politik. Çarşı folgt nach eigenen Angaben „Atatürks Prinzipien“ und setze sich für soziale Projekte ein. In öffentlichen Stellungnahmen und Aktionen verteidigt Çarşı stets säkulare und republiktreue Werte: So erklärte ein Mitglied der Gruppe in Gerichtsverhandlungen, sie folge den Prinzipien von Atatürk und verstehe sich als patriotisch. Die Fans beteiligen sich regelmäßig an sozialen Kampagnen: Čarşı-Mitglieder organisierten Blutspenden, sammelten Spenden für Erdbebenopfer, protestierten gegen den Irakkrieg und gegen Atomkraft, setzten sich gegen Rassismus und unterstützt Bildung in ländlichen Gegenden.[8][9] Sie unterstützen auch Minderheiten, hielten etwa nach der Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink Schilder mit „Wir sind alle Armenier“ in die Höhe und zeigten nach rassistischen Ausfällen gegen einen schwarzen Spieler ein Transparent mit „Wir sind alle Schwarz“.[9]
Die Çarşı versteht sich nicht nur als eine Fangruppierung, sondern als eine Lebensphilosophie,[10] die der bekannte Fan Alp Batu Keçeci einmal in den folgenden Worten festgehalten hat:
Çarşı ist nicht bloß eine Gruppe im Stadion.
Çarşı ist jeder, der Beşiktaş mit dem Herzen verehrt.
Çarşı ist ein Graffiti an einem New Yorker U-Bahn-Wagen,
Ein Schriftzug an einer Wand in Prag,
Niedergeschriebene Zuneigung an einem Hügel in Erzincan,
Ein schwarz-weißes Gemälde an irgendeiner Wand in Adana,
Eine „Çarşı Ulan“-Zeichnung an der Wand des Galatasaray-Gymnasiums…[11]
Die Çarşı gelten auch als Gegner von Recep Tayyip Erdoğan. In dieser Haltung repräsentieren sie jedoch nicht alle Anhänger von Beşiktaş. 2013 wurde in Reaktion auf die regierungskritische Handlung der Çarşı die konservative Ultra-Gruppe 1453 Kartal (nach dem Jahr der Eroberung von Konstantinopel) etabliert, welche die Orientierung der Çarşı ablehnt.[4]
Kontroversen
Çarşı steht wegen seines politischen Engagements und einiger gewaltsamer Szenen seit langem im Fokus: Die Gruppe hat immer wieder Straßenschlachten mit der Polizei geführt (etwa im Zusammenhang mit Gezi), häufig sind Feuerwerkskörper oder Molotowcocktails im Stadion dokumentiert. Die türkische Regierung versuchte nach 2013 gegen die Çarşı juristisch vorzugehen. 2024 wurden die Angeklagten von dem Vorwurf des „versuchten Umsturzes“, der „Mitgliedschaft in einer bewaffneten Gruppe“ und weiteren Vorwürfen freigesprochen, die lebenslange Haftstrafen nach sich hätten ziehen können.[12][8] Kritiker werfen dem Verein vor, das Stadion zu politisieren, und der türkische Innenminister verbot 2013 das Rufen politischer Slogans in den Stadien.[4]
Fanfreundschaften und Rivalitäten
Çarşı pflegt enge Kontakte zu anderen linken, antifaschistischen Fangruppen, vor allem in Europa. Am bekanntesten ist die Verbindung zu den Ultras von FC St. Pauli aus Hamburg: Fans beider Clubs ehren ihr Engagement durch gemeinsame Aktionen. So beschrifteten Besiktas- und St.-Pauli-Anhänger beim Freundschaftsspiel 2013 das Stadion in Hamburg mit Transparenten wie „Beşiktaş – St. Pauli gegen Faschismus!“ und zogen nach Spielende gemeinsam mit dem Gezi-Slogan „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand!“ durch die Straßen. Insgesamt nahmen 3000 Personen an dem Marsch teil.[13]
Als klassische Rivalen der Beşiktaş-Fans gelten die beiden Lokalrivalen Fenerbahçe und Galatasaray Istanbul, obwohl sich alle drei Fangruppen während der Gezi-Proteste kurzzeitig zusammenschlossen. Daneben wurde in jüngster Zeit der Verein Istanbul Başakşehir FK, der als der Erdogan-Regierung nahestehend gilt, zu einem Rivalen.
Einzelnachweise
- ↑ a b Edd Norval: A movement for society and self-improvement: Beşiktaş' Çarşı ultras. In: These Football Times. 13. April 2017, abgerufen am 4. Januar 2026 (britisches Englisch).
- ↑ Habertürk: Çarşı devam edecek! - Futbol Haberleri. Abgerufen am 4. Januar 2026 (türkisch).
- ↑ 1 Minute Lesedauer: Beşiktaş-Fans stellen mit 141 Dezibel neuen Weltrekord auf! 11. Mai 2013, abgerufen am 4. Januar 2026.
- ↑ a b c Beşiktaş fans establish anti-çArşı supporters’ group - Turkish News. 3. September 2013, abgerufen am 4. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Supporters’ group çArşı acquitted after 10 years in Gezi case. Abgerufen am 4. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Interview mit Vertretern der Fanszene von Beşiktaş Istanbul – Club Nr. 12. Abgerufen am 4. Januar 2026.
- ↑ Çarşı – Wir sind gegen Alles | footballuprising. Archiviert vom am 1. August 2017; abgerufen am 4. Januar 2026 (deutsch).
- ↑ a b Duvar English: Turkish court acquits members of football fan group Çarşı 11 years later. 23. Dezember 2024, abgerufen am 4. Januar 2026 (türkisch).
- ↑ a b Mark Bergfeld: Turkey’s ultras at the forefront of resistance. Abgerufen am 4. Januar 2026 (englisch).
- ↑ Ralf Heck: Çarşı – Wir sind gegen Alles. Blickfang Ultra 29, archiviert vom am 1. August 2017; abgerufen am 2. August 2017.
- ↑ Çarşı Nedir, Ne Değildir
- ↑ kronesport: Freisprüche für Fans nach Anti-Erdogan-Protesten! 23. Dezember 2024, abgerufen am 4. Januar 2026.
- ↑ admin: BEŞİKTAŞ – ST PAULI MAÇINDA GEZİ’YE DESTEK. In: Yeni Hayat / Neues Leben. 22. Juli 2013, abgerufen am 4. Januar 2026.