Baltoslawisch

Die baltoslawischen Sprachen bilden einen Zweig der indogermanischen Sprachen, der die baltischen und slawischen Sprachen beinhaltet. Die Zugehörigkeit der baltischen und slawischen Sprachen zu einem gemeinsamen Zweig der indogermanischen Sprachen wurde lange Zeit kontrovers diskutiert, wird aber mittlerweile (Stand: 2025) als Teil des akademischen Konsenses angesehen.

Forschungsgeschichte

Positionen im 19. und 20. Jahrhundert

Als erster äußerte sich im 19. Jahrhundert der Thüringer Indogermanist August Schleicher (1821–1868) zum Verhältnis der baltischen und der slawischen Sprachen. Er ging von einer langen balto-slawischen Spracheinheit nach vorangegangener Abspaltung der germanischen Dialekte aus. Eine konträre Meinung vertrat z. B. der Franzose Antoine Meillet (1866–1936).

Der polnische Slawist Jan Michał Rozwadowski (1867–1935) führte die unübersehbare Ähnlichkeit der Sprachfamilien darauf zurück, dass die besagten indogermanischen Dialekte sich zwar in der frühen Phase der Ausgliederung auseinanderentwickelt, später aber wieder angenähert hätten; eine baltisch-slawische Spracheinheit habe es jedoch nicht gegeben. Eine Art salomonische Lösung vertrat der lettische Baltist Jānis Endzelīns (1873–1961). Er spricht von einer baltisch-slawischen Epoche, jedoch nicht von Beginn an.

Möglicherweise beeinflusste auch die politische Situation im 20. Jahrhundert den Disput. Eine engere Verwandtschaft der baltischen und slawischen Sprachen hätte zum Beispiel aus Sicht von Panslawisten und sowjetischen Ideologen für eine Inkorporation der baltischen Staaten in die russisch dominierte Sowjetunion sprechen können, während eigenständige baltische Sprachen eher als ein Argument für nationale Unabhängigkeit dienen.

Aktuelle Diskussion

Engere oder weitere Sprachverwandtschaft kann mit verschiedenen Methoden ermittelt werden.

Die linguistischen Belege einer gemeinsamen balto-slawischen Vorstufe bestehen aus gemeinsamen Isoglossen aus den Bereichen Phonologie, Morphologie, Lexik und Syntax. Auf diese Weise haben berühmte Linguisten eine solche gemeinsame Vorform herausgearbeitet.[1][2][3][4] Meier-Brügger nimmt bisher keine Stellung und verweist auf einen Forschungsbericht von 1994.

Daneben kommen ausnahmslos alle lexikostatistischen und – bei allem Vorbehalt – glottochronologischen Untersuchungen trotz unterschiedlichster Datenbasen und Methoden übereinstimmend zu einer baltoslavischen Vorstufe.[5][6][7]

Mittlerweile werden die Gemeinsamkeiten der baltischen und slawischen Sprachen als so bedeutend angesehen, dass ein gemeinsamer baltoslawischer Zweig Teil des wissenschaftlichen Konsenses ist und in aktuellen Indogermanistischen Schriften wird der baltoslawische Zweig als selbstverständlich behandelt, so z. B. in den Grundlagenwerken von J.P. Mallory und Douglas Q. Adams,[8] Robert Beekes,[9] Mate Kapović,[10] James Clackson,[11] sowie Matthias Fritz und Michael Meier-Brügger.[12]

Aktuelle Diskussionen drehen sich nicht mehr vorrangig um die Existenz des baltoslawischen Zweiges, sondern um die innere Systematik. Das allgemein akzeptierte Modell sieht Urslawisch und Urbaltisch als gleichrangig:

 Baltoslawisch 
 Baltisch 

Westbaltisch


   

Ostbaltisch



   

Slawisch



Frederik Kortlandt hingegen sieht die Primärzweige der baltischen Sprachen als nicht näher zueinander verwandt als zum Slawischen und schlägt daher das folgende Modell vor:[13]

 Baltoslawisch 

Westbaltisch


   

Ostbaltisch


   

Slawisch


Vorlage:Klade/Wartung/3

Nach den glottochronologischen Untersuchungen von Russell D. Gray und Quentin D. Atkinson begannen die baltoslawischen Sprache um etwa 1400 v. Chr. sich aufzuspalten.[14]

Literatur

  • Oleg Poljakov: Das Problem der balto-slavischen Sprachgemeinschaft. Frankfurt am Main: Peter Lang 1995. ISBN 3-631-48047-4.
  • Bernd Barschel, Maria Kozianka, Karin Weber (Hrsgg.): Indogermanisch, Slawisch und Baltisch. Materialien des Kolloquiums vom 21.–22. September 1989 in Jena, in Zusammenarbeit mit der Indogermanischen Gesellschaft. München: Sagner 1992. ISBN 3-87690-515-X.

Einzelnachweise

  1. Walter Porzig (1954, 1974): Die Gliederung des indogermanischen Sprachgebiets. Heidelberg: Winter
  2. Claus-Jürgen Hutterer (1975): Die germanischen Sprachen: Ihre Geschichte in Grundzügen. Beck, München
  3. Raimo Anttila (1989): Historical and Comparative Linguistics. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins P.C., Fig. 15-2
  4. Gert Klingenschmitt (2003, Vortrag in Regensburg): Sprachverwandtschaft in Europa. In Günter Hauska (Hrsg.): Gene, Sprachen und ihre Evolution. Wie verwandt sind die Menschen – wie verwandt sind ihre Sprachen? Universitätsverlag Regensburg, 2005.
  5. David Sankoff (1969): Historical Linguistics as Stochastic Process. PhD available as Microfiche
  6. Petra Novotná, Václav Blažek (2007): Glottochronology and its application to the Balto-Slavic languages. Baltistica XLII-2: 185–210
  7. Robin J. Ryder (2010): Phylogenetic Models of Language Diversification (Dissertation). The Queen’s College. Department of Statistics, University of Oxford.
  8. J.P. Mallory, Douglas Q. Adams: The Oxford introduction to Proto-Indo-European and the Proto-Indo-European world. Oxford u. a. 2006.
  9. Robert Beekes: Comparative Indo-European Linguistics. 2. Auflage, Amsterdam, 2011.
  10. Mate Kapović: The Indo-European Languages. 2. Auflage, London, 2017.
  11. James Clackson: Indo-European Linguistics, An Introduction. Cambridge, 2007.
  12. Matthias Fritz, Michael Meier-Brügger: Indogermanische Sprachwissenschaft. 10. Auflage, Berlin, 2021.
  13. Frederik Kortlandt: Proto-Baltic? In: Baltistica, 53 (2), 2018. S. 175–185.
  14. Russell D. Gray, Quentin D. Atkinson: Language-tree divergence times support the Anatolian theory of Indo-European origin. In: Nature, 426 (6965), 2003. S. 435–439.