Bahnhof Zernez
| Zernez | |
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Aufnahmegebäude, Seite zum Vorplatz (2025)
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| Daten | |
| Betriebsstellenart | Bahnhof |
| Lage im Netz | Zwischenbahnhof |
| Bauform | Durchgangsbahnhof |
| Perrongleise | 3 |
| Abkürzung | ZEZ |
| IBNR | 8509262 |
| Eröffnung | 28. Juni 1913 |
| Architektonische Daten | |
| Architekt | Meinrad Lorenz |
| Lage | |
| Stadt/Gemeinde | Zernez |
| Kanton | Graubünden |
| Staat | Schweiz |
| Koordinaten | 802745 / 175272 |
| Höhe (SO) | 1470 m |
| Eisenbahnstrecken | |
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| Liste der Bahnhöfe in der Schweiz | |
Der Bahnhof Zernez ist eine der wichtigsten Stationen an der schmalspurigen Bahnstrecke Bever–Scuol-Tarasp im Schweizer Kanton Graubünden. Er wird von der Rhätischen Bahn betrieben und ging 1913 in Betrieb. Das Stationsgebäude wurde, ebenso wie weitere Hochbauten im Bahnhofsbereich, von Meinrad Lorenz erbaut und steht auf der Liste der Kulturgüter in Zernez.
Lage
Der Bahnhof liegt am Streckenkilometer 120,36 der Bahnstrecke Bever–Scuol-Tarasp etwa in der Mitte zwischen dem Ausgangspunkt in Bever (Streckenkilometer 95,60) und dem Endpunkt im Bahnhof Scuol-Tarasp (Kilometer 120,91), die Kilometrierung führt die der Stammstrecke der Rhätischen Bahn von Landquart über Chur fort. Die Gleisanlagen im Stationsbereich verlaufen annähernd in Süd-Nord-Richtung. Das Ortszentrum von Zernez befindet sich wenige hundert Meter östlich der Station. Der Bahnhof liegt im Tal des Inn auf einer Seehöhe von etwa 1470 Metern.
Geschichte
Im späten 19. Jahrhundert gab es Pläne für eine regelspurige Engadin-Orientbahn, die als Teil einer Verbindung von Zürich nach Triest von Chur über den Albulapass, Bever, Zernez und den Ofenpass bei Mals Österreich erreichen sollte. Der Bahnhof Zernez sollte dabei auf einer Terrasse etwa 130 Meter über dem Ort entstehen.[1] Die Strecke wurde allerdings nicht realisiert. Ebenfalls gab es Pläne für die Scalettabahn, die von Davos über den Scalettapass führen und bei Cinuos-chel oberhalb von Zernez das Inntal erreichen sollte. Tatsächlich verwirklicht wurde die deutlich weiter westlich verlaufende schmalspurige Albulabahn, die 1903 in Betrieb ging. In der Folge begannen die Planungen für eine in Bever beginnende Zweigstrecke ins Unterengadin. Ihr Bau begann 1909. Am 28./29. Juni 1913 ging die Engadinerbahn von Bever nach Scuol und damit auch der Bahnhof Zernez in Betrieb. Die Strecke war von Beginn an elektrifiziert.
Der Bahnhof Zernez wurde westlich des Ortskerns im ehemaligen Bett des Spöl angelegt, dessen Lauf kurz zuvor verlegt worden war. Hier war genügend Platz für die Station einschliesslich der Anlagen für die geplante abzweigende Ofenbergbahn in Richtung Mals.[2]
Der Bahnhof Zernez war die wichtigste Zwischenstation der Strecke, auch wenn der Erste Weltkrieg die Realisierung der Ofenbergbahn verhindert hatte. Das Projekt der Ofenbergbahn wurde auch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder diskutiert, aber niemals verwirklicht.
Nachdem fast hundert Jahre lang die Bahnstrecke Bever–Scuol-Tarasp eine reine Stichstrecke war, ermöglicht seit 1999 die Vereinalinie eine kürzere Verbindung zwischen dem Unterengadin und der Zentralschweiz. Die neue Strecke mündet in einem Gleisdreieck beim auf Zernezer Gemeindegebiet liegenden Bahnhof Sagliains in die Engadinerbahn ein. Mit deren Eröffnung ergaben sich auch für den Bahnhof Zernez eine Reihe von neuen Verbindungen im Personen- und Güterverkehr.
Einen umfassenden Umbau der Station gab es in den Jahren 2010/2011. Die Gleisanlagen wurden komplett erneuert. Die Bahnsteige wurden neu gebaut und gegenüber den vorherigen erhöht, so dass ein ebenerdiger Einstieg in die Züge möglich ist. An Haus- und Mittelbahnsteig entstanden Bahnsteigüberdachungen, direkt an der zum Hausbahnsteig wurde die Postbushaltestelle eingerichtet. Auch die Güterverkehrsanlagen wurden neu gebaut und auf der zum Inn gelegenen Seite des Bahnhofs zusammengefasst. Die Sicherungsanlagen wurden auf Fernsteuerung umgestellt.[3]
Anlagen
Stationsgebäude
Die Aufnahmegebäude der Strecke wurden im Bündner Heimatstil, «im Stil der alten Engadinerhäuser»[4] gebaut. Meinrad Lorenz war für den Entwurf der Gebäude zuständig, ebenso wie für die Nebengebäude und Eisenbahnerwohnhäuser an der Strecke. Während er für die anderen Zwischenbahnhöfe der Strecke Typenbauten nach einem einheitlichen Schema konstruierte, sind die Bahnhöfe in Scuol-Tarasp und Zernez grösser und individuell gestaltet. Während die Baukosten für ein Aufnahmegebäude einer typischen Zwischenstation bei etwa 28'000 Franken lagen, beliefen sie sich im Fall des Zernezer Gebäudes auf 68'000 Franken.[5]
Wegen der kalten und schneereichen Winter in der Region entschied sich Lorenz, anders als bei den Bauten der etwa zeitgleich entstandenen Bahnstrecke Reichenau-Tamins–Disentis/Mustér, für massive Steinbauten mit Schieferdächern.[5] Das Gebäude in Zernez ist ein dreigeschossiger, reich gegliederter Bau mit Längs- und Quergiebeln und Krüppelwalmdächern.[6] Die strassenseitige Eingangstür ist mit einem Rundbogen ausgestattet. Rundbogige Elemente finden sich auch an anderen Stellen im Gebäude,[7] etwa in einem Vorbau an der Südostecke. Im Laufe der Jahrzehnte wurde ein Teil der ursprünglichen Substanz verändert. So wurde die offene Vorhalle verbaut und die Rundbogenfenster im Erdgeschoss durch rechteckige ersetzt.[6]
Das Gebäude wurde während des Bahnhofsumbaus 2010/11 saniert und dabei an einigen Stellen der historische Zustand wiederhergestellt. Die alte Schalterhalle wurde wiederhergestellt und der Zugang zur Perronhalle geöffnet.[7] Im Erdgeschoss befindet sich ein Schalter der Rhätischen Bahn.
Bahnsteige und Gleise
Beim Bau erhielt die Station neben dem Durchfahrtsgleis zwei Ausweichgleise, ein Aufstellgleis sowie ein weiteres Gleis mit Drehscheibe.[4]
Bis zum Umbau der Station 2010/2011 änderte sich daran nichts Wesentliches. Neben dem Hausbahnsteig am Aufnahmegebäude gab es einen für Reisende über das erste Gleis zugänglichen Zwischenbahnsteig sowie ein weiteres Kreuzungsgleis. Die Gleise hatten jeweils Nutzlängen zwischen 150 und 200 Metern. Hinzu kamen ein langes Ausziehgleis auf der Innseite mit Anschluss zur Drehscheibe und einige kürzere Ausziehgleise in Verlängerung der Kreuzungsgleise.[8]
Beim Bahnhofsumbau 2010/2011 entstand ein Mittelbahnsteig mit zwei Gleisen. Eine Unterführung verbindet Vorplatz und Hausbahnsteig mit dem Mittelbahnsteig und dem Gebiet westlich der Gleise. Sie ist von Haus- und Mittelbahnsteig jeweils über eine Treppe und eine Rampe erreichbar. Für den Reiseverkehr werden Gleis 1 am Hausbahnsteig und Gleis 2 (das östliche Gleis am Mittelbahnsteig) genutzt. Die Bahnsteige und Gleise haben Nutzlängen zwischen 250 und 300 Metern. An Haus- und Mittelbahnsteig gibt es ausgehend vom Empfangsgebäude nach Norden jeweils ein 77 Meter langes Bahnsteigdach.[3] Beide Dächer sind etwas zueinander versetzt, um einen hallenartigen Eindruck zu erzeugen. Ihre Gestaltung greift die Rundbogenelemente des Aufnahmegebäudes auf.[7]
Schaltturm
Der Schaltturm steht auf der westlichen Seite der Gleisanlagen südlich des Aufnahmegebäudes. Er wurde ebenfalls von Meinrad Lorenz entworfen. Es ist ein zweigeschossiger Bau auf rechteckigem Grundriss mit Krüppelwalmdach. Im Erdgeschoss sind Bruch- und Ziersteine im Mauerwerk sichtbar, das Obergeschoss ist verputzt. Es ist über eine hölzerne verkleidete Aussentreppe erreichbar. Weitere Gestaltungselemente sind eine hölzerne Rundbogeneingangstür und Trichterfenster im Obergeschoss.[9][6]
Der Schaltturm beherbergt Einrichtungen, um die Stromversorgung einzelner Abschnitte zu- und abschalten zu können. Während diese bei vielen Stationen im Freien auf Gerüsten errichtet wurden, wurde hier und auf einigen anderen Stationen ein festes Gebäude zur Unterbringung der Technik gebaut. Ähnliche Schalttürme gibt es an der Strecke in Zuoz, Cinuos-chel-Brail, Susch und Ardez.[9]
Weitere Bauten
Während die anderen Zwischenstationen der Strecke einen unmittelbar an das Stationsgebäude angebauten Güterschuppen erhielten, bekam Zernez ebenso wie der Bahnhof Scuol-Tarasp einen separaten Bau.[4] Dieser steht südlich des Bahnhofsgebäudes. Es ist ein eingeschossiger Bau mit tiefgezogenem Satteldach und vier Holztoren auf der Gleisseite zwischen gemauerten Pfeilern.[6] Die Giebel sind im Dachbereich verbrettert.
Die heute für den Güterverkehr genutzten Anlagen befinden sich auf der gegenüberliegenden, westlichen Seite der Gleise und wurden im Zuge des Bahnhofsumbaus 2010/11 neu gebaut. Dazu gehört ein Kran mit einer Nutzlast von bis zu 40 Tonnen.
Personenverkehr
Der Bahnhof wird von den folgenden Linien der Rhätischen Bahn bedient, beide verkehren jeweils im Stundentakt (Stand 2025):
- RE 3 (Landquart –) Klosters (Flügelung) – Zernez – Samedan – St. Moritz
- R 15 Pontresina – Samedan – Zernez – Sagliains – Scuol-Tarasp
Hinzu kommen folgende Postauto-Linien:
- 811 Zernez – Müstair – Mals (stündlich)
- 815 Zernez – Livigno (alle 1–2 Stunden)
- 812 Zernez – Brail – Bahnhof Cinuos-chel-Brail (einzelne Fahrten)
Hinzu kommen einzelne Expressbusse in Ergänzung der Züge zwischen Zernez und Scuol-Tarasp.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Engadin-Orientbahn, Schweizerischer Teil. Projekt einer Normalbahn Chur-Albula-Ofenberg-Münster. Verfasst im Auftrag der Schweiz. Nordostbahn, Druck von Jean Frey, Druckerei Merkur, Zürich 1898, S. 59.
- ↑ P. Saluz: Die neuen Linien der Rhätischen Bahn Ilanz-Disentis und Bevers-Schuls. In: Schweizerische Bauzeitung. Band 59/60, Nr. 18, 4. Mai 1912, S. 240, doi:10.5169/seals-29980.
- ↑ a b Bahnhofserneuerung Zernez auf kapomuck.ch, abgerufen am 30. Oktober 2025.
- ↑ a b c P. Saluz: Die neuen Linien der Rhätischen Bahn Ilanz-Disentis und Bevers-Schuls. In: Schweizerische Bauzeitung. Band 59/60, Nr. 18, 4. Mai 1912, S. 243, doi:10.5169/seals-29980.
- ↑ a b Die neuen Linien der Rhätischen Bahn: die Hochbauten der Strecke Bevers-Schuls. In: Schweizerische Bauzeitung. Band 63/64, Nr. 23, 6. Juni 1914, doi:10.5169/seals-31474.
- ↑ a b c d denkmalpflege.gr.ch: Bündner Bautenverzeichnis 1800–1970 ( vom 12. August 2011 im Internet Archive; PDF; 2,0 MB), Verzeichnis Nr.: 542
- ↑ a b c Die Bogenhalle. In: Hochparterre. Zeitschrift für Architektur und Design. 31, 2018, Heft 7, online.
- ↑ Rhätische Bahn, Gleisplan von 1966, online.
- ↑ a b Zernez GR auf swisstrafos.ch, abgerufen am 30. Oktober 2025.