Badischer Riesenregenwurm

Badischer Riesenregenwurm

Badischer Riesenregenwurm (Lumbricus badensis)

Systematik
Stamm: Ringelwürmer (Annelida)
Klasse: Gürtelwürmer (Clitellata)
Ordnung: Wenigborster (Oligochaeta)
Familie: Regenwürmer (Lumbricidae)
Gattung: Lumbricus
Art: Badischer Riesenregenwurm
Wissenschaftlicher Name
Lumbricus badensis
Michaelsen, 1907

Der Badische Riesenregenwurm (Lumbricus badensis) ist ein Ringelwurm aus der Familie der Regenwürmer: Die Art ist ein Endemit der Fichtenwälder des Feldberg-Gebiets und die größte Lumbricus-Art Europas.

Merkmale

Im Ruhezustand hat der Badische Riesenregenwurm eine Länge von 30 bis 34 cm, ausgestreckt bis zu 60 cm, dabei einen Durchmesser von 12 bis 16 mm und ein Gewicht von 24 bis 32 g, gelegentlich auch bis zu 40 g; die Anzahl der Körpersegmente beträgt 190 bis 210. Die Kopfform ist wie bei allen Lumbricus-Arten tanylob: der Kopflappen teilt das erste Rückensegment.[1] Das Clitellum ist sattelförmig und umfasst die Segmente 31 bis 38 oder 32 bis 38; eine Ausdehnung bis Segment 40 kommt gelegentlich vor. Das vordere Körperdrittel ist dunkelviolett bis dunkelrotbraun, die hinteren beiden Drittel sind bleigrau bis hellgrau.[2]

Verbreitung

Erstmals 1906 wurde die Art wissenschaftlich beschrieben: Sie bewohnt ein kleines Areal im Südschwarzwald, in Höhenlagen zwischen 300 und 1400 m über dem Meeresspiegel. In den relativ sauren Böden auf dem Urgestein der Fichtenwälder fehlen der Gemeine Regenwurm (Lumbricus terrestris) und verwandte Arten, sodass sich dort die Art Lumbricus badensis ausbreiten konnte.

Evolutionäre Entstehung

Biogeographische Studien haben gezeigt, dass der letzte gemeinsame Vorfahre des Badischen Riesenregenwurms und seiner kleineren Schwesterart Lumbricus friendi vor weniger als 10.000 Jahren zum Ende der letzten Eiszeit gelebt hat: Durch geographische Isolation über den Rhein, vermutlich über das Verdriften großer Erd-Wurzel-Ballen, entstanden Lumbricus-Gründerpopulationen, die im Südschwarzwald die damals regenwurmfreien sauren Böden besiedeln konnten. Im Verlauf von nur wenigen tausend Jahren sind die heute geographisch und reproduktiv isolierten Bio-Spezies Lumbricus badensis und Lumbricus friendi aus einer Vorläuferart (archaischer Lumbricus friendi) entstanden (Allopatrische Artbildung). Die Frage, wie der Badische Riesenregenwurm in so kurzer Zeit eine derartige Körpergröße evolvieren konnte, ist nicht zweifelsfrei geklärt;[3] möglicherweise profitierten größere Individuen von mehreren Selektionsvorteilen wie einer verbesserten körpereigene Flüssigkeitsakkumulation während Trockenperioden, bei der oberirdischen Nahrungsbeschaffung, einem weiteren Aktionsradius und der Fähigkeit, größere Blätter und Reisigstücke zu beschaffen, sowie der Fähigkeit, tiefergelegene Rückzugsröhren in frostfreie Bodenbereiche anzulegen.[4][5]

Lebensweise

Der Badische Riesenregenwurm wird bis zu 20 Jahre alt, bleibt seiner bis zu 2,5 m tiefen Wohnröhre treu und betreibt durch Anlegen von Erdkammern Brutfürsorge. Durch das Anlegen derart tiefer Röhren können die Regenwürmer auch strenge Winter überdauern. Die Wohnröhren sind bis 15 mm breit und mit humosen Exkrementen der Regenwürmer austapeziert. Die Ringelwürmer zersetzen unter Mitwirkung von Mikroorganismen die Fichtennadeln. Die endemischen Ringelwürmer sind daher für den Streu-Abbau in den Böden des Südschwarzwaldes von Bedeutung.[3][5]

Würdigung

Die Einzigartigkeit seines Vorkommens lockt vermehrt Ökotouristen in die Region, sodass ihm zu Ehren ein Kinderpark angelegt wurde, in welchem Belchen-Besuchende einen „Regenwurmpfad“ folgen können und der Wurm in Form eines kindgerechten, überdimensionalen Kunstwerks gewürdigt wird.[6][7]

Literatur

  • Kai Brigandt (2001): Der Badische Regenwurm Lumbricus badensis unter Laborbedingungen im Biologieunterricht. Wissenschaftliche Hausarbeit, Realschule Biologie, Pädagogische Hochschule Freiburg[8]
  • Ulrich Kutschera, J. Malcolm Elliott (2010): Charles Darwin's observations on the behaviour of earthworms and the evolutionary history of a giant endemic species from Germany, Lumbricus badensis (Oligochaeta: Lumbricidae). In: Applied and Environmental Soil Science 2,1-11., PDF; 11 MB[9]
  • Franz Lamparski (1985): Der Einfluß der Regenwurmart Lumbricus badensis auf Waldböden im Südschwarzwald. Freiburger Bodenkundliche Abhandlungen, H. 15; Institut für Bodenkunde und Waldernährungslehre der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg[10] (Zugleich Dissertation unter dem Titel Der Regenwurm Lumbricus badensis – seine Wohnröhre, seine Verbreitung und sein Einfluss auf die Böden im Südschwarzwald)
Commons: Badischer Riesenregenwurm (Lumbricus badensis) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Kopflappen. Abgerufen am 11. Dezember 2025.
  2. Kai Brigandt (2001): Der Badische Regenwurm Lumbricus badensis unter Laborbedingungen im Biologieunterricht. Wiss. Hausarb., Realschule Biologie, Pädagog. Hochschule Freiburg (Elektron. Ressource, 137 S., Ill., PDF): S. 28
  3. a b Kutschera und Elliott, S. 7
  4. Brigandt, Kai, S. 24
  5. a b Lamparski, Franz, S. 49 und 51
  6. Belchen Seilbahn - Bequem zum schönsten Aussichtsberg im Schwarzwald. Abgerufen am 11. Dezember 2025.
  7. danobi: Belchen: Regenwurmpfad und Belchengipfel. In: Königskinder Ausflugsziele. 15. Mai 2022, abgerufen am 11. Dezember 2025.
  8. Kai Brigandt: Der Badische Regenwurm "Lumbricus badensis" unter Laborbedingungen im Biologieunterricht. 2001 (bsz-bw.de [abgerufen am 11. Dezember 2025]).
  9. U. Kutschera, J. M. Elliott: Charles Darwin′s Observations on the Behaviour of Earthworms and the Evolutionary History of a Giant Endemic Species from Germany, Lumbricus badensis (Oligochaeta: Lumbricidae). In: Applied and Environmental Soil Science. Band 2010, Nr. 1, 2010, ISSN 1687-7675, S. 823047, doi:10.1155/2010/823047 (wiley.com [abgerufen am 11. Dezember 2025]).
  10. Zusammenfassung Heft 15 — Professur für Bodenökologie. Archiviert vom Original am 8. Mai 2020; abgerufen am 11. Dezember 2025.