Salvadorianischer Bürgerkrieg
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FMLN-Guerillas in der Gemeinde Perquín (1990) | |||||||||||||||||
| Datum | 15. Oktober 1979 bis 16. Januar 1992 | ||||||||||||||||
| Ort | El Salvador | ||||||||||||||||
| Ausgang | Unentschieden | ||||||||||||||||
| Folgen | Entwaffnung der Rebellen, Reform der Streitkräfte | ||||||||||||||||
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Der Salvadorianische Bürgerkrieg (spanisch: guerra civil de El Salvador) war ein zwölfjähriger Bürgerkrieg in El Salvador zwischen Oktober 1979 und Januar 1992. Er wurde zwischen der von den Vereinigten Staaten unterstützten Regierung El Salvadors und der Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN), einer Koalition linker Guerillagruppen, die von Kuba unter Fidel Castro sowie der Sowjetunion unterstützt wurde, ausgetragen. Die von der salvadorianischen Regierung eingesetzten Taktiken zur Bekämpfung von Aufständischen richteten sich häufig gegen die Zivilbevölkerung, weshalb der Konflikt zu den sogenannten „schmutzigen Kriegen“ der Ära des Kalten Kriegs gezählt wurde. Tausende von Personen wurden von Todesschwadronen ermordet, darunter zahlreiche unbeteiligte Zivilisten, und ländliche Regionen El Salvadors wurden durch Vertreibungen und Umsiedelungen entvölkert. Insgesamt starben Schätzungen zufolge ca. 75.000 Menschen[1] und eine Million Menschen wurden zu Flüchtlingen. Der Krieg endete endgültig erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als am 16. Januar 1992 in Mexiko-Stadt die Chapultepec-Friedensabkommen unterzeichnet wurden, mit dem die FMLN entwaffnet und in eine politische Partei umgewandelt wurde.
Hintergrund
El Salvador war seit Jahrzehnten von extremer sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit geprägt, wobei eine kleine Plantagenelite den größten Teil des fruchtbaren Landes kontrollierte. So gewann Mitte der 1960er Jahre die Linken eine Wahl mit einem Programm für Landreform und soziale Gerechtigkeit, doch das Militär akzeptierte das Ergebnis nicht und blockierte die Reformen.[2] Politische Teilhabe war weitgehend ausgeschlossen und politischer Aktivismus wurde mit Repression beantwortet. 1979 führte die Unzufriedenheit zu anhaltenden Protesten und Streiks, die von der Militärregierung blutig niedergeschlagen wurden. Am 15. Oktober 1979 stürzte schließlich eine Militärjunta unter Colonel Jaime Abdul Gutiérrez Avendano den Präsidenten Carlos Humberto Romero. Die neue Revolutionsjunta kündigte Reformen und die Bekämpfung von Korruption an, doch ihr Griff nach der Macht fiel mit einer weiteren Eskalation der Gewalt zusammen.[3]
In diesem Klima formierten sich verschiedene linke Guerillagruppen (z. B. Bloque Popular Revolucionario, ERP, FPL), bestehend aus Marxisten, Gewerkschaftern, Reformisten und Christen. Als Reaktion verboten konservative Kräfte selbst moderate Reformversuche. In den 1970er Jahren radikalisierte sich daher ein Teil der Bevölkerung. Getrieben von den Erfolgen der Sandinisten in Nicaragua (1979) und linksgerichteten Kräften in Guatemala schlossen sich 1980 die fünf größten Guerillagruppen zur Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN) zusammen.[2][3]
Ablauf
Die erste Phase des Konflikts begann unmittelbar nach dem Putsch von 1979. Im Januar 1980 stürmte die Nationalgarde eine friedliche Demonstration der Bauern- und Oppositionsorganisation CRM in San Salvador; dabei kamen nach Augenzeugenberichten etwa 22 bis 50 Menschen ums Leben. Am 24. März 1980 wurde der Erzbischof Óscar Romero, einer der wenigen führenden Stimmen gegen die Gewaltexzesse, während einer Messe von einem Scharfschützen der regierungsnahen Todesschwadronen erschossen.[3] Dieses Attentat spaltete die Gesellschaft weiter und führte zu einer Welle von Entführungen, Bombenanschlägen und Vergeltungsaktionen.
Zwischen Oktober und November 1980 schlossen sich die fünf Guerillagruppen FPL, ERP, FAL, FARN und PRTC offiziell zur FMLN zusammen. In der Folge weitete sich der Konflikt aus: Die FMLN verübte gezielte Angriffe auf Militärstützpunkte und Infrastruktur, während das Militär mit noch härteren Gegenmaßnahmen reagierte. Im Dezember 1980 wurden vier US-amerikanische Ordensschwestern (Ita Ford, Maura Clarke, Dorothy Kazel, Jean Donovan) von Angehörigen der Nationalgarde ermordet. Diese Gräueltat führte zu internationaler Empörung. Die US-Regierung hatte bereits Anfang 1980 Waffenlieferungen vorübergehend zurückgehalten, setzte die Militärhilfe jedoch im Januar 1981 wieder ein und intensivierte sie sogar.[3]
Das Jahr 1981 markierte einen Höhepunkt der Intensität des Krieges. Am 10. Januar 1981 startete die FMLN ihre „Endoffensive“ mit landesweiten Angriffen auf Militärposten, die Hunderte Tote forderte. Das Militär erklärte daraufhin bis Oktober 1981 den Ausnahmezustand. Die Regierung bildete mit US-Unterstützung mehrere Spezialeinheiten aus, darunter das berüchtigte Atlacatl-Bataillon (ab März 1981). In dieser Zeit kam es zu einer Reihe von Massakern an Zivilisten: Im März 1981 etwa bombardierte die Luftwaffe Flüchtlingslager am Río Lempa, wobei Dutzende getötet wurden. Schließlich führte der bewaffnete Konflikt Ende 1981 auch in entlegenen ländlichen Regionen zu Gräueltaten: im Dezember 1981 töteten Atlacatl-Einheiten in den Dörfern El Mozote, Ranchería und Umgebung systematisch hunderte Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder (Massaker von El Mozote). Die Wahrheitskommission dokumentierte über 900 Opfer in El Mozote und benachbarten Ortschaften.[3]
In den folgenden Jahren schwankte das Kriegsgeschehen, aber schwere Gefechte blieben an der Tagesordnung. 1982 wurde eine neue Verfassung verabschiedet, 1984 fanden Präsidentschaftswahlen statt (Sieg von José Napoleón Duarte). Dieser traf sich mit Führern der FMLN, die später seine Tochter entführten. Doch weder Reformen noch politische Öffnung beendeten die Gewalt. Langsame Fortschritte im politischen Prozess (freierer Wahlkampf, etwas mehr Pressefreiheit) begleiteten den Krieg, ohne ihn zu beenden. Schließlich setzte die FMLN im November 1989 zu ihrer größten Offensive an: In der Nacht des 11. November 1989 drangen Guerillas bis in die Hauptstadt San Salvador vor und errichteten kontrollierte Sektoren, was der Regierung vorübergehend die Kontrolle über weite Teile der Stadt entriss.[3] Erst nach Wochen blutiger Kämpfe und Tausenden Toten wurde diese Attacke niedergeschlagen.
Ab 1990 zeigte sich eine Pattsituation zwischen Regierung und FMLN. Internationale Vermittler drängten auf Verhandlungen. Im Mai 1990 einigten sich beide Seiten im Genfer Abkommen auf Prinzipien für einen Waffenstillstand. Bis Mitte 1991 fanden weitere von der UNO und der katholischen Kirche vermittelte Gespräche statt. Der formelle Abschluss gelang am 16. Januar 1992 mit den Friedensabkommen von Chapultepec in Mexiko-Stadt. Diese Abkommen legten das Ende des Krieges fest: Die FMLN erklärte sich bereit, ihre Guerillaeinheiten aufzulösen und sich als politische Partei zu legalisieren, die Regierung versprach umfangreiche Reformen (Militärreduzierung, Landreform, Aufteilung der Macht) und bekräftigte die Einhaltung der Menschenrechte.[3][1]
Friedensabkommen
Der Friedensschluss von Chapultepec wurde unter Vermittlung der Vereinten Nationen und kirchlicher Vertreter erreicht. UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar hatte 1991 beide Seiten zur Beilegung des Konflikts gedrängt, unterstützt von Vertretern Mexikos, Kolumbiens, Venezuelas und Spaniens.[3] Die Vereinbarungen sahen unter anderem die Verringerung der Militärausgaben, die Abschaffung paramilitärischer Einheiten (z. B. Atlacatl-Bataillon) und die Dezentralisierung staatlicher Gewalt vor und wurde als Beispiel liberaler Friedensentwicklung genannt.[1] Die FMLN wurde als politische Partei anerkannt und verpflichtete sich zur bedingungslosen Entwaffnung; im Februar 1992 legte sie offiziell ihr Militärkommando nieder.[3] Die Umsetzung der Abkommen überwachte von 1991 bis 1995 die UN-Beobachtermission ONUSAL (United Nations Observer Mission in El Salvador).
Die Übergangsregierung bereitet einen demokratischen Neuanfang vor: Im Jahr 1992 wurden Wahlen abgehalten, und im Laufe der nächsten Jahre kam es zu weiteren Reformen im Justiz- und Sicherheitswesen. Insgesamt ermöglichte der Friedensprozess die Entwaffnung der Guerilleros und den Abzug ausländischer Truppen, was eine Rückkehr zu ziviler Politik ermöglichte. Eine Wahrheitskommission (Comisión de la Verdad para El Salvador) zur Aufarbeitung der Verbrechen wurde gebildet. In den Friedensjahren konsolidierte sich die Demokratie: Die FMLN stellte fortan auch gewählte Abgeordnete, während die konservative ARENA-Partei lange Zeit die Exekutive kontrollierte.
Folgen
Der Bürgerkrieg hinterließ verheerende humanitäre und gesellschaftliche Spuren. Schätzungen zufolge kostete der Konflikt rund 75.000 Menschen das Leben (1,5 Prozent der Gesamtbevölkerung). Nach UN-Angaben waren etwa 88 % der Opfer Zivilisten.[4] Darüber hinaus „verschwanden“ Zehntausende Menschen und es kam zu Massenvertreibungen. Über eine Million Salvadorianer flohen ins Ausland oder in städtische Flüchtlingslager. Der ländliche Raum wurde durch Terror und Vertreibung entvölkert, da die Regierung so den Aufständischen die Basis entziehen wollte. Die Generalstaatsanwaltschaft und Menschenrechtsorganisationen haben tausende Kriegsverbrechen registriert, von Massakern in Dörfern über die Ermordung von Oppositionellen, Lehrern und Priestern bis hin zu Folter und sexueller Gewalt. Prominente Beispiele waren das Massaker von El Mozote (Dezember 1981, über 500 Tote), die Ermordung von Bischof Romero (März 1980) und die Tötung von sechs Jesuiten und zwei Frauen auf dem Campus der Universidad Centroamericana (November 1989).[3] Laut einer 1993 vorgelegten Kommissionsanalyse entfielen etwa 85 % aller Menschenrechtsverletzungen auf die Streitkräfte und regierungsnahe Todesschwadronen, nur rund 5 % auf die FMLN.[2] Aber auch die Guerilla beging Verbrechen; etwa erschossen FMLN-Kämpfer verletzte Gegner – so wurden im Januar 1991 zwei verwundete US-Soldaten nach einem Absturz ermordet.[5]
Viele dieser Gräueltaten blieben lange ungeahndet. Kurz vor dem Friedensschluss verabschiedete die Legislative 1987 ein umfassendes Amnestiegesetz, das fast alle politisch motivierten Verbrechen bis dahin pauschal straffrei stellte. Damit wurde die Strafverfolgung für die Beteiligten erheblich erschwert.[3] Ein weiteres Amnestiegesetz aus dem Jahr 1993 bestätigte die Immunität. Im Jahr 2016 entschied der Oberste Gerichtshof von El Salvador jedoch in der Rechtssache Incostitucionalidad 44-2013/145-2013, dass das Gesetz verfassungswidrig sei und dass die salvadorianische Regierung mutmaßliche Kriegsverbrecher strafrechtlich verfolgen könne.[6]
Rolle des Auslands
Der internationale Kontext prägte den Konflikt entscheidend. Die USA betrachteten El Salvador in den 1980er Jahren als „Schachbrett“ im Kalten Krieg. Washington unterstützte die Regierung militärisch massiv. Schon die Carter-Regierung verfolgte eine Politik, die auf die Bekämpfung linker Gruppen ausgerichtet war. Unter der Reagan-Administration flossen hohe Militärhilfen und Waffenlieferungen in das Land; amerikanische Militärberater trainierten die Streitkräfte und den Geheimdienst. Der damalige US-Außenminister Alexander Haig erklärte das Land 1981 ausdrücklich zum „Testfeld des Kalten Kriegs“. Dabei nahmen die USA auch Massenmorde an Oppositionellen durch Todesschwadronen und Morde an Zivilisten (die teilweise von den USA ausgebildeten Einheiten verübt wurden) billigend in Kauf.[7]
Im Gegenzug erhielt die FMLN Unterstützung aus linkssozialistischen Staaten. Kuba und Nicaragua (seit 1979 von den Sandinisten regiert) stellten Ausbilder, Waffen und Logistik zur Verfügung, ebenso wie die damalige Sowjetunion und deren Verbündete.[8] Auch in benachbarten Ländern spielte die Region eine Rolle: In Honduras beispielsweise agierten Teile der FMLN aus dem Exil.
Gleichzeitig intensivierte sich der internationale Friedensprozess. Ab Mitte der 1980er Jahre drängten vor allem lateinamerikanische Staaten (u. a. Mexiko, Venezuela, Kolumbien, Panama) auf Verhandlungen – bekannt als Contadora-Gruppe. Ab 1989 schaltete sich die UNO aktiv ein: Nach Vereinbarungen über Menschenrechte entsandte sie 1989 die UN-Beobachtermission ONUCA für Zentralamerika und richtete 1992 die Wahrheitskommission ein, die 1993 ihren umfassenden Bericht vorlegte. Unter der Leitung von UN-Generalsekretär Pérez de Cuéllar kam es 1990–92 zu letzten Friedensverhandlungen, die 1992 mit dem Chapultepec-Abkommen abschlossen.[3]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c Bundeszentrale für politische Bildung: El Salvador | Kriege und Konflikte. 28. August 2024, abgerufen am 18. Oktober 2025.
- ↑ a b c El Salvador 1979–92 Study of International Conflict
- ↑ a b c d e f g h i j k l From Madness to Hope: the 12-year war in El Salvador: Report of the Commission on the Truth for El Salvadorf United States Institute of Peace
- ↑ The Convulsions of War | ReVista. Abgerufen am 18. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ AMW. Abgerufen am 18. Oktober 2025.
- ↑ COHA: El Salvador’s 1993 Amnesty Law Overturned: Implications for Colombia. In: COHA. 25. Juli 2016, abgerufen am 18. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Benjamin Schwarz: Dirty Hands. In: The Atlantic. 1. Dezember 1998, ISSN 2151-9463 (theatlantic.com [abgerufen am 18. Oktober 2025]).
- ↑ Andrea Oñate: The Red Affair: FMLN–Cuban relations during the Salvadoran Civil War, 1981–92. In: Cold War History. Band 11, Nr. 2, 1. Mai 2011, ISSN 1468-2745, S. 133–154, doi:10.1080/14682745.2010.545566.