Bürgerkrieg in Burundi

Bürgerkrieg in Burundi

Karte von Burundi
Datum 1993 bis 2005
Ort Burundi
Ausgang Friendensabkommen und Machtteilung
Konfliktparteien

Burundi Burundi

Unterstützt von:
Vereinte Nationen UNO-Friedenstruppen

CNDD-FDD
PALIPEHUTU-FNL
FROLINA
weiterer Hutu-Milizen aus Burundi und Ruanda

Unterstützt von:
Zaire Zaire
Tansania Tansania

Tutsi-Milizen Unterstützt von:
Ruanda Ruanda (ab 1994)

Truppenstärke

Burundi Burundi 40.000 (2000)
Vereinte Nationen ONUB 6000+

CNDD-FDD ca. 11.000
PALIPEHUTU-FNL 2.000–3.000

unbekannt

Verluste
ca. 300.000 Tote
Hunderttausende Verbriebene

Der Bürgerkrieg in Burundi war ein von Oktober 1993 bis 2005 andauernder ethnisch motivierter Konflikt zwischen der Tutsi-dominierten Armee und vor allem Hutu-dominierten Rebellengruppen. Hintergrund war die jahrzehntelange Vorherrschaft der Tutsi-Minderheit und wiederkehrende blutige Auseinandersetzungen mit der Bevölkerungsmehrheit der Hutu. Er fiel zeitweise mit dem Völkermord in Ruanda (1994) zusammen, der ebenfalls auf einem Konflikt zwischen diesen beiden Volksgruppen beruhte. Auslöser des Krieges war ein Staatsstreich gegen Präsident Melchior Ndadaye, der zu jahrelangen Kämpfen führte, in dessen Folge knapp 300.000 Menschen[1] getötet und Hunderttausende in die Nachbarländer vertrieben wurden.

Hintergrund

Nach der Unabhängigkeit Burundis 1962 von Belgien dominierten meist Tutsi-stämmige Präsidenten die Politik (Micombero 1966–1976, Bagaza 1976–1987, Buyoya 1987–1993). In den 1970er und 1980er Jahren kam es zu Massakern: 1972 wurden nach Putschversuchen schätzungsweise 100.000–250.000 Hutu ermordet, 1988 tötete die von Tutsi dominierte Armee erneut zehntausende Hutu. Unter internationalem Druck öffnete Präsident Pierre Buyoya Ende der 1980er Jahre das politische System. Bei den ersten demokratischen Wahlen 1993 siegte die Hutu-Partei FRODEBU, doch kurz darauf fielen Präsident Melchior Ndadaye und hohe FRODEBU-Politiker einem Putsch zum Opfer.[2]

Ablauf

Der Kriegsverlauf lässt sich anhand mehrerer Etappen skizzieren:

  • 21. Oktober 1993: Präsident Ndadaye wird von Teilen der Tutsi-dominierten Armee ermordet. Darauf entbrennen gezielte Tötungswellen und Racheakte; beide Seiten greifen oft Zivilisten an. Schätzungen zufolge wurden allein im ersten Kriegsjahr 50.000 bis 100.000 Menschen getötet.[3]
  • 6. April 1994: Ndadayes Nachfolger Cyprien Ntaryamira (Hutu) wird zusammen mit dem ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana (ebenfalls Hutu) bei einem Flugzeugabsturz getötet. Diese Tat markierte den Beginn des Völkermords in Ruanda, während in Burundi der Tod von Ntaryamira die Gewalt und Unruhen verschärfte, obwohl es zu keinem allgemeinen Massaker kam. Sylvestre Ntibantunganya (Hutu) wurde am 8. April für eine vierjährige Amtszeit als Präsident eingesetzt, doch die Sicherheitslage verschlechterte sich weiter. Der Zustrom von Hunderttausenden ruandischer Flüchtlinge und die Aktivitäten bewaffneter Hutu- und Tutsi-Gruppen destabilisierten die Regierung weiter.
  • 1994–1996: Der Konflikt eskaliert weiter. In dieser Phase wechseln mehrere Übergangsregierungen ohne Erfolg, der Bürgerkrieg tobt im ganzen Land. Nach dem Ende des Bürgerkriegs in Ruanda im Juli 1994 beginnt die Tutsi-dominierte ruandische Regierung der RPF Tutsi-Gruppen zu unterstützen, während die aus Ruanda nach Zaire geflohene Interahamwe sich mit burundischen Hutu-Gruppen verbünden.[4]
  • Sommer 1996: Unter Führung Buyoyas (Tutsi und Vorgänger von Ndadaye) übernimmt das Militär in einem neuen Putsch erneut die Macht in Bujumbura.[3] Burundi wird fortan von einem von Tutsi dominierten Militärregime geführt.
  • 28. August 2000: Nach langwierigen Verhandlungen in Arusha (Tansania) wird das Arusha-Friedensabkommen unterzeichnet. Es sieht eine ethnisch ausgewogene Übergangsregierung vor und bindet große Rebellenfraktionen (außer der radikalen FNL) in das politische System ein. Die Afrikanische Union überwacht den Prozess und Südafrika entsendet Friedenstruppen nach Burundi.[5]
  • 2003: Die größte Hutu-Rebellengruppe CNDD-FDD schließt sich dem Friedensprozess an und unterzeichnet im Mai 2003 einen formellen Waffenstillstand. Nelson Mandela vermittelte diese Vereinbarung („Global Ceasefire“). Damit und mit internationalen Druck enden die schwersten Kämpfe.[5]
  • 2004: Afrikanische und später UNO-Friedenstruppen (AMIB, ab Juni 2004 ONUB) unterstützen die Friedenskonsolidierung. Die Rebellenbasis in der Region um Bujumbura wird zurückgedrängt. Am 13. August 2004 verübt die Hutu-Rebellengruppe FNL ein Massaker in Gatumba, bei dem über 150 kongolesische Flüchtlinge ermordet wurden.[6]
  • 2005: Im März wird eine neue Verfassung per Referendum angenommen, im Juli folgen nationale Wahlen.[5] Der Hutu-Politiker Pierre Nkurunziza (CNDD-FDD) wird Präsident. Die meisten Rebellengruppen fügen sich in die Regierung ein. In der Folge endet der bewaffnete Konflikt praktisch: 2006 ziehen die UN-Truppen ab, und verbliebene Gruppierungen wie die FNL legen ihre Waffen nieder.

Friedensprozess

Internationale Friedensbemühungen führten schrittweise zum Ende des Krieges. Das Arusha-Abkommen (2000) schuf eine fünfjährige Übergangsregierung mit ethnisch festgelegter Machtteilung. Es enthielt politische Teilhaberegeln für Hutu und Tutsi, führte eine Gewaltenteilung ein und war international abgesichert. In den Jahren bis 2003 blieb der Frieden brüchig, doch im Mai 2003 schloss sich die wichtigste Rebellengruppe, die CNDD-FDD, nach langen Verhandlungen offiziell dem Waffenstillstand an. Danach entsandte die Afrikanische Union erstmals eigene Truppen (AMIB) und später im Rahmen der UN-Operation ONUB Friedenstruppen nach Burundi, die die Entwaffnung (DDR) und die Wahlen überwachten. Die Regierung der nationalen Einheit, nun unter Führung des gewählten Hutu-Präsidenten Nkurunziza, setzte sich aus ehemals verfeindeten Parteien zusammen. Im Jahr darauf einigten sich Nkurunziza und verbliebene Rebellengruppen (PALIPEHUTU-FNL) ebenfalls auf einen Kompromiss.[5]

Kriegsverbrechen und Aufarbeitung

Der Krieg forderte schätzungsweise über 300.000 Menschenleben.[1][1] Die meisten Opfer waren Zivilisten beider Volksgruppen. Zusätzlich zwangen die Kämpfe Hunderttausende, ins Ausland oder in Flüchtlingslager zu fliehen. Alle Kriegsparteien begingen Kriegsverbrechen gegen Zivilisten. Es kam zu ethnisch motivierten Massakern, Geiselnahmen, Massenvergewaltigungen und Plünderungen.[6] Außerdem wurden Kindersoldaten eingesetzt.[7] Eine internationale Untersuchung kam 1995 zu dem Schluss, dass die Massaker an Tutsi im Herbst 1993 als Völkermordakte zu werten seien.[8]

Die Aufarbeitung blieb lückenhaft. Ein Friedensabkommen von 2003 gewährte allen Kombattanten faktisch Immunität für Kriegsverbrechen. Entsprechend wurden kaum Anklagen erhoben – auch wegen politischer Rücksichtnahmen. Nationale und internationale Tribunale wurden erst spät und nur begrenzt in Erwägung gezogen. Eine unabhängige Wahrheits- und Versöhnungskommission wurde 2014 gebildet.[9] Trotz formaler Machtteilung sind Hutu-Tutsi-Gräben weiterhin spürbar und das Land blieb instabil und sporadisch kam es zu neuen Kämpfen (wie 2008).[1]

Einzelnachweise

  1. a b c d Heavy shelling in Burundi capital. 18. April 2008 (bbc.co.uk [abgerufen am 17. Oktober 2025]).
  2. Bundeszentrale für politische Bildung: Burundi | Kriege und Konflikte. 5. Oktober 2020, abgerufen am 17. Oktober 2025.
  3. a b Burundi 1993–2005 Study of Internal Conflict Case Studies
  4. Gérard Prunier: Africa's world war : Congo, the Rwandan genocide, and the making of a continental catastrophe. Oxford University Press, Oxford / New York 2009, ISBN 978-0-19-537420-9 (archive.org [abgerufen am 17. Oktober 2025]).
  5. a b c d Ending The Armed Conflict In Burundi – Better Evidence Project. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
  6. a b Human Rights Watch: Burundi: Events of 2004. 30. Januar 2005 (hrw.org [abgerufen am 17. Oktober 2025]).
  7. Child Soldierts: Global Report. Archiviert vom Original am 10. Oktober 2018; abgerufen am 17. Oktober 2025.
  8. Letter dated 11 March 2005 from the Secretary-General addressed to the President of the Security Council UN
  9. AfricaNews: Burundi's Truth and Reconciliation commission presents new findings. 20. März 2021, abgerufen am 17. Oktober 2025 (englisch).