Bügellohe

Die Wüstung Bügellohe ist eine verlassene Siedlung im deutsch-tschechischen Grenzgebiet bei Stadlern, Stadt Schönsee, Freistaat Bayern, im Naturraum Südlicher Oberpfälzer Wald. Heute ist sie Teil des Naturschutzprojektes Grünes Band Europa / European Green Belt und ist dem Hauptabschnitt Zentraleuropa zugeordnet.

Geographische Lage

Rund um die Bügellohe bildet die deutsch-tschechische Grenze einen nach Norden gewölbten Halbkreis mit knapp einem Kilometer Durchmesser. In diesem Halbkreis liegt die Bügellohe auf einem 830 Meter hohen Sattel zwischen dem 848 Meter hohen Malý Zvon (Glöckelberg) im Norden und dem 898 Meter hohen Weingartenfels im Süden. Entlang der Grenze zieht sich eine breite ausgedehnte Feuchtwiese. Die Wasser dieser Feuchtwiese sammeln sich unter anderem im Weißbrunnen, umgangssprachlich Weißbrunn, der als eine der Quellen der Ascha gilt, und seit 2011 als Naturdenkmal „Weißbachquelle“ naturschutzrechtlich per Verordnung gesichert ist, die in ihrem Quellgebiet Weißbach und Plešský potok / Plösser Bach heißt, und am Zusammenfluss von Weißbach und Lohbach die Ascha, südlich von Dietersdorf, bildet.

Über den Nordhang des Weingartenfels zur Bügellohe und weiter über den Südwesthang des Malý Zvon verläuft die Europäische Hauptwasserscheide Donau - Elbe. Die Wasser des Weißbrunnens fließen den westlichen Hang des Sattels, über Plešský potok / Plösser Bach, hinunter nach Dietersdorf zur Ascha und von dort über Schwarzach, Naab und Donau in das Schwarze Meer.

Ungefähr 200 Meter östlich des Weißbrunnens, direkt hinter der deutsch-tschechischen Staatsgrenze, befindet sich die Quelle des Johannesbächleins, der auch als Johanneshüttener Bach, tschechisch vermutlich Mostecký potok, bezeichnet wird. Aus den sumpfigen Wiesen der Bügellohe bilden sich kleine Rinnsale, die südöstlich seiner Quelle in das Johannesbächlein münden. Dessen Wasser fließen den östlichen Hang des Sattels hinunter über Radbuza, Berounka, Moldau und Elbe in die Nordsee.[1][2]

Geschichte

Nach der Vertreibung 1946 bauten sich Sudetendeutsche etwa einen Kilometer südlich und rund hundert Höhenmeter über ihrer früheren Heimat neue Häuser im Wald unmittelbar hinter der Grenze auf bayerischer Seite. Das Dorf lag in einem bügelähnlichen, in das Nachbarland ragenden Geländeteil auf dem „Bügellohe/Reichenstein/Weingartner-Fels“-Rücken, der bis über 896 m ü. NN ansteigt und damit die höchste Erhebung im heutigen Landkreis Schwandorf ist.

Die einstigen Bewohner stammten überwiegend aus dem untergegangenen Ort Wenzelsdorf mit dem Weiler Rappauf. Elf Familien, fast 60 Personen,[3] suchten auf den meist ihnen selbst gehörenden Grundstücken eine vorübergehende Bleibe. Hier wollten sie der drohenden Vertreibung entgehen und später wieder in ihr Dorf zurückkehren.[4] Man baute sich im Wald zunächst nur Baracken. Die notwendigen Bretter für eine Baracke wurden nachts illegal aus den eigenen Gehöften auf tschechischer Seite über die Grenze auf die Bügellohe getragen.

Allerdings wurde das frühere Wenzelsdorf von der tschechischen Regierung dem Erdboden gleichgemacht, eine Rückkehr kam nicht mehr in Frage. Die Bügelloher Bürger errichteten daraufhin feste Häuser aus zumeist Feld- und Bruchsteinen, unter anderem auch ein Gasthaus (Florl) mit überdachter Kegelbahn. Ziegel konnten nicht von Pferdefuhrwerken angeliefert, sondern mussten von den Männern in mühevoller Arbeit den Berg hinauf getragen werden. Die Siedlung war kommunalen Stellen ein Dorn im Auge, da eine Verkehrsanbindung nach damaligen Größen unverhältnismäßig teuer und umständlich gewesen wäre.

Die Lebensbedingungen waren sehr hart; es gab weder Strom, noch fließendes Wasser noch eine ordentliche Straße, über die das Dorf hätte erreicht werden können. Medizinische Hilfe leistete sehr umständlich ein Arzt aus dem etwa sieben Kilometer südwestlich gelegenen Schönsee.[5] Nach und nach verließen die Menschen Bügellohe: 1950 lebten 59 Personen dort, 1960 nur noch 8. Am 27. November 1969 verließ der letzte Bewohner, Josef Licha, die grenznahe Siedlung im Oberpfälzer Wald.[6][7] Laut Zeitzeugen war es in den kalten Jahreszeiten auf der Hochebene des Grenzkamms zu unwirtlich und landwirtschaftliche Erträge konnten in diesen Höhenlagen kaum erzielt werden. Auch angesichts des Wirtschaftsaufschwungs in Deutschland sah man dort oben keine Zukunft mehr.[8]

Heutiger Zustand

Die Bügellohe ist heute stark verfallen, ihre Gebäude sind einsturzgefährdet. Jahrzehntelanger Frost, Regen und Wind haben an den verlassenen Häusern genagt. Nur ein Haus, das Fleischhackerhaus, ist wegen seines intakten Blechdachs noch relativ gut erhalten. In ihm wurde 2012 ein Informationszentrum mit elektrischer Beleuchtung und drehbaren Bildtafeln über die Siedlung Bügellohe und ihre Geschichte eingerichtet.[9]

Von der Mehrzahl der Gebäude des verlassenen Dorfes Bügellohe sind heute nur noch wenige Reste zu erkennen. Die örtlichen Siedlungsspuren sind in der Reliefkarte (Schummerungsbild) des Bayerischen Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung im Kartendienst BayernAtlas digital sichtbar.

Von 2018 bis 2020 ist das Projekt „Verbinden und Zusammenwachsen - von Land zu Land“ mit den Partnern Galerie Klatovy / Klenová, Westböhmische Universität in Pilsen, der Städte Vilseck und Schönsee sowie dem Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) in Schönsee umgesetzt.

Aus kofinanzierten Projektmitteln des Fonds für Regionale Entwicklung (Programm Ziel ETZ Tschechische Republik – Freistaat Bayern 2014–2020) haben Studenten der Westböhmischen Universität, Ladislav-Sutnar-Fakultät für Kunst und Design, unter anderem ein Land-Art-Objekt, dass die Geschichte der Bügellohe widerspiegelt, aus örtlichen Materialien im Sommer 2020 geschaffen.

Das Zentrum Erinnerungskultur der Universität Regensburg hat im Sommersemester 2025 die Bügellohe im Rahmen des Projektseminars „Bayern, Böhmen und die Grenze - Erzählen, Visualisieren, Ausstellen“ aufgesucht. Unter dem Motto „Von Paschern, kulturellen Brückenbauern und Neuanfängen – rund um Schönsee“ war der verlassene Ort Bügellohe Teil der zweiten Eintagesexkursion im August 2025.

Bis 2024 bearbeitete das Förderprojekt „Informations-, Beratungs- und Vernetzungszentrum Grünes Band Europa am Centrum Bavaria Bohemia“ die Säulen „Geschichte, historische Kulturlandschaft“ und „Sanfter Tourismus, ländliche Entwicklung“. Von 1. Januar 2025 bis 31. Dezember 2028 engagiert sich das Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) im neuen Projekt „Zukunftsregion Europäisches Grünes Band Bayern - Tschechien / Zažijte Zelený Pás Česko - Bavorsko: Impulse für grenzüberschreitenden Dialog und nachhaltige Entwicklung“ für das Grüne Band (Bayerisches Staatsministerium der Finanzen und für Heimat).[10][11] Aufgrund der Nähe zur Deutsch-Tschechischen-Staatsgrenze und der Naturausstattung bilden die Flächen der Wüstung Bügellohe einen mindestens regional bedeutsamen Bereich (II von IV) für den Biotopverbund Grünes Band Europa.

Literatur

Commons: Bügellohe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Fritsch Wanderkarte Naturpark Nördlicher Oberpfälzer Wald, Maßstab 1 : 50.000.
  2. atlas.bayern.de
  3. Ruinen von Bügellohe zeugen von Vertreibung und einem Neubeginn mit Hemmschuh | Dokumente eines langen Abschieds (Memento vom 18. Dezember 2016 im Internet Archive), auf oberpfalznetz.de/
  4. oberpfalznetz.de: Geburtsort und Heimat verlassen (Memento vom 23. September 2013 im Internet Archive)
  5. Der Vertreibung entgegen (Memento vom 12. September 2012 im Webarchiv archive.today), auf oberpfalznetz.de
  6. Bügellohe im Oberpfälzer Wald: Das verlassene Dorf der Sudetendeutschen, auf hierdadort.de
  7. Historischer Atlas von Bayern: Altbayern Reihe I Heft 61: Oberviechtach S. 216, 217.
  8. Richard Reger liest aus seinen Büchern - Erinnerung an Frauenschicksale im und nach dem Krieg | Als Luftwaffenhelferin in Dänemark (Memento vom 24. Mai 2016 im Internet Archive), auf onetz.de
  9. Das Photoalbum | In der Oberpfalz (Memento vom 15. Januar 2010 im Internet Archive), auf boronk.de
  10. Centrum Bavaria Bohemia (CeBB): Das Grüne Band Europas. (Memento vom 18. Juli 2022 im Internet Archive)
  11. Regionalfernsehen OberpfalzTV (OTV): Schönsee - Förderbescheid für Zukunftsregion Grünes Band. Freitag, 04. April 2025, 13:24 Uhr. (Memento vom 4. April 2025 im Internet Archive)
  12. Qualitätswandern auf dem Grünen Dach Europas. 27. Oktober 2019, abgerufen am 11. Dezember 2025.

Koordinaten: 49° 31′ 44″ N, 12° 37′ 54″ O