Aussprache des Neugriechischen

Die Aussprache des Neugriechischen besteht praktisch unverändert seit etwa dem Ende des 10. Jahrhunderts. Texte in dieser Sprachstufe erscheinen seit etwa dem Jahr 1100, auch wenn der Zeitraum bis 1453 rein formal dem Mittelgriechischen zugewiesen wird. Sie ist relativ einheitlich, aus dem mit dem griechischen Alphabet geschriebenen Text geht die Aussprache bis auf wenige Ausnahmen eindeutig hervor. Hierfür ist allerdings die Kenntnis einiger Regeln erforderlich, da besonders zahlreiche der Konsonantenbuchstaben in mehreren Aussprachevarianten realisiert werden. Umgekehrt gestaltet sich die neugriechische Orthographie schwierig, da bis auf die Akzentsetzung die altgriechische Schreibweise bis heute weitestgehend beibehalten wurde und viele Laute, die gleich gesprochen werden, durch unterschiedliche Grapheme dargestellt werden.

Vokale

Die fünf griechischen Vokale werden durch zahlreiche Buchstaben und Buchstabenverbindungen ausgedrückt. Alle Vokale werden grundsätzlich kurz ausgesprochen, /i/ und /u/ sind dabei im Gegensatz zum Deutschen stets geschlossen. Bei Verbindungen zweier Vokalbuchstaben zeigt ein Trema (¨) auf dem zweiten Buchstaben oder der Akzent auf dem ersten Vokalzeichen an, dass die beiden Buchstaben getrennt auszusprechen sind.

Buchstabe(n) Lautwert Beschreibung Beispiel
α ​[⁠a⁠]​ wie in deutsch Masse βάρκα [ˈvarka] „Barke“
αυ [av] vor Vokalen und stimmhaften Konsonanten:
wie in deutsch Hawaii
αύριο [ˈavriɔ] „morgen“
[af] vor stimmlosen Konsonanten: wie in deutsch haften αυτοκίνητο [aftɔˈkʲinitɔ] „Auto“
άι, άη, αϊ, αϋ [ai] vor stimmlosen Konsonanten:
wie in italienisch mai
τσάι [tsai] „Tee“,
Δανάη [ðaˈnai] „Danae“,
αϋπνία [aiˈpnia] „Schlaflosigkeit“,
παϊδάκι [paiˈðaʲkʲi] „Rippchen“
ε
αι, αί
​[⁠ɛ⁠]​ wie in deutsch Fest μέρα [ˈmɛra] „Tag“,
γυναίκα [ʝiˈnɛka] „Frau“
ευ [ev] vor Vokalen und stimmhaften Konsonanten:
wie in deutsch Level
Εύβοια [ˈɛvia] „Euböa“,
παρασκευή [paraskʲɛˈvi] „Freitag“
[ef] vor stimmlosen Konsonanten:
wie in deutsch heftig
ευχαριστώ [ɛfxariˈstɔ] „danke“
έι, εϊ [ɛi] wie in deutsch hey! θεϊκός [θɛiˈkɔs] „göttlich“,
κέικ [ˈkʲɛik] „Sandkuchen“
ει, η, ι
οι, υ, υι
​[⁠i⁠]​ geschlossenes i, aber kurz,
wie in deutsch minutiös
παράνοια, [paˈrania] „Paranoia“,
υγιεινή [iʝiiˈni] „Hygiene“;
υιοθετώ, [iɔθɛˈtɔ] „adoptieren“
​[⁠j⁠]​ vor Vokalen in Wörtern volkssprachlicher Herkunft:
wie in deutsch Mission
αδειάζω [aˈðjazɔ] „ich entleere“,
πιάνο [ˈpjanɔ] „Klavier“
ηυ (Katharevousa) [if] vor stimmlosen Konsonanten:
wie in deutsch naiv
διηύθηνα [ðiˈifθina] „ich leitete“
ο, ω ​[⁠ɔ⁠]​ wie in deutsch Hoffnung πρώτος [ˈprɔtɔs] „erster“
όι, οϊ [ɔi] Kombination aus offenem o und geschlossenem i:
wie in Boiler
κορόιδο [kɔˈrɔiðɔ] „Gespött“,
οϊμωγή [ɔimɔˈʝi] „Wehgeschrei“
ου ​[⁠u⁠]​ geschlossenes u, aber kurz,
wie in deutsch Mulatte
λουλούδι, [luˈluði] „Blume“
​[⁠w⁠]​ in Transkriptionen aus dem Englischen:
wie englisch Whisky
ουίσκι, [ˈwiski] „Whisky“

Konsonanten

Das Neugriechische zeichnet sich durch eine Vielzahl von Reibelauten aus, die auch zu im Deutschen teilweise ungewöhnlichen Konsonantenkombinationen verbunden werden können. Bedeutsam für die Aussprache ist häufig der auf den Konsonanten folgende Vokal: Vor den „hellen“ Vokalen [i] und [ɛ] werden viele Konsonanten „heller“ oder „weicher“ ausgesprochen als vor den „dunklen“ Vokalen [a], [ɔ] und [u]. Eine weitere Besonderheit des Griechischen sind die vor „hellen“ Vokalen entstehenden palatalisierten Laute [kʲ], [gʲ], [lʲ] und [nʲ], bei denen sich nach der Artikulation des Konsonanten die Zunge leicht zum Gaumensegel hebt, wodurch ein angedeuteter j-Laut entsteht (letztere beiden nur nach Verschmelzung mit [i] bei volkstümlichen Wörtern). Das Neugriechische kennt außerdem zahlreiche Sandhi-Erscheinungen, bei denen sich zwei aufeinander folgende Laute, auch an der Wortfuge, klanglich einander angleichen. Für die Aussprache vieler Konsonanten ist also die auch lautliche Umgebung, in der sie sich befinden, maßgeblich. Für Deutsche ungewohnt ist auch, dass aufeinander folgende Wörter nicht voneinander abgesetzt, sondern klanglich verbunden werden.

Buchstabe(n) Lautwert Beschreibung Beispiel
μ ​[⁠m⁠]​ wie das deutsche m μήτρα [ˈmitra] „Gebärmutter“
​[⁠ɱ⁠]​ vor [v] und [f]:
ein m mit den oberen Schneidezähnen auf der Unterlippe
αμφιβολία [aɱfivɔˈlia] „Zweifel“,
έμβολο [ˈɛɱvɔlɔ] „Zapfen“
μπ ​[⁠b⁠]​ am Wortanfang: wie das deutsche b μπαίνω [ˈbɛnɔ] „ich trete ein“
[mb] oder ​[⁠b⁠]​ im Inlaut und am Wortende:
wie in deutsch Mamba oder Abend
έμπορος [ˈɛmbɔrɔs] oder [ˈɛbɔrɔs] „Händler“
[mp] in einigen Fremdwörtern:
wie deutsch mp mit unbehauchtem p
κάμπιγκ [ˈkampiŋ(g)] „Camping“
π ​[⁠p⁠]​ immer unbehaucht, etwa wie in deutsch Optik παπάς [paˈpas] „Pfarrer“
​[⁠b⁠]​ am Wortbeginn nach Wörtern, die auf /-n/ enden:
wie das deutsche b
δεν πειράζει [ðɛmbiˈrazi] „macht nichts“
β ​[⁠v⁠]​ wie das deutsche w βορράς [vɔˈras] „Norden“
φ ​[⁠f⁠]​ wie das deutsche f φέρνω [ˈfɛrnɔ] „ich trage“
ν ​[⁠n⁠]​ wie das deutsche n Κίνα [ˈkʲina] „China“
​[⁠m⁠]​ am Wortende vor mit μ, π, μπ und ψ beginnenden Wörtern:
wie ein flüchtig ausgesprochenes deutsches m
δεν πειράζει [ðɛmbiˈrazi] „macht nichts“
​[⁠ɱ⁠]​ am Wortende vor mit β und φ beginnenden Wörtern:
ein m mit den Schneidezähnen auf der Unterlippe
στην Φινλανδία [stiɱfinlanˈðia] „in Finnland“
​[⁠ŋ⁠]​ am Wortende vor mit γκ, κ und ξ beginnenden Wörtern:
wie ein flüchtig ausgesprochenes deutsches ng
στην Κίνα [stiŋˈgʲina] „in China“
ν + unbetont /i/ [] vor [a], [ɔ] und [u]:
wie in italienisch signora, spanisch señora
λεμονιά, [lɛmɔˈnʲa] „Zitronenbaum“
[ni] vor [a], [ɔ] und [u] bei Wörtern gelehrter Herkunft:
wie deutsch Anion
παράνοια [paˈrania] „Paranoia“
ντ ​[⁠d⁠]​ am Wortanfang: wie das deutsche d ντύνω [ˈdinɔ] „ich ziehe an“
​[⁠d⁠]​ oder [nd] im Wortinnern und am Wortende: wie deutsch Adel oder anders αντί [aˈdi] oder [anˈdi] „anstatt“
τ ​[⁠t⁠]​ immer unbehaucht, etwa wie in deutsch Bettler τέτανος [ˈtɛtanɔs] „Tetanus
​[⁠d⁠]​ am Wortbeginn nach Wörtern, die auf /-n/ enden:
wie das deutsche d
εν τάξει [εnˈdaksi] „in Ordnung“
δ ​[⁠ð⁠]​ wie in englisch this δουλειά [ðuˈlʲa] „Arbeit“
θ ​[⁠θ⁠]​ wie in englisch thing θύμα [ˈθima] „Opfer“
κ ​[⁠k⁠]​ vor [a], [ɔ], [u] und Konsonanten:
immer unbehaucht, etwa wie in deutsch aktiv
κάτι [ˈkati] „etwas“
[] vor [i] und [ɛ]:
ähnlich wie in der Buchstabenfolge „ckch“ in deutsch ckchen
κύμα [ˈkʲima] „Welle“
​[⁠g⁠]​ vor [a], [ɔ], [u] und Konsonanten am Wortbeginn nach den meisten Wörtern,
die auf /-n/ enden:
wie das deutsche g
στην καρδιά [stiɳgarˈðja] „im Herzen“
[] vor [i] und [ɛ] am Wortbeginn nach Wörtern, die auf /-n/ enden:
palatalisiertes ​[⁠g⁠]​, etwa wie deutsch g + j
τον κήπο [tɔŋˈgʲipɔ] „den Garten“
γ ​[⁠ɣ⁠]​ vor [a], [ɔ], [u] und Konsonanten:
wie ein stimmhaftes [x], berlinisch [ˈvaːɣən] „Wagen“
γάλα [ˈɣala] „Milch“,
γλυκός [ɣliˈkɔs] „süß“
​[⁠ʝ⁠]​ vor [i] und [ɛ]:
wie deutsch j, aber mit deutlicher Reibung am Gaumen
γυναίκα [ʝiˈnɛka] „Frau“
γ(ι)  ​[⁠ʝ⁠]​ vor [a], [ɔ] und [u]:
wie deutsch j, aber mit deutlicher Reibung am Gaumen
γιατί [ʝaˈti] „warum“,
Γυάρος [ˈʝarɔs] „Gyaros“,
γεια [ʝa] „hallo, tschüss“
γγ ​[⁠g⁠]​ oder [ŋg] vor [a], [ɔ], [u] und Konsonanten:
wie deutsch Magen oder Mango
αγγούρι [aˈguri] oder [aŋˈguri] „Gurke“,
Ausnahme: συγγνώμη [siɣˈnɔmi] „Entschuldigung“
[] oder [ŋgʲ] vor [i] und [ɛ]:
etwa wie deutsch g + j
αγγίζω [agʲiˈzɔ] oder [aŋgʲiˈzɔ] „ich berühre“
γκ ​[⁠g⁠]​ vor [a], [ɔ], [u] und Konsonanten am Wortanfang:
wie das deutsche g
γκολ [ˈgɔl] „(Fußball)-Tor“,
γκλαβανή [glavaˈni] „Falltür“
​[⁠g⁠]​ oder [ŋg] vor [a], [ɔ], [u] und Konsonanten im Wortinnern:
wie deutsch Magen oder Mango
αγκώνας [aˈgɔnas] oder [aŋˈgɔnas] „Ellenbogen“
[] vor [i] und [ɛ] am Wortanfang:
ähnlich wie deutsch g + j
γκίνια [ˈgʲinʲa] „Pech“
[] oder [ŋgʲ] vor [i] und [ɛ]im Wortinnern:
ähnlich wie deutsch ng + g + j oder g + j
αγκινάρα [agʲiˈnara] oder [aŋgʲiˈnara] „Artischocke
γγι [ŋgʲ] oder [] vor ​[⁠a⁠]​, ​[⁠ɔ⁠]​ und ​[⁠u⁠]​:
ähnlich wie deutsch ng + g + j oder g + j
αστροφεγγιά [astrofeŋˈgʲa] oder [astrofeˈgʲa] „Sternenlicht“
γκι [] vor ​[⁠a⁠]​, ​[⁠ɔ⁠]​ und ​[⁠u⁠]​ am Wortanfang:
ähnlich wie deutsch g + j
γκιώνης [ˈgʲɔnis] „Kauz“
[] oder [ŋgʲ] vor ​[⁠a⁠]​, ​[⁠ɔ⁠]​ und ​[⁠u⁠]​ im Wortinnern:
ähnlich wie deutsch ng + g + j oder g + j
γχ [ŋx] vor [a], [ɔ], [u] und Konsonanten:
wie deutsch ng + ch (in „ach“)
σύγχρονος [ˈsiŋxrɔnɔs] „modern“
[ŋç] vor [i] und [ɛ]:
wie deutsch ng + ch (in „ich“)
συγχαίρω [siŋˈçεrɔ] „ich beglückwünsche“
χ ​[⁠x⁠]​ vor ​[⁠a⁠]​, ​[⁠ɔ⁠]​, ​[⁠u⁠]​ und Konsonanten und am Wortende:
wie in deutsch ach
χαρά [xaˈra] „Freude“,
Αλλάχ [aˈlax] „Allah“
​[⁠ç⁠]​ vor [i] und [ɛ]: wie in deutsch ich χημεία [çiˈmia] „Chemie“
χι ​[⁠ç⁠]​ vor ​[⁠a⁠]​, ​[⁠ɔ⁠]​ und ​[⁠u⁠]​:
wie in deutsch ich
χιόνι [ˈçɔni] „Schnee“
λ ​[⁠l⁠]​ wie das deutsche l λέξη [ˈlεksi] „Wort“
λ + unbetont [i] [] vor ​[⁠a⁠]​, ​[⁠ɔ⁠]​ und ​[⁠u⁠]​:
wie italienisch famiglia
λιακάδα [lʲaˈkaða] ‚Sonnenschein‘
[li] vor ​[⁠a⁠]​, ​[⁠ɔ⁠]​ und ​[⁠u⁠]​ bei Wörtern gelehrter Herkunft.
wie deutsch Liane
λειαίνω [liˈεnɔ] „ich glätte“
ρ ​[⁠r⁠]​ mit der Zunge gerolltes r βάρκα [ˈvarka] „Barke“
​[⁠ɾ⁠]​ gelegentlich vor Vokalen: mit der Zunge gerolltes r mit einem Anschlag ρύζι [ˈɾizi] „Reis“
σ (-ς) ​[⁠s⁠]​ Der stimmlose griechische /s/-Laut ist etwas „dunkler“ als der deutsche
und tendiert zu ​[⁠ɕ⁠]​
bzw. dem deutschen /sch/ (​[⁠ʃ⁠]​).
συστήμα [siˈstima] „System“
​[⁠z⁠]​ vor [v], [ð], [ɣ], [b], [m], vor [r] fakultativ;
am Wortende vor mit stimmhaftem Konsonant beginnenden Wörtern:
stimmhaftes s wie in deutsch Rose
πολιτισμός [pɔlitizˈmɔs] „Kultur“,
Ισραήλ [izraˈil] oder [israˈil] „Israel
ζ ​[⁠z⁠]​ stimmhaftes s wie in deutsch s in Rose καζάνι [kaˈzani] „Kessel“
ψ [ps] wie in deutsch Mops ψυχή [psiˈçi] „Seele“
[bz] wie deutsch b mit stimmhaftem s στην ψυχή [stimbziˈçi] „in der Seele“
τσ [ts] wie das deutsche z τσάι [ˈtsai] „Tee“
τζ [dz] wie deutsch d mit stimmhaftem s τζατζίκι [dzaˈdzikʲi] „Tzatziki
ξ [ks] wie das deutsche x εν τάξει [εnˈdaksi] „in Ordnung“
[gz] wie deutsch g mit stimmhaftem s δεν ξερω [ðεŋˈgzεrɔ] „ich weiß nicht“
 
Das hier beispielhaft angeführte Iota (ι) steht für jedes Graphem, welches einen unbetonten /i/-Laut repräsentiert. Dieses /i/ wird selbst gar nicht ausgesprochen, sondern zeigt nur die Palatalisierung des ihm vorangehenden Konsonanten (hier γ) an.

Literatur und Quellen

  • Heinz F. Wendt: Praktisches Lehrbuch Neugriechisch. München und Berlin (Langenscheidt) 1965, ISBN 3-468-26210-8
  • Heinz F. Wendt: Taschenwörterbuch Griechisch. München und Berlin (Langenscheidt) 1995, ISBN 3-468-11213-0