Aufstand vom 10. Juni 1980
Der Aufstand vom 10. Juni 1980 (portugiesisch Levantamento 10 Junho 1980, tetum Levantamentu 10 Junho 1980, auf Englisch auch Dili attack) war ein Angriff von osttimoresischen Unabhängigkeitskämpfern auf militärische Einrichtungen der indonesischen Streitkräfte in Dili, die seit 1975 das Land besetzt hielten. Aufgrund der folgenden Vergeltungsmaßnahmen durch die Indonesier, wird das Ereignis auch Marabia-Massaker oder Marabia vom 10. Juni 1980 genannt.
Geschehen
Am 10. Juni 1980 griffen FALINTIL-Einheiten den Fernsehsender in Marabia, das Waffenlager der B-Kompanie des Infanteriebataillons 744 in Becora und militärische Einrichtungen in Dare und Fatu Naba am Rande von Osttimors Hauptstadt Dili an. Die Angriffe weiteten sich auch bis in den Stadtteil Lahane aus.[1][2] Die FALINTIL-Einheiten kamen ais den Widerstandssektoren Fronteira Norte, Centro Sul und von Mitgliedern des Untergrundnetzwerks in Dili. Mehrere indonesische Soldaten wurden in Marabia getötet.[2]
Hintergrund
Der Bezeichnung „levantamento“ wurde von der FALINTIL gewählt, um den militärisch begrenzten Angriffen, die von kleinen überlebenden Gruppen der FALINTIL durchgeführt wurden, einen gemeinsamen Zweck zu verleihen. Man wollte der Welt zeigen, dass die Unabhängigkeitspartei FRETILIN noch immer existierte. Es war der erste größere Angriff seit der fast völligen Zerschlagung der Widerstandsbewegung im Jahre 1978. Die FALINTIL hatte sich in den letzten Monaten neu formiert und überraschten das indonesische Militär völlig. Der Angriff war ein deutliches Lebenszeichen des als vernichtet geglaubten bewaffneten Widerstands.[1]
Der Angriffstermin wurde auf den 10. Juni vorverlegt, weil er mit einem Besuch einer Delegation des US-Kongresses zusammenfallen sollte, der in Wirklichkeit aber nie geplant war. Wer bei der Widerstandsbewegung hinter den Planänderungen stand, ist unklar. Laut dem FALINTIL-Chef Xanana Gusmão soll eine Gruppe von Kommandeuren gegen den Rat des Untergrunds in Dili sich auf den 10. Juni geeinigt haben. Gusmão selbst erklärte später, er sei gegenüber dem Datum sehr kritisch gewesen. Die Operation sei eine „bittere Erfahrung“ gewesen. Das Hauptziel, Waffen und Munition zu erbeuten, sei aufgegeben worden, um weniger wichtige Ziele, wie internationale Aufmerksamkeit zu verfolgen.[2]
Folgen
Das indonesische Militär empfand den Angriff als Schock und Demütigung durch einen besiegt geglaubten Gegner. Der gesamte indonesische Sicherheitsapparat von Dili wurde daher eingesetzt, inklusive der untergeordneten Gebietskommandos, dem Infanteriebataillon 744, Spezialeinheiten (Kopassandha) und Milizen (Hansip), um die Täter zu ergreifen. In einer Militäroperation wurden hunderte Menschen verhaftet.[2]
Neben Kommandanten und Soldaten der FALINTIL, wie David Ximenes,[3] die direkt an den Angriffen beteiligt waren, gehörten zu den Festgenommenen Mitglieder des Untergrundnetzwerkes und zahlreiche Menschen, denen die indonesische Armee vorwarf, Sympathisanten der Unabhängigkeitsbewegung zu sein. Die Empfangs-, Wahrheits- und Versöhnungskommission von Osttimor (CAVR) registrierte die Namen von insgesamt 121 Personen, die in den folgenden Wochen umgebracht wurden, verschwanden oder in der Haft starben, aufgrund von Folter oder schlechter Versorgung. Die meisten Opfer starben in Dili, es gab aber auch Morde und das Verschwinden von Menschen in den Distrikten Aileu, Manufahi und Manatuto. Es handelte sich um Personen, die aus Dili geflohen waren oder nur schlicht verdächtigt wurden, am Netzwerk beteiligt gewesen zu sein. Zu den Toten gehören ehemalige Mitglieder des Zentralkomitees (CCF) der FRETILIN ebenso, wie Kinder.[2] Von 83 der 121 bekannten Opfern war 2014 noch immer nicht bekannt, wo die sterblichen Überreste verblieben sind.[4] Daneben gab es weitere Menschenrechtsverletzungen, wie Vergewaltigungen. Die grausame Behandlung der Inhaftierten war an der Tagesordnung.[2]
Etwa 200 wurden direkt nach dem Angriff bis November zunächst im Mes Korem, im Gebäude des Edifício de Fomento interniert. Bei den hier durchgeführten Verhören wurde auch oft gefoltert. An Torso und Genitalien wurden Elektroschocks verabreicht und mit Zigarettenstummeln Verbrennungen zugefügt. Außerdem wurden Gefangene in Wasser getaucht, stranguliert oder sexuell gefoltert. Von neun Personen ist bekannt, dass sie hier starben oder verschwanden. Wer überlebte und nicht freigelassen wurde, wurde auf die Gefängnisinsel Atauro deportiert oder in das Gefängnis Comarca überführt.[2][5] Hierhin kamen die gesamte Zeit zwischen Juni und August Gefangene aus dem Mes Korem. In Nächten wurden mehrmals Gruppen von Gefangenen aus Comarca gebracht und verschwanden für immer. Wo sie ermordet wurden, ist unklar. Areia Branca, Tasitolu, Metinaro und Hera kommen als Orte der Exekution in Frage. In Hera wurden viele der Verhafteten interniert und mussten bis zu 40 Tage Zwangsarbeit leisten. Neun Inhaftierte wurden in Comarca zu Tode geprügelt oder starben aufgrund eines Zusammenspiels von allgemeinen Misshandlungen, Schlägen und mangelnder Ernährung. Fehlende Nahrung und die Überfüllung von Zellen waren massive Probleme.[2]
Mehrere hundert Menschen aus der Nachbarschaft der angegriffenen Orte, darunter viele Frauen und Kinder ohne Begleitung, wurden nach Atauro verbannt. In den Orten kam es zu Übergriffen und Morde durch das indonesische Militär. Martinho da Costa Lopes, apostolischer Administrator von Dili berichtet in einen Brief an Jakartas Erzbischof Leo Soekoto von fünf Morden im Priesterseminar Nossa Senhora da Fatima in Dare durch Mitglieder der Hansip (Zivilverteidigung). Soldaten des Infanteriebataillons 744 verhafteten viele Anwohner der Kaserne der B-Kompanie in Becora. Mehrere von den gefangen genommenen Personen wurden exekutiert oder verschwanden.[1][2]
Die Nachtwachen wurden in Folge des Angriffs verstärkt, Frauen und Kinder Verhören unterzogen. Mehrere Kommunen in Ost-Dili wurden zwangsumgesiedelt, obwohl sie erst kurz zuvor hierher gebracht worden waren. Einwohner aus Balibar und Ailok wurden in Fatu Loda zusammengezogen, wo sie unter strengen Sicherheitsauflagen bis 1986 leben mussten. Folge dieser Einschränkungen waren mehrere Todesopfer. Wenn man die Zone verlassen wollte, musste man das beim Babinsa (dem militärischen Berater im lokalen Rat) melden. Zwischen 16 Uhr und 8 Uhr war der Ausgang komplett verboten. Von ähnlichen Zuständen wird auch aus Florestal und Laulara sowie Nahaec berichtet. In Suhu Rama wurden durch Hansip Häuser niedergebrannt und die Bewohner gezwungen in den Stadtteil Santa Cruz zu ziehen. 40 von ihnen wurden von Soldaten des Infanteriebataillons 744 verhaftet, fünf Gefangene verschwanden für immer.[2]
Ein Jahr später versuchte das indonesische Militär mit der Operation „Zaun aus Beinen“ die FALINTIL endgültig zu vernichten.[1]
Weblinks
- AJAR: Marabia Memorial
Einzelnachweise
- ↑ a b c d „Part 3: The History of the Conflict“, The first uprising: Dili June 1980, S. 90. (PDF; 1,4 MB) aus dem „Chega!“-Report der CAVR (englisch)
- ↑ a b c d e f g h i j „Chapter 7.2 Unlawful Killings and Enforced Disappearances“, 'Killings and disappearances after the Resistance attacks in Dili on 10 June 1980, S. 149 ff. aus dem „Chega!“-Report der CAVR (englisch)
- ↑ Biografia dos Deputados V Legislatura, Publikation des Nationalparlaments 2020, abgerufen am 14. Januar 2022.
- ↑ ETAN: 34th Commemoration of the Marabia Incident (10 June 1980 – 2014) and International Widows Day (23 June 2014), abgerufen am 6. Oktober 2025.
- ↑ Raimundo Sarmento Fraga: Mes Korem (Kartika Sari) iha Mandarin – Detein Ema Nain 200 no Nain 2 Mate, Centro Nacional Chega!, 16. Januar 2025, abgerufen am 10. Oktober 2025.