Atlas de Trudaine

Der Atlas des routes de France (Atlas der Straßen Frankreichs), auch Atlas de Trudaine genannt, ist einer der größten geografischen Straßenatlanten Frankreichs. Er wurde zwischen 1745 und 1780 im Auftrag von Daniel-Charles Trudaine und seinem Sohn, die beide Verwaltungsbeamte der Ponts et Chaussées (Brücken- und Straßenbauamt) waren, erstellt und hatte das Ziel, die Straßen und ihre Umgebung (z. B. Steigungen, Bauwerke, insbesondere Flussüberquerungen) detailliert zu kartografieren. Er liefert wertvolle Informationen über die Landschaften in der Nähe der Straßen am Ende des 18. Jahrhunderts und ist in dieser Hinsicht nach wie vor eine wichtige Quelle für Historiker sowie für alle, die sich für die Entwicklung von Landschaften und Ökosystemen interessieren (retrospektive Ökologie, Umweltgeschichte).

Aufbewahrung, Konsultation

Aufgrund der Streuung seiner Quellen war der Atlas zwar eine von Historikern konsultierte, aber wenig untersuchte Referenz. Insbesondere die extreme Streuung der handschriftlichen Quellen, anhand derer sich die Entstehungsgeschichte des Atlas nachvollziehen lässt, hat die Forscher abgeschreckt.[1]

Der Großteil des kartografischen Korpus wird im Staatsarchiv in Pierrefitte-sur-Seine unter den Signaturen CP/F/14/8443 bis 8507 aufbewahrt. Er wurde digitalisiert und ist in der Datenbank Archim online verfügbar.[2] Die Departementsarchive mehrerer Regionen bewahren ebenfalls Entwürfe („les minutes“) der Karten sowie unvollendete oder unveröffentlichte Dokumente auf.

Herstellung

Der Atlas wurde unter der Leitung von zwei erfahrenen Verwaltungsbeamten im Bereich Brücken- und Straßenbau erstellt: Es handelt sich um Daniel-Charles Trudaine, der auch als „Le Grand Trudaine“ bekannt ist (1703–1769), und seinen Sohn Jean-Charles Philibert Trudaine de Montigny (1733–1777). Dieses umfangreiche Werk war jedoch nicht nur eine Familienangelegenheit, sondern erforderte auch die Mobilisierung zahlreicher Zeichner und Ingenieure, von denen der bekannteste Jean-Rodolphe Perronet (1708–1794) war. Er stieg 1747 zum Leiter des Zeichenbüros auf und hatte bis 1794 die Leitung der École nationale des ponts et chaussées inne.[3]

Das Personal der Straßen- und Brückenbauämter aller Verwaltungen wurde zusammen mit Teams von Unteringenieuren, die für die Kartenerstellung zuständig waren, mobilisiert. Vor Ort wurden sie von Ingenieuren betreut, die wiederum einem Chefingenieur unterstellt waren. Alle wurden darin geschult, eine präzise kartografische Methode anzuwenden. Die Ingenieure führten Vermessungsarbeiten durch, auf deren Grundlage Karten erstellt wurden. Die Feldarbeit basierte insbesondere auf dem Prinzip der Triangulation, wodurch eine äußerst genaue Positionierung der Orte möglich war. Dieses Verfahren wurde nur auf wichtige Fixpunkte des Gebiets wie Glockentürme oder Türme angewendet. Ende der 1740er Jahre begann die Kartografiearbeit und es gab nur wenige Pläne. Die Entwürfe wurden nach Paris geschickt, damit spezialisierte Zeichner die endgültige Gestaltung der Karten übernehmen konnten.[4]

Inhalt

Dieser Atlas umfasst mehr als 3.000 große handgezeichnete und aquarellierte Tafeln, die in 62 Bänden geordnet sind.

Der Atlas ist zehnmal genauer als die Karten von Cassini und zeigt nicht nur die bestehenden Straßen, sondern auch alle Straßenbauprojekte, die zu dieser Zeit in Vorbereitung oder Planung waren.[4]
Die Straßen sind zusammen mit ihrer unmittelbaren Umgebung und einiger Bauwerke detailliert dargestellt.

Im Anhang präsentiert Trudaine farbige technische Zeichnungen von Brücken und verschiedenen Bauwerken. Diese sind nach Routen nummeriert und klassifiziert, um den Umfang der Instandhaltungsarbeiten bewerten zu können.[4]

Die wichtigste geografische und administrative Einheit ist die „Généralité“, die zu dieser Zeit einen Finanzbezirk bezeichnet, der von einem Vertreter des Königs, dem Intendanten, verwaltet wird. In der Généralité ist der Staat für die Verteilung und Erhebung von Steuern (Erhebung der corvée royale) sowie für die Verwaltung der Straßen verantwortlich.[4] Allerdings wurde nicht ganz Frankreich kartografisch erfasst: In bestimmten kartografierten Gebieten gibt es Lücken und die von Ludwig XIV. an den Grenzen eroberten Steuergebiete fehlen ebenfalls, mit Ausnahme der Généralité de Metz (drei Atlanten) und des Haut-Cambrésis (ebenfalls drei Atlanten). Diese wurden (möglicherweise aus militärischen Gründen) detailliert kartografiert.

Dagegen sind bestimmte Generalitäten wie die von Rennes nicht im Atlas enthalten, da es sich um Pays d'états handelt, die unabhängig verwaltet werden und über eine Steuerautonomie verfügen. Das ermöglicht ihnen, die Instandhaltung der Straßen selbst zu verwalten.[4]

Historisches Forschungsobjekt

Wie die Karten von Cassini und andere ältere Karten werden auch die ab 1739 auf Initiative von Trudaine und Perronet erstellten Straßenpläne noch heute von Forschern konsultiert, insbesondere von solchen, die sich für Straßen interessieren.[5] Diese Karten sind nicht nur für Historiker, Geografen und bestimmte Genealogen, sondern auch für Ökologen interessant, die darin Erklärungen für die heutigen Landschaften und natürlichen Habitate finden.

Er ist auch eine Quelle für toponymische Informationen. Darüber hinaus ist es eine gute Quelle für historische Hinweise zum Straßenmanagement sowie für archäologische Hinweise zu bestehenden oder sogar geplanten Straßen.[6][7] Diese Karten wurden beispielsweise verwendet, um eine Archäogeografie der Straßennetze im Süden des Vendée oder der ehemaligen Generalität von Tours zu erstellen.[8][9] In jedem Fall muss jedoch vor Ort überprüft werden, ob die Angaben mit der Karte übereinstimmen.[10]

In Bezug auf die Landschaftsgeschichte ist der Atlas von Trudaine unvollständig, da er nur die Generalitäten zeigt, deren Straßen vom Zentralstaat verwaltet wurden. Dies kann zu einer verzerrten Sicht auf die Landschaften und Straßen des damaligen Frankreichs führen.[4]

Einzelnachweise

  1. Stéphane Blond: L'atlas de Trudaine: pouvoirs, cartes et savoirs techniques au siècle des Lumières. In: BnF ISBN. CTHS, 2014, ISBN 978-2-7355-0805-1 (französisch).
  2. Atlas des routes de France dits atlas de Trudaine. Abgerufen am 31. Oktober 2025 (französisch).
  3. Faire la route: IIIe – XXe siècles. In: Pérol Céline (Hrsg.): Cahiers du Centre d’Histoire «Espaces et cultures». Nr. 25. Presses univ. Blaise Pascal, 2007, S. 74 (französisch).
  4. a b c d e f Stéphane Blond: Les apports d'une source cartographique pour l'étude des paysages : l'atlas dit de Trudaine (XVIIIe Siècle). In: Paysages et patrimoine. 2008, S. 45 (französisch, archivierte Kopie (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive) [PDF]).
  5. B. Lepetit: L'impensable réseau. Les routes françaises avant les chemins de fer. In: FLUX Cahiers scientifiques internationaux Réseaux et Territoires. Nr. 2(5), 1986, S. 11–29 (französisch, persee.fr).
  6. Stéphane J. L. Blond: Karten für die Regierung: Die Straßenbaupolitik im Königreich Frankreich im 18. Jahrhundert. In: Imago Mundi. Nr. 65 (1), 2013, S. 64–79, doi:10.1080/03085694.2013.731212 (französisch, tandfonline.com).
  7. Nicolas Verdier, Sandrine Robert: La route en train de se faire. In: Les Nouvelles de l'archéologie. Nr. 115, 2009, S. 51–56 (französisch, archives-ouvertes.fr [PDF]).
  8. Magali Watteaux: Archéogéographie des réseaux viaires sud-vendéens : une lecture multiscalaire et diachronique du paysage routier. In: Actes des congrès nationaux des sociétés historiques et scientifiques. Année 2012, Nr. 135-9, 2012, S. 25–39 (französisch, persee.fr).
  9. Stéphane Blond: L’atlas de Trudaine et ses apports en archéologie, L’exemple de l’ancienne généralité de Tours. In: Les Nouvelles de l'archéolgíe. Nr. 115, 2009, S. 30–35, doi:10.4000/nda.666 (französisch).
  10. Nicolas Verdier, Sandrine Robert: Pour une recherche sur les routes, voies et réseaux. In: Les nouvelles de l'archéologie. Nr. 115, 2009 (französisch, archives-ouvertes.fr [PDF]).

Literatur

  • P. Allard: Interfaces techniques et interfaces administratives : les difficultés de circulation dans la France du XVIIIe siécle. In: SHS Web of Conferences. Band 3, 2012, doi:10.1051/shsconf/2012030200 (französisch, shs-conferences.org [PDF]).
  • Y. Babonaux: Un Atlas historique des routes de France. In: Espace géographique. Nr. 16(4), 1987, S. 313–314 (französisch).
  • Stéphane Blond: Les apports d'une source cartographique pour l'étude des paysages : l'atlas dit de Trudaine (XVIIIe Siècle). In: Paysages et patrimoine. 2008, S. 45 (französisch, archivierte Kopie (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive) [PDF]).
  • Stéphane Blond: L'Atlas de Trudaine, pouvoirs, administrations et savoirs techniques (vers 1730- vers 1780). 2008 (französisch, theses.fr – Doktorarbeit, Paris, École des hautes études en sciences sociales).
  • Stéphane Blond: L'atlas de Trudaine: pouvoirs, cartes et savoirs techniques au siècle des Lumières. In: BnF ISBN. CTHS, 2014, ISBN 978-2-7355-0805-1 (französisch).
  • Stéphane Blond: Les États du roi des Ponts et Chaussées pendant l’administration des Trudaine : 1743-1777. In: Revue d'histoire des comptabilités. Nr. 3, 2012 (französisch).
  • Stéphane Blond: L'atlas des routes royales de Trudaine. La carte, instrument de la politique routière des lumières. In: Siècles. Nr. 25, 2007, S. 66–82 (französisch, openedition.org).
  • Joseph Schmauch: Portefeuilles de plans : projets et dessins d’ingénieurs militaires en Europe du XVIe au XIXe siècle. In: Bibliothèque de l'école des chartes (Hrsg.): Actes du colloque international de Saint-Amand-Montrond. Nr. 161(1), 2003, S. 389–390 (französisch, persee.fr).
  • C. L. Trudaine: Catalogue des livres et manuscrits précieux provenant de la bibliothèque de Ch. L. Trudaine, après le décès de Mme sa veuve. 1803 (französisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • N. Verdier: Les cartes du XVIIIe siècle : De l’image à la représentation géométrale. In: Guide de lecture des cartes anciennes. Nr. 6-9, 2009 (französisch, hal.science [PDF]).