Atlas coelestis

Der Atlas coelestis ist ein Sternatlas des englischen Astronomen John Flamsteed, der 1729 posthum veröffentlicht wurde. Er gilt als einer der bedeutendsten Sternatlanten des 18. Jahrhunderts und als der erste umfassende Himmelsatlas, der auf teleskopischen Beobachtungen basierte. Die im Atlas dargestellten Daten stammen aus Flamsteeds Beobachtungen an der Königlichen Sternwarte von Greenwich, wo er als erster königlicher Astronom tätig war.

Beschreibung und Zusammensetzung

Das Werk umfasst 25 Karten der von Greenwich aus sichtbaren Sternbilder sowie zwei von Abraham Sharp entworfene Planisphären.[1] Die Sternbildfiguren wurden von James Thornhill im Stil des Rokoko illustriert.[2][1]

Anders als seine Vorgänger Bayer und Hevelius kombinierte Flamsteed auf 25 doppelseitigen Tafeln erstmals mehrere Sternbilder pro Karte – ein Konzept, das moderne Sternatlanten vorwegnahm.[3]

Der Atlas coelestis enthält über 3300 Sterne für die Epoche 1690 und war das erste Werk, das Sterne systematisch in sieben Helligkeitsklassen einteilte.[4]

Mit Tafeln von etwa 61 × 51 cm (24 × 20 Zoll) war der Atlas coelestis nicht nur der umfassendste, sondern auch der großformatigste Himmelsatlas seiner Zeit.[5]

Für die südliche Hemisphäre griff Flamsteed auf die Beobachtungen von Edmond Halley zurück, die dieser 1677–1678 auf der Insel St. Helena durchgeführt hatte. Er übernahm auch das von Halley eingeführte, heute nicht mehr anerkannte Sternbild Robur Carolinum.[3]

Entstehung und Publikationsgeschichte

Flamsteeds Ziel war es, die zahlreichen Fehler in Bayers Uranometria (1603) zu korrigieren, in der neun von 16 menschlichen Figuren spiegelverkehrt dargestellt waren. Im Gegensatz zu Bayer zeigte Flamsteed die Konstellationen von vorne, entsprechend den Beschreibungen von Ptolemäus.[5][6]

1725 erschien der zugehörige Sternenkatalog Historia coelestis Britannica, der die Positionen von mehr als 3000 Sternen enthielt – etwa doppelt so viele wie in Tycho Brahes Verzeichnis aus dem 16. Jahrhundert.[7] Der Katalog umfasste 55 Sternbilder, darunter 46 nach Ptolemäus und neun nach Hevelius, etwa Canes Venatici, Lacerta, Leo Minor, Lynx, Sextans und Vulpecula sowie Monoceros und Coma Berenices.[8][3]

Der Atlas coelestis erschien 1729, zehn Jahre nach Flamsteeds Tod, herausgegeben von seiner Witwe Margaret Flamsteed mit Unterstützung von Joseph Crosthwait und Abraham Sharp.[7] Nach dem Kollaps der South Sea Bubble von 1720 geriet Margaret in finanzielle Schwierigkeiten, was die Herausgabe des Werkes deutlich verzögerte.[7][9]

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts folgten mehrere verkleinerte Neuausgaben, da die großformatigen Tafeln für den praktischen Gebrauch als unhandlich galten.[1] 1776 erschien in Paris eine überarbeitete Fassung von Nicolas Fortin unter dem Titel Atlas Céleste, redigiert von Le Monnier, Pasumot und La Caille.[10] Die Sternenpositionen wurden dabei auf das Jahr 1780 aktualisiert.[11] Eine weitere Ausgabe von 1795 durch Méchain und Lalande beinhaltete erstmals Messier-Objekte, darunter Méchains Neuentdeckungen M104 sowie M105 bis M109.[10]

1782 veröffentlichte der deutsche Astronom Johann Elert Bode eine korrigierte und erweiterte Fassung der Fortiner Ausgabe von 1776 unter dem Titel Vorstellung der Gestirne.[12]

Beobachtungsinstrumente

Da Flamsteed nur begrenzte staatliche Mittel erhielt, konstruierte oder finanzierte er den Großteil seiner Beobachtungsinstrumente selbst.[13]

Seit 1689 nutzte er einen von Abraham Sharp gefertigten, sieben Fuß langen Mauerquadranten, der technische Innovationen vereinte: Gascoignes Fernrohrvisiere mit Fadenkreuzen, Picards Retikel-Okular und Ole Rømers verbessertes Mikrometer. Mit einer Beobachtungsgenauigkeit von rund 12 Bogensekunden gehörte Flamsteeds Instrumentarium zu den präzisesten seiner Zeit.[7][14][15][16][17]

Zur genauen Zeitmessung bei Meridian-Transitbeobachtungen verwendete Flamsteed Präzisionspendeluhren von Thomas Tompion, die die Messgenauigkeit seiner Beobachtungen entscheidend verbesserten.[18][19]

Digitalisat

  • Atlas coelestis. London 1729 (Digitalisat) – herausgegeben von Margaret Flamsteed und James Hodgson
Commons: Atlas coelestis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c Davide Neri: John Flamsteed, Atlas coelestis. Dipartimento di Astronomia e Osservatorio Astronomico di Bologna, abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  2. Atlas Coelestis 1729. In: Royal Collection. Royal Collection Trust, abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  3. a b c Flamsteed’s Atlas Coelestis. In: Ian Ridpath’s Star Tales. Abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  4. John Flamsteed, Atlas coelestis. In: Galileo. Images of the Universe from Antiquity to the Telescope. Museo Galileo, abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  5. a b The Flamsteed Industry, 1729-1805. In: Out of This World. The Golden Age of the Celestial Atlas. Linda Hall Library, abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  6. Johann Bayer, Julius Schiller and their Star Atlases. (PDF; 8,9 MB) Starfield Observatory, 2024, S. 4, abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  7. a b c d Martha A. Sherwood: Flamsteed's Star Catalog. In: EBSCO Research. 2023, abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  8. Flamsteed's Star Catalog. 24. Dezember 2020, abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  9. Rebekah Higgitt: ‘Greenwich near London’: the Royal Observatory and its London networks in the seventeenth and eighteenth centuries. In: The British Journal for the History of Science. Band 52, Nr. 2, Juni 2019, ISSN 0007-0874, S. 311, doi:10.1017/S0007087419000244 (englisch, cambridge.org [abgerufen am 1. November 2025]).
  10. a b Hartmut Frommert, Christine Kronberg: Jean Nicolas Fortin (1750-1831). In: The Messier Catalog. Société Lorraine d'Astronomie (SLA), abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  11. Heidi Brett: Book of the Week — Atlas céleste de flamsteed… In: J. Willard Marriott Library Blog. 15. März 2018, abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  12. Th. Rivinius: Vorstellung der Gestirne von J.E. Bode: Einleitung. Förderkreis der Landessternwarte Heidelberg e.V., abgerufen am 2. November 2025.
  13. Thomas Galloway: Life and Observations of Flamsteed — Newton, Halley, and Flamsteed. In: Edinburgh Review. Nr. 62, 1836, S. 359–397 (ox.ac.uk).
  14. Graham Dolan: Telescope: Flamsteed's Mural Arc (1689). The Royal Observatory Greenwich, abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  15. Nicholas Kollerstrom, Bernard D. Yallop: Flamsteed’s Lunar Data, 1692-95, Sent to Newton. In: Journal for History of Astronomy. xxvi, 1995, S. 237–246 (englisch, columbuslandfall.com).
  16. Dr. William B. Ashworth: William Gascoigne. Linda Hall Library, 2. Juli 2021, abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  17. B. M. Ševarlić: Fundamental Astrometry - A Look Through the Past. In: Publications of Department of Astronomy. Nr. 7, 1978, ISSN 0350-3283, S. 14 (englisch, eudml.org [abgerufen am 1. November 2025]).
  18. A history of the Royal Observatory in six objects. Royal Museums Greenwich, abgerufen am 1. November 2025 (englisch).
  19. Erik Høg: Astrometric accuracy during the past 2000 years. In: Contribution to the history of astrometry. Nr. 7, 2. Juli 2017, S. 12 (englisch, ku.dk [PDF; 818 kB]).