Arrauschildkröte

Arrauschildkröte

Arrauschildkröte

Systematik
ohne Rang: Sauropsida
Ordnung: Schildkröten (Testudines)
Unterordnung: Halswender-Schildkröten (Pleurodira)
Familie: Podocnemididae
Gattung: Podocnemis
Art: Arrauschildkröte
Wissenschaftlicher Name
Podocnemis expansa
(Schweigger, 1812)

Die Arrauschildkröte oder Arrau-Schienenschildkröte (Podocnemis expansa) ist die größte Halswender-Schildkröten (Pleurodira) und die größte Süßwasserschildkröte Lateinamerikas. Die Art ernährt sich hauptsächlich von Pflanzen und nistet typischerweise in großen Gruppen an Stränden.[1][2][3][4][5]

Lebensraum

Arrau-Schildkröten kommen in den Einzugsgebieten des Amazonas, Orinoco und Essequibo in Brasilien, Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien, Venezuela und Guyana vor. Gelegentlich werden einzelne Exemplare auf Trinidad gesichtet. Sie leben in Flüssen, Teichen, Süßwasserlagunen und überschwemmten Wäldern.[5][6]

Merkmale

Arrau-Schildkröten können ein Gewicht von bis zu 90 kg und eine Panzerlänge von bis zu 1,07 m erreichen. Die meisten Tiere sind deutlich kleiner: Die durchschnittliche Panzerlänge eines ausgewachsenen Weibchens beträgt 64–71 cm, die eines ausgewachsenen Männchens 40–50 cm. Neben ihrer insgesamt kleineren Panzerlänge lassen sich Männchen auch an ihrem längeren Schwanz im Vergleich zu den Weibchen erkennen.[5][7]

Die Arrau-Schildkröten sind braun, grau oder olivgrün, wobei die genaue Farbe je nach den auf dem Panzer wachsenden Algen variiert.[5][7]

Verhalten

Die Art ist hauptsächlich tagaktiv.[5][7]

Nahrung

Erwachsene Arrau-Schildkröten ernähren sich fast ausschließlich pflanzlich. Sie fressen Früchte, Samen, Blätter, Hülsenfrüchte und Algen. Sie fressen auch Süßwasserschwämme, Eier und Aas (z. B. tote Fische). In Gefangenschaft gehaltene Exemplare fressen auch Fleisch.[5][7][8]

Fortpflanzung und Lebensweise

Kurz vor Beginn der Brutsaison wandern die Arrau-Schildkröten zu bestimmten Eiablageplätzen. An manchen Orten nisten sie in großen Gruppen an Stränden, wodurch das Risiko durch Fressfeinde angegriffen zu werden, kleiner ist. An manchen Stränden nisten bis zu 500 Weibchen. Die Paarung findet im Wasser statt. Während und kurz vor der Brutsaison sonnen sich die Tiere häufig, typischerweise in Gruppen. Man vermutet, dass die zusätzliche Wärme den Eisprung der Weibchen beschleunigt. Außerhalb dieser Zeit ist die Art in der Regel nicht an Land. An Land ist sie meist sehr scheu und zieht sich bei kleinsten Anzeichen von Gefahr ins Wasser zurück.[5]

Das Weibchen legt durchschnittlich 75–123 Eier (die Anzahl variiert je nach Region), die nachts in ein 60–80 cm tiefes Nest am Strand platziert werden. Die Eier werden während der Niedrigwasserzeit gelegt und schlüpfen mit dem Anstieg des Wasserspiegels. Steigt der Wasserstand zu schnell oder zu früh, wird das Nest überflutet und die Tiere sterben im Ei. Solange die Nester nicht von Fressfeinden ausgegraben werden, ist die Schlupfrate in der Regel hoch und liegt im Durchschnitt bei 83 %.[5][9]

Die Eier schlüpfen nach etwa 50 Tagen und das Geschlecht der Jungtiere hängt von der Nesttemperatur ab (Weibchen bei höheren, Männchen bei niedrigeren Temperaturen). Beim Schlüpfen sind die Jungtiere etwa 5 cm lang. Unmittelbar danach streben sie zum Wasser. Dort werden sie jedoch von vielen Fressfeinden entdeckt, sodass nur etwa fünf Prozent überleben und erwachsen werden. Beim Schlüpfen locken die Weibchen die Jungtiere mit Lauten an. Sie bleiben eine Zeit lang gemeinsam in den überfluteten Wäldern beziehungsweise im Wasser. Lautäußerungen scheinen eine wichtige Rolle im Sozialleben der Schildkröte zu spielen. Neben dem Laut, mit dem sie die Jungtiere anlockt, wurden während der Nistzeit vier weitere Laute dokumentiert: einer während der Wanderung, einer vor dem Sonnenbaden, einer beim nächtlichen Nisten und schließlich einer im Wasser nach dem Nisten.[5][10][11]

In freier Wildbahn können sie ein Alter von 20 Jahren oder mehr erreichen. In Gefangenschaft gehaltene Exemplare werden meist mindestens 25 Jahre oder deutlich älter. Basierend auf wissenschaftlichen Untersuchungen wurde geschätzt, dass die größten Exemplare möglicherweise bis zu 80 Jahre alt werden.[5][12]

Schutzstatus und Zoohaltung

Die Arrau-Schildkröte ist weit verbreitet und wurde 1996 von der IUCN nicht als insgesamt gefährdet eingestuft. Ihr Bestand ist jedoch in freier Wildbahn deutlich zurückgegangen. Ein Entwurf der IUCN-Artenschutzkommission (Fachgruppe Schildkröten und Süßwasserschildkröten) empfahl 2011, sie als vom Aussterben bedroht einzustufen. Die Art erreicht die Geschlechtsreife eher später, einige Quellen gehen davon aus, dass Weibchen mit 4–8 Jahren geschlechtsreif werden. Andere Experten sagen, dass sie erst mit etwa 17 Jahren geschlechtsreif werden. Ihr Sozialverhalten, insbesondere an bestimmten Niststränden, macht sie und ihre Eier anfällig, von Menschen entwendet zu werden.[4][5]

Neben der Jagd und dem Sammeln ihrer Eier stellen Umweltverschmutzung, Lebensraumverlust und Staudämme, die zur Überflutung von Nistplätzen führen können, weitere Bedrohungen dar. Mehrere Länder in ihrem Verbreitungsgebiet haben Gesetze zum Schutz der Art erlassen, doch die Jagd und das Sammeln von Eiern geht trotz Verboten weiter. Es wurden mehrere Schutzprojekte gestartet. Beispielsweise wurden in Brasilien 54 Niststrände geschützt. In Kolumbien stehen Strände, die von mehr als 1.000 Weibchen genutzt werden, unter Schutz. Seit Mitte der 1990er Jahre wurden in Venezuela Tausende von Eiern gesammelt, um sie sicher auszubrüten, die Jungtiere zu unterstützen und anschließend freizulassen, wenn sie nicht mehr gefährdet sind.[13]

In vielen Farmen im Brasilien werden Arrauschildkröten gezüchtet. Sie leben dort, teilweise für Schutzzwecke und teilweise für kommerzielle Zwecke. Die Tiere sind weltweit auch in zahlreichen Zoos zu finden, auch in Deutschland in Leipzig und Krefeld beispielsweise. In den Zoos werden sie auch weiter gezüchtet.[13][14][15][16]

Wikispecies: Podocnemis expansa – Artenverzeichnis

Einzelnachweise

  1. IUCN: Podocnemis expansa: Tortoise & Freshwater Turtle Specialist Group: The IUCN Red List of Threatened Species 1996: e.T17822A97397263. International Union for Conservation of Nature, 1. August 1996, doi:10.2305/iucn.uk.1996.rlts.t17822a7500662.en (iucnredlist.org [abgerufen am 24. November 2025]).
  2. Appendices | CITES. Abgerufen am 24. November 2025.
  3. Podocnemis expansa. Abgerufen am 24. November 2025.
  4. a b Tortoise and Freshwater Turtle Specialist Group. Abgerufen am 24. November 2025.
  5. a b c d e f g h i j k Wayback Machine. Archiviert vom Original am 29. September 2017; abgerufen am 24. November 2025.
  6. Rômulo R. N. Alves, Gindomar G. Santana: Use and commercialization of Podocnemis expansa (Schweiger 1812) (Testudines: Podocnemididae) for medicinal purposes in two communities in North of Brazil. In: Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine. Band 4, 21. Januar 2008, ISSN 1746-4269, S. 3, doi:10.1186/1746-4269-4-3, PMID 18208597, PMC 2254592 (freier Volltext) – (nih.gov [abgerufen am 24. November 2025]).
  7. a b c d Podocnemis expansa | ppbio.inpa.gov.br/inicio. Archiviert vom Original am 16. Mai 2025; abgerufen am 24. November 2025 (englisch).
  8. Arrau turtle. In: Oregon Zoo. (oregonzoo.org [abgerufen am 24. November 2025]).
  9. Lílian Barros Carvalho: Quem, quando e onde se faz lobby? Uma análise sobre a influência do lobby nas políticas públicas. In: Revista Brasileira de Ciência Política. 2021, ISSN 0103-3352, S. e227713, doi:10.1590/0103-3352.2021.35.227713 (scielo.br [abgerufen am 24. November 2025]).
  10. Philip Whitfield, inc Simon and Schuster: The Simon & Schuster encyclopedia of animals : a visual who's who of the world's creatures. New York : Simon & Schuster Editions, 1998, ISBN 978-0-684-85237-9 (archive.org [abgerufen am 24. November 2025]).
  11. https://bioone.org/journals/herpetologica/volume-70/issue-2/HERPETOLOGICA-D-13-00050R2/Sound-Communication-and-Social-Behavior-in-an-Amazonian-River-Turtle/10.1655/HERPETOLOGICA-D-13-00050R2.short. doi:10.1655/herpetologica-d-13-00050r2.short (bioone.org [abgerufen am 24. November 2025]).
  12. Omar Hernández, Rodolfo Espín: Efectos del reforzamiento sobre la población de tortuga Arrau (Podocnemis expansa) en el Orinoco medio, Venezuela. In: Interciencia. Band 31, Nr. 6, Juni 2006, ISSN 0378-1844, S. 424–430 (scielo.org [abgerufen am 24. November 2025]).
  13. a b Jackson Pantoja-Lima, Paulo H. R. Aride, Adriano T. de Oliveira, Daniely Félix-Silva, Juarez C. B. Pezzuti, George H. Rebêlo: Chain of commercialization of Podocnemis spp. turtles (Testudines: Podocnemididae) in the Purus River, Amazon basin, Brazil: current status and perspectives. In: Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine. Band 10, 27. Januar 2014, ISSN 1746-4269, S. 8, doi:10.1186/1746-4269-10-8, PMID 24467796, PMC 3933064 (freier Volltext) – (nih.gov [abgerufen am 24. November 2025]).
  14. Arrau-Schienenschildkröte – Zootier Lexikon. Abgerufen am 24. November 2025.
  15. Vinicius Augusto Sá, Leonardo C. Quintanilha, Gustavo Eduardo Freneau, Vera Lucia Ferreira Luz, Arcádio de Los Reyes Borja, Paulo César Silva: Crescimento ponderal de filhotes de tartaruga gigante da Amazônia (Podocnemis expansa) submetidos a tratamento com rações isocalóricas contendo diferentes níveis de proteína bruta. In: Revista Brasileira de Zootecnia. Band 33, 2004, ISSN 1516-3598, S. 2351–2358, doi:10.1590/S1516-35982004000900022 (scielo.br [abgerufen am 24. November 2025]).
  16. Julio C. Aguiar, Edson A. Adriano, Patrick D. Mathews: Morphology and molecular phylogeny of a new Myxidium species (Cnidaria: Myxosporea) infecting the farmed turtle Podocnemis expansa (Testudines: Podocnemididae) in the Brazilian Amazon. In: Parasitology International. Band 66, Nr. 1, 1. Februar 2017, ISSN 1383-5769, S. 825–830, doi:10.1016/j.parint.2016.09.013 (sciencedirect.com [abgerufen am 24. November 2025]).