Armut in den Vereinigten Staaten
Armut in den Vereinigten Staaten bezeichnet die wirtschaftliche Notlage eines erheblichen Teils der Bevölkerung in einem der weltweit reichsten Länder. Nach offiziellen Kriterien des US Census Bureau lebten 2024 ca. 10,4 % der US-Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, etwa 36 Millionen Menschen.[1] Armut und wirtschaftliche Not gilt in den USA für ein hochentwickeltes Industrieland als weit verbreitet; so weisen die USA eine der höchsten Einkommensungleichheiten unter den OECD-Staaten auf. Die relative Armutsrate (der Anteil der Bevölkerung, die über weniger als die Hälfte des Medianeinkommens verfügt), lag 2021 mit 18 Prozent innerhalb der OECD nur in Costa Rica (21 %) noch höher.[2] Armut ist dabei ungleich verteilt: Bestimmte Bevölkerungsgruppen und Regionen sind deutlich stärker betroffen als andere.
Historische Entwicklung
In der frühen amerikanischen Geschichte gab es zwar verbreitete Armut, doch erst im 20. Jahrhundert rückte sie ins Zentrum politischer Aufmerksamkeit. Die Weltwirtschaftskrise (Great Depression) der 1930er Jahre führte zu massiver Arbeitslosigkeit und Verelendung; 1933 waren fast 25 % der US-Bevölkerung ohne Arbeit. Präsident Franklin D. Roosevelt reagierte mit dem New Deal: 1935 wurde per Social Security Act erstmals eine bundesweite Arbeitslosen- und Rentenversicherung eingeführt. Weitere New-Deal-Maßnahmen umfassten Arbeitsbeschaffungsprogramme, Sozialhilfe und Investitionen in Infrastruktur und Landwirtschaft.[3] Nach dem Zweiten Weltkrieg gab die G. I. Bill (1944) erstmals breiten Bevölkerungsschichten (darunter auch ethnischen Minderheiten) Zugang zu höherer Bildung und der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit ließ die Armut zurückgehen. In den 1960er Jahren rief Präsident Lyndon B. Johnson den „War on Poverty“ (Krieg gegen die Armut) aus[4], worauf eine Reihe neuer sozialpolitischer Programme etabliert wurde – darunter 1965 die Gesundheitsversicherungen Medicare für Senioren und Medicaid für Einkommensschwache.[3] Diese Maßnahmen zusammen mit der positiven Wirtschaftsentwicklung ließen die Armutsquote bis Anfang der 1970er Jahre deutlich sinken.
Trotz der Erfolge der 1960er Jahre verharrte die Armutsrate in den folgenden Jahrzehnten auf einem zweistelligen Niveau. Ab den 1980er Jahren vollzogen konservative Regierungen unter Ronald Reagan einen Paradigmenwechsel hin zu weniger staatlichen Eingriffen und kürzten Sozialleistungen teils drastisch. In den 1990ern wurde das Sozialsystem weiter reformiert (etwa durch die Welfare Reform 1996, welche die klassische Sozialhilfe durch zeitlich befristete Leistungen ersetzte). Verschiedene Steuersenkungen, die vorwiegend höhere Einkommensschichten begünstigten, ließen die Ungleichheit ansteigen, während einige Teile des Landes (z. B. Detroit oder West Virginia) unter Deindustrialisierung litten. Während der Finanzkrise 2007/2008 stieg die Armut in den USA dann wieder markant an und erreichte um 2010 etwa 15 % der Bevölkerung, den höchsten Wert seit 1993. Im Jahr 2011 lebten rund 46 Millionen US-Amerikaner unterhalb der Armutsgrenze.[3] In den Folgejahren ging die offizielle Armutsquote wieder etwas zurück, die Reallöhne blieben allerdings weiter hinter der Entwicklung der Produktivität zurück, ein Trend, der in den 1970er Jahren begann.[5] Durch steigende Lebenshaltungskosten stieg zudem die Obdachlosigkeit an und erreichte 2023 einen Rekordwert.[6]
Armutsmessung
Die Armutsmessung in den USA basiert vor allem auf einer offiziellen Armutsgrenze (poverty threshold), die vom Einkommen abhängig ist und regelmäßig an die Inflation angepasst wird. In den letzten Jahrzehnten schwankte die offizielle Armutsquote meist zwischen etwa 10 % und 15 % der Bevölkerung. 2022 lag sie bei 11,5 % (etwa 37,9 Millionen Menschen).[7] Jedoch wird die offizielle Armutsgrenze häufig als eher niedrig bemessen betrachtet. Insbesondere in Regionen mit hohen Lebenshaltungskosten reichen Einkommen knapp oberhalb der Armutsgrenze oft nicht zum Auskommen. Selbst Grundbedürfnisse wie Wohnen und Gesundheitsversorgung sind für viele Haushalte kaum erschwinglich geworden. So zeigte eine Studie, dass in den USA dort die Obdachlosigkeit besonders ansteigt, wo Menschen über 30 % ihres Einkommens für Miete aufwenden müssen. Großstädte wie San Francisco oder Boston mit sehr hohen Mietkosten verzeichnen eine viel höhere Quote an Wohnungslosen als ärmere Städte mit niedrigeren Lebenshaltungskosten wie Detroit.[8]
Die soziale Ungleichheit ist in den Vereinigten Staaten stark ausgeprägt. Das zeigt sich sowohl in der Einkommens- als auch in der Vermögensverteilung. Der Gini-Koeffizient der verfügbaren Haushaltseinkommen lag um 2010 bei etwa 0,38, deutlich höher als in den meisten europäischen Ländern (zum Vergleich: Deutschland ca. 0,29)[3] und ist noch höher bei der Vermögensverteilung. 2024/25 besaß das oberste Prozent der Amerikaner über 30 Prozent des Gesamtvermögens und das oberste Zehntel knapp zwei Drittel.[9] Internationale Vergleiche zeigen, dass die USA eine der höchsten relativen Armutsraten unter den Industrieländern haben – nach OECD-Definition (Anteil der Bevölkerung unter 50 % des Medianeinkommens) etwa 18 %, gegenüber im Schnitt 11 % in vergleichbaren Ländern.[2] Diese Kombination aus hoher Ungleichheit und nur mäßiger Umverteilung führt dazu, dass Armut in den USA trotz des gesamtwirtschaftlichen Reichtums ein persistentes Massenphänomen bleibt.
Im Gegensatz zu fast allen anderen Industrieländern gibt es in den USA weiterhin extreme Armut. So waren 2023 laut Weltbank-Statistiken 1,5 Prozent der Amerikaner (mehr als drei Millionen Menschen) weitgehend abgeschnitten von der monetären Wirtschaft und bezogen Einkommen von weniger als drei Dollar pro Tag, unterhalb der internationalen Grenze für extreme Armut.[10] 2017 reiste Philip Alston, UN-Sonderberichterstatter zu extremer Armut, durch mehrere US-Bundesstaaten und berichtete in einem anschließenden Report von an die Dritte Welt erinnernden Zuständen in ländlichen Gebieten der Südstaaten, einschließlich fehlender sanitärer Anlagen. Insgesamt wurde die Anzahl der Personen in Lebensbedingungen ähnlich der Dritten Welt auf bis zu fünf Millionen geschätzt.[11]
Während die anhaltende Präsenz von relativer und absoluter Armut in den USA beklagt wird, wurden offizielle Statistiken allerdings auch dafür kritisiert, den Armutsrückgang in den USA nicht real abzubilden oder Armut zu überschätzen. So stellte eine Studie des National Bureau of Economic Research fest, dass die Berücksichtigung von Bareinkommen, Steuern und größeren Sachleistungen sowie die Anpassung der Armutsgrenzen an die Inflation zeigen, dass die auf den Standards von Präsident Johnson basierende Armutsquote im Zeitraum 1963–2017 von 19,5 Prozent auf 2,3 Prozent gesunken sei.[12] Auch die Behauptung, dass Millionen Menschen in den USA unter Bedingungen der Dritten Welt leben würden, wurde angezweifelt. Konsumentenumfragen würden dies laut der wirtschaftsliberalen Heritage Foundation nicht bestätigen, so würden 2018 weniger als 0,1 Prozent der Haushalte weniger als vier Dollar an Ausgaben pro Tag pro Person machen.[13]
Demografische Einflussfaktoren auf Armut
Armut betrifft diverse Bevölkerungsgruppen in sehr unterschiedlichem Ausmaß. Ethnische Minderheiten sind überproportional von Armut betroffen. So lag 2022 die Armutsquote unter nicht-hispanischen Weißen und bei Asiatischen Amerikanern bei nur etwa 8,6 %, während sie unter Afroamerikanern und unter Hispanics etwa 17 % betrug. Besonders hoch ist die Armutsrate bei Amerikanischen Ureinwohnern (American Indian/Alaska Native) mit etwa 25 %, die häufig in verarmten Reservaten mir großen sozialen Problemen leben.[14]
Auch die Altersstruktur spielt eine große Rolle für das Armutsrisiko. Kinder und Jugendliche sind häufiger arm als Erwachsene. Im Jahr 2022 lebten etwa 15,0 % der unter 18-Jährigen in Armut, gegenüber 10,6 % der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter. Die Altersarmut (Personen ab 65 Jahren) lag mit etwa 10,2 % sogar leicht unter der Quote der Gesamtbevölkerung. Dies stellt einen enormen historischen Fortschritt dar: In den 1960er Jahren war noch fast jeder dritte Senior in den USA arm. Der Rückgang der Altersarmut wird wesentlich auf Sozialleistungen wie die staatliche Rente (Social Security) zurückgeführt, die viele ältere Menschen vor dem finanziellen Absturz bewahren.[15] Im Gegensatz dazu ist heute vor allem Kinderarmut ein persistierendes Problem; die Armutsquote für Minderjährige gehört in den USA zu den höchsten in der entwickelten Welt.[16]
Es zeigen sich zudem Geschlechterunterschiede bei der Armutsverteilung. Frauen haben insgesamt eine etwas höhere Wahrscheinlichkeit in Armut zu leben als Männer. 2022 betrug die Armutsrate für Frauen etwa 12,5 % gegenüber 10,5 % bei Männern. Besonders ausgeprägt ist die Armutsgefährdung bei Alleinerziehenden: Familien mit alleinstehender Mutter als Haushaltsvorstand hatten 2022 eine Armutsquote von 23 %, während sie bei Haushalten mit alleinerziehendem Vater 11,5 % und bei verheirateten Paarhaushalten nur etwa 5 % betrug.[15] Alleinerziehende (überwiegend Frauen) sind häufig auf ein einzelnes Einkommen angewiesen und haben höhere Betreuungskosten, was das Armutsrisiko erhöht. Weitere Faktoren, die mit Armut korrelieren, sind Bildungsgrad und Familienstruktur: Gering qualifizierte Personen sowie Haushalte mit vielen Kindern haben im Schnitt deutlich höhere Armutsraten als gut ausgebildete oder kinderlose Personen.
Regionale Unterschiede
Regionale Disparitäten prägen das Bild der Armut in den USA deutlich. Am stärksten betroffen ist traditionell der amerikanische Süden: In den Südstaaten liegen die Armutsquoten seit Jahrzehnten über dem Landesdurchschnitt. 2023 betrug die durchschnittliche Armutsquote im Süden rund 12,4 %, während sie im Nordosten und Mittleren Westen jeweils unter 10 % lag (Westen ca. 11 %).[17] Viele der ärmsten Bundesstaaten – wie Mississippi, Louisiana, Alabama oder New Mexico – befinden sich im Süden, wo geringere Durchschnittseinkommen, niedrigere Bildungsindikatoren und eine historisch bedingte schwächere Sozialinfrastruktur zusammentreffen. Demgegenüber weisen wohlhabendere Regionen wie Neuengland oder der Mittlere Atlantik (etwa Bundesstaaten wie New Hampshire, Massachusetts, Connecticut oder New Jersey) deutlich geringere Armutsraten auf.
Aber auch innerhalb der Bundesstaaten und zwischen Stadt und Land gibt es große Unterschiede. Ländliche strukturschwache Gebiete – etwa Teile der Appalachen oder das ländliche Mississippi-Delta – kämpfen mit hoher Armutsverbreitung infolge von Deindustrialisierung und geringem Zugang zu Bildung und Arbeitsplätzen. In städtischen Ballungsräumen konzentriert sich die Armut oftmals in bestimmten Vierteln. Insbesondere in Großstädten entstand seit den 1970er Jahren ein Muster der Ghettobildung, bei dem Armut räumlich segregiert ist. In Stadtteilen extremer Armut lebten um das Jahr 2000 etwa 7,2 Millionen US-Amerikaner; diese Zahl stieg bis in die 2010er Jahre auf rund 13,8 Millionen.[18] Solche urbanen Armutsgettos – etwa Teile von Detroit, St. Louis oder Los Angeles (Skid Row) – sind geprägt von hoher Arbeitslosigkeit, Kriminalität, mangelnden Bildungs- und Gesundheitsangeboten und maroder Infrastruktur. Während in wohlhabenden Vororten die Armut oft unter 5 % liegt, können in innerstädtischen Armenvierteln weit über 30 % der Bewohner arm sein. Diese extreme räumliche Ungleichheit ist ein Merkmal der sozialen Fragmentierung in den USA.
Obdachlosigkeit
Die Obdachlosigkeit stellt in vielen Teilen der USA ein drängendes soziales Problem dar. Im Januar 2023 waren landesweit rund 653.000 Menschen ohne feste Unterkunft, so viele wie noch nie, seit die Behörden 2007 mit jährlichen Erhebungen begannen.[8] Dies entsprach einem Anstieg von 12 % gegenüber dem Vorjahr, was vor allem auf stark gestiegene Wohnkosten und das Auslaufen von Corona-Hilfsprogrammen zurückgeführt wird. Auffällig ist, dass ein großer Teil der Zunahme auf Personen entfiel, die erstmals obdachlos wurden, oft infolge von Räumungen oder finanziellen Krisen. Etwa 28 % der Wohnungslosen waren Familien mit Kindern. Obdachlosigkeit konzentriert sich regional vor allem in Ballungsräumen mit hohen Lebenshaltungskosten. Fast ein Drittel aller obdachlosen Menschen der USA lebt im Bundesstaat Kalifornien[19], der weniger als 12 % der US-Bevölkerung stellt. Insbesondere die Metropolregion Los Angeles gilt als Hotspot: Dort leben Schätzungen zufolge etwa 50.000 Menschen auf der Straße oder in Notquartieren. Viele von ihnen konzentrieren sich in Gebieten wie der „Skid Row“ in Downtown Los Angeles, einem Gebiet, das seit Jahrzehnten synonym für extreme städtische Armut und Obdachlosigkeit steht.[20] Ähnliche Probleme sind in San Francisco zu beobachten.[21]
Neben Wohnungsmangel spielen bei der Obdachlosigkeit auch Faktoren wie psychische Erkrankungen, Suchtprobleme und fehlende soziale Netze eine Rolle. Die hohe Zahl chronisch Obdachloser in reichen Städten, oft sichtbar in Zeltlagern unter Brücken oder in Parks, steht in scharfem Kontrast zum umgebenden Wohlstand.[20] Obdachlose sind häufig auch suchtkrank, so gab es in San Francisco mit ca. 800.000 Einwohnern über 800 Drogentote im Jahr 2023.[21]
Prekäre Lebensverhältnisse
Jenseits der extremen Lage der Obdachlosen leben Millionen US-Amerikaner in prekären Verhältnissen, die sie ständig an der Schwelle zur Armut halten. Niedrige Löhne, unsichere Beschäftigungen und eine dünne soziale Absicherung führen dazu, dass viele Haushalte finanziell nur knapp über die Runden kommen. Ein erheblicher Teil der Erwerbstätigen zählt zu den “Working Poor”, also Menschen, die trotz Arbeit arm sind. So gab es z. B. im Jahr 2011 rund 10,4 Millionen Erwerbstätige in den USA, die gemäß amtlicher Definition als arm galten; davon arbeiteten 4,4 Millionen sogar in Vollzeitstellen.[3] 2021 waren es laut dem Bureau of Labor Statistics noch 6,3 Millionen Personen.[22] Zwar gibt es in den USA einen föderalen Mindestlohn, doch liegt dieser 2025 seit 2009 unverändert bei lediglich 7,25 US-Dollar pro Stunde und hat inflationsbereinigt an realem Wert verloren.[23][3] In vielen Bundesstaaten wurde kein höherer eigener Mindestlohn festgesetzt, sodass Millionen Arbeiter für Löhne nahe diesem Niveau arbeiten müssen. Parallel sind Lebenshaltungskosten, insbesondere für Wohnen, Gesundheit und Bildung in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen.
Viele Familien leben „von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck“ und können keine Ersparnisse bilden. Jede unvorhergesehene Ausgabe kann ihr finanzielles Überleben gefährden. Laut einer Umfrage der US-Notenbank (Federal Reserve) von 2021 wären fast 40 % der Amerikaner nicht in der Lage, im Notfall 400 US-Dollar aus eigenen Mitteln aufzubringen.[24] Bei 46 Prozent reichten die Ersparnisse laut einer Umfrage von 2025 für weniger als drei Monate.[25] Diese verbreitete finanzielle Fragilität bedeutet, dass etwa Autoreparaturen, medizinische Rechnungen oder kurzzeitiger Erwerbsausfall sofort existenzbedrohend werden können. Ebenfalls problematisch ist die geringe soziale Absicherung bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit: Vor Einführung der Gesundheitsreform 2010 (Affordable Care Act) hatten viele Geringverdiener keinerlei Krankenversicherung, und auch heute noch sind Millionen nur unzureichend versichert. Die Weigerung von Krankenversicherern, Kosten zu übernehmen, kann Personen in die Armut stürzen und bis zu 23 Millionen Amerikaner haben sich verschuldet, um Gesundheitskosten zu finanzieren. Studien zufolge stellt die Finanzierung medizinischer Kosten die Hälfte aller Amerikaner vor Probleme.[26] Auch Arbeitslosenunterstützung ist in den USA zeitlich befristet und weniger großzügig als in Europa. All dies trägt dazu bei, dass ein großer Teil der Bevölkerung in einem Zustand permanenter ökonomischer Unsicherheit lebt.
Armutsbekämpfung und Sozialsystem in den USA
Die Armutsbekämpfung in den Vereinigten Staaten stützt sich auf mehrere Sozialprogramme. Ein zentraler Baustein ist die 1935 eingeführte staatliche Renten- und Sozialversicherung Social Security, die v. a. ältere Menschen vor Armut schützt. Dieses Programm hat die Altersarmut drastisch reduziert und gilt als erfolgreichste anti-Armutsmaßnahme der USA – allein im Jahr 2022 hob Social Security nach Berechnungen der Regierung rund 28,9 Millionen Menschen aus der Armut.[7] Ebenfalls auf Bundesebene etabliert wurden 1965 die Gesundheitsprogramme Medicare (Krankenversicherung für Senioren und Rentner) und Medicaid (Krankenversorgung für einkommensschwache Gruppen) im Zuge von Johnsons War on Poverty.
Diese sichern grundlegende medizinische Versorgung für ältere bzw. bedürftige Bürger, ersetzen aber keine allgemeine Krankenversicherung für alle. Weitere wichtige bundesweite Programme sind die Ernährungshilfe SNAP (Supplemental Nutrition Assistance Program, früher „Food Stamps“), die einkommensschwachen Haushalten den Kauf von Lebensmitteln ermöglicht, sowie das steuerliche Transfersystem des Earned Income Tax Credit (EITC), durch das Geringverdiener eine negative Einkommensteuer bzw. Steuererstattung erhalten können. Für Familien mit Kindern gibt es abhängig vom Einkommen z. B. den Child Tax Credit (eine Steuervergünstigung pro Kind), der 2021 temporär ausgeweitet wurde und zu einem historischen Rückgang der Kinderarmut führte.[27]
Direkte Sozialhilfe (cash welfare) wird seit der Reform von 1996 über das Programm TANF (Temporary Assistance for Needy Families) gewährt, das jedoch strenge zeitliche und berufliche Auflagen hat und wesentlich weniger Personen erreicht als das frühere System (AFDC). Daneben existieren Wohnungsprogramme (z. B. Mietzuschüsse und Sozialwohnungen über das HUD) sowie zahlreiche kleinere Hilfsprogramme etwa für Energieversorgung, Schulspeisungen, Behinderte oder Veteranen. Zusammengenommen bilden diese Maßnahmen ein soziales Netz, das jedoch im Vergleich zu europäischen Wohlfahrtsstaaten wesentlich löchriger ist.
Im internationalen Vergleich unterscheidet sich die US-Sozialpolitik vor allem dadurch, dass Leistungen in der Regel bedarfsgerecht und begrenzt gewährt werden, anstatt universell. Während viele westeuropäische Länder umfassende Sozialsysteme aufgebaut haben (mit allgemeinem Kindergeld, einkommensunabhängigen Familienbeihilfen, großzügigen Arbeitslosenversicherungen und flächendeckender Gesundheitsversorgung). Staatliche Transfers reduzieren die Armut in den USA weit weniger als in anderen Ländern. So bewirken Steuern und Sozialleistungen in europäischen Wohlfahrtsstaaten typischerweise einen kräftigen Rückgang der Armutsquote, während in den USA trotz Sozialprogrammen eine relativ hohe Restarmut bestehen bleibt. Niedrigere Steuern führen zu weniger staatlicher Umverteilung von oben nach unten. Die USA wenden einen kleineren Anteil ihres Bruttoinlandsprodukts für Sozialleistungen auf als fast alle anderen entwickelten Länder. Aufgrund dieser politisch gewollten Zurückhaltung wird die amerikanische Sozialpolitik oft als reluctant welfare state („zögerlicher Wohlfahrtsstaat“) bezeichnet.[28]
Dennoch gibt es in den USA kontinuierliche Bestrebungen, Armut zu bekämpfen und das soziale Netz zu stärken. Auf lokaler Ebene engagieren sich zahlreiche Wohltätigkeitsorganisationen, Kirchen und Community-Initiativen, um Lücken der staatlichen Hilfe zu füllen. Amerikaner gehören weltweit zu den großzügigsten Spendern und gaben 2024 über 590 Milliarden US-Dollar an gemeinnützige Organisationen (Charities).[29] Auf Bundesebene werden von Zeit zu Zeit Reformschritte diskutiert, etwa eine Erhöhung des Mindestlohns, Ausbau von Kinderbetreuungsgutscheinen und weitere sozialpolitische Maßnahmen. Allerdings stoßen weitreichendere sozialpolitische Initiativen oft auf politischen Widerstand, da ein Teil der Öffentlichkeit und Politik großen Wert auf individuelle Verantwortung, niedrige Steuern und schlanken Staat legt.
Einzelnachweise
- ↑ US Census Bureau: Poverty in the United States: 2024. Abgerufen am 16. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ a b Income poverty: Society at a Glance 2024. In: OECD. 20. Juni 2024, abgerufen am 16. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ a b c d e f Bundeszentrale für politische Bildung: Die US-amerikanische Wirtschaft | USA – Geschichte, Wirtschaft, Gesellschaft. 20. März 2014, abgerufen am 16. Oktober 2025.
- ↑ War on Poverty | History, Speech, Significance, & Facts | Britannica. Abgerufen am 16. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ The Productivity–Pay Gap. Abgerufen am 16. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Julica Jungehülsing, AP: USA: Obdachlosigkeit in den USA erreicht Höchststand. In: Die Zeit. 16. Dezember 2023, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 16. Oktober 2025]).
- ↑ a b US Census Bureau: Poverty in the United States: 2022. In: Census.gov. 2023 (census.gov [abgerufen am 16. Oktober 2025]).
- ↑ a b Julica Jungehülsing, AP: USA: Obdachlosigkeit in den USA erreicht Höchststand. In: Die Zeit. 16. Dezember 2023, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 16. Oktober 2025]).
- ↑ Wealth Inequality. In: Inequality.org. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
- ↑ Share of population living in extreme poverty, 1963 to 2023 Our World in Data
- ↑ Southern poverty gets the United Nations' attention | Facing South. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
- ↑ Richard V. Burkhauser, Kevin Corinth, James Elwell, Jeff Larrimore: Evaluating the Success of President Johnson’s War on Poverty: Revisiting the Historical Record Using an Absolute Full-Income Poverty Measure. w26532. National Bureau of Economic Research, 9. Dezember 2019 (nber.org [abgerufen am 16. Oktober 2025]).
- ↑ Robert Rector: Do 5 Million Americans Really Live in Third World Poverty? In: Heritage Foundation. Abgerufen am 16. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Rakesh Kochhar: The State of the American Middle Class. In: Pew Research Center. 31. Mai 2024, abgerufen am 16. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ a b Poverty in the United States in 2022. In: Library of Congress. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
- ↑ U.S. poverty rates higher, safety net weaker than in peer countries. Abgerufen am 16. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ The South’s high poverty rates and low economic mobility are the result of racist, anti-worker policies. Abgerufen am 16. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ »Das andere Amerika«: Armut, Ungleichheit und Fragmentierung. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
- ↑ Emily Hoeven: California accounts for 30 % of nation's homeless, feds say. In: CalMatters. 20. Dezember 2022 (calmatters.org [abgerufen am 16. Oktober 2025]).
- ↑ a b Johannes Streeck: 50.000 Obdachlose in Los Angeles: Armselige Skyline. In: Die Tageszeitung: taz. 28. Juni 2023, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 16. Oktober 2025]).
- ↑ a b San Francisco verwahrlost – Nun geht die Bürgermeisterin gegen Obdachlose vor. In: Handelsblatt. Abgerufen am 16. Oktober 2025.
- ↑ A profile of the working poor, 2021. Abgerufen am 16. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ State Minimum Wage Laws. Abgerufen am 16. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Heike Buchter: USA: Das Schulden-Volk. In: Die Zeit. 11. Januar 2021, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 16. Oktober 2025]).
- ↑ Keshav Srikant: Fact Check: Is there a consensus that a majority of Americans are living paycheck to paycheck? | Econofact. 26. Februar 2025, abgerufen am 16. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Abdullahi Tunde Aborode, Oreoluwa Oginni, Modesta Abacheng, Ottoho Edima, Emily Lamunu, Tayo Nafisat Folorunso, Christian Inya Oko, Akinjo Rebecca Iretiayo, Lukman Lawal, Ruth Amarachi, Rawa Badri, Gafar Babatunde Bamigbade, Omotayo Faith Olanrewaju, Favour Obianuju Agwuna, Ridwan Olamilekan Adesola: Healthcare debts in the United States: a silent fight. In: Annals of Medicine and Surgery (2012). Band 87, Nr. 2, Februar 2025, ISSN 2049-0801, S. 663–672, doi:10.1097/MS9.0000000000002865, PMID 40110309, PMC 11918610 (freier Volltext).
- ↑ The United States’ Record-Low Child Poverty Rate in International and Historical Perspective: A Research Note Duke University Press
- ↑ Why is poverty higher in the U.S. than in other countries? In: Confronting Poverty. Abgerufen am 16. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Fiona Brueckman: Giving USA 2025: U.S. charitable giving grew to $592.50 billion in 2024, lifted by stock market gains | Giving USA. 24. Juni 2025, abgerufen am 16. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).