Arbeitslager Gleiwitz I
Das Arbeitslager Gleiwitz I war eines von vier Außenlagern des KZ Auschwitz I in Gleiwitz und bestand vom März 1944 bis zum 18. Januar 1945. Die Inhaftierten mussten dort Zwangsarbeit für das Reichsbahnausbesserungswerk Gleiwitz leisten.[1][2]
Entstehung
Das Lager wurde auf Initiative des Reichsbahnausbesserungswerkes Gleiwitz (RAW), errichtet, das auch den gesamten Bau finanzierte. Das genaue Datum der Fertigstellung ist nicht bekannt. Das Lager unterstand der Verwaltung des KZ Auschwitz III-Monowitz. Der erste Häftlingstransport aus dem Lager Monowitz traf im März 1944 ein mit der Aufgabe, das neue Außenlager zu errichten. Die Häftlinge waren qualifizierte Facharbeiter aus Polen, Ungarn und der Ukrainer. 90 % der Gefangenen waren Juden aus Polen, der Tschechoslowakei, Frankreich, Dänemark, Griechenland, Ungarn und den Niederlanden. Die nichtjüdischen Gefangenen stammten aus Polen und der Sowjetunion. Möglicherweise gab es auch eine Gruppe von 295 Juden, die von der Dienststelle Schmelt überstellt worden waren. Während des Bestehens des Lagers waren durchschnittlich bis zu 1.300 Menschen inhaftiert.
Das Lager
Das Lager hatte eine rechteckige Form mit einer Fläche von etwa 150 × 50 Metern. Eine Seite war von einer hohen Betonmauer mit Stacheldraht begrenzt. Die anderen Seiten bestanden aus einem Zaun mit Betonpfosten, zwischen denen elektrischer Stacheldraht gespannt war. Außerhalb des Zauns standen hölzerne Wachtürme mit Flutlicht. Der Haupteingang befand sich auf der nordöstlichen Seite. Über dem Tor war die Inschrift „Arbeit macht frei“ angebracht, direkt davor stand ein SS-Wachhaus; in der Nähe befanden sich die Baracken der SS-Wachen. Innerhalb des Lagers gab es mehrere Holzbaracken, von denen etwa die Hälfte als Unterkünfte für die Häftlinge diente. In jeder Baracke schliefen über 200 Häftlinge auf dreistöckigen Holzpritschen mit Strohmatratzen und -kissen und hatten Decken. In den übrigen Baracken befanden sich eine Küche für die Häftlinge und die SS-Wachmannschaft, Waschräume, Latrinen, das Lagerbüro, Werkstätten und Lagerhäuser.[3][4][5]
SS-Kommandanten und Wachmannschaften
Der erste Lagerkommandant war von März bis Mai 1944 der für seine Brutalität bekannte SS-Hauptscharführer Otto Moll, der zurück ins KZ Auschwitz-Birkenau versetzt wurde, wo er Leiter der Krematorien und Kommandoführer des Sonderkommandos wurde, das im Sommer 1944 die Leichen der Juden der „Ungarn-Aktion“ verbrannte. Seine Nachfolger waren SS-Oberscharführer Friedrich Jansen und SS-Oberscharführer Richard Stolten. Nach Ende der Vernichtung der ungarischen Juden kehrte Otto Moll als Lagerführer zurück und hatte diese Position bis Mitte Dezember 1944 inne.
Kompanieführer und SS-Stabsscharführer der Wachmannschaft war SS-Oberscharführer Albert Stenzel, Blockführer der SS-Unterscharführer Sepp und der SS-Schütze Bruno Petzold. Der SS-Oberscharführer Josef Klehr leitete den Häftlingskrankenbau. Die Wachmannschaft bestand aus etwa 50 SS-Angehörigen der 6. Wachkompanie Auschwitz III-Monowitz. Sie kamen hauptsächlich aus Deutschland, der Tschechoslowakei und der Ukraine.[6]
Die Kapos waren, wie in vielen anderen Außenlagern, deutsche Straftäter. Ein Inhaftierter erinnerte sich später: „Ich möchte darauf hinweisen, dass die Funktion des Kapos im Lager in Gleiwitz von gewöhnlichen Straftätern aus Deutschland ausgeübt wurde. Peter (ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen), der wegen Mordes an seiner eigenen Familie 12 Jahre lang in verschiedenen Lagern inhaftiert war, war Oberkapo (leitender Kapo). Kapo Neumann war sein Stellvertreter – auch er war ein gewöhnlicher Verbrecher und ehemaliger Zirkusclown“.[7]
Lebens- und Arbeitsbedingungen
Die Häftlinge arbeiteten in zwei 12-Stunden-Schichten, hauptsächlich bei der Reparatur von Eisenbahnwaggons und Lokomotiven, beim Straßenbau und beim Bau des nahegelegenen Flughafens: „Die Häftlinge begannen ihren Arbeitstag um 4.00 Uhr morgens. Um 5.00 Uhr brachen wir zur Arbeit auf und begannen um 6.00 Uhr an unserem Arbeitsplatz. Die Arbeit dauerte bis 17:00 Uhr, mit einer halbstündigen Pause von 12:30 bis 13:00 Uhr. Etwa 15 Minuten dieser Pause wurden für den Appell zur Essenszeit verwendet.“[7]
Auch sonntags mussten die Häftlinge arbeiten: „An Sonn- und Feiertagen arbeiteten wir nicht in den Reparaturwerkstätten. Allerdings konnten sich die Häftlinge an diesen Tagen nicht ausruhen, da sie Steine von einem etwa anderthalb Kilometer entfernten Ort zum Lager transportieren mussten. Diese Steine wurden zum Einebnen des Lagergeländes verwendet. Körperlich schwache Häftlinge reinigten während dieser Zeit die Toilettenlöcher. Die nackten Leichen der Häftlinge, die bei einem angeblichen Fluchtversuch erschossen worden waren, wurden auf dem Appellplatz auf einem speziell dafür vorbereiteten Tisch aufgebahrt. Daneben stand ein Schild mit der Aufschrift, dass der Mann auf dem Tisch bei einem Fluchtversuch erschossen worden sei und dass allen Häftlingen, die zu fliehen versuchten, das gleiche Schicksal bevorstehe“.[7]
Die Inhaftierten trugen Holzschuhe, die sie jedoch nur während der Arbeitszeit tragen durften. Sie mussten barfuß zur Arbeit gehen und die Holzschuhe in der Hand tragen, um Fluchtversuche zu verhindern. Die Gefangenen gingen unter den Klängen eines Orchesters zur Arbeit, das aus etwa 25 Häftlingen bestand. Auf Befehl der SS gaben es auch sonntagnachmittags nach der Arbeit Konzerte. Der Waschraum, der sich in einer der Häftlingsbaracken befand, durfte nur nach der Rückkehr von der Arbeit vor dem Abendappell genutzt werden. Dort befand sich ein langer Trog mit Wasserhähnen mit kaltem Wasser. Erschöpft von der Arbeit mussten sich die Häftlinge beeilen, sich mit einer Art „Seife“ zu waschen und zu versuchen, ihre Kleidung zu reinigen. Einmal pro Woche wurden die Häftlinge dort von einem Friseur rasiert. Die Mahlzeiten wurden in der Küchenbaracke zubereitet; wahrscheinlich gehörten die meisten dort beschäftigten Häftlinge auch zum Lagerorchester. Es gab drei Mahlzeiten am Tag: Zum Frühstück erhielt jeder Häftling etwa einen halben Liter Kräutertee oder schwarzen, bitteren Kaffee, zum Mittagessen gegen 12 bis 13 Uhr einen Liter Rübensuppe aus Roggen, Zuckerrüben oder Kartoffeln; am Abend erhielten die Häftlinge Tee und Kaffee sowie Brot und ein wenig Margarine. Das Abendessen musste auch für das Frühstück reichen, meist aßen die hungrigen Häftlinge sofort alles auf. „Luxusgüter“ wie eine Scheibe Wurst geb es nur selten.
Nicht mehr arbeitsfähige Gefangene wurden ausgesondert und zusammen mit den Leichen verstorbener Häftlinge regelmäßig mit Lastwagen in das KZ Auschwitz II-Birkenau zurücktransportiert und dort wahrscheinlich ermordet. Die Selektionen fanden außerhalb der Krankenbaracke, während der Appelle oder in den Bade- oder Unterkunftsbaracken statt. Die Häftlinge mussten dabei vor dem Lagerführer und einem KZ-Arzt aus Auschwitz vorbeimarschieren.
Am 22. Juni 1944 konnte der deutsche Inhaftierte Ludwig Ligotzki und der Sowjetbürger Andrei Dryhajlo fliehen. Ligotzki wurde am 20. August 1944 wieder gefasst und nach Auschwitz zurückgeschickt. Dryhajlo wurde am 6. September 1944 wieder gefasst und zur Strafkompanie in Auschwitz II-Birkenau geschickt. Am 16. August 1944 flohen 11 Häftlinge durch einen unter dem Boden ihrer Baracke gegrabenen Tunnel. Die gefassten Häftlinge wurden in der Regel zur Abschreckung öffentlich hingerichtet.
Die Zahl der Todesopfer war sehr hoch. Ein Gefangener sagte später aus: „Während meines Aufenthalts im Lager, also in weniger als einem halben Jahr, forderte das Lager aufgrund von Selektionen und „natürlichen“ Todesfällen etwa 1.500 Menschenleben. Daraus folgt, dass innerhalb dieser Zeit fast die gesamte Lagerbevölkerung ausgetauscht wurde. Am Ende meines Aufenthalts im Lager waren nur noch sehr wenige Menschen aus dem Transport, mit dem ich angekommen war, am Leben“.[7]
Lagerräumung und Gedenken
In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 1945 wurden das Lager vor der näherrückenden Roten Armee geräumt. Unmittelbar zuvor wurde eine Selektion durchgeführt, bei der etwa 100 nicht mehr marschfähige Häftlinge erschossen wurden. Die übrigen Gefangenen mussten zu Fuß zum Arbeitslager Blechhammer marschieren. In den im Lager verbliebenen Baracken wurden Häftlinge aus anderen Lagern festgehalten, die später in die KZ Groß-Rosen, KZ Buchenwald und KZ Sachsenhausen transportiert wurden.
Bis heute sind die Baracken erhalten geblieben, in denen die Häftlinge untergebracht waren. An der Wand des Gebäudes der Versuchsanlagen des Schweißinstituts in der Przewozowa-Straße wurde 1979 eine Gedenktafel angebracht, die an das Lager erinnert.[6]
Siehe auch
- Liste der Außenlager des KZ Auschwitz I (Stammlager)
- Arbeitslager Gleiwitz II
- Arbeitslager Gleiwitz III
Einzelnachweise
- ↑ Gleiwitz I. In: tiergartenstrasse4.org. Abgerufen am 23. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Arbeitslager Gleiwitz I. In: Sub Camps of Auschwitz. Abgerufen am 23. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Aleksander Lubina: Arbeitslager Gleiwitz I. In: wachtyrz.eu. 12. Dezember 2021, abgerufen am 23. Dezember 2025 (polnisch).
- ↑ Gleiwitz I / Podobozy / Historia / Auschwitz-Birkenau. In: https://www.auschwitz.org. Abgerufen am 23. Dezember 2025 (polnisch).
- ↑ Topography of the Sub Camp Arbeitslager Gleiwitz I. In: Sub Camps of Auschwitz. Abgerufen am 23. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ a b Arbeitslager Gleiwitz I / Photographs from Site Visits. In: Sub Camps of Auschwitz. Abgerufen am 23. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ a b c d Arbeitslager Gleiwitz I. In: Sub Camps of Auschwitz. Abgerufen am 23. Dezember 2025 (englisch).