Antonino da Patti
Antonino da Patti OFM (lateinisch Antoninus Natolii de Pactis oder Antoninus Pactensis; * 1539 in Messina; † 1617 in Rom)[1] war italienischer Reformfranziskaner und geistlicher Schriftsteller und galt in der römisch-katholischen Kirche als gelehrter und frommer Mann.
Er war Kustos und Provinzialminister der franziskanischen Reformatenprovinz von Sizilien. Im Jahre 1596 wurde er Apostolischer Visitator für das Gebiet der Terra di Lavoro. Nach Verfolgung starb er in Rom und wurde dort in der Kirche San Francesco a Ripa beigesetzt.
Verehrung und Anerkennung als anerkannter Heiliger
Im historischen Kontext des 16.–frühen 17. Jahrhunderts wurde die Figur des Antonino Natoli aus Patti traditionell von der franziskanischen Geschichtsschreibung und der Volksfrömmigkeit als „heiliger“ im vormodernen Sinn interpretiert. Die Anerkennung seiner Heiligkeit erfolgte tatsächlich nach den damals üblichen Praktiken, bevor die rechtliche Standardisierung der Heiligsprechungsverfahren durch Papst Urban VIII. im Jahr 1634 eingeführt wurde, als die Unterscheidung zwischen ehrwürdig, selig und heilig noch keinen strengen kanonischen Wert hatte.[2][3]
Historische Bedeutung des Titels „ehrwürdig“
Die franziskanischen Quellen und die Tradition der Diözese Patti bezeichnen Antonino Natoli als „ehrwürdig“. Vor den urbanischen Reformen hatte diese Bezeichnung vorwiegend einen devotionalen Charakter und bezeichnete einen Geistlichen, der als Vorbild christlichen Lebens und heroischer Tugenden angesehen wurde, oft de facto gleichgestellt mit den lokalen Heiligen. Die Studien von André Vauchez und Paolo Prodi zeigen, dass bis zum 17. Jahrhundert viele als heilig angesehene Persönlichkeiten eine gemeinschaftliche Verehrung erhielten, ohne dass ein formelles päpstliches Heiligsprechungsdekret vorlag, solange diese Verehrung von der lokalen kirchlichen Autorität als orthodox angesehen wurde.[4][5]
Wunder und Heiligkeitsruf
Die hagiographischen Berichte und die franziskanische Tradition berichten, dass Natoli zahlreiche Gnaden, Wunder und Heilungen zugeschrieben wurden, ein Merkmal, das in den Heiligsprechungsprozessen vor der modernen rechtlichen Regelung als bedeutsam galt. Die Diözese Patti und verschiedene lokale historische und religiöse Zusammenfassungen berichten, dass sich sein Heiligkeitsruf nach seinem Tod schnell verbreitete und dass die Bevölkerung ihn als Fürsprecher anrief.[6]
Lokale Verehrung
Die Verehrung von Antonino Natoli entwickelte sich spontan unter den Gläubigen der Stadt Patti und in den franziskanischen Gemeinschaften, in Kontinuität mit einer Praxis, die in der Kirche vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit verbreitet war: die gemeinschaftliche Anerkennung von Persönlichkeiten, die aufgrund eines vorbildlichen Lebens, heroischer Tugenden und vermeintlicher Wunder als heilig galten. Die Geschichtsschreibung hat umfassend dokumentiert, dass bis zur Reform von 1634 die meisten Heiligen durch Volkskonsens und stillschweigende oder ausdrückliche Zustimmung der Bischöfe als heilig galten, ohne dass ein formaler Akt der Heiligen Stuhls erforderlich war.[7][8]
Zeitgenössische Interpretationen
Im Lichte der zu seiner Zeit geltenden Heiligkeitskriterien betrachten verschiedene Forscher Natoli als Beispiel eines „lokalen Heiligen“ oder „vorurbanen Heiligen“, also einer Figur, die die gemeinschaftliche Anerkennung der Heiligkeit ohne formale päpstliche Kanonisierung erhielt. Dieser Status, der in der franziskanischen Tradition und im religiösen Gedächtnis der Diözese weit belegt ist, stellt ein historisch fundiertes Element für mögliche zeitgenössische Studien über seine Person im Rahmen moderner kanonischer Verfahren dar.[9][10]
Publikationen
- Considerationi et espositioni sopra tutti li precetti della regola de' frati minori del serafico P.S. Francesco. Giovanni Guerigli, Venedig 1615 und 1617[11]
- Viridarium concionatorum ciuitatis Ierusalem triumphantis, in quo de eius magnificentia, partibus, diuitijs, ædificijs, ciuium multitudine ... , Venetiis : apud Ioannem Guerilium, 1617[12]
Literatur
- G.G. Sbaraglia: Supplementum et castigatio ad scriptores trium Ordinum S. Francisci... (= Bibliotheca historico-geographica 2) Romae 1908, S. 90. In der Originalausgabe Rom 1806 auf S. 86.
- F. Elizondo: Disquisitio historica et enumeratione in regula franciscana. In: Collectanea franciscana 37 (1967), S. 283.
Einzelnachweise
- ↑ Salvatore Vacca: I Cappuccini e San Felice (1715–1787) a Nicosia. In: Carolina Miceli: Francescanesimo e cultura nelle province di Caltanissetta ed Enna: atti del Convegno di studio, Caltanissetta-Enna, 27–29 Ottobre 2005. Biblioteca Francescana, Officina di studi medievali, Palermo 2008, S. 295–319, hier S. 300 Anm. 16.
- ↑ Vauchez, André. La santità nel Medioevo, Bologna, Il Mulino, 1989.
- ↑ Martina, Giacomo. Storia della Chiesa, Bd. III, Roma, Città Nuova, 1990.
- ↑ Vauchez, André. Sainthood in the Later Middle Ages, Cambridge University Press, 1997.
- ↑ Prodi, Paolo. Il sacramento del potere. Il giuramento politico nella storia costituzionale dell’Occidente, Bologna, Il Mulino, 1992.
- ↑ Diocesi di Patti, La santità nella Diocesi di Patti, Archivio Diocesano (vor Ort einsehbar).
- ↑ Boutry, Philippe. Santi, culti e canonizzazioni prima del Concilio di Trento, Roma, Viella, 2002.
- ↑ Goodich, Michael. Miracles and Wonders: The Development of the Concept of Miracle, 1150–1350, Ashgate, 2007.
- ↑ Schmitt, Jean-Claude. Les saints et les morts, Paris, Gallimard, 1976.
- ↑ Boutry, Philippe. Religion et société dans l’Italie moderne, Roma, École Française de Rome, 1994.
- ↑ Nachweis im Opac des SBN
- ↑ Nachweis im SBN-Opac