Antonina Żabińska
Antonina Maria Żabińska (geborene Erdman; * 18. Juli 1908 in Sankt Petersburg; † 19. März 1971 in Warschau) war eine polnische Schriftstellerin, die über ihren Ehemann Jan Żabiński mit dem Warschauer Zoo verbunden war. Gemeinsam schmuggelten sie während des Holocausts Juden aus dem Warschauer Ghetto und versteckten sie auf dem Zoogelände.
Werdegang
Antonina Erdman wurde in Sankt Petersburg geboren und verbrachte ihre Kindheit in Russland, wo ihr Vater Antoni Erdman als Eisenbahningenieur bei der Wladikawkas-Eisenbahn-Gesellschaft arbeitete. Nachdem ihre Mutter Maria an Tuberkulose gestorben und ihr Vater von den Bolschewiki erschossen worden war, weil er zur intellektuellen Elite gehörte, lebte sie bei ihrer Tante Jadwiga Biedunkowiczówna, einer Schwester ihrer Mutter, in Taschkent.[1] 1923 zog sie mit ihr nach Polen, und Antonina studierte in Warschau Fremdsprachen und Malerei.[2] Sie bewarb sich für ein Archivstudium und arbeitete ab Ende der 1920er Jahre als Sekretärin an der Warschauer Naturwissenschaftlichen Universität.[3][4]
An der Universität lernte Antonina Erdman den dort lehrenden Zoologen Jan Żabiński (1897–1974) kennen, seit Juni 1929 Direktor des 1928 eröffneten Warschauer Zoos, den sie am 8. April 1931 heiratete. Der Warschauer Zoo im Stadtteil Praga-Północ entwickelte sich zu einem der modernsten Zoos Europas mit einer erfolgreichen Zucht von Wildhunden und Przewalski-Pferden. 1937 wurde erstmals ein Elefantenjunges in einem polnischen Tierpark geboren, das Elefantenkalb Tuzinka. Antonina Żabińska wohnte mit ihrem Mann auf dem Zoogelände in einer modernen, 1931 erbauten Dienstvilla,[5] bekannt als „Dom pod Zwariowaną Gwiazdą“ (Haus zum verrückten Stern), kümmerte sich um neugeborene Tiere, die von ihren Müttern verstoßen worden waren, und um verletzte Tiere, die teils im Haus gepflegt und behandelt wurden, darunter Luchse, ein Kakadu, ein Polarkaninchen, ein Schwein, eine Bisamratte und ein Dachs.[2] Als Schriftstellerin verarbeitete sie diese Tiergeschichten in ihren Büchern.[3] 1932 wurde ihr erstes Kind Ryszard (1932–2019), genannt Rysiu, geboren. 1934 veröffentlichte Antonina Żabińska ihre erste Kurzgeschichte Pamiętnik żrafy (Tagebuch einer Giraffe) in der Zeitschrift Moje pisemko.[4]
Während der Besetzung Polens
Nach dem Überfall auf Polen und während der Bombardierung bei der Schlacht um Warschau wurden große Teile des Zoos zerstört und viele Tiere getötet. Der damalige Direktor des Zoologischen Gartens Berlin und förderndes Mitglied der SS Lutz Heck, mit dem das Ehepaar Żabiński zuvor freundschaftlichen Kontakt gepflegt hatte, ordnete die Verlegung besonderer Tiere ins Deutsche Reich an. Das Elefantenkalb Tuzinka wurde in den Königsberger Tiergarten gebracht, Kamele und Lamas in den Zoo Hannover, Zebras und Luchse in die Schorfheide nördlich von Berlin, Bisons in den Münchner Zoo, ein überlebendes Przewalski-Pferd nach Wien und die letzten beiden Flusspferde nach Nürnberg. Die Enteignung der wertvollen Tiere erfolgte Ende November 1939. Die übrigen für Heck uninteressanten Arten wurden durch ihn und andere Mitglieder der deutschen Besatzungstruppen erschossen.[6] Es blieb nur noch eine kleine Anzahl von Arten im Zoo übrig, die von der Familie Żabiński gepflegt wurden.[1] Zur Jahreswende 1939/40 lud Heck seine Freunde der SS zum Trinkgelage und Silvesterschießen im Zoo ein.[7]
Während der Besetzung Polens wurde der Zoo aufgelöst, aber im März 1940 wurde Jan Żabiński angewiesen, im ehemaligen zoologischen Garten eine Schweinezucht einzurichten, um die Lebensmittelversorgungslage in Warschau zu verbessern.[7] Das Ehepaar Żabiński konnte aufgrund der Arbeit mit der Schweinezucht weiterhin in der Villa wohnen und versteckte während der deutschen Besatzungszeit jüdische oder aus anderen Gründen vom NS-Regime verfolgte Menschen, auch etwa 300 Juden aus dem im November 1940 errichteten Warschauer Ghetto auf dem Zoogelände und in seinem Haus, darunter die Bildhauerin Magdalena Gross, die Schriftstellerin Rachel Auerbach, die Journalistin Maria Aszerówna, Irena und Leonia Tenenbaum,[3] Regina und Samuel Kenigswein,[7] den Anwalt Maurycy Paweł Fraenkel, Eugenia Sylkes, Marceli Lewi-Łebkowski mit Frau und zwei Töchtern, Marysia Aszer, Kazio und Ludwinia Kramsztyk, Joanna Prochaska, die Familie Keller, Dr. Ludwig Hirszfeld, Wanda Englert, Irena Mayzel, Rechtsanwalt Lewy und Dr. Anzelm.[1][6]
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Flügel im Salon
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Erhaltener Tunneleingang auf dem Zoogelände
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Tunnelausgang im Keller der Villa
Da Jan Żabiński wegen der Bewirtschaftung der Schweinefarm mit einem Passierschein uneingeschränkten Zugang zum Ghetto hatte, schmuggelte er Menschen aus dem Ghetto, half ihnen, neue Ausweispapiere zu bekommen, oder versteckte sie, gemeinsam mit seiner Frau, in der Villa.[1] Das Klavierspiel Antonina Żabińskas auf ihrem Flügel diente zur geheimen Kommunikation. Drohte Gefahr, galt ein bestimmtes Musikstück den Untergetauchten im Haus als Hinweis, sich auf dem Dachboden zu verstecken oder das Haus durch den Tunnel, der vom Keller in den Garten führte, zu verlassen. Auf dem Zoogelände gab es leerstehende Zooanlagen, Schuppen und Katakomben als Unterschlupf für Verfolgte und Kanalisationseingänge, die als Fluchtwege benutzt wurden.[3] Die jüdischen Menschen blieben meist nur wenige Tage und wurden danach in andere sicherere Langzeitquartiere verlegt.[4][6]
Antonina Żabińska und ihr Ehemann gehörten dem Żegota (Rat für die Hilfe für Juden im besetzten Polen) an, einer Untergrundorganisation unter der Schirmherrschaft der polnischen Exilregierung. Außerdem war Jan Żabiński während des Zweiten Weltkriegs im polnischen Widerstand unter dem Decknamen „Franciszek“ aktiv, in Anlehnung an Franz von Assisi. Das Zoogelände diente der Polnischen Heimatarmee als Versteck für ihre Waffendepots und Sprengstoff und als Unterschlupf von Untergrundkämpfern, die Sabotageakte an Einrichtungen der Besatzungstruppen verübten und von Verhaftung bedroht waren.[4][6] Durch die schrittweise Auflösung des Warschauer Ghettos durch die SS ab dem 22. Juli 1942 in der „Großen Aktion“ im Rahmen der Aktion Reinhardt und der Deportation der Ghettobewohner in das Vernichtungslager Treblinka stieg die Zahl der Juden, die im Zoo vorübergehend Schutz suchten, massiv an. Im Winter 1942/43 stoppten die deutschen Besatzer die Schweinefarm zugunsten einer Pelztierfarm mit Füchsen, um Pelze für die Winterkleidung der Wehrmachtstruppen an der Ostfront zu produzieren. Diese Aufgabe ermöglichte es der Familie Żabiński, in der Villa zu bleiben und weitere Menschen zu verstecken.[1] Die Villa blieb bis zum Warschauer Aufstand im August 1944 ein sicherer Ort für Juden und den polnischen Untergrund. Die Widerstandstätigkeit des Ehepaares blieb unentdeckt, auch wenn es regelmäßig unter Schikanen und Repressalien der SS zu leiden hatte. 1944 nahm Jan Żabiński am Warschauer Aufstand teil und geriet nach der Kapitulation Warschaus in deutsche Gefangenschaft, und Antonina Żabińska floh vor der näherrückenden sowjetischen Armee mit ihrem Sohn und der neugeborenen Tochter Teresa (1944–2021) aufs Land.[4][6][7]
Leben nach dem Krieg
Nach dem Krieg kehrte die Familie Ende 1945 in die Stadt zurück. Die Villa war geplündert worden, aber als einziges Backsteingebäude im Zoo bewohnbar. Sie begannen mit dem Wiederaufbau des zerstörten Zoos, unterstützt von einigen ehemaligen Mitarbeitern, darunter Jan Landowski (1913–1972), der nach Żabiński Direktor des Zoos wurde. Der Zoo wurde schließlich am 15. Mai 1948 unter der Leitung Żabińskis wiedereröffnet.[1] Antonina Żabińska unterstützte ihren Mann bei der Pflege der Tiere. Er sagte über sie: „Sie hat eine angeborene Gabe, Tiere scharf und präzise zu beobachten, und ist (insbesondere als Nicht-Zoologin) in außergewöhnlicher Weise in der Lage, aus ihren Beobachtungen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Manchmal scheint sie einen sechsten Sinn zu haben.“[4] Antonina Żabińska veröffentlichte Jugendbücher, darunter Dżolly i Spółka (Jolly und Gesellschaft) und 1948 Rysice.[6]
1950 wurde Jan Żabiński zum Generalinspektor der staatlichen Aufsicht aller polnischen Zoos ernannt, doch 1951 trat er von seinem Posten als Direktor des Warschauer Zoos zurück.[4] Unklar ist, inwieweit dies zusammenhing mit Streitigkeiten mit den kommunistischen Beamten und der Haltung des polnischen Nachkriegsregimes, das den Beitrag der Polnischen Heimatarmee während des Krieges nicht anerkannte und auch frühere Untergrundkämpfer verhaften ließ. Die Familie Żabiński konnte noch bis 1953 in der Villa wohnen bleiben,[7] bis sie in ein neues Haus in der „Ulica Kazimierzowska“ im Warschauer Stadtteil Mokotów zog.[1] 1964 veröffentlichte Antonina Żabińska das Jugendbuch Borsunio über einen Dachs, und 1968 erschienen ihre Memoiren Ludzie i Zwierząt (Menschen und Tiere), in denen sie ihre Kriegserlebnisse und Aktivitäten, die Zerstörung des Warschauer Zoos während der Besatzung sowie dessen jahrelang andauernden Wiederaufbau nach dem Krieg schilderte.[6] Sie beschrieb den Alltag in der Villa mit ihren zahlreichen Bewohnern, die ein Zufluchtsort für Menschen und viele Tiere blieb.[3] Mit Nasz dom w Zoo (Unser Zuhause im Zoo) veröffentlichte sie 1970 Geschichten über das Leben im Zoo.[4]
Antonina Żabińska starb 1971 in Warschau und wurde auf dem Powązki-Friedhof (Feld 212–III–4) beigesetzt, ihr Mann im Jahr 1974. Ihr Sohn Ryszard Żabiński, der seinen Eltern während des Krieges im Zoo und bei der Rettung von Menschen geholfen hatte, starb im April 2019 im Alter von 87 Jahren. Ihre Tochter Teresa Zawadzki, geborene Żabiński, die 1944 im Zoo geboren wurde, starb im Januar 2021.[1]
Ehrungen und Gedenken
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Gedenkstein im „Garten der Gerechten“
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Grabstelle der Familie Żabińska
1965 wurden Antonina und ihr Mann für ihre Unterstützung und Rettung von jüdischen Menschen von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Am 30. Oktober 1968 fand in ihrem Beisein in Yad Vashem eine Baumpflanzzeremonie zu ihren Ehren statt. 1980 wurden sie posthum mit dem Komturkreuz des Ordens Polonia Restituta geehrt.[3]
Diane Ackerman schrieb 2007 Die Frau des Zoodirektors über das Leben von Antonina und Jan Żabiński,[8] das auf deren veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen Ludzie i zwierzęta (Menschen und Tiere) beruht. 2009 veröffentlichte Świat Książki eine polnische Übersetzung mit dem Titel „Azyl: Eine Geschichte von Juden, die im Warschauer Zoo versteckt wurden“ (Azyl. Opowieść o Żydach ukrywanych w warszawskim zoo). Basierend auf Ackermans Buch wurde ab 2015 der Film Die Frau des Zoodirektors (The Zookeeper’s Wife) mit Jessica Chastain und Johan Heldenbergh in den Hauptrollen gedreht und am 31. März 2017 veröffentlicht. Weiterhin entstanden die Dokumentarfilme O zwierzętach i ludziach (Von Tieren und Menschen) unter der Regie von Lukasz Czajka und Safe haven: The Warsaw Zoo (Sicherer Hafen: Der Warschauer Zoo), unter der Regie von Gary Lester.[4]
Seit 1980 trägt eine neu angelegte Straße im Warschauer Stadtteil Ursynów den Namen Żabińskis. Im „Warschauer Garten der Gerechten“ (Ogród Sprawiedliwych w Warszawie) am Jura-Gorzechowski-Platz im Stadtbezirk Wola erinnert ein Gedenkstein an Antonina und Jan Żabiński. An sie erinnert auch eine Gedenktafel, die 2017 auf dem Bürgersteig der Ulica Stalowa w Warszawie in Warschau angebracht wurde.
2012 wurde das ehemalige Wohnhaus von Antonina und Jan Żabiński restauriert und die Innenräume wurden anhand erhaltener Fotos und Erinnerungen von Ryszard und Teresa Żabiński hergerichtet. In der Villa befindet sich seit 2015 eine Ausstellung zum Wirken des Ehepaares, den von ihnen während des Zweiten Weltkrieges versteckten Menschen[7] und über das Leben im Warschauer Zoo während dieser Zeit. Neben Familienfotos und Antonina Żabińskas Flügel werden unter anderem im ehemaligen Speisesaal im ersten Stock Insektenpräparate des jüdischen Entomologen Szymon Tenenbaum gezeigt, dessen Sammlung von rund 500.000 wirbellosen Tieren von seinem Freund Jan Żabiński versteckt wurde. Im Keller ist ein Gedenkraum für Magdalena Gross, die Tonfiguren der Zootiere anfertigte.[1][5] 2021 wurde an der Fassade der Villa eine Gedenktafel enthüllt. Im Oktober 2022 wurde der Name des Warschauer Städtischen Zoos (mit Wirkung zum 1. Januar 2023) in „Städtischer Zoo Antonina und Jan Żabiński in Warschau“ (Miejski Ogród Zoologiczny im. Antoniny i Jana Żabińskich w Warszawie) geändert.[6]
- Ausstellung in der Villa
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Insektenpräparate von Szymon Tenenbaum
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Plakate und Aufsteller mit Zoo-Szenen
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Namen und Fotos von im Zoo versteckten Menschen
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Gedenkraum für Magdalena Gross
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Vergrößerte Urkunde von Yad Vashem
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i Maxim Chornyi: The History of the Warsaw Zoo before WWII. Antonina and Jan Żabiński. In: war-documentary.info vom 20. Juli 2024. Abgerufen am 17. September 2025
- ↑ a b The Zabinski Family. In: sprawiedliwi.org. Abgerufen am 17. September 2025
- ↑ a b c d e f Barbara Pawlak, Radosław Sykuła: Antonina Żabińska. In: Muzeum Warszawy. Abgerufen am 16. September 2025
- ↑ a b c d e f g h i Historia Oczami Rodziny. Anna Żabińska. Jan Żabińska. In: Zabinski Foundation. Abgerufen am 16. September 2025
- ↑ a b History of the Żabiński Villa. In: Zoologischer Garten Warschau. Abgerufen am 16. September 2025
- ↑ a b c d e f g h Herausragende Polinnen. In: Polnisches Institut Düsseldorf. Abgerufen am 17. September 2025
- ↑ a b c d e f Katja Iken: Das Versteck im Zoo. In: Der Spiegel vom 13. September 2017. Abgerufen am 16. September 2025
- ↑ Diane Ackerman: The Zookeeper’s Wife. A War Story. Penguin Random House 2007, ISBN 978-0-393-06172-7.