Antonín Vězda

Antonín „Toni“ Vězda (* 25. November 1920 in Brünn; † 10. November 2008 ebenda) war ein tschechischer Biologe, der sich auf Flechtenkunde (= Lichenologie) spezialisiert hatte. Er gilt als einer der herausragenden Flechtentaxonomen des 20. Jahrhunderts. Durch seine vergleichsweise zurückgezogene und solitäre Arbeitsweise erwarb er sich unter Fachkollegen den Ruf eines Kuriosums beziehungsweise Sonderlings, was ihm allerdings nicht negativ ausgelegt wurde.

Leben

Herkunft, Ausbildung und Privatleben

Er kam im Herbst 1920 in der damals noch jungen Tschechoslowakei in der Großstadt Brünn, dem historischen Zentrum der Region Mähren, zur Welt und hatte noch einen jüngeren Bruder. Sein Vater arbeitete als Drucker, interessierte sich aber auch sehr für Gartenbau und Pilzkunde (= Mykologie).[1] Nach seinem Schulabschluss 1940 war Antonín die Aufnahme eines Studiums wegen der deutschen Besatzung seines Heimatlandes und des Zweiten Weltkrieges zunächst nicht möglich. Nach dem Ende des Krieges wurde er 1945 Assistent von Alois Zlatník (1902–1979), der damals als Dendrologe an der Fakultät für Landwirtschaft und Forstwissenschaft der Tschechischen Technischen Universität in Prag arbeitete. Zur selben Zeit immatrikulierte sich Vězda für ein Studium der Naturgeschichte an der Masaryk-Universität in Brünn. Dort schloss er 1947 mit zwei Diplomen in Naturwissenschaften und Forstwissenschaft ab und vier Jahre später erhielt er 1951 auch ein Diplom in Forstingenieurwesen von der Tschechischen Technischen Universität.[A 1] An der daraus hervorgegangenen Tschechischen Agraruniversität wurde er schließlich 1967 mit der Dissertation Taxonomická studie lichenizovaných hub čeledi Gyalectaceae sensu Zahlbruckner. I. Rody Gyalecta Ach., Gyalectina Vězda, Pachyphiale Lönnr. a Dimerella Trevis.[A 2] über die Flechtenfamilie Gyalectaceae zum Kandidaten der Wissenschaften promoviert.

Beruf

Ab 1951 lehrte Vězda Forstbotanik an der Fakultät für Landwirtschaft und Forstwissenschaft der Tschechischen Technischen Universität in Prag beziehungsweise ab 1952 an der daraus hervorgegangenen Tschechischen Agraruniversität. Er war zunächst mit lokalen floristischen, vegetationsgeographischen und ökologischen Fragen beschäftigt, wandte sich aber dann – beeinflusst von Josef Podpěra (1878–1954), Josef Nádvorník (1906–1977) und Zdeněk Černohorský (1910–2001) – den Flechten zu.[1] Motiviert wurde dieser Schritt auch durch die Tatsache, dass sich einige jüngere Botaniker in der Tschechoslowakei bereits mit dem verwandten Feld der Moose (Mooskunde = Bryologie) beschäftigten, es aber zu jenem Zeitpunkt in der Lichenologie weniger Konkurrenz gab.[2] Noch vor Ende des Jahrzehnts wurde er allerdings 1958 aus politischen Gründen entlassen, da er dem kommunistischen Regime als nicht vertrauenswürdig galt. Daraufhin waren seine Aussichten, eine akademische Karriere fortsetzen zu können, limitiert, weswegen er zunächst eine Stelle als Förster und Forsttechniker annahm.[1]

Nachdem er sich am botanischen Institut der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften in Průhonice zunächst freiberuflich wieder in die Flechtenkunde einarbeiten durfte, erhielt er dort 1963 eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter für dieses Fachgebiet.[3] Man erlaubte ihm, die Arbeit von zu Hause durchzuführen, woraufhin sich seine Dreizimmerwohnung in einem Brünner Plattenbau zum Büro und Herbarium entwickelte. Seine Adresse – Tábor 28 A im Stadtbezirk Žabovřesky () – wurde im Laufe der Jahrzehnte Flechtenforschern auf der ganzen Welt ein Begriff, da sie als Korrespondenzadresse auf seinen Publikationen aufgeführt war.[3] Viele lernten ihn nie persönlich kennen, sondern lediglich durch Korrespondenzen, wenn sie ihm beispielsweise Flechtenexemplare zur Bestimmung schickten. Auf diese Weise machte er auch die Bekanntschaft von Josef Poelt (1925–1995), mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte.

Wissenschaftliche Bedeutung

Vězda war bis Anfang der 2000er Jahre wissenschaftlich aktiv und genoss international höchstes Ansehen für seine taxonomischen Studien. Er besaß etwa 500 lichenologische Bücher und 10.000 Nachdrucke sowie ein persönliches Herbarium mit mehr als 300.000 Belegen. Diese Sammlungen liegen nun im botanischen Institut der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik. Wenngleich er sich der Bestimmungsarbeit und dem Sammlungsaufbau vorwiegend in seiner eigenen Wohnung widmete, führte er doch auch intensive Feldarbeiten durch und war ein leidenschaftlicher Flechtensammler. Während des Kalten Krieges waren seine Exkursionen – abgesehen von einigen Ausnahmen (Frankreich 1965, Österreich, Schweden und Schweiz 1967, Mittelmeerraum und Alpen) – auf Osteuropa und den Kaukasus beschränkt, doch nach der Öffnung des Eisernen Vorhanges bereiste er – bereits im Ruhestand – zahlreiche Regionen in West- und Südeuropa sowie in Übersee, beispielsweise die Kanarischen Inseln, Dominica, Neuseeland, Malaysia und die Seychellen.[1]

Sein Hauptinteresse galt den follicolen Flechten, also solchen, die zumeist in tropischen Klimaten auf den Blättern von Gefäßpflanzen wachsen. Hier trug seine Arbeit maßgeblich zu einem vertieften Verständnis dieser Organismen bei.[1] In einem 1973 publizierten Aufsatz führte er den heute gängigen Begriff der „Hyphophoren“ in die Lichenologie ein.[1] Hierbei handelt es sich um mikroskopisch kleine sporenproduzierende Strukturen in follicolen Flechten. Vierzehn Jahre später führte Vězda 1987 die Familie Gomphillaceae wieder ein und subsumierte unter ihr beispielsweise die sehr disparaten Gattungen Gomphillus und Aulaxina. Dieses Ansinnen stieß zunächst mehrheitlich auf Ablehnung, wurde aber schließlich 2004 durch molekularbiologische Studien bestätigt.[1]

Im Laufe seiner Karriere veröffentlichte er 376 Fachaufsätze, wobei er in etwa 70 Prozent davon als alleiniger Autor agierte. Sofern er eine Arbeit nicht alleine schrieb, hatte er zumeist nur einen einzigen Co-Autor, in der Regel Josef Poelt, William W. Malcolm oder Klaus Kalb.[3] Posthum wurde insbesondere auch die Qualität der zahlreichen von Vězda selbst angefertigten Zeichnungen gelobt, die er für fast alle seine Publikationen beisteuerte. Die große Anzahl dieser Illustrationen „konnten lediglich ein paar wenige seiner Vorgänger und Kollegen [ebenbürtig abliefern]“.[1] Er benannte insgesamt 478 Taxa – darunter zwei Familien, 38 Gattungen und 399 Arten – und schlug 282 neue Kombinationen vor.[1] Darüber hinaus stellte Vězda auch mehrere umfangreiche Exsiccaten-Werke[A 3] zusammen: Die Lichenes Bohemoslovakiae exsiccati (1957–1959) war noch regional beschränkt und beinhaltete zahlreiche Flechtenarten seines Heimatlandes, wohingegen die Lichenes selecti exsiccati (1960–1991) mit rund 2500 Belegen von 308 Sammlern 1979 Taxa abbildete und eine der größten jemals herausgegebenen Exsiccata war.[2] Letztere wurde von Lichenologen und Herbarkuratoren weltweit hoch gelobt. Schließlich enthielt die Lichenes Rariores Exsiccati (1992–2003) noch einmal etwa 500 Belege von 468 Taxa, die von 72 Sammlern zusammengetragen worden waren. Vězdas Exsiccatae befinden sich heute im Nationalmuseum in Prag.

Ehrungen und Bewertung

„Er war nicht nur einer der letzten universalen Taxonomisten, und für viele der prominenteste, er war auch ein herausragendes Beispiel von Jemandem mit der besonderen Begabung, natürliche Beziehungen alleine durch Mikroskopie erkennen zu können, ohne die Notwendigkeit einer DNA-Sequenzierung. Vězda war ein herausragender Taxonomist, ein exzellenter Sammler und außergewöhnlicher Flechtenspezialist. [...] [Er] war eine sensible und extrem bescheidene Person, sich absolut der Wissenschaft hingebend und respektvoll ihr gegenüber.“

Farkas, Lücking & Wirth (2010)[1]

Seine Fachkollegen Edit Éva Farkas, Robert Lücking und Volkmar Wirth verfassten zwei Nachrufe auf Antonín Vězda, die im Januar 2010 in The Lichenologist sowie im März 2010 in der Acta Botanica Hungarica erschienen. Darin bezeichneten sie ihn unter anderem als „Star der Lichenologie“.[1] Lücking erwähnte ihn in einem Interview 2021 auch als seinen Lieblingslichenologen und nannte ihn den „vermutlich hervorragendsten Flechtentaxonomisten des vergangenen Jahrhunderts“.[4] Seit 1976 sind drei Flechtengattungen und mindestens 24 Arten nach Vězda benannt worden. Des Weiteren erhielt er folgende Auszeichnungen:

  • 1992: Acharius-Medaille der International Association for Lichenology
  • 1995: Holuby-Gedenkmedaille der Slowakischen Botanischen Gesellschaft
  • 1995: Festschrift der Fachzeitschrift Scripta Lichenologica zu Vězdas 75. Geburtstag
  • 2010: Die ungarische Lichenologin Edit Éva Farkas widmet Vězda ein von ihr publiziertes Exsiccaten-Werk
  • Ehrenmitglied der British Lichen Society, der Societa Lichenologica Italiana, der Tschechischen Botanischen Gesellschaft sowie der Tschechischen Mykologischen Gesellschaft

Anmerkungen

  1. In der Literatur findet sich vielfach die Angabe, dass Vězda an der Tschechischen Agraruniversität in Prag studiert habe. Diese ging jedoch erst 1952 als selbständige Hochschule aus der Fakultät für Landwirtschaft und Forstwissenschaft der Tschechischen Technischen Universität hervor.
  2. In der biologischen Nomenklatur ist es üblich, den Namen oder das Namenskürzel des erstbeschreibenden und benennenden Autors in Kapitälchen an den wissenschaftlichen Namen des jeweiligen Taxons anzuhängen.
  3. In früheren Zeiten waren Abbildungen in botanischer Bestimmungsliteratur und Florenwerken aufgrund der hohen Herstellungs- und Druckkosten selten. Man behalf sich, in dem man gut bestimmte Belege als vollständige Sammlungen zum Verkauf oder zum Tausch anbot. Diese systematisch zusammengestellten Schulungs- und Vergleichsherbarien nennt man Exsiccaten-Werke (oder Sg.: Exsiccata, Pl.: Exsiccatae).
Wikispecies: Antonín Vězda – Artenverzeichnis

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k Edit Farkas; Robert Lücking; Volkmar Wirth: A tribute to Antonín Vězda (1920–2008). In: The Lichenologist. Band 42, Ausgabe 1, Januar 2010, Seiten 1–5.
  2. a b Josef Poelt: „Antonin Vězda“. Abgerufen auf ial-lichenology.org (International Association for Lichenology) am 29. November 2025.
  3. a b c Edit Farkas; Robert Lücking; Volkmar Wirth: In memoriam Antonín Vězda (1920–2008). In: Acta Botanica Hungarica. Band 52, Ausgaben 1–2, März 2010, Seiten 9–21.
  4. „Lichenology – Past, Present and Future“. Am 12. März 2021 auf cambridge.org (University of Cambridge). Abgerufen am 29. November 2025.