Annie Rosenblüth
Annie Rosenblüth (* 8. Oktober 1890 in Berlin als Anna Margarete Lesser; † 8. März 1966 in Kidlington, England) war eine in Deutschland geborene jüdische britische Goldschmiedin, Kunsthandwerkerin, Illustratorin und Unternehmerin.
Werdegang
Annie Lesser wurde in Berlin geboren und besuchte die Schule Reimann in Berlin-Schöneberg, eine private Kunst- und Kunstgewerbeschule. Sie lernte beim Goldschmied Adolf von Mayrhofer in München und setzte ihre Ausbildung an der Königlichen Kunstgewerblichen Lehr- und Versuchswerkstätte Stuttgart sowie der Höheren Fachschule für Textil und Bekleidungsindustrie in Berlin fort.[1][2] 1913 stellte sie sich bei der Berliner Handwerkskammer zur Gesellenprüfung vor und erhielt 1913 ihren Gesellenbrief als Gold- und Silberschmiedin. Damit gehörte sie zu den ersten Goldschmiedinnen mit offiziellem Qualifikationsnachweis.[3] Sie arbeitete als Schmuckdesignerin und fertigte ihre eigenen Entwürfe an.
In Berlin lernte sie ihren späteren Mann Felix Rosenblüth (1887–1978) kennen, der später unter dem Namen Pinchas Rosen israelischer Justizminister wurde. Nach der Heirat kamen 1915 und 1919 die Kinder Hans und Dina zur Welt. Die Familie wohnte in der Nähe des Berliner Tiergartens und hatte ein Sommerhaus außerhalb der Stadt.[4] Mit ihrer Familie lebte Annie Rosenblüth Mitte der 1920er Jahre eine Zeitlang in London, wohin ihr Mann für die zionistische Gewerkschaftsbewegung geschickt worden war. Als er 1926 ins britische Völkerbundsmandat für Palästina übersiedelte, beschloss das Paar, sich vorübergehend zu trennen. Annie Rosenblüth interessierte sich nicht für Zionismus und konnte den Plänen einer Besiedelung Palästinas nichts abgewinnen.[4] Vor allem, nachdem sie die Region 1924 einmal besucht hatte, weigerte sie sich strikt, dorthin zu ziehen[2] und blieb mit den Kindern vorerst in Deutschland.[3][5][6]
Leben in England
Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers und um dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland zu entgehen, emigrierte Annie Rosenblüth mit ihren beiden Kindern 1933 nach London und nannte sich dort in der Öffentlichkeit Annie Margaret Ross.[1] Sie fand eine Wohnung in Nordlondon, schickte Hans und Dina auf die örtliche Schule[4] und eröffnete eine Pension im vor allem von Juden bewohnten Stadtteil Golders Green des Stadtbezirks London Borough of Barnet. Sie galt als attraktive, charmante, intelligente und durchsetzungsstarke Frau, die in ihrer Pension auch viele Migranten beherbergte, darunter etwa Hans Jonas, Karl Mannheim und andere prominente jüdische Persönlichkeiten. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges zog sie nach Kidlington bei Oxford in Oxfordshire und richtete sich eine kleine Werkstatt für Kunsthandwerk ein. Sie machte sich mit ihrer Kunst selbstständig und produzierte unter dem Label „Fancycraft“ erfolgreich bemalte Laubsägearbeiten und selbstgebautes Spielzeug.[3][5][7]
Mit Ausbruch des Krieges wurden alle Emigranten aus Deutschland und Österreich, die von England als potentiell „feindliche Ausländer“ eingeschätzt wurden, zur Internierung unter Militärbewachung nach Australien transportiert, darunter auch Annie Rosenblüths Sohn Hans. Die Fahrt auf dem mit 2.542 Männern (hauptsächlich jüdische und politische Emigranten) überfüllten Truppentransporter Dunera dauerte 57 Tage vom 10. Juli bis 6. September 1940 und war geprägt von Hunger, Brutalität und Willkür der Besatzung gegen die Gefangenen. Hans wurde mit vielen anderen Flüchtlingen in einem abgelegenen Lager in Hay in New South Wales interniert und Annie Rosenblüth sah ihren Sohn erst zehn Monate später wieder. Dennoch meldete er sich nach seiner Heimkehr freiwillig zum Militär, änderte seinen Namen in John Caryl Ross und schloss sich dem „British Army's Pioneers Corp“ Pionierkorps der britischen Armee an. Er kämpfte in British Malaya und kehrte erst zwei Jahre später im Rang eines Hauptmanns nach England zurück.[4]
Annie Rosenblüth blieb auch nach Kriegsende in England. Ihr Mann besuchte die Familie regelmäßig,[5] auch nachdem die Ehe geschieden worden war und er erneut geheiratet hatte.[2] Annie Rosenblüth starb 1966 in Kidlington im nordöstlichen Oxfordshire.
Kunsthandwerk
Annie Rosenblüth gehörte zu den ersten Frauen in Deutschland, die offiziell (von der Berliner Handelskammer) als Gold- und Silberschmiedin anerkannt wurden. Sie gestaltete zudem Laubsägearbeiten und Spielzeug.[5]
Für den Jüdischen Nationalfonds (JNF) entwarf sie ein illustriertes Domino-Spiel für Palästina,[8] das 1925 auf dem 14. Zionistenkongress in Wien vorgestellt wurde.[1] Die Karten zeigten, wie die zuvor in Sammelbüchsen gesammelten Spenden für den JNF im britischen Völkerbundsmandat für Palästina verwendet wurden.[9] Ihre deutschen und international beliebte Märchenfiguren wie Hans im Glück, Hänsel und Gretel, Rotkäppchen und die Bremer Stadtmusikanten wurden 1951 im Rahmen der Nationalaufstellung Festival of Britain ausgestellt[1][4] und erhielten das Prädikat „Best of British“.[7][8]
Im Jahr 2025 zeigte das Jüdische Museum Berlin die Ausstellung Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne, in der auch Annie Rosenblüth vertreten war.[10]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Rosenblüth, Annie. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 3. Dezember 2025
- ↑ a b c Episode 88: Pinchas Rosen. In: israelstory.org. Abgerufen am 3. Dezember 2025
- ↑ a b c Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 70–71, 82
- ↑ a b c d e Nick Ross: My father fled the Nazis – now I’ve become a German citizen. In: The Times vom 25. Oktober 2018. Abgerufen am 3. Dezember 2025
- ↑ a b c d Cathrin Kahlweit: You're welcome. In: Süddeutsche Zeitung vom 18. Dezember 2018. Abgerufen am 3. Dezember 2025
- ↑ Hans Jonas: Memoirs. Brandeis University Press 2021, ISBN 978-1-6845-8046-0, S. 82 (eingeschränkte Buchvorschau). Abgerufen am 3. Dezember 2025
- ↑ a b Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 253
- ↑ a b Karlen Vesper: »Sei nicht traurig, du bist tapfer«. In: nd vom 31. Juli 2025. Abgerufen am 3. Dezember 2025
- ↑ Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 183
- ↑ Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 3. Dezember 2025