Annemarie Buchholz-Kaiser

Annemarie Buchholz-Kaiser (* 12. Oktober 1939 in Dussnang; † 21. Mai 2014 ebenda) war eine Schweizer Psychologin und Psychotherapeutin.[1]

Leben

Annemarie Buchholz-Kaiser wurde als zweites von drei Kindern von August und Anna Kaiser-Siegfried in der Gemeinde Dussnang im Kanton Thurgau geboren. Ihr Vater bewirtschaftete anfangs einen Bauernhof auf dem Hackenberg[2], übernahm aber 1937 die Stelle des Verwalters der Darlehenskasse in Dussnang. Laut biografischer Angaben ihres Bruders August Kaiser[3] besuchte sie hier zwei Jahre die Sekundarschule und danach die dritte Sekundarklasse im Institut Heilig Kreuz in Cham. Sie absolvierte zunächst ein Welschlandjahr als au pair bei einer Familie in Pully, um ihr Französisch zu verbessern. Anschliessend absolvierte sie bei ihrem Vater bei der Darlehenskasse Dussnang als erste Lehrtochter eine kaufmännische Lehre. Danach fügte sie ein weiteres Zwischenjahr mit einem Sprachaufenthalt in England ein, den sie mit dem angesehenen Cambridge Proficiency Examen abschloss.

Zurückgekehrt in die Schweiz, trat sie in Zürich bei einer Bank eine Stelle an. Durch einen Kollegen in ihrer Bank wurde sie auf die psychologische Arbeit des Tiefenpsychologen Friedrich Liebling aufmerksam und lernte seine psychologische Beratungspraxis, die «Zürcher Schule für Psychotherapie», kennen. 1961 verliess sie die Bank und trat eine Halbtagesstelle als Sekretärin bei dem Verband der Studierenden an der ETH Zürich an. Sie besuchte nebenbei das Abendgymnasium des Instituts Juventus und legte 1964 die eidgenössische Maturitätsprüfung Typus B ab. Danach begann sie an der Universität Zürich ein Philosophiestudium mit den Fächern Allgemeine Geschichte, Philosophie und Psychologie (letzteres bei Detlev von Uslar). Dabei befasste sie sich auch intensiv mit dem libertären Sozialismus, etwa mit James Guillaume, einem Schweizer Anarchisten aus dem Jura, und ihre Lizentiatsarbeit (1972) hatte den Titel «Individuum und Gemeinschaft bei Pierre-Joseph Proudhon». 1977 schloss sie ihre Dissertation bei Wilhelm Keller mit dem Titel «Das Gemeinschaftsgefühl – Entstehung und Bedeutung für die menschliche Entwicklung» ab.[4][5]

Werk

Buchholz-Kaiser arbeitete psychotherapeutisch unter Leitung von Friedrich Liebling an der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle in Zürich. Dort fungierte sie später auch als Supervisorin. Nach dessen Tod gründete sie 1986 aus den Resten der Zürcher Schule für Psychotherapie den Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM), einen psychologisch-pädagogisch orientierten interdisziplinären Verein, der als sektiererisch und rechtsaussen bezeichnet wurde.[6] Sie wird in diesem Zusammenhang als die «Dominatorin einer Grosssekte»[7] bzw. als «Sektenführerin»[8][9] des 2002 aufgelösten Vereins bezeichnet.

Buchholz-Kaiser war auch Mitbegründerin des Internats und der Schule für Erziehungshilfe Schloss Bohlingen.[10]

Nachdem die meisten juristischen Prozesse gegen ihre Gegner (u. a. Elternvereine, Medien, Schulbehörden, Bischofskonferenz) für sie negativ ausgegangen sind und dem VPM ein Vermögen gekostet haben[11], zogen sie und ihr Mann sich in ihr Elternhaus nach Dussnang zurück; Dutzende von Anhängern folgten ihr in den Hinterthurgau und kauften sich hier Häuser. Sie und ihre Gruppe wurden Selbstversorger, erwarteten den grossen globalen Kollaps und hatten Angst vor vergifteten Lebensmitteln.[7]

Publikationen (Auswahl)

Monografien
  • Individualpsychologische Bildungsarbeit: Aspekte der analytischen Bearbeitung von Persönlichkeitsproblemen in Gruppen. Das Gemeinschaftsgefühl bei Alfred Adler im Vergleich zur Therapie der Psychosen bei Frieda Fromm-Reichmann. Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis, VPM, Zürich 1991, ISBN 978-3-906989-04-4.
  • Das Gemeinschaftsgefühl: Entstehung und Bedeutung für die menschliche Entwicklung; eine Darstellung wichtiger Befunde aus der modernen Psychologie. Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis, VPM 1981, ISBN 978-3-85999-007-4.
  • Kinder fordern uns heraus … Bücher wollen helfen. Ein Auswahlverzeichnis der Berliner Stadtbüchereien. Amerika-Gedenk-Bibliothek, Berlin 1970.
Herausgeberschaften
  • Mit Franz-Josef Kaiser: Projektstudium und Projektarbeit in der Schule. Klinkhardt, Bad Heilbrunn/Obb. 1977, ISBN 978-3-7815-0315-1.

Literatur

Einzelnachweise

  1. August Kaiser: Aus dem Leben von Annemarie Buchholz-Kaiser. 2014, abgerufen am 31. Dezember 2025.
  2. Wir nehmen Abschied von Dr. phil. Annemarie Buchholz-Kaiser (1939–2014) auf Zeit-Fragen, abgerufen am 31. Dezember 2025.
  3. Zum Tod von Dr. phil. Annemarie Buchholz - Kaiser (12.10.1939 - 21.05.2014), abgerufen am 7. Januar 2026.
  4. Martin Ulrich: VPM, S. 6 auf silo-tips, abgerufen am 6. Januar 2026.
  5. Erika Vögeli; Moritz Nestor: Ein Leben für mehr Freiheit und soziale Verbundenheit. Leben und Werk von Annemarie Buchholz-Kaiser, Versuch einer Annäherung auf naturrecht.ch vom 30. September 2024, abgerufen am 6. Januar 2026.
  6. Annemarie Buchholz-Kaiser auf relinfo.ch, abgerufen am 31. Dezember 2025.
  7. a b Hugo Stamm: Dominatorin einer Grosssekte. In: Tages-Anzeiger. 23. Mai 2014, abgerufen am 31. Dezember 2025 (Nachruf).
  8. VPM-Gründerin Buchholz ist tot. In: St. Galler Tagblatt. 27. Mai 2014, abgerufen am 31. Dezember 2025.
  9. Urteil 119 Ib 166. Bundesgericht, abgerufen am 31. Dezember 2025.
  10. Traueranzeige Annemarie Buchholz-Kaiser im Südkurier, abgerufen am 31. Dezember 2025.
  11. Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis (VPM) und Zürcher Schule auf Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), abgerufen am 8. Januar 2026.