Annelies Lohner-Sutter-Stöttner

Annelies Lohner-Sutter-Stöttner (geb. Anneliese Stöttner, vor allem bekannt als Annelies Lohner; * 1918 in Dorfen, Oberbayern; † 2012 in Münchwilen) war eine deutsch-schweizerische Alpinistin, Expeditionsteilnehmerin, Journalistin und Autorin. Sie initiierte die Schweizer Himalaya-Expedition von 1947, bei der mehrere Erstbesteigungen im Garhwal-Himalaya gelangen, darunter der Balbala (6419 m).[1] Ihr Name ist mit den frühen Aktivitäten der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschungen und mit der von ihr mitgetragenen Stiftung Alfred und Anneliese Sutter-Stöttner verbunden.[2][3]

Leben

Anneliese Stöttner wurde 1918 in Bayern als Tochter von Mühlenbesitzern in Dorfen, Bezirksamt Erding, geboren.[4] Ihre Familie wohnte in der Niedermühle am Isenwehr. In den 1930er-Jahren zog Familie Stöttner wohl nach München.[5]

Sie heiratete den Schweizer Schauspieler Alfred Lohner, der damals noch Ensemblemitglied am Burgtheater in Wien war, und trug den Namen Anneliese Lohner-Stöttner. Er wurde 1933 wegen Missbrauch verhaftet und zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. 1938 kam sie, mit kaum 20 Jahren, mit ihm in die Schweiz, wo er hauptsächlich am Stadttheater Bern im Theater auftrat. Später wurden Anneliese und Alfred Lohner geschieden.[6] In ihren Veröffentlichungen, unter anderem in der Reihe Berge der Welt der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschung (SSAF), verwendete sie meist den Namen Annelies Lohner.

Auf einer Expeditionsreise verliebte sie sich in den Thurgauer Industriellen und Bergsteiger Alfred Sutter.[7] Das Paar heiratete nach ihrer Rückkehr; sie trug den Namen Anneliese Sutter-Stöttner. Das Ehepaar Sutter-Stöttner liess sich in Münchwilen (Kanton Thurgau) nieder, wo Sutter eine Essig- und Schuhwachsfabrik führte. 1951 liess das Paar dort eine Villa errichten.[8]

In den 1960er-Jahren engagierten sich die Sutters gemeinsam mit der Schweizerischen Gesellschaft für Tüllindustrie AG für tibetische Flüchtlinge in der Schweiz, bauten ein Heim für Tibeterinnen und Tibeter in St. Margarethen und beschäftigten fortan in den Betrieben der Firma A. Sutter Tibeterinnen und Tibeter.[8]

Nach Anneliese Sutter-Stöttners Tod im Jahr 2012 ging die Liegenschaft an der Murgtalstrasse 2 in Münchwilen in das Eigentum der Gemeinde Münchwilen über. In der Liegenschaft sollte neu Kunst und Kultur gezeigt werden. Der dazugehörige Park wurde ihrem Willen folgend Alfred Sutter Park benannt; dieser sollte der Öffentlichkeit tagsüber zugänglich sein.[8] Das soziale Engagement des Ehepaars wird heute in der Alfred und Anneliese Sutter-Stöttner-Stiftung fortgeführt.[1] Die Stiftung verfolgt einen wohltätigen Zweck mit einem Schwerpunkt auf Förderung von Kunst und Kultur, der Unterstützung bedürftiger Personen sowie auf Projekten im Bereich Medizin, Tierschutz und Hilfe für Bergbevölkerungen.[9][10]

Alpinistische Laufbahn

Zum Bergsteigen kam Sutter-Stöttner nach ihrem Umzug ins Berner Oberland. Gemeinsam mit dem Zermatter Bergführer Alexander Graven unternahm sie zahlreiche Berg- und Klettertouren in den Berner Alpen und Walliser Alpen. Dazu gehörten unter anderem das Finsteraarhorn über die Nordostwand sowie Besteigungen aller vier Grate des Matterhorns.[11][1] Ihre bergsteigerischen Leistungen waren zur damaligen Zeit außergewöhnlich, da Frauen in diesem Bereich kaum vertreten waren.[1]

Himalaya-Expedition von 1947

Sutter-Stöttner war die Initiantin der Schweizer Himalaya-Expedition von 1947, die unter dem Patronat der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschung (SSAF) stand.[1][12] Sie entwickelte die Idee gemeinsam mit Alexander Graven, woraufhin die SSAF nach anfänglichen Bedenken ihre Unterstützung zusagte. Die Bedenken der SSAF bezogen sich auf die Teilnahme von einer Frau an der Expedition. So schreibt Ernst Feuz im Vorwort des Expeditionsberichts: «Wir fragten uns, ob wir es verantworten könnten, einer Frau diese monatelangen, höchsten Einsatz fordernden Strapazen und Gefahren zuzumuten. Doch nach sorgfältiger Prüfung des Dafürs und Dawiders durften wir sagen: Gewogen, gewogen, und nicht zu leicht befunden.»[13] Vor der Himalaya-Expedition 1947 musste Anneliese Lohner sich auch in einem Radiointerview gegen Zweifel an ihrer Erfahrung verteidigen.[1] Im Radiointerview von «Echo der Zeit» umschrieb sie ihre journalistischen Aufgaben auf der Expedition wie folgt: «Ich bin verantwortlich dafür, dass Pressemeldungen und die Radioberichte pünktlich abgegeben werden, und das ist eigentlich meine Hauptaufgabe. Im Übrigen habe ich mir noch einen speziell gut ausgestatteten Nähbeutel mit ins Gepäck getan, denn meine Kameraden werden sicher mehrere Male etwas zu flicken haben und das ist auch sehr wichtig.»[13] Auf die Frage, ob sie schon «verschiedene Gipfel gestürmt» habe, antwortete sie, sie habe rund drei Dutzend Viertausender bestiegen – eine Aussage, die selbst den Moderator verblüffte; insbesondere in Anbetracht dessen, dass Lohner nach eigenen Angaben erst vor drei bis vier Jahren mit dem Bergsteigen begonnen hatte.[13][1]

Das Expeditionsteam bestand aus Annelies Lohner, Alexander Graven, René Dittert, André Roch und Alfred Sutter.[14] Begleitet wurden sie von Sherpas, darunter Ang Norbu und Tenzing Norgay, der später (1953) gemeinsam mit Edmund Hillary den Mount Everest erstbesteigen sollte.

Ziel der Expedition war die Erkundung des Gangotri-Massivs im Garhwal-Himalaya (Grenzgebiet zwischen Indien und Tibet). Der Anmarsch ins Basislager mit über 100 Trägern dauerte 16 Tage. Die Expedition verzeichnete fünf Erstbesteigungen von Sechs- und Siebentausendern, darunter der Satopanth (7075 m), der Kedarnath (6940 m), der Kolindi Peak (6102 m), der Nanda Ghunti (6310 m) und der Balbala (6419 m), dessen Gipfel Annelies Lohner am 25. August 1947 gemeinsam mit Graven, Dittert, Sutter, Ang Norbu und Tenzing erreichte – ihr größter alpinistischer Erfolg.[1][12]

Während der Expedition dokumentierte sie die Ereignisse, das Alltagsleben im Basislager und Begegnungen mit Einheimischen, die häufig medizinische Hilfe suchten. Ihre Beschreibungen zählen zu den wichtigen zeitgenössischen Quellen der frühen Schweizer Himalaya-Forschung.[1]

Himalaya-Expedition von 1949

Zwei Jahre später startete Annelies Lohner, René Dittert und Alfred Sutter erneut zu einer Frühjahrsreise in das Gebiet des Kangchendzönga, des dritthöchsten Achttausenders im äußersten Osten des Himalaja. Mit von der Partie waren auch Edouard Wyss-Dunant, ein Arzt aus Genf, sowie der Wengener Alfred Rubi und Jacob Pargätzi aus Grindelwald.[15] Das ausschliesslich alpinistische Ziel dieser Unternehmung bestand in der Besteigung mehrerer Siebentausender und in den physiologischen Beobachtungen von Dr. Edouard Wyss-Dunant.[12]

Bedeutung

Lohner war eine der ersten Frauen, die in den 1940er-Jahren an großen Himalaya-Expeditionen teilnahmen und dabei eine führende Rolle einnahmen. Ihre Initiative und ihr Erfolg bei der Expedition von 1947 gelten als wichtige Etappe in der Schweizer Expeditionsgeschichte und trugen zur Vorbereitung der späteren Mount-Everest-Besteigungen bei.[1]

Besteigungen und Begehungen (Auswahl)

Lohner war an folgenden Erstbesteigungen und -begehungen maßgeblich beteiligt:

  • 1947 1. Begehung, 8. Kreuzberg-Südwestpfeiler, V-, 2056 m, (Alpstein)
  • 1947 1. Besteigung, Balbala, 6416 m, (Garhwal Himalaya,Nordindien)
  • 1949 1. Besteigung, Dzanye Peak, 6710 m, (Himalaya)
  • 1949 1. Besteigung, Tengkoma, 6215 m, (Himalaya)

Sonstige wesentliche Begehungen:

  • 1945 5. Begehung, Finsteraarhorn-Nordostwand „Hasler-Führe“, 4274 m, (Berner Alpen)
  • Begehung aller vier Grate am Matterhorn, 4478 m, (Walliser Alpen)
  • Begehung Monte Rosa-Nordend „Catherinengrat“, 4609 m, (Walliser Alpen)
  • Begehung Obergabelhorn-Südwand, 4063 m, (Walliser Alpen)
  • Besteigung Kangma, 6250 m, (Himalaya)

Bibliografie (Auswahl)

  • Berge der Welt. Band 2. Hrsg. im Auftrag der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschungen. Büchergilde Gutenberg, Zürich (Enthält Berichte zur Schweizer Garhwal-/Himalaya-Expedition 1947 mit Alfred Sutter und Anneliese Lohner).
  • Weitere Bände der Reihe Berge der Welt (z. B. Band VII, 1952; Band XII, 1958/59; Band XVI, 1966/67) zur Entwicklung der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschungen und ihrer Expeditionstätigkeit.[16]
  • The Swiss Garhwal Expedition of 1947. Bericht mit Abschnitt von Mme Annelies Lohner (englische Fassung in einem Himalaya-Jahrbuch; digital zugänglich über eine Vereins- oder Clubpublikation).[2]
  • Dokumentation Schweizerische Himalaya-Expedition 1947. Mit Teilnehmerliste und Kurzangaben zu Erstbesteigungen (u. a. Kedarnath, Satopanth, Balbala).[17]

Literatur

  • Caroline Fink, Karin Steinbach: Erste am Seil. Pionierinnen in Fels und Eis. Tyrolia Verlag, 2013, ISBN 978-3-7022-3252-8
  • Patricia Purtschert: Früh los. Im Gespräch mit Bergsteigerinnen über siebzig. Ein Porträtband. Mit Fotografien von Véronique Hoegger. 2. Auflage. Baden 2011, ISBN 978-3-03919-153-6.
  • SSAF: Schweizerische Stiftung für Alpine Forschung 1939–2014. SSAF-Eigenverlag, 2014.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j Anita Bachmann: «Wie wäre es denn, wenn wir einmal in den Himalaya gingen?» 29. Juli 2025, abgerufen am 9. November 2025 (Schweizer Hochdeutsch).
  2. a b The HJ/15/3 THE SWISS GARHWAL EXPEDITION OF 1947. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
  3. 75 Jahre Schweizerische Stiftung für Alpine Forschung SSAF | Bergliteratur. 11. April 2014, abgerufen am 30. November 2025.
  4. Anneliese Lohner. In: Der Spiegel. 18. Mai 1949, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 30. Dezember 2025]).
  5. Die Dorfener Pionierin im Himalaya. In: merkur.de. Münchner Merkur, 8. November 2025, abgerufen am 30. Dezember 2025.
  6. Ein Schweizer ist der Mädchenschänder von Wien. Die Schweiz weiss nichts davon. Abgerufen am 9. November 2025.
  7. Alfred Sutter. Abgerufen am 30. November 2025.
  8. a b c Villa Sutter und Alfred Sutter Park – Geschichte. Abgerufen am 9. November 2025.
  9. Alfred und Anneliese Sutter-Stöttner Stiftung. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
  10. Tanja von Arx: Die Villa wird zum Café. In: St. Galler Tagblatt. (tagblatt.ch [abgerufen am 29. November 2025]).
  11. Erstbesteiger Detail. Abgerufen am 26. November 2025.
  12. a b c «Gemslis» Expedition zum Thron der Götter. 11. Mai 2022, abgerufen am 26. November 2025.
  13. a b c Gesellschaft & Religion - «Heiss ersehnte Genugtuung» für die Pionierin im Himalaya. Abgerufen am 26. November 2025.
  14. Himalaya 1947 – Alpinfo. Abgerufen am 30. November 2025.
  15. Himalaya 1949 – Alpinfo. Abgerufen am 30. November 2025.
  16. [1] [2]
  17. Schweizerische Himalaya-Expedition 1947. Abgerufen am 29. November 2025.