Anna Whitlock
Anna Whitlock (geboren 13. Juni 1862 in Stockholm; gestorben 16. Juni 1930 in Djursholm) war eine schwedische Reformpädagogin, Journalistin, Suffragette und Feministin. Sie war Mitbegründerin und zweimalige Vorsitzende des Nationalen Verbandes für das Frauenwahlrecht.
Leben
Anna Whitlock war die Tochter des Großhändlers Gustaf Emanuel Whitlock. Das Unternehmen ihres Vaters ging in den 1860er Jahren in Konkurs und ihre Mutter Sophie Augusta Whitlock arbeitete als Lektorin. Zudem war sie Sekretärin des Fredrika-Bremer-Förbundet. Dank einer kleinen Erbschaft begann ihre Mutter später mit Häusern und Grundstücken zu handeln. Es war ihr ein Anliegen, kleine, bezahlbare Wohnungen für einkommensschwache, selbstständige Frauen zu errichten.[1] Ihre Schwester war die Schriftstellerin Ellen Whitlock (1848–1936). Anna Whitlock ging zunächst auf eine von den Schwestern Pontus in Stockholm geführte Vorschule und besuchte danach einen Kindergarten. Sie galt als ungezogen und ihre Wutausbrüche konnten gewalttätig werden. Sie wurde auf ein Mädcheninternat in Västerås geschickt. In dem Internat wurde sie als hochbegabte Schülerin eingeschätzt, jedoch wurde auch festgestellt, dass sie launisch war und nicht besonders liebenswert. Später deutete Anna Whitlock an, dass die Jahre vor ihrer Konfirmation zu den schwierigsten ihres Lebens gezählt haben.[1]
Nach der Schulzeit
Nachdem Anna Whitlock aus dem Internat zurück in ihr Elternhaus gekehrt war, schrieb sie sich 1869 für einen der sogenannte Rossander-Kurse von Jenny Rossander, Abendschule für angehende Lehrerinnen nach dem Vorbild des „Lärokurs för fruntimmer“, in Stockholm ein. Dort lernte sie auch Ellen Key kennen, die sie persönlich und beruflich prägte. Ihre erste Anstellung nahm sie als Vertretungslehrerin an der Adolf-Fredrik-Schule an. Anschließend arbeitete sie als Privatlehrerin in Finnland. Sie kehrte im Sommer 1872 nach Stockholm zurück und begann im Herbst ein Studium am „Högre lärarinneseminariet“. Das Studium schloss sie drei Jahre später mit Bestnoten ab.[1]
Nach dem Abschluss ihres Studiums reiste sie einige Zeit durch Europa. Sie verbracht mehrere Jahre in der Schweiz, Italien und Frankreich. Sie absolvierte pädagogische und sprachliche Studien und arbeitete von 1877 bis 1878 in Paris als Korrespondentin für die Zeitung Aftonbladet.[1]
Schulgründung und Vortragsarbeit
Whitlock kehrte 1878 nach Stockholm zurück und gründete ihre eigene Mädchenschule. Diese wurde 1893 in eine koedukative Schule umgewandelt. Zunächst trug die Schule den Namen Stockholms nya samskola und ab 1905 den Namen Whitlockska samskolan. Ihr Lehrplan basierte auf für ihre Zeit radikalen Ideen. Ein Grundsatz war die Neutralität der Schule gegenüber Religion. Es wurde großer Wert auf eine Ausbildung in den Naturwissenschaften sowie in praktischen Fächern wie Handwerk und Sport gelegt. Die Schülerinnen konnten zwischen verschiedenen Fächern wählen und zwischen theoretischen und praktischen Aufgaben abwechseln. Nachdem die Schule auch Jungen aufgenommen hatte, wurden Mädchen und Jungen gemeinsam in allen Fächern unterrichtet, auch in Fächern wie Kochunterricht, Näh- und Holzbearbeitungskursen sowie Sexualkunde.[1]
Neben dem Einsatz für ihre Schule engagierte sie sich auch in Organisationen der Volksbildung. Sie hielt Vorträge, wie am Stockholmer Arbeiterinstitut, wo sie seit 1882 Mitglied war und trat 1886 der radikalen Studentengruppe Verdandi in Uppsala bei. Für die Studentengruppe verfasste sie eine der ersten Publikationen der Verdandi-Schriftenreihe. Sie gründete 1892 zusammen mit anderen liberal-konservativen oder radikalen Pionierinnen der Frauenbewegung die sogenannte Tolfterna. Die Gruppe bestand aus zwölf Frauen, die unterschiedliche Berufe ausübten und aus unterschiedlichen sozialen Schichten stammten. Sie trafen sich, um Vorträge zu hören und zu diskutieren, um so Klassengrenzen zu überwinden.[1]
Weiteres Engagement
Anna Whitlock gehörte 1885 zu den Gründungsmitgliedern des Frauenkulturvereins Sällskapet Nya Idun.[2] Daneben war sie Mitglied der Föreningen Studenter och Arbetare (Studenten- und Arbeitervereinigung) sowie der 1903 gegründeten Centralförbundet för socialt Arbete (Zentralvereinigung für Sozialarbeit). Diese Organisation initiierte und trieb Themen voran, die später vom modernen Wohlfahrtsstaat übernommen wurden.[1]
Ihre Schule leitete Anna Whitlock bis 1918 erfolgreich. Zudem war sie von 1903 bis 1909 und von 1912 bis 1914 Vorsitzende des Landesverbandes für das politische Frauenwahlrecht (Landsföreningen för kvinnans politiska rösträtt). Sie gründete die Frauengenossenschaft Svenska Hem (Kvinnornas andelsförening Svenska Hem), die mit insgesamt fünf Läden und über 3.000 weiblichen Mitgliedern, darunter viele bekannte Persönlichkeiten, zur größten Konsumorganisation Schwedens wurde.[1]
Anna Whitlock engagierte sich außerdem im Landesverband der Liberalen Volkspartei (Frisinnade landsföreningen) und bei den Frauen der Liberalen Volkspartei (Frisinnade Kvinnor). Nach der Spaltung der Liberalen Volkspartei im Jahr 1923 schloss sie sich der Liberalen Partei an.[1]
Anna Whitlock lebte in Djursholm, wo sie auch am 16. Juni 1930 in ihrem Haus starb.[3] Sie ist auf dem Friedhof Norra in Solna begraben. Whitlock blieb unverheiratet, hatte jedoch eine Adoptivtochter namens Helga, die bis zu ihrer Heirat im Jahr 1905 als Erzieherin im Kindergarten von Anna Whitlock gearbeitet hatte.[1]
Sie vermachte in ihrem Testament eine Summe von 200.000 Kronen zur Einrichtung eines Fonds namens „Anna Whitlocks Minnesfond“. Aus diesem Fonds wurden Stipendien an einkommensschwache, wohlerzogene, schulisch begabte und fleißige Jugendliche, die das Whitlock-Gymnasium und die Oberstufenkurse besuchten, vergeben.[1]
Ehrungen
- Die königliche Illis-Quorum-Medaille wurde ihr 1918 verliehen.[1]
- Das Anna Whitlocks Gymnasium in Stockholm wurde nach ihr benannt.[4]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i j k l skbl.se - Anna Whitlock. In: skbl.se. Abgerufen am 21. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Eintrag mit Kurzbiografie auf der Website der Sällskapet Nya Idun, abgerufen am 22. Dezember 2025.
- ↑ Anna Whitlocks park. In: danderyd.se. Abgerufen am 21. Dezember 2025 (schwedisch).
- ↑ Anna Whitlocks Gymnasium. In: pasch-net.de. PASCH-Initiative, abgerufen am 21. Dezember 2025.