Anna Ornstein

Anna Brünn Ornstein (27. Januar 1927 in Szendrő, Königreich Ungarn2. Juli 2025 in Brookline, Massachusetts) war eine ungarisch-US-amerikanische Kinderpsychiaterin, Psychoanalytikerin und Holocaustüberlebende.[1] Sie galt als wichtige Vertreterin der psychoanalytischen Selbstpsychologie, die Empathie als zentrales therapeutisches Prinzip betont.[2]

Leben

Ornstein wuchs in einer wohlhabenden jüdischen Familie im nordungarischen Szendrő auf, wo sie bereits in ihrer Kindheit Antisemitismus erlebte.[3] Im Juni 1944 wurde sie siebzehnjährig zusammen mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert.[3] Ihr Vater und ihre Großmutter wurden dort unmittelbar nach der Ankunft ermordet.[3] Wenige Tage später wurde Ornstein in das KZ Plaszow verlegt, wo sie schwere Zwangsarbeit beim Steinschleppen verrichtete, bevor sie erneut nach Auschwitz zurückgebracht wurde.[3] Bei dieser Rückkehr ließ sie sich bewusst eine besonders sorgfältig gestochene Lagernummer tätowieren, weil sie hoffte, eine Registrierung könne ihr Leben schützen.[3] Neben Auschwitz und Plaszow überstand sie auch das Arbeitslager Parschnitz.[1]

Nach der Befreiung kehrten Mutter und Tochter nach Ungarn zurück und fanden dort eine ebenfalls überlebende Tante wieder.[3] Im März 1946 heiratete sie in Budapest ihren Jugendfreund Paul Ornstein, welcher die Zwangsarbeit an der Ostfront überlebt hatte.[3] Kurz darauf floh das Paar aus dem sowjetisch besetzten Ungarn nach Westdeutschland und immatrikulierte sich an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg.[3] Dort studierten sie gemeinsam mit ehemaligen Wehrmachtssoldaten, was Ornstein als besondere Herausforderung empfand.[1] Sie schloss das Studium 1952 mit ihrer Promotion zu dem Thema Über epileptische Anfälle im Verlaufe der multiplen Sklerose ab und spezialisierte sich später auf Kinderpsychiatrie.[4]

Im Jahr 1951 emigrierten Anna und Paul Ornstein in die Vereinigten Staaten und bauten sich in Cincinnati, Ohio, eine neue Existenz auf.[1] Das Ehepaar blieb 70 Jahre verheiratet, bis Paul Ornstein 2017 starb.[1] Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor.[1] Anna Ornstein starb am 2. Juli 2025 in Brookline, Massachusetts, im Alter von 98 Jahren.[1]

Wirken

Schon vor dem Krieg wollte Ornstein Menschen helfen, doch ihre Erlebnisse im Holocaust vertieften den Wunsch, Kinder und Familien psychiatrisch zu unterstützen.[3] In den Vereinigten Staaten wurde sie zu einer führenden Vertreterin der von Heinz Kohut begründeten Selbstpsychologie, die Empathie als zentrales therapeutisches Werkzeug betont.[2] Ihr Ansatz zur Verbindung biografischer Authentizität mit theoretischer Reflexion machte sie zu einer gefragten Lehrerin, Mentorin und moralischen Stimme der US-amerikanischen Psychoanalyse.[5]

Sie lehrte Kinderpsychiatrie an der University of Cincinnati und war Lecturer in Psychiatry an der Harvard Medical School.[2] Später wurde sie Professorin Emerita für Kinderpsychiatrie an der University of Cincinnati und Supervising Analyst am Boston Psychoanalytic Society and Institute (BPSI).[5] Gemeinsam mit ihrem Mann leitete sie das International Center for the Study of Psychoanalytic Self-Psychology.[3][6]

Ornstein veröffentlichte zahlreiche Fachaufsätze zu Kindesentwicklung, Trauma, Empathie und psychoanalytischer Therapie.[5] Ihr bekanntestes Buch ist der 2004 erschienene Erinnerungsband My Mother’s Eyes: Holocaust Memories of a Young Girl.[3] Darüber hinaus setzte sie sich in Schulen und Organisationen wie Facing History and Ourselves und der Terezin Music Foundation für die Vermittlung von Toleranz und Holocaustgeschichte an Jugendliche ein.[5] Bis ins hohe Alter hielt sie Vorträge und Diskussionsgruppen über Überleben, Trauma und die Rolle der Kunst bei der Erinnerung an den Holocaust.[4] Im Jahr 2004 erschienen ihre Erinnerungen aus der Zeit während des Holocausts.[7]

Für ihr lebenslanges Engagement erhielt sie 2018 den Arthur R. Kravitz Award for Community Action and Humanitarian Contributions des Boston Psychoanalytic Society & Institute (BPSI).[5]

Veröffentlichungen

  • Das Apfelgehäuse. Erinnerungen - Als junges Mädchen im Holocaust. Psychosozial-Verlag, Gießen 2004; ISBN 978-3-89806-934-2.
  • mit Eva Rass: Kindzentrierte psychodynamische Familientherapie: eine Einführung. Psychosozial-Verlag, Gießen 2014; ISBN 978-3-8379-2339-1.
  • mit Paul Ornstein: Empathie und therapeutischer Dialog: Beiträge zur klinischen Praxis der psychoanalytischen Selbstpsychologie. Hrsg. von Hans Peter Hartmann. Psychosozial-Verlag, Gießen 2001; ISBN 978-3-8980-6047-9.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g Anna Ornstein Obituary - Brookline, MA. Abgerufen am 7. August 2025 (amerikanisches Englisch).
  2. a b c Anna Ornstein, Psychoanalyst Who Survived the Holocaust, Dies at 98. 4. Juli 2025 (nytimes.com [abgerufen am 7. August 2025]).
  3. a b c d e f g h i j k Dr. Anna Ornstein. Cincinnati Judaica Fund and Center for Holocaust and Humanity Education, abgerufen am 8. August 2025 (englisch).
  4. a b TMF Educator Anna Ornstein. Abgerufen am 7. August 2025 (englisch).
  5. a b c d e Kravitz Award. In: Boston Psychoanalytic Society & Institute. Abgerufen am 7. August 2025 (amerikanisches Englisch).
  6. Anna Ornstein in: Psychoanalytikerinnen. Abgerufen am 19. November 2025.
  7. Anna Ornstein: Das Apfelgehäuse. Erinnerungen - Als junges Mädchen im Holocaust. Psychosozial-Verlag, Gießen 2004; ISBN 978-3-89806-934-2.