Anna Cantoni

Anna Cantoni, auch bekannt als Anna Cantoni Fontana, Annetta Cantoni oder Anna Cantone (* 18. August 1769 in Muggio; † 16. August 1846 in Muggio) war eine Schweizer Vertreterin ihrer Baumeister- und Kunsthandwerkerfamilie (Maestranze[1]). Geboren als Anna Fontana war sie eine der wenigen Frauen der damaligen Zeit, die ihrem Ehemann nach Genua folgte und sich trotz der strengen sozialen Regeln in das Leben dieser lombardischen Stadt integrierte. Sie setzte sich dort wie zuhause in Valle di Muggio für die Interessen ihres Mannes und ihrer Verwandtschaft ein. Ihre umfangreiche Korrespondenz bietet Einblicke in das Leben schweizerischer Auswandererfamilien im Ligurien des 18. und 19. Jahrhunderts.[2]

Leben

Anna, genannt Annetta, war das jüngste von drei Kindern des Baumeisters Giuseppe Fontana und der Maria Antonia Cantoni (* 1736). Anna wuchs mit ihrer Schwester Maria Giuseppa, genannt Peppa (1760–1830), und ihrem Bruder Pier Luigi (1762–1824) in einer der angesehensten Familien in Muggio auf.[3] Die Fontana[4] väterlicherseits wie die Cantoni[5] mütterlicherseits waren als Architekten, Ingenieure, Stuckateure und Baumeister auf Baustellen in Ligurien und im Piemont zu Ansehen und Reichtum gekommen.

Anna verbrachte ihre Kindheit und Jugendzeit in ihrem Heimatdorf Muggio. Eine Notiz ihres Onkels Simone Cantoni lässt vermuten, dass sich Anna und ihre Schwester 1784 in einem Kloster in Como aufhielten. Möglicherweise wurden sie dort in Lesen und Schreiben unterrichtet, Fähigkeiten, die in den Familien der Maestranze üblich waren.[3]

1787 heiratete Anna Gaetano Cantoni (1745–1827), den Bruder ihrer Mutter, während Giuseppa den anderen Onkel, Simone Cantoni (1839–1818), heiratete – beides mit päpstlicher Genehmigung. Diese Verbindungen zwischen nahen Blutsverwandten war eine in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gängige Strategie wohlhabender Familien, das Familienvermögen ungeteilt zu erhalten (Endogamie). Annas Ehe blieb kinderlos.[3]

Nach der Hochzeit folgte die 18-jährige Anna Cantoni ihrem Mann Gaetano, der als Architekt und Ingenieur im Dienst von Genua und Ligurien arbeitete, in die ligurische Hauptstadt. Sie lebte dort bis in die 1820er Jahre. In den ersten Jahren schien sie sich in einer komfortablen Wohnung im obersten Stockwerk des Palazzo Rosso an der zentralen Strada Nuova in Genua gut eingelebt zu haben, auch weil ihr Bruder Pier Luigi und andere Verwandte anwesend waren. Trotzdem hatte sie Sehnsucht nach der Familie und Heimat, weil Ehemann und Bruder durch die vielen laufenden Bauprojekte in ganz Ligurien häufig abwesend waren.[2] Cantoni pflegte deshalb eine umfangreiche Korrespondenz und unterhielt so nicht nur Beziehungen zu Verwandten und Bekannten im Valle di Muggio, sondern auch zu Kontaktpersonen in Genua wie Giovanni Battista Nervi und die Adelsfamilie Brignole Sale sowie zu Kollegen, Verwaltern und Sekretären ihres Mannes.[3]

1819 wurde Gaetano Cantoni krank und Anna musste sich während Monaten um ihren bettlägerigen Mann kümmern. Er steckte in finanziellen Schwierigkeiten, nachdem er vergeblich versucht hatte, alte Forderungen für bedeutende Summen einzutreiben, die ihm sein Vater für den Bau des Klosters Sant'Andrea vorgestreckt hatte. Dazu kamen nie bezahlte Leistungen für die Republik Genua nach deren Angliederung an das Königreich Sardinien. Aber auch schwere Verluste durch unvorsichtig verliehene Gelder und erfolglose Prozesse zur Rückforderung führten zu dieser prekären Situation Gaetanos. Er musste mehrmals von seiner Ehefrau unterstützt werden, indem auf ihr Vermögen zurückgegriffen werden musste.[2] Anna Cantoni versuchte auch nach dem Tod Gaetanos erfolglos, die Schulden einzutreiben.

Sie kehrte in die Heimat zurück und unternahm auch immer wieder Reisen nach Genua, um Familienangelegenheiten zu regeln und ihre Freundschaften zu pflegen. 1839 plante sie eine letzte Reise, doch ihr Gesundheitszustand verunmöglichte dies. In ihren letzten Lebensjahren kümmerte sie sich um ihren Cousin Luigi Fontana, den sie bei seinem Architektur- und Ingenieurstudium finanziell unterstützte. Ihn bestimmte sie 1846 kurz vor ihrem Tod zum Erben des Familienvermögens der Cantoni in Muggio.

Literatur

  • Stefania Bianchi: Uomini che partono. Scorci di storia della Svizzera italiana tra migrazione e vita quotidiana (secoli XVI–XIX), Edizioni Casagrande, Bellinzona 2018, ISBN 978-88-7713-822-4.
  • Stefania Bianchi, Giorgio Rossini: Gaetano Cantoni, 1745–1827, Architetto dai molti talenti, Collana di Studi Fondazione Conservatorio Fieschi, Sagep Editori, Genova 2024, ISBN 979-12-5590-124-2.

Einzelnachweise

  1. Laura Damiani Cabrini: Maestranze. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 20. März 2015, abgerufen am 24. November 2025.
  2. a b c Stefania Bianchi: Annetta Cantoni Fontana: l'aristocrazia femminile dell'emigrazione nell'esercizio dei "poteri" quotidiani. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte = Revue suisse d'histoire = Rivista storica svizzera. Band 68, Nr. 1, 2018, ISSN 0036-7834, S. 108, doi:10.5169/seals-787132 (e-periodica.ch [abgerufen am 17. November 2025]).
  3. a b c d Stefania Bianchi: Cantoni, Anna. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). 18. Oktober 2022, abgerufen am 17. November 2025.
  4. Fontana (TI). Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 27. August 2007, abgerufen am 24. November 2025.
  5. Stefania Bianchi: Cantoni (TI). Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 18. Oktober 2022, abgerufen am 24. November 2025.