Anitschkow-Palais
Das Anitschkow-Palais (russisch Аничков дворец) ist ein im Jahr 1754 fertig gestellter Palast in Sankt Petersburg. Das Gebäude befindet sich am Newski-Prospekt, zwischen dem Park vor dem Alexandrinski-Theater einerseits und dem westlichen Ufer der Fontanka. Namensgeber ist die in unmittelbarer Nähe liegende Anitschkow-Brücke. Ursprünglich ein barockes Palais, erhielt es Ende des 18. Jahrhunderts seine heutigen klassizistischen Formen.
Geschichte
Die russische Kaiserin Elisabeth verfügte 1741 den Bau eines Palais, das als Stadtresidenz für Mitglieder des Herrscherhauses Romanow dienen sollte. Die Fertigstellung des kurz darauf begonnenen Baus dauerte bis 1754 und entstand auf einer freien Fläche an der Südseite des Newski-Prospekts, westlich des Flusses Fontanka. Den Entwurfsplan für den barocken Neubau hatte der Stadtbaumeister Michail Semzow erstellt, nach dessen Tod 1743 führte der Hofarchitekt Bartolomeo Francesco Rastrelli die Bauarbeiten fort. Rastrelli modifizierte den ursprünglichen Entwurf. Bei seiner Fertigstellung verfügte das repräsentative Palais über eine steinerne Umfriedungsmauer und an der Seite des Flusses gab es sowohl den Paradeeingang zum Ehrenhof wie auch eine eigene Anlegestelle für Boote. Der bis heute bestehende Name des Palais wurde in Anlehnung an die Anitschkow-Brücke gewählt, jener Brücke in unmittelbarer Nähe des Palais über die Fontanka.
Nach der Fertigstellung vermachte Elisabeth das Anitschkow-Palais ihrem Liebhaber, dem Grafen Alexei Grigorjewitsch Rasumowski, der bis 1771 dort residierte. 1776 übertrug Katharina die Große das Palais ihrem Günstling und Lebensgefährten Graf Grigori Alexandrowitsch Potjomkin. In dessen Auftrag führte der klassizistische Baumeister Iwan Starow den Umbau des Palastes in die heutige Form durch. Dabei verschwand unter anderem der Bootshafen an der Fontanka, und die ehemals feierliche barocke Gestalt der Fassaden wurde erheblich vereinfacht. Die beiden mit Kuppeln gekrönten Dachrisalite, die dem Palais einen H-förmigen Grundriss gaben, wurden teilweise zurückgebaut, in einem davon richtete man eine Hauskirche ein, die jedoch im 20. Jahrhundert ebenfalls aufgelöst wurde. Stattdessen erhielt das Palais durch Starows Umbau seine charakteristische ionische Säulenordnung an den Fassaden.
Nach Potjomkins Tod fiel das Palais zurück an den Hof und galt ab 1793 offiziell als Kaiserresidenz. Weitere Umbauten des Gebäudes gab es 1809–1812, als Luigi Rusca einige der Interieurs umgestaltete, sowie 1817–1820 nach einem Entwurf Carlo Rossis, der zur selben Zeit auch die beiden Hofpavillons baute. 1803–1805 errichtete Giacomo Quarenghi auf dem Vorhof zur Moika-Uferstraße mit dem Kabinett Seiner Kaiserlichen Majestät ein weiteres klassizistisches Gebäude aus dem Ensemble des Anitschkow-Palais.
Das Palais blieb bis zur Februarrevolution 1917 im Besitz des Romanow-Hauses, unter anderen lebte dort ab 1866 Großfürst Alexander Alexandrowitsch, der auch nach seiner Inthronisation als Alexander III. das Anitschkow-Palais als Wohnresidenz präferierte. Sein Sohn Nikolai Alexandrowitsch, der spätere Kaiser Nikolaus II., verbrachte seine Jugendjahre ebenfalls im Anitschkow-Palais.
1918 wurde der Gebäudekomplex verstaatlicht und beherbergte danach bis Mitte der 1930er-Jahre das Stadtmuseum Leningrads. 1937 wurde hier schließlich der Palast der Leninpioniere, eine ideologisch geprägte Kinder-Freizeitstätte, eingerichtet. Mit dem Zerfall der Sowjetunion profilierte sich der ehemalige Palast der Pioniere 1990 in den Palast der Kreativität der Jugendlichen um. Diese bedeutende Freizeitstätte, zu der zahlreiche Jugendeinrichtungen und auch eine Schule gehören, befindet sich bis heute im Anitschkow-Palais.
Literatur
- B.M.Kirikov, L.A.Kirikova, O.V.Petrova: Nevskij Prospekt. Dom za domom. Centrpoligraf, St. Petersburg / Moskau, 3. Auflage 2009, ISBN 978-5-9524-4205-4
- A.G.Mitrofanov: Progulki po Sankt-Peterburgu. Nevskij Prospekt. Verlag Kljutsch-S, Moskau 2010, ISBN 978-5-93136-125-3
Weblinks
- Anitschkow-Palais in der Enzyklopädie Sankt Petersburgs (russisch)
Koordinaten: 59° 55′ 58″ N, 30° 20′ 23″ O